Autorenseite

 << zurück weiter >> 

19.

Es währte bis gegen den heißen Mittag bevor Aloys Schory das Haus des Baders verließ. Florian, der mittlerweile längst nachgekommen war, saß, von Angst und Erwartung gefoltert, im Hinterstübchen bei der Trost einsprechenden Frau Burzbichlerin. Er wollte dem erzürnten Alten nicht noch einmal in den Weg treten, denn der Wink mit der Peitsche heut früh bewies ihm, daß seine Dazwischenkunft die Absichten des Böswirts nur verschlimmerte. Schon hielt ein Knecht der Dorfschenke mit dem Wägelchen des Alten zur verabredeten Zeit vor dem Zaun, und plötzlich vernahmen die beiden Horchenden die ächzende Türe der Baderstube, dann drei schwere Schritte im Flur und gleich darauf das Rasseln des enteilenden Fuhrwerks.

Als nun Florian mit aller Hast ins Zimmer gestürzt kam, überraschte er den Bader-Wastl eben, wie dieser mit auffallender Heimlichtuerei seinen verborgenen Wandschrank zuschloß. Das war der Schrank der wundertätigen Arkana, der rätselhaften Heilmittel für alles, mit welchem das eine und andere Mal zu praktizieren der vielerfahrene Barbierer sich, trotz der verschärften Verbote des königlichen Landgerichts, nicht entwöhnen konnte. Das vollständige Inventar kannte zwar niemand genau; vorwitzige Sachverständige behaupteten indessen, die Geheimmittel des Herrn Burzbichler seien sehr unschuldiger Natur. Eine Flasche alten Portweins, einige feinere Magenschnäpse, ein starker Melissengeist und etliche Tiegelchen voll schnellpurgierender Latwergen, damit wäre nicht viel Unheil anzurichten, wenn auch der Eigentümer sich darin gefiele, ab und zu die Teufelsmiene des pfiffigsten Quacksalbers anzunehmen.

Das Schlüsselchen sorgfältig abwischend und zu sich steckend, rief er dem Eingetretenen entgegen: »Mensch, was hast du ang'richt? Ich hab' dein'n sozusagen Schwiegervater schon oft in Hitz' g'sehn, aber so wie heut – na, da dank' ich; 's fahrt förmlich Feuer von ihm. Er behaupt't ja gar, du wärst ihm mit 'm Messer in die Augen g'fahr'n. So hat mich auch noch kein Mensch auf der Welt behandelt, wie der grad'. Und warum? Weil ich dich in mein'm Haus duld' und die Urschi nit vor der Tür hab' stehen lassen, wann's bei der Nacht klopft hat.«

Dabei setzte er sich, wie ermüdet von der stürmischen Unterredung, auf seinen geblümten Lehnstuhl, Florian aber rüttelte ihn heftig an der Schulter und fragte mehrmals hintereinander: »Aber wo is denn der Alysi?«

»Wo wird er sein?« erwiderte der Angeredete. »Fort is er; der Alte hat mir 'n mitg'nommen.«

»Fort? fort?« schrie Florian wütend aus, »fort? Und zu was für ein'm Zweck denn und wohin? Sag', wo er ihn hin tut, oder i rütt'l dir deine arme Seel' aus 'm Leib!«

»No, werd' du auch noch g'schwind rabbiat!« war des andern Antwort. »Sein Großvater wird ihn nicht gleich abschlachten. Wohin er aber mit ihm will, das weiß ich nicht; ich glaub' nur, du und deine Urschi werden sobald wohl nix davon erfahren; denn der Alte hat g'sagt, er wollt' den Buben schon an einen Ort hin verschleppen, wo euch das ›Such' verlor'n‹ aus dem Sinn fallen würd'.«

Florian stieß sich stumm mit der Faust vor die Stirn, und als ihm der gutmütige Bader, dem die Trennung von dem muntern Kinde selbst nah' ans Herz ging, Trost zureden wollte, schob er ihn rauh von sich.

»Mein'n Bub'n will ich haben!« schrie er, als wollt' er seine Brust zersprengen, und seine rollenden Augen waren feucht. »Wer gibt dem alten Teufel ein Recht, mir mein Kind davonzufahren? Du kennst den wütigen Satan nicht, aber ich, ich kenn' ihn. Mein'n Buben will ich wieder haben! Alysi, Alysi, hörst dein'n Vater net schreien? Alysi!«

Damit stürzte er wie ein Rasender davon …

Schattenlos lag die lange Landstraße in der Mittagssonne, der Staub glitzerte und die blendend weißen Räderfurchen waren weithin sichtbar. Kein Fuhrwerk, kein Tier, kein Mensch war zu erspähen. Nur zuweilen erwachte ein laues Lüftlein und hob ein abgestreiftes Blatt ein wenig vom Boden auf oder blies ganz sacht in den dicken Staub, der nach kurzem Aufsprühen in weißem Bogen wieder niedersank. Da kam ein Mann daher gerannt, als ob er den Teufel auf den Fersen hätte; sein Haupt glühte, seine Augen drängten sich aus den entzündeten Höhlen und schwere Schweißtropfen fielen auf seinen Weg. Er warf das Wams auf die Straße und das Tüchlein vom Hals dazu; die offenen Hemdärmel flatterten, wie's dem groben Zeug gar nicht zuzumuten war; eine hoch aufwirbelnde Staubwolke verhüllte seinen Rücken. So läuft nur ein Vater, dem die Angst die Sporen einsetzt, seinem entführten einzigen Kinde nach.

Der junge Mann lief wohl schneller als ein gewöhnlicher Bauerngaul, aber der Alte hatte einen beträchtlichen Vorsprung. Da, sieh' dort am untersten Straßenrande, da fährt einer dahin. Das ist der Böswirt auf seinem Wägelchen; ja, ja! Da tut der Florian einen kleinen Fehltritt. »Aly–,« schreit er, aber er bringt das Wort nicht zu Ende. Es ist, als ob ihn plötzlich einer mit einem raschen starken Finger aufs Hirn getupft hätte. Ein leises Singen und Schwirren setzt sich von innen in seine Ohren. Es wird alles rot vor seinen Augen. Da liegt er mit quellendem Schlund, und gierig saugt der heiße Sand der Heerstraße sein stürzendes Blut ein.


 << zurück weiter >>