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II.

Und war es denn nicht die schöne Galerie der Brüder Boisserée und Bertram, wo sie sich zuerst fanden und erkannten? Diese gastfreien Männer hatten dem jungen Manne erlaubt, ihre Bilder so oft zu besuchen, als er immer wollte; und er that dies, wenn er nur immer in der Mittagsstunde, wo die Galerie geöffnet wurde, kommen konnte. Es mochte regnen oder schneien, das Wetter mochte zu den herrlichsten Ausflügen in die Gegend locken, er kam; er sah oft recht krank aus und kam dennoch. Man würde aber unbilligerweise den Kunstsinn des Herrn von Fröben zu hoch anschlagen, wenn man etwa glaubte, er habe die herrlichen Bilder der alten Niederländer studiert oder nachgezeichnet. Nein, er kam leise in die Thür, grüsste schweigend und ging in ein entferntes Zimmer, vor ein Bild, das er lange betrachtete; und ebenso still verliess er wieder die Galerie. Die Eigentümer dachten zu zart, als dass sie ihn über seine wunderliche Vorliebe für das Bild befragt hätten; aber auch ihnen musste es natürlich aufgefallen sein, denn oft, wenn er herausging, konnte er nur schlecht die Thränen verbergen, die ihm im Auge quollen.

Grossen historischen oder bedeutenden Kunstwert hatte das Bildchen nicht. Es stellte eine Dame in halb spanischer, halb altdeutscher Tracht vor. Ein freundliches, blühendes Gesicht mit klaren, liebevollen Augen, mit feinem, zierlichen Mund und zartem, runden Kinn trat sehr lebendig aus dem Hintergrunde hervor. Die schöne Stirn umzog reiches Haar und ein kleiner Hut, mit weissen buschigen Federn geschmückt, der etwas schalkhaft zur Seite sass. Das Gewand, das nur den schönen, zierlichen Hals frei liess, war mit schweren goldenen Ketten umhängt und zeugte ebensosehr von der Sittlichkeit als dem hohen Stand der Dame.

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»Am Ende ist er wohl in das Bild verliebt«, dachte man, »wie Kalaf in das der Prinzessin Turandot, obschon mit ungleich geringerer Hoffnung, denn das Bild ist wohl dreihundert Jahre alt und das Original nicht mehr unter den Lebenden«.

Nach einiger Zeit schien aber Fröben nicht mehr der einzige Anbeter des Bildes zu sein. Der Prinz von P. hatte eines Tages mit seinem Gefolge die Galerie besucht. Don Pedro, der Haushofmeister, hatte die umherschreitende Schar der Zuschauer verlassen, und besah sich die Gemälde, einsam von Zimmer zu Zimmer wandelnd; doch wie vom Blitz gerührt, mit einem Ausruf des Erstaunens, war er vor dem Bilde jener Dame stehen geblieben. Als der Prinz die Galerie verliess, suchte man den Haushofmeister lange vergebens. Endlich fand man ihn, mit übergeschlagenen Armen, die feurigen Augen halb zugedrückt, den Mund eingepresst, in tiefer Betrachtung vor dem Bilde.

Man erinnerte ihn, dass der Prinz bereits die Treppe hinabsteige, doch der alte Mann schien in diesem Augenblicke nur für eines Sinn zu haben. Er fragte: »Wie dies Bild hierher gekommen sei?« Man sagte ihm, dass es von einem berühmten Meister vor mehreren hundert Jahren gefertigt und durch Zufall in die Hände der jetzigen Eigentümer gekommen sei.

»O Gott, nein!« antwortete er, »das Bild ist neu, nicht hundert Jahre alt; woher, sagen Sie, woher? O, ich beschwöre Sie, wo kann ich sie finden?«

Der Mann war alt und sah zu ehrwürdig aus, als dass man diesen Ausbruch des Gefühls hätte lächerlich finden können; doch als er dieselbe Behauptung wieder hörte, dass das Bild alt und wahrscheinlich von Lukas Cranach gemalt sei, da schüttelte er bedenklich den Kopf.

»Meine Herren«, sprach er, und legte beteuernd die Hand aufs Herz, »meine Herren, Don Pedro de San Montanjo Ligez hält Sie für ehrenwerte Leute. Sie sind nicht Gemäldeverkäufer und wollen mir dies Bild nicht als alt verkaufen, ich darf durch Ihre Güte diese Bilder sehen, und Sie geniessen die Achtung dieser Provinz. Aber es müsste mich alles täuschen oder – ich kenne die Dame, die jenes Bild vorstellt.«

Mit diesen Worte schritt er, ehrerbietig grüssend, aus dem Zimmer.

»Wahrhaftig!« sagte einer der Eigentümer der Galerie, »wenn wir nicht so genau wüssten, von wem dies Bild gemalt ist, wann und wie es in unsern Besitz kam, und welche lange Reihe von Jahren es vorher in K. hing, man wäre versucht, an dieser Dame irre zu werden. Scheint nicht selbst den jungen Fröben irgend eine Erinnerung beinahe täglich vor dieses Bild zu treiben, und dieser alte Don, blitzte nicht ein jugendliches Feuer aus seinen Augen, als er gestand, dass er die Donna kenne, die hier gemalt ist? Sonderbar, wie oft die Einbildung ganz vernünftigen Menschen mitspielt; und mich müsste alles täuschen, wenn der Spanier zum letztenmal hier gewesen wäre«.

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