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VIII.

Die Rückfahrt nach Jena wurde von der grösseren Zahl der jungen Damen und ihrer Eltern mit der Bahn angetreten. Nur der kleinere Teil von ihnen entschloss sich dazu, auch den Heimweg mit den Alemannen im Schlitten zurückzulegen. Unter diesen befand sich auch Fräulein Gerting, die ihre Mama so lange gequält hatte, bis diese endlich nachgegeben hatte. Natürlich aber fuhr jetzt die Hofrätin im Schlitten mit der Tochter zusammen, und neben ihr hatte Hellmrich, auf ihre Bitten, Platz genommen. Die Rückfahrt im nächtlichen Dunkel verlief sehr fidel. An allen Stationen, wo sich noch ein offenes Wirtshaus fand, wurde ein kurzer Halt gemacht, damit die Herren Alemannen einen »Steigbügeltrunk« in konzentrierter Form zu sich nehmen konnten. Ihre Stimmung war daher schliesslich eine so festliche geworden, dass mehreren der rosselenkenden Akademiker von den hinten aufgesessenen Kutschern die Zügel trotz allen Widerstrebens aus der Hand genommen wurden.

Auch Simmert war etwas animiert, wenn er sich selbstverständlich auch vor jeder unpassenden Bierstimmung gehütet hatte. Immerhin aber hatte ihn die reichlich genossene Punschbowle doch so unternehmend gemacht, dass er sein Pferd nicht mehr mit der Vorsicht und Ruhe steuerte, die das temperamentvolle Tier erforderte. Hellmrich beobachtete schon seit geraumer Zeit, wie sein Leibfuchs nicht mehr einwandsfrei fuhr, wie er die Strassenecken in den Ortschaften so scharf nahm, dass der Schlitten den Prellstein streifte und sich zur Seite senkte, oder aber auch bei Strassengefälle, ohne zu bremsen, ein Tempo durchhielt, das leicht zu einem Malheur mit dem feurigen Tier hätte führen können. Er schwieg aber dazu, um die Damen nicht zu beunruhigen und auch nicht seinen Leibfuchs zu verletzen. Nun musste er jedoch sehen, wie Simmert auf den Einfall kam, mit einem Güterzug der Eisenbahn, die dicht neben der Chaussee herlief, um die Wette zu fahren. Er hörte es sogar deutlich, wie der Leibfuchs seiner Nachbarin scherzend leise zurief: »Nun wollen wir mal die Bimmelbahn drücken – einen Weltrekord schaffen,« und wie Fräulein Lotti, die Gefahr nicht ahnend, vergnügt lachend in die Hände klatschte, um »Schamyl« noch mehr anzufeuern.

Der temperamentvolle Rappe schien zu begreifen, was er sollte. Mit mächtigen Gängen drängte er vorwärts, so dass die andern Schlitten weit hinten blieben. Aber trotzdem vermochte das Tier natürlich nicht auf die Dauer mit dem Zuge Schritt zu halten. Simmert indessen, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, diesem bis zum nächsten Wärterhaus an der Seite zu bleiben, packte der Ärger, dass er mit seinem vielgerühmten Pferd sich vor Fräulein Lotti blamieren sollte. Schnell griff er daher zur Peitsche und, trotzdem der Rappe schon bei der blossen Bewegung ganz nervös angesprungen war, hieb er ihm rücksichtslos ein paar Mal über die Flanken.

»Simmert, halt! Bist Du toll?!« Gedämpft rief es Hellmrich dem Leibfuchs zu. Aber zu spät! Im selben Augenblick hatte sich auch schon das erregte Tier in einen rasenden Galopp gesetzt, und vergebens versuchte sein Herr es wieder zu zügeln. Laut aufschreiend hatte die Hofrätin Hellmrichs Arm gefasst, und auch Fräulein Lotti wurde nun mit einem Mal bänglich zu Mute, als sie in dem, bei jedem neuen Ansprung heftig geschleuderten Schlitten dahinsauste – genau so schnell wie der Eisenbahnzug, der da rasselnd nebenher fuhr.

»Herr Simmert! Um Gotteswillen!! Geht er durch!?« rief sie angstvoll ihrem Begleiter zu, der mit Aufbietung aller Kraft, hinübergeworfen, an der Leine riss, um »Schamyls« wieder Herr zu werden – aber vergebens. Hellmrich sah es mit an, und eine entsetzliche Furcht packte ihn plötzlich nicht um seinetwillen, aber der Damen wegen, die sich dem leichtsinnigen Menschen da anvertraut hatten: Da vorn – nur noch zweihundert bis dreihundert Schritte weit – war das Wärterhaus, wo die Chaussee den Bahnkörper überschritt. Wenn das rasende Tier da in die niedergelassene Barriere oder wohl gar in den Zug lief – nicht auszudenken!!

Blitzschnell sprang Hellmrich daher auf. Fräulein Gerting, die sich angstvoll an der Lehne anklammerte, bei Seite drückend, packte er mit beiden Händen die linke Leine und warf sich dann mit aller Wucht zurück. Und was er beabsichtigte – Gott sei Dank – es glückte. »Schamyl« gehorchte trotz aller Aufgeregtheit notgedrungen dem furchtbaren Druck am linken Zügel und bog von der Chaussee nach links ab, in den hemmenden Schneewall hinein, der längs der Strasse lag. Gleich darauf ein Krachen, ein Ruck, ein Hochschleudern des Schlittens, dass er einen Augenblick umzuschlagen drohte – und dann stand er still! Das Gefährt war auf einen von dichtem Schnee bedeckten kleinen Haufen von Chausseesteinen aufgerannt, der hier lag. Das war ihre Rettung gewesen. Einen Augenblick später sahen sie mit einem kalten Schauer den Eisenbahnzug schnaubend und rasselnd dicht vor ihnen die Chaussee kreuzen.

Während Hellmrich noch immer die Leine krampfhaft gepackt hielt, war Simmert eilends aus dem Schlitten gesprungen und dem einen Augenblick wie angenagelt stehenden, vor Schreck am ganzen Leibe zitternden Rappen in die Zügel gefallen. Seinem beruhigenden Zureden gelang es schliesslich, das aufgeregte Tier wieder zu besänftigen. Inzwischen waren aber die Damen aus dem Schlitten geflüchtet, und die Hofrätin, die die eigentliche Ursache des Durchgehens gar nicht gemerkt hatte, erklärte geängstigt, sie wolle sich nicht dem gefährlichen Tier noch einmal anvertrauen und lieber in einen der nachfolgenden Schlitten steigen. Auch Fräulein Lotti schien keine übermässige Lust mehr hierzu zu haben.

Vergebens bemühte sich Simmert, dessen anfängliche Beschämung bald verflogen war, als er merkte, dass die Hofrätin seine Schuld an dem Malheur nicht erkannt hatte, diese umzustimmen. Erst dem beschwichtigenden Zureden Hellmrichs gelang es, sie noch einmal zu bewegen, sich der Führung Simmerts anzuvertrauen. Auch er liess die alte Dame in dem Glauben, dass das Pferd nur durch den nebenfahrenden Zug scheu gemacht worden sei, dass eine solche Gefahr von neuem aber ausgeschlossen sei, weil in den nächsten Stunden überhaupt kein Zug mehr auf der Strecke verkehre.

So wurde denn endlich die Fahrt fortgesetzt, zunächst im Schweigen auf allen Seiten. Auch das junge Paar vorn sprach die ersten Minuten nicht. Simmert achtete scharf auf sein Pferd, und im Inneren beschäftigte ihn ganz sein Ärger, dass er sich vor Lotti eine Blösse gegeben und dass der ewig korrekte und superkluge »alte Verstand« auch diesmal wieder über ihn triumphiert hatte, indem er schliesslich die von ihm heraufbeschworene Gefahr abgewandt hatte. Statt ihm Dank hierfür zu wissen – obschon er die Entschlossenheit seines Handelns widerwillig anerkennen musste – hasste er ihn im Augenblick förmlich deswegen.

Auch Fräulein Lotti beschäftigte sich in ihren Gedanken mit Hellmrich. Sie wusste wohl, sie verdankten wirklich ihm allein alle ihre Errettung aus ernster Gefahr. Das würde sie ihm gewiss nicht vergessen. Er war ja überhaupt ein Mensch, den sie furchtbar hochschätzte und achtete – wirklich zu einem älteren Bruder, ja zu ihrem Vater selbst, hätte sie kein grösseres Vertrauen haben können – aber zum Unterhalten, zum Amüsement, ja, da war er nun einmal nicht recht zu gebrauchen. Da war und blieb der flotte Bruder Leichtsinn, der ihnen da eben beinahe eine schöne Suppe eingebrockt hätte, doch trotz allem der richtige Mann. Überhaupt der arme Mensch, was machte er sich jetzt wohl für Vorwürfe! Er sass so still neben ihr und getraute sich nicht Muck zu sagen. Da musste sie ihm wirklich ein bisschen Mut machen.

»Nun, Herr Simmert – immer noch so böse auf den armen »Schamyl«, oder vielleicht gar auf Mama und mich, weil wir solche Hasenfüsse waren?« flüsterte sie ihm schelmisch zu. Der neckische Ton ihrer einschmeichelnden Stimme liess im Augenblick allen Groll in Simmert verfliegen. Schnell nahm er die Leine nur in eine Hand – das Pferd ging ja wieder ganz ruhig – und hielt ihr die andere hin.

»Ich nicht – aber Sie, mein gnädiges Fräulein, hätten Grund, mir böse zu sein. Aber, nicht wahr – Sie vergessen diese dumme Geschichte und reden nicht mehr davon. Ja? Bitte!!«

Leise legte sie die Rechte in seine Hand, die ihre Finger mit kräftigem Druck umspannte. Wie Simmert nun aber dieses Händchen im weichen dänischen Handschuh, das eben ganz warm aus dem Muff gekommen war, sich überlassen fühlte, überkam ihn ein heisses Aufwallen. Kühn im Stockdunkel der Landstrasse, hob er plötzlich ihre Rechte, die sie ihm ahnungslos überliess, empor, und dann drückte er mit einer raschen Neigung seines Kopfes einen Kuss auf ihren Handschuh. Charlotte fühlte durch das weiche Leder hindurch deutlich die Berührung seiner warmen Lippen, und tief erschrocken entriss sie ihm die Hand. Wie ein elektrischer Schlag hatte sie dieser erste Handkuss eines Mannes getroffen, und am ganzen Körper zitternd, in einem wahren Aufruhr ihres Innern, aber wortlos, verharrte sie einige Sekunden. Nur gut, dass es so dunkel war, dass er die jähe Glut nicht sah, die sie übergossen hatte und die Tränen, die ihr in die Augen getreten waren. Der Dreiste, der Schreckliche! Wie konnte er sich das erlauben?!

Simmert ahnte etwas von dem, was in ihr vorging, und sich ein wenig zu ihr neigend, so dass der warme Hauch seines Mundes ihr Ohr streifte, flüsterte er mit weicher, bittender Stimme: »Nicht böse sein, Leibfüchschen! Ich habe mir doch nur – sehr bescheiden – mein Schlittenrecht genommen, denn nun sind wir ja gleich wieder daheim, und der schöne Tag ist vorbei. Sehen Sie, da – schon die ersten Lichter von Jena! Aber nicht wahr, Leibfüchschen, der heutige Tag war schön – so schön, wir werden ihn nicht vergessen?«

»Nie – nie!« Ganz leise nur hauchte es Charlotte, aber es lag in diesem Flüsterlaut soviel tiefstes Empfinden, dass er Simmert mehr sagte als viele Worte. Gedämpft gab er daher ein zärtliches »Dank – tausend Dank!« zurück. Und sie verstand, was er meinte, von einem süssen Schauer durchrieselt.

Als man sich wenige Minuten später vor dem Hause der Hofrätin trennte, da sagte ein langer, vertrauter Händedruck den beiden, dass von jetzt ab ein zwar uneingestandenes, aber vollbewusstes, geheimes Einverständnis zwischen ihnen bestand, ein knospendes Glück, das der heranbrechende, sonnige Lenz zur vollen Blüte entfalten sollte.


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