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II.

»Pastor, jetzt muss gleich die Rudelsburg kommen, wo der S. C. immer seinen Kongress abhält. Pass' Du drüben auf, ich werde hier raussehen.« Rudolf Simmert rutschte eifrig, in gespannter Erwartung, auf seiner Bank zum rechten Fenster des Coupés hin. Es war ein Stück hinter Naumburg, wo die mit jungem frischen Grün üppig bewachsenen Höhen dicht an die Windungen der Saale herantreten.

»Den Ausguck da drüben kannst Du Dir sparen,« belehrte Pahlmann überlegen den Reisegefährten, mit dem er der alma mater Jena entgegendampfte: »Cösen mit der Rudelsburg liegt bekanntlich am rechtsseitigen Saalufer.«

»Hast recht, Pastor – kommst einen rauf! Na, bei mir war Geographie ja immer schwach!« lachte Simmert vergnügt vor sich hin und kam wieder zu Pahlmann hinüber.

Ein paar Minuten später fuhr der Zug in der Tat in Cösen ein, und gleich danach tauchte zur Linken auf steil abfallendem Felshang die malerische, weiss schimmernde Ruine mit ihrem spitzen Turmdach auf. Begeistert sprang Simmert auf und beugte sich weit zum Fenster hinaus, mit leuchtenden Augen hinaufschauend zu der vielbesungenen Feste, dann griff er zu dem Schoppen, den er sich eben in Cösen hatte ins Coupé reichen lassen, und schwenkte das Glas zu der alten Burg hinauf.

»Stosst an, Rudelsburg lebe, hurra hoch!« sang er mit lauter Stimme – er war ja mit Pahlmann allein im Coupé – und stürzte mit kräftigem Zug mehr als die Hälfte des Trankes hinab. Dann reichte er das Glas seinem Genossen hin, der sich aber mit schweigender Bewunderung genügen liess und nur immer eifrig an seiner Zigarre sog, ein ihm nun ja öffentlich freigegebener Genuss, von dem er ausgiebigsten Gebrauch machte.

»Sei nicht so stumpfsinnig, Pastor!« schalt Simmert, während er Pahlmann den Schoppen in die Hand drückte. »Anstossen kannst Du ja nicht mit mir – da trink' wenigstens auch mal. Eben in diesem Augenblick betreten wir ja geheiligtes Land, – den Bier-Bezirk unserer künftigen alma mater – da heisst's: »Nunc est bibendum! Also prosit, Du alter Knacker!«

Pahlmann hatte, nachdem, sein neulicher erster Excess auf dem Abiturientenkommers einen fürchterlichen Jammer im Gefolge gehabt hatte, sich immer nur sehr massig mit dem Biertrunk befasst; es schien ihm weiser, sich im Reiche des Gambrinus erst allmählich zu akklimatisieren. Er willfahrte daher auch jetzt dem allweil begeisterungs- und bierfrohen Reisegefährten nur zögernd, denn sie hatten während ihrer Reise schon auf drei bis vier Stationen einen Schoppen »genehmigt«.

»Du, jetzt bloss noch 46 Minuten, dann sind wir in Jena. Mensch – Mensch, denk' doch bloss: in Jena! Möchtest Du denn nicht auch vor Freude Kopp stehen!« Und Simmert machte wenigstens mit einem gellenden Juchzer seiner Jubelstimmung Luft. Der »Pastor« traf indessen keine Anstalten, das besagte parterregymnastische Kunststück auszuführen; er überzeugte sich vielmehr bedächtig zunächst durch einen Blick auf die Uhr, dass Simmert diesmal recht hatte. Darauf traf er seine Anstalten, sich für den Einzug in Jena allmählich »würdig« vorzubereiten. Er hatte eine Kleiderbürste aus dem etwas umfangreichen Handkoffer geholt, säuberte sich damit sorgfältig Anzug, Hut und Stiefel, und dann zog er sich ein ganz neues Paar baumwollener Handschuhe an. Durch ihn angeregt, begann auch Simmert sich zu verschönern, indem er den »schneidig« bis zum Kragen hinten durchgezogenen und mit reichlicher Stangenpomade festgelegten Scheitel mit seinen Taschenbürsten bearbeitete.

Über dieser eifrigen Beschäftigung war man bald auf Station Grossheringen angekommen, und hier rückte Simmert seinem Confuchs mit einem insgeheim schon lange erwogenen Plan auf den Leib.

»Du Pastor! Wir wollen doch in Jena gleich beim Ankommen einen guten Eindruck machen – nicht? Die Alemannen sind doch sicher alle an der Bahn. Da können wir aber auf keinen Fall schofel dritter Klasse angefahren kommen. Wir müssen daher entschieden hier 'nen Zuschlag zur zweiten nehmen. Kostet ja auch bloss 'n paar Groschen!«

Pahlmann, der von einer an Knauserei grenzenden Sparsamkeit war, gab schliesslich auf Simmerts dringliches Zureden nach und entschloss sich, wenn auch nicht leichten Herzens, zu der leichtsinnigen Luxusausgabe von 80 Pfennigen. Es schien ihm das der erste bedenkliche Schritt vom Wege der Ordnung und Solidität, den er bisher so erfolgreich gewandelt war. Doch enthob auch ihn bald die anmutige Landschaft des Saaltales dieser Gedanken. Als sie Kamburg, die alte Hussitenstadt, und Dornburg mit den malerischen Schlössern über dem lieblichen Dorfidyll ihm zu Füssen passiert hatten, als die Höhen rechts und links des hellblinkenden Stromes immer kühnere Linien zeigten und nun bei einer neuen Biegung des Tals über dessen saftig grünen, weiten Auen klar eine Anzahl altersgrauer Türme und spitzer Giebel aufragten – Jena, das alte liebe Nest – da kam auch über Pahlmanns nüchterne Seele eine Festtagsstimmung, und mit frohem, erwartungsvollem Herzen stand er neben dem Gefährten am offenen Fenster. Nun rasselte der Zug langsam in den Saalbahnhof ein.

Der Empfang war, wie sie es sich gedacht hatten. Hellmrich, der des »Keilens« wegen schon ein paar Tage vor ihnen nach Jena gereist war, stand dort inmitten einer grossen Schar Schwarzmützen, um die beiden Alemannenfüchse feierlich einzuholen. Das war ein grosser Moment! Noch während der Zug fuhr, und sie am Wagenfenster standen, zog die ganze stattliche Corona, auf Hellmrichs Winken hin, mit ritterlicher Höflichkeit die Mütze zu äusserst verbindlichem, lächelndem Grusse. Als ob sie schon zu ihnen gehörten. Was mochten wohl ihre Mitreisenden und die zahlreichen anderen Studenten auf dem Perron denken, die Zeuge dieses ehrenvollen Empfanges waren! Und wie imponierend sahen die Herren Alemannen nun aus, als sie diesen jetzt auf dem Bahnsteig entgegentraten und sich jedem einzelnen vorstellten. Fast alles grosse, starke, stattliche Leute mit mächtigen Schmissen, forschen Bärten und »sehr patent« angezogen, wie Simmert fand. Mit freundschaftlichem Händedruck wurden die Ankömmlinge von diesen Herren bewillkommnet.

»Sehr angenehm!« – »Freu' mich sehr, Sie kennen zu lernen« – »Hellmrich hat uns schon viel von Ihnen erzählt,« schallte es ihnen entgegen. »Aber erlauben Sie doch, bitte, Ihre Handtasche, Herr Pahlmann – he, Apel!«

»Ja, ich komm' Sie ja schon, Herr Doktor!« versicherte eifrig der graubärtige, wohlbeleibte alte Couleurdiener und schob sich langsam vom Büffet heran, wo er gerade mit dem Diener des Korps »Vandalia«, einem alten Jugendgespielen und jetzt noch gutem Freunde trotz ihrer feindseligen »akademischen« Position, ein paar Schnäpse ausgeraten hatte – Stein, Schere und Papier, ganz so, wie es ihre Herren Studenten machten. Nun ergriff das alte Faktotum der Alemannen nach einer halb ehrerbietigen, halb vertraulichen Begrüssung der neuen Herren Füchse deren Handgepäck, und die Eskorte in die Stadt begann.

Am Fürsten-Graben trennte sich Hellmrich mit seinen beiden Schutzbefohlenen und dem Couleurdiener von den anderen, die zum offiziellen Mittagstisch gingen, während er erst die Neulinge in die Buden geleiten wollte, die er schon für sie ausersehen hatte. Er hatte für Pahlmann die Hollmannei in der Saalgasse zur Unterkunft gewählt, eine seit Menschengedenken in Jena bekannte Studentenherberge, die sich weniger durch moderne Innendekoration, als durch Wohlfeilheit auszeichnete, während er für seinen Leibfuchs ein etwas teureres, aber auch hübscher eingerichtetes Logis am Löbdergraben ausgesucht hatte.

Zunächst wurde Pahlmann bei sich abgesetzt. Mit Ehrfurcht betrachtete dieser die kahle, viereckige Stube mit den alten, wurmstichigen Fichtenholzmöbeln, Bett, Tisch, Schrank, steiflehnigem Sofa, zwei Stühlen und einem Stehpult – alles Requisiten, denen man es ansah, dass sie schon seit den Zeiten des siebenjährigen Krieges getreulich einer Studentengeneration nach der andern gedient hatten. Ein Niederschlag all dieser längst vergangenen Geschlechter, die hier einst gehaust, war noch deutlich auf der Innenseite des Deckels und auf dem Boden des Schreibpultfaches zu erkennen, wo auf dem altersgrauen Holze vergilbte Tintenzüge zu entziffern waren: Namen, Daten, Zirkel und lateinische Verse. Hellmrich wies lachend diese historischen Monumente dem neuen Bewohner der geweihten Stätte vor, und Pahlmann fühlte sich stolz, der Hüter eines solchen akademischen Heiligtums zu sein.

»Im übrigen,« fuhr Hellmrich scherzend fort, »siehst Du, dass Deine Bude nicht gerade fürstlich ameubliert ist! Aber sie ist doch trotzdem immer sehr begehrt – nämlich absolut sturmfrei!«

»Wie – sturmfrei?! Sind denn hier die Stürme immer so gefährlich?« fragte Pahlmann naiv. Doch ein homerisches Gelächter Hellmrichs belehrte ihn, dass er gewiss da eben eine grosse Dummheit gesagt habe. Immer noch lachend, klopfte ihm der Bursch auf die Schultern: »Na, bleibe man immer so, Pahlmännchen! Aber ich fürchte, Du wirst bald recht genau wissen, was es mit der Sturmfreiheit auf sich hat. Oder hast Du vielleicht ein Keuschheitsgelübde abgelegt, o pastore?«

*

Nachdem sich die beiden Novizen ein bisschen zurecht gemacht hatten, holte sie Hellmrich wieder ab, um sie zu Heynei zu geleiten, wo die andern schon mit dem Mittag auf sie warteten. Die Alemannen hatten hier in dem grossen Speisehause – der »akademischen Zentralfutter-Anstalt«, wie sie dieses wohl im Ulk nannten – ein sehr geräumiges Zimmer reserviert erhalten. Sehr imposant machte es sich für die beiden Neulinge, dass die Decke dieses Gemaches mit grün-weiss-schwarzen Borten und dem Wappenschild Alemanniens geziert war. Sie erhielten einen Ehrenplatz rechts und links vom ersten Chargierten, Studiosus Hess, einem Herrn schon Ende der Zwanziger, mit martialischem Schnurrbart. Er war von Haus aus Landwirt und hatte lange praktisch als Eleve gearbeitet, auch sein Jahr bereits abgedient und war nun als Vizefeldwebel und Offiziersaspirant ein Mann von respektabler gesellschaftlicher Position, was sich denn auch in einer gewissen Würde und immer etwas offizieller Haltung kund tat. Mit dem Braten liess er eine Flasche Matthäus Müller kommen, sich und seinen beiden Nachbarn einschenken und bat dann diese um die Ehre, mit ihnen anstossen zu dürfen. »Als die lieben Gäste und in wenigen Stunden die Füchse der Alemannia« – – hoch! hoch! hoch!

Mit tadellosem Offizierscomment präsentierte er schneidig, mit scharf gewinkeltem Arm, sein Spitzglas vor den beiden hochgeehrten jungen Leuten. Aber noch viel mehr der Ehren sollte sich über sie ergiessen. Mit dem nächsten vollen Glas trug ihnen als zukünftigen Couleurbrüdern – noch heute nachmittag sollte die Admission stattfinden – der Erste sogar Schmollis an, ein Beispiel, dem nun der Reihe nach, wie Chargenrang und Semestergrad in der akademischen Etikette es erforderten, all die andern Inaktiven, aktiven Burschen und schliesslich die Füchse folgten. Diese Auszeichnung und der perlende Sekt übten in gleicher Weise eine mild berauschende Wirkung auf Simmert und Pahlmann aus, so dass sie allmählich in einem Meer von Seligkeit zu schwimmen begannen.

Einen ernsten, weihevollen Klang trug dann in diese rosenrote Stimmung, die auch noch nachher beim Kaffee in der Schmidtei anhielt, der Extrakonvent, der zur Admission der Füchse schon um 5 Uhr anberaumt war, mit Rücksicht auf die heute abend noch stattfindende Exkneipe. Obwohl die beiden ja durch Hellmrich wussten, dass ihrer Aufnahme bei der Alemannia selbstverständlich nichts im Wege stehe, waren sie doch sehr erwartungsvoll, als sie nun im Vorzimmer der Alemannenkneipe der Entscheidung harrten, welche die drinnen versammelten Burschen trafen. Der Vorraum zum Heiligtum Alemannias trug bereits ganz den Stempel feuchtfröhlicher und ernst-schneidiger Couleurwirksamkeit. Rings an den Wänden hingen an Garderobenhaken zahlreiche Mützen aller Farben, für die alten Leute der Korporation und deren Verkehrsgäste. Auf einem Kredenzschrank stand ein blitzblankes Heer von Couleurschoppen in Paradeaufstellung, daneben hatte der eichengeschnitzte Bierbock seinen Platz, allzeit zur Aufnahme des Fasses auf seinem breiten Rücken willig und wohlgeschickt, und drüben an der Wand hielt ein grosser, breiter Schrank die Wacht, gleichfalls wie das andere Mobiliar schön in Eiche geschnitzt, mit Zirkel und Wappen auf den Türfeldern. Hinter deren Glasscheiben blickten aus den Fächern oben die Einbände zahlloser, nägelbeschlagener Kommersbücher hervor, während weiter unten die grün-weissschwarzen Korbgriffe von Paradeschlägern und -Säbeln und Reservewaffen für die Mensur kampfesfroh hervorleuchteten.

Unter dem Bierbock, in dämmerndem behaglichen Versteck, lag neben dem Napf, aus dem er das übergelaufene braune Nass gern zu schlürfen pflegte, Hektor, der Alemannenhund. Als er die beiden Neulinge es sich mit den Füchsen auf Fensterbrett und Serviertisch bequem machen sah, musterte er zunächst mit seinen klugen, braunen Augen einige Zeit still beobachtend die Novizen. Dann, als er offenbar aus allem Anschein die Gewissheit gewonnen hatte, dass es sich hier um zukünftige Farbengenossen handelte, hielt auch er es für seine Pflicht, die jungen Kameraden zu begrüssen. Langsam erhob er sich und humpelte so würdevoll auf sie zu, als es ihm eine frische Bisswunde im Bein von seiner letzten Rauferei her erlaubte, indem er langsam die schmale Rute hin und her pendeln liess. Staunend betrachteten die Neulinge den mit alten und frischen Narben wirklich übersäten Kopf der Dogge, den diese jetzt zutraulich Simmert aufs Knie gelegt hatte.

»Ja, der sieht doll aus? Was?« lachte einer der Füchse. »Gelt Hektor, bist dafür auch der Renommierfechter von Jena und stichst alles ab! Ja woll, mein gutes Hundchen!« Und er tätschelte die muskulös gebauten Lenden Hektors, der, sich mit der Zunge leckend, den Sprecher ansah, halb verschmitzt, halb verlegen über dieses Lob der Rauhbeinigkeit.

Doch nun ging die Tür auf. Ein Jungbursch erschien und winkte, seine Mütze lüftend, Simmert und Pahlmann zu: »Bitte – Ihr möchtet vor den Konvent kommen.«

Mit geheimem Herzklopfen folgten sie dem Führer in das Kneip- und Konventszimmer, einen langgestreckten Raum, fast ein kleiner Saal, die Wände ganz bedeckt mit Photographien, Wappenschildern, Trinkhörnern, Bändern und Mützen. Grüne Tannengirlanden liefen von dem Kronleuchter in der Mitte aus nach den Ecken, festlich und freundlich zugleich dreinschauend, und die Stirnwand, hinter dem Präsidensessel am Kopfende der langen Eichenholztafel, schmückte ein imposantes Arrangement: Das grosse, in Holz geschnitzte, gemalte Wappen Alemannias auf einem Hintergrund malerisch geraffter grün-weiss-schwarzer Fahnen.

Beim Eintritt der beiden erhob sich die um die Tafel gruppierte Schar der Burschen; feierlich, mit gezogenen Mützen und entblössten Hauptes stehend, lauschte alles dem Wort des Ersten. Herr Hess passte mit seinem würdevollen, offiziellen Wesen ganz ausgezeichnet zu einem solchen Aktus.

»Lieber Simmert und Pahlmann!« Seine Stimme hatte einen leisen Anklang an den ostpreussischen Dialekt seiner Heimat, doch tat das ihrer martialischen Kürze und Schneidigkeit keinen Abbruch. »Es ist mir eine Freude, Euch mitteilen zu können – dass der Konvent Eure Admission beschlossen hat. Ihr seid also nunmehr Füchse der Alemannia – und ich schmücke Euch hiermit mit dem grün-weiss-grünen Bande. Tragt es allezeit in Ehren – damit Ihr bald für würdig befunden werdet, als brave Burschen in unsern Kreis zu treten! – Ich gratuliere Euch herzlichst.« Mit kräftigem Händedruck schüttelte er den beiden neuen Füchsen die Hand, die nun, zum erstenmal mit Band und Mütze angetan, sich stolz und erhaben, wie die Herren der Erde, vorkamen. Allgemeines Gratulieren, hierauf noch in Eile einen frischen Schoppen zur Erholung von dem anstrengenden Aktus, und dann ging es hinaus in corpore zur Exkneipe, nach Winzerla!

Pahlmann genoss die Auszeichnung, neben dem Ersten durch die Gassen stolzieren zu dürfen. Mit hoher Genugtuung nahm er die wohlwollend anerkennenden Blicke der Philister und Jungfräulein wahr, denen sie auf ihrem Wege durch die Stadt begegneten: Weiss Gott, die Alemannen gingen wieder einmal grossartig ins Semester hinein. Allein zwanzig Aktive, und lauter stramme, ansehnliche Leute! Und dazu der grosse Stamm alter, verdienter Inaktiver, darunter der stadtbekannte Renommierfechter Heinz Rittner und der nicht minder gefürchtete, riesenstarke Buttmann – »Bem« benannt – der einmal zusammen mit dem gleichfalls mordskräftigen Wehrhahn bei der grossen Holzerei in der »Tanne« allein den ganzen Saal ausgekehrt hatte. Und sonst noch manch tüchtige alte Kraft, die bei den Philistern wie bei der Studentenschaft wohl bekannt war. Am bekanntesten wohl der alte Inaktive Walcker, der nun schon vierundzwanzig Semester zählte, die er sämtlich im lieben Jena »studierenshalber« zugebracht hatte, die Hälfte davon als Jurist, die andere als Mediziner. Welcher Fakultät er sich in dem bevorstehenden dritten Dutzend Semester zuwenden würde, darüber hatte Herr Walcker noch keine Musse gefunden nachzudenken. Seine Zeit war vollauf damit ausgefüllt, mit seinen zahlreichen »Geschäftsfreunden«, die er sich im Laufe dieser langen Reihe von Studienjahren gewonnen, einen erträglichen modus vivendi herzustellen. Für das zweckmässigste hatte er es schliesslich befunden, sich möglichst unsichtbar zu machen. Allen interessierten Nachfragen auf seiner Bude ging der rührend bescheidene Mann daher aus dem Wege, indem er schon in aller Herrgottsfrühe aufstand, freilich nicht gerade, um eine Frühpromenade zu machen, sondern um sich zu irgend einem andern Alemannen zu verfügen und dort ungestört bis in den Mittag weiter zu schlafen. So hielt er, wie ehedem die alten deutschen Kaiser, der Reihe nach bei seinen Getreuen Einlager, und schwer war es, seine Spur rechtzeitig zu ermitteln. Dass er, wie heute der Keilzeit wegen – wo jeder Mann der Alemannia aufgeboten wurde – einmal am helllichten Tage sich wieder vor aller Öffentlichkeit zeigte, das war ein Ereignis. Alle Philister verfehlten denn auch nicht, sich gegenseitig darauf aufmerksam zu machen, und er nickte ihnen harmlos-fröhlich wie stets zu. Wirklich ein leutseliger Herr, der Herr Dr. Walcker!

In alle diese intimen Couleurverhältnisse weihte Hellmrich seinen Leibfuchs Simmert ein, während er mit ihm Arm in Arm dahinschritt. Inzwischen unterhielt sich auch der erste Chargierte in freundlich-wohlwollender Weise, aber dennoch immer in Wahrung seiner Würde, mit Fuchs Pahlmann: Was er studieren wollte, wie lange er voraussichtlich in Jena bliebe, wo er dienen würde und dergleichen. Während dieser Unterhaltung, die Pahlmann zwar stark geschmeichelt, aber doch auch ziemlich befangen ob des Tête-à-tête mit dem gestrengen Couleurbeherrscher führte, musterte dieser mit dem scharfen Blick des ehemaligen Korporalschaftsführers den Anzug seines Mannes. Hm! Dem würde man bald den »Lupus« auf den Hals schicken müssen – Schneider Wolff aus Greiz, den Generalpumpier der Jenenser Couleurstudenten – damit er ihm dieses knabenhafte Röcklein durch einen flottgeschnittenen Jackettanzug ersetzte. Doch plötzlich nahmen Hess' Mienen einen geradezu unglaublich erstaunten Ausdruck an, und vor gelinder Entrüstung färbte sich sein sonnengebräuntes, martialisches Antlitz mit dem mächtigen Schnurrbart noch einige Grade röter.

»Ach – lieber Pahlmann,« seine Kommandostimme nahm einen leisen, diskreten Ton an. »Ich sehe eben,« und sein sprechender Blick streifte vorwurfsvoll Pahlmanns Hände mit den neuen baumwollenen Handschuhen. »Das ist hier in Jena nicht Mode. In Couleur trägt man bloss Glacés oder – wie jetzt im Sommer – gar keine Handschuhe.«

»Verzeihen Sie – entschuldige!« stammelte Pahlmann verlegen und riss, feuerrot, die schönen Baumwollenen von den Fingern – eine ganze Mark hatten sie dabei gekostet! »Ich habe das nicht gewusst!«

»Nun, nun, – macht ja auch nichts,« ermutigte ihn Hess wieder mit einem wohlwollenden Lächeln. »Das wirst Du schon bald alles weghaben, Fuchs.«

Man war am Felsenkeller vorbeigekommen, auf der Kahlaschen Strasse. »Siehst Du, hier hält immer der Mensuromnibus, wenn wir nach Winzerla zum Pauken fahren,« wies Hellmrich dem Leibfuchs die bemerkenswerte Stätte. Mit lebhaftem Interesse musterte Simmert den Ort.

»Sag' mal – hat man eigentlich das erste Mal Angst?« forschte er dann.

Hellmrich lachte. »Dampf? I wo! So ein bisschen prickeln tut's einem ja wohl vor Aufregung beim Bandagieren und im Ehrengang, aber nachher ist einem alles ganz schnuppe!«

Simmert kriegte plötzlich mächtige Courage. »Au famos!« rief er und fuchtelte mit dem Stöckchen in der Luft herum. »Ich freu' mich schon bannig auf das Fechtenlernen!«

»Pscht Du – das gibt's nicht!« fiel ihm der Leibbursch in den Arm. »Lufthiebe schlagen ist inkommentmässig. Lass das nicht den Fuchsmajor sehen!« –

Bald hinterm »letzten Heller«, wo nach altem Brauch zur Wegstärkung noch »einer gepfiffen« wurde, bog man von der Chaussee nach links ab, in die Saalaue hinunter, um sich den Weg abzuschneiden. Das war ein prächtiges Wandern über den frischgrünen Wiesenplan neben dem blinkenden Strom, zwischen den alten verkrüppelten Weiden hindurch. Darüber der hellblaue Frühlingshimmel mit den eilig ziehenden Wölkchen und auf beiden Seiten die dunkelbewaldeten Bergwände des weiten Stromtales. Da, zur Linken, die Ruine der Lobedaburg, wo einst ein machtvolles Dynastengeschlecht, trutzig gehaust – und ganz hinten schimmerten die Zinnen der hochragenden Leuchtenburg bei Kahla. »Da spritzen wir oft hin,« erklärte Hellmrich, und von all der frischen Pracht und dem schwellenden Gefühl glückseliger freier Jugendlust überkommen, stimmte er laut das herrliche Scholarenlied an:

»Wohlauf, die Luft geht frisch und rein!«

Kraftvoll fiel nach und nach der ganze Chor ein; lustig und hell schmetterte der flotte Marschrhythmus über die Aue hin. Simmert nickte Pahlmann freudestrahlend zu: »Du, das klingt anders, als wie wir das immer auf unseren Schullandpartien gesungen haben! Was? – Na, überhaupt!« Simmert schwebte vor Freiheitswonne einfach im siebenten Himmel. Herr Gott, war doch das Leben schön!

Man war an dem einzeln stehenden Baum angelangt, wo sich die Strassen nach Burgau und Kahla kreuzen; schon eine Viertelstunde dahinter versteckt sich in einer Tal-Mulde das Dörfchen Winzerla, das Bierdorf der Alemannen.

»Die Mensureiche,« Hellmrich wies auf den Baum. »Hier steht die erste Wache, wenn wir pauken, und hier beginnt auch die Bannmeile von Winzerla.« Er legte sich zugleich das braun-weiss-braune Bierband kreuzweis zum Couleurbande um, und ebenso die andern, die es bisher noch nicht getan hatten. So erforderte es der Comment beim Betreten der Lande, über die »Crook XXXXVII., Herzog von Winzerla, Herr zu Lobeda, gefürsteter Graf von Cospoth und Schirmherr des Nonnenklosters Coppanz« kraftvoll regierte. Mit Staunen vernahm Pahlmann von dem leutselig mit ihm plaudernden Ersten, welch ruhmvollem Reiche er sich mit seiner nunmehrigen Zugehörigkeit zum Bierstaat der Alemannen zuzählen dürfe, und respektvoll betrachtete er den gerade vor ihm gehenden, etwas wohlbeleibten Burschen Bertram, der in diesem Semester das hohe Amt des Bierherzogs bekleidete. Er musste gewiss unheimliche Meriten im Trinken haben, dass ihm diese Würde zugefallen war.

Zu Simmert und Hellmrich hatte sich inzwischen noch der Inaktive Wehrhahn gesellt, ein kolossal breitschultriger, starkknochiger Mensch, ein Pastorssohn aus dem Thüringischen, der seine Heimat auch im breiten, singenden Dialekt nicht verleugnete. Das »Hähnchen« oder der »Hahn« – wie er kurzweg genannt wurde, war nicht nur seiner starken Fäuste, sondern auch seiner ebenso kräftig entwickelten Phantasie wegen berühmt. Ihr liess er auch jetzt die Zügel etwas schiessen, als er gemütlich seine kurze Jagdpfeife schmauchend neben den beiden herschritt. Er hatte nämlich Hellmrichs Bemerkung über die Mensureiche gehört.

»Ja, Fuchs,« belehrte er Simmert gewichtig, »Ihr habt's jetzt bequem, Ihr Sybariten, wo man bezahlte Bauernwachen ausstellt. Aber zu meiner Zeit, da mussten wir Füchse noch selber Wache stehen, in jedem Wind und Wetter. Ich weiss noch wie heute, als ich damals meine Rezeptionsmensur schlug gegen den langen Liebig von den Cimbern – ein Kerl wie ein Hüne, gegen den ich der reine Waisenknabe war – es war eine Saukälte, – und mir waren die Beine und Arme vom stundenlangen Stehen im Schnee direkt abgestorben, so dass ich vorm Bandagieren die rechte Hand erst ins Ofenloch stecken musste. Na aber, ich hab' ihn natürlich trotzdem abgestochen – einen Durchzieher von einem Ohr bis zum andern, mit achtundfünfzig Nadeln!«

»Dunnerlittchen, Hahn! Du sohlst ja wieder mal das Blaue vom Himmel runter! Is' ja unglaublich, was Du dem Fuchs da aufbindest.«

Wütend drehte sich das Hähnchen zu dem Sprecher um; es war Heinz Rittner, der alte Renommierfechter, für gewöhnlich »Toni« genannt, ob seiner einstmaligen dauerhaften zarten Beziehungen zu einer Kellnerin dieses Namens. Denn der wilde Heinz blieb nicht nur bei Männern, sondern auch bei Weibern stets Sieger.

»Weiss Gott – 's ist buchstäblich wahr!« beteuerte Wehrhahn pathetisch. »Aber warte, Toni, ich werd' Dir das anstreichen. Lass uns mal erst in Winzerla sein!«

Und die Rache, die das Hähnchen dann auf der Exkneipe nahm, war wirklich nicht milde. Er brummte Toni einen »doppelten Kannenjungen« auf. Mit stillem Entsetzen sah Pahlmann, wie man die zwei Holzkannen »heranschleifte«, die jede einen vollen Liter des trübflüssigen Lichtenhainer Biers enthielt. Herrgott, war es möglich? Das sollte man auf einmal austrinken können? Das sollte er vielleicht bald selber gar leisten müssen! – Toni schimpfte zwar wie ein Rohrspatz, denn er hatte den chronisch verkorxten Magen eines alten Inaktiven, und erklärte schliesslich herrisch, es fiele ihm gar nicht ein, diesen gottverdammten Blödsinn mitzumachen. Aber da schwebte auch schon das Verhängnis in Gestalt von Hähnchens Bierkanne, drohend schräg geneigt, über seinem entblössten Haupte, und grausam funkelten Hähnchens Augen hinter den Kneifergläsern hervor: »Toni, getreten, Bierjungen anzunehmen! Eins ist eins, zwei ist zwei, drei ist –«

»Hängt – in drei Deibels Namen!« schrie ihn im letzten Augenblick der also Gepresste wütend an. »Aber Gottverdimich! Ich lass Dich nachher drei Ganze spinnen!«

Schaudernd hörte Pahlmann alle diese Dinge mit an. Das war ja nicht menschenmöglich! Aber er sollte bald eines andern belehrt werden. Der Zwei-Kannenjunge stieg. Hähnchen stürzte, sich seines gewaltigen Gefälles wohl bewusst, die erste und die zweite Literkanne in kolossalen Schlucken, ohne längere Zeit abzusetzen, hinab. Aber er mühte sich eigentlich umsonst ab, denn sein Gegner, der alte Rittner, hatte längst nicht mehr den Ehrgeiz, auch am Biertisch stets der Sieger zu sein. Er trank grimmigen Antlitzes, mit auffälliger Gelassenheit in lauter kleinen Schlucken seine beiden Kannen aus, ohne sich irgend zu echauffieren – die Anulkereien deswegen waren ihm »ganz schnuppe« – und dann brauste das Verhängnis auf Hähnchens schuldiges Haupt hernieder. »Hahn mit drei Ganzen in die Kanne!« tönte sein schnaubender Racheschrei, und alles Winden, Betteln und Verschwören des Hahn, der ein wahres Theater aufführte und jammerte, als ob er geröstet werden sollte, half ihm nichts. Immer schwebte im kritischen Moment Rittners Kanne zur »Bierhatz« bereit, über seinem kurzgeschorenen Haupte, und so trank denn der unglückliche Wehrhahn im Laufe der nächsten fünf Minuten noch weitere zwei und eine halbe Kanne hinunter. Erst der Rest ward ihm geschenkt.

Mit lebhaftem Empfinden, halb Grauen, halb Bewunderung, sah Pahlmann, ganz eingeschüchtert, dieser Exekution und dem Delinquenten zu. Er glaubte zum mindesten, dass nun die gequälte Natur sich auf der Stelle rächen werde. Aber nichts derlei geschah. Zwar stöhnte und prustete Hähnchen, dem die Augen vor Anstrengung übergegangen waren, und dessen dünner Schnurrbart ihm mit seinen Mongolenenden triefend, melancholisch um die Mundwinkel hing, gar jämmerlich und verschwor sich, nie wieder auf die Exkneipe zu kommen, aber dabei stopfte er sich schon wieder seine geliebte Pfeife, deren Genuss ihm hier auf dem Bierdorf gestattet war.

»Ja, ja, Hühnerkopp – das kommt davon. Lass die alten Leute in Ruh, dann wird man Dich auch in Frieden lassen!« ermahnte ihn der Erste, und seine Stimme klang hier auf der Exkneipe – wo die Amtsgewalt von ihm auf den Bierherzog übergegangen war – viel gemütlicher, breiter und ostpreussischer.

»Eeeh Mansch! Mach' hin, mach' hin!« verhöhnte ihn aber das Hähnchen, dessen Übermut in der Regel erst immer völlig gedämpft war, wenn er nicht mehr japsen konnte. »Spar' Dir Deiine Weeisheiit für Dich salbst auf! Was verstehst Du von der Axkneeip'!« –

Die Exkneipe wurde in dem geräumigen Zimmer im ersten Stock des Gasthauses abgehalten, wo an den Mensurtagen die Paukanten bandagiert und geflickt wurden. Gleich daneben lag der Tanzsaal, in dem der blutige Waffentanz ausgeführt wurde. Hellmrich zeigte hier den beiden neuen Füchsen die zahlreichen eingetrockneten Blutflecken an der Wand und der nicht allzuhohen Decke. »Wenn die frontalis spritzt, dann gibt's hier Erinnerungszeichen!« lachte er, aber den Novizen kam die Sache nicht gar so scherzhaft vor. Sie gingen daher gern mit ihm zur Küche hinunter, wo Frau Röschen, die Gattin des »Stabs« – so hiess man den Bierwirt vulgo »Burgvogt« von Winzerla – rohe Kartoffelklösse und Sauerbraten in ungezählten Mengen präparierte, um auch sich eine Atzung zu bestellen. Der Stabs selber, eine hohe, breitschultrige Bauerngestalt mit freundlichem, sonnengebräuntem Gesicht, dem der modische Spitzbart einen herrenhaften Ausdruck verlieh, stand drinnen im Gastzimmer und schenkte gerade zwei Bauern einen Schnaps ein.

»Ah, der alte Schweinehuber und der Schuster-Karl! Tag, Alter – wie geht's Dir denn?« begrüsste Hellmrich die beiden ihm wohlbekannten Ortsinsassen, die ihrerseits, die Mützen ziehend, der Studenten Gruss respektvoll und doch vertraulich erwiderten. Seit Jahrzehnten sahen sie ja schon die Alemannen hier immer bei sich im Dorf und fühlten sich ganz zu ihnen gehörig. Dann wandte sich Hellmrich an den Wirt:

»Guten Tag, Stabs!« – es war die Abkürzung von Stabstrompeter, weil der Wirt bei den grossen Festaufzügen der Alemannia als mittelalterlicher Herold trommetenblasend an der Spitze zu reiten pflegte – begrüsste er den Biederen und schüttelte ihm herzhaft die braune, harte Rechte. »Hier bring' ich Dir auch unsere neuesten beiden Füchse, Simmert und Pahlmann!«

»Ah, is racht!« lobte der Stabs, der oben vom Thüringer Walde stammte.

»Das sind Deine Freinde aus Berlin, Hellmrich. Gelle?« Und er begrüsste die Neulinge mit festem Handschlag. »Na, da woll'n wir doch gleich Schmollis trinken.«

Schnell waren drei Schnäpse eingegossen, der Stabs pfiff ein Kavalleriesignal, und hui, waren sie einverleibt. »Na, prost, Simmert und Pahlmann, Ihr beiden krassen Füchse! Lasst's Euch ner immer gut gefalle hier haussen bei mir. Und haut mal auch so äne schneidige Klinge wie mei alter Freind, der Hellmrich hier.« Vertraulich klopfte er dem Burschen auf die Schulter, der lachend dieses Lob abwehrte. Inzwischen war auch Bertram, der Bierherzog, eingetreten. Er hatte für einige Augenblicke sein Szepter oben einem Reichsverweser anvertraut, um sich in der Küche bei Frau Röschen einen besonders guten Bissen auszusuchen.

»Sag' mal, Stabs, hast Du keine Bürste da?« fragte der Herr Herzog auf seine Stiefel deutend, die unterwegs in einem Wiesenloch eine dicke Schmutzkruste erhalten hatten, den Burgvogt. Dieser brachte ihm das geforderte Instrument, aber da eilte der alte Schweinehuber dienstbeflissen hinzu: »Erlaubt! Das geht doch nicht, Durchlaucht, dass der Herr Herzog seine Stiefel selber putzen tut.« Der alte Mann, im Bierstaat nur Burgsasse oder titelloses Gesindel, sonst aber wohlbestallter Bürgermeister von Winzerla, nahm Bertram wirklich die Bürste trotz seines Sträubens aus der Hand und säuberte ihm sein Schuhwerk.

Staunend sahen Simmert und Pahlmann das mit an. Dass der übermütige Studentenulk mit dem Bierstaat von jemand so ernsthaft genommen werden könnte, das hätten sie sich nicht träumen lassen. Das war auch nur in Jena möglich, das gab's sonst auf der ganzen Welt sicher nicht wieder! Von neuem voll freudigen Stolzes über dieses herrliche, privilegierte Leben, in das sie jetzt selber eingetreten waren, stiegen sie wieder ins Kneipzimmer hinauf.

Drei Stunden waren dahingeflossen, und reichliche Ströme Weissbiers hatten sich aus den Spritzkannen in die Kännchen und ihre Eigner gegossen, da gebot Se. Durchlaucht Crook XXXXVII.: »Burgfriede! Ich hebe die Exkneipe hiermit auf.«

Es war zehn Uhr geworden, und gemäss dem gewaltigen Quantum, das so ziemlich ein jeglicher vertilgt, war auch die Stimmung der Zecher. Als Hellmrich mit Simmert, der sich wacker beim Kännchenschwung gehalten hatte, vors Haus trat, da lockte ihn das klare Mondlicht über den Bergen drüben, das seinen blassen Märchenschein geheimnisvoll um Baum und Busch wob.

»Kinder, die Nacht ist eigentlich viel zu herrlich, als dass man jetzt gleich stumpfsinnig nach Haus ziehen sollte. Wer macht noch einen Mondscheinbummel mit – über die Horizontale zum Wilhelm?«

Simmert stimmte natürlich sofort begeistert ein, und auch Pahlmann erklärte lallend, dass er mit wolle. Dabei hielt er sich am Arm eines seiner Confüchse fest, weil der Boden hier so merkwürdig schwankte. Von Seiten der Burschen kam indessen noch keine Zustimmung zu Hellmrichs Plan. »So 'ne Kateridee!« hiess es vielmehr. »Jetzt noch über die Horizontale – anderthalb Stunden Weg.«

Aber da erscholl plötzlich Buttmanns tiefe, ruhige Stimme, der man es nicht anmerkte, dass er über ein Dutzend Liter-Kannen hinabgeschluckt hatte. »Nee, über die Horizontale komm' ich nicht mit, Hellmrich,« sagte er in seinem feinen Hannoveranischen. »Aber, wenn Du mit übers Luftschiff gehst, dann mach' ich mit.«

»Haha! Bem hat wieder mal seinen Klaps!« erscholl es laut lachend. Der Weg übers Luftschiff – drüben über die Berge – war nämlich wohl noch anderthalb Stunden weiter. Buttmann war in der Tat wegen seiner bisweilen stark exzentrischen Einfälle ebenso berühmt, wie wegen seiner unvergleichlichen Körperkraft. Erst neulich hatte er sich, einer Wette wegen, sechs Wochen nur von Milch genährt, und in Göttingen war er einmal aus gleichem Grunde vierundzwanzig Stunden lang ununterbrochen um den Stadtwall marschiert.

Aber trotz des Gelächters drang Bem mit seinem Vorschlag durch. Hellmrich, der in romantischen Anwandlungen gern mal solchen Nachtbummel machte, stimmte sofort zu und mit ihm sein Leibfuchs, den die abenteuerliche Idee bei seiner Animiertheit ganz besonders lockte. Dann fanden sich noch Rittner und Wehrhahn bereit, die inzwischen wieder Freundschaft geschlossen hatten. Endlich wollte auch Pahlmann absolut nicht zurückbleiben, und so machte er denn, geführt von zwei anderen Füchsen, das Ende des kleinen Zuges, der sich nun in rüstigem Marschtempo in die milde, klare Mondnacht hinausbewegte.

Allein man war noch nicht fünf Minuten weit aus dem Dorfe hinaus, zwischen den Feldern, da brachte plötzlich ein eigenartiger Lärm hinten von der Queue her die Marschkolonne ins Stocken. Man vernahm schluchzende Laute, dann lautes Jammern, und den Herbeieilenden bot sich ein seltsamer Anblick. Am Rand eines Saatfelds hatte sich Pahlmann auf die Erde niedergelassen und weinte kläglich, dass ihm die dicken Tränen nur immer so über die Backen kollerten: »Mein armer Vater!« klagte er einmal über das andere. »Der sitzt zu Hause, trägt kurze Hosen und raucht 'ne lange Pfeife, damit ich hier wie ein Fürst leben und Zigarren schwelgen kann!«

»Pahlmann hat's heulende Elend!« Mit diesen Worten klärten seine Confüchse lachend das eigenartige Schauspiel auf, das die erfahreneren Burschen ohnedies übrigens sofort richtig erkannten. In der Tat war inzwischen bei dem guten Pahlmann, der sehr biereifrig in den Fussstapfen des ihm heute verehrungswürdig gewordenen Hähnchens gewandelt war – er hatte sich diesen sogar zum Leibburschen erkoren – die übergrosse Tatenlust in sentimentale, haltlose Auflösung übergegangen. Da er so natürlich bei dem Nachtmarsch nicht zu gebrauchen war, überliess man ihn seinen menschenfreundlichen Nothelfern, die nun das zweifelhafte Vergnügen hatten, den Schluchzenden und sich heftig Sträubenden auf dem kürzesten Wege nach Jena hineinzubugsieren.

Um so schneller schritten die übrigen voran. In Burgau holten sie sich ein paar Fackeln aus dem noch offenen Ratskeller, wo auch noch ein letzter Trunk getan wurde, und dann ging es hinauf in die Berge. Eine der Kienfackeln war entzündet worden und warf ihren lodernd roten Schein voraus auf den steil ansteigenden Pfad. Ein abenteuerliches, malerisches Bild, wie so der kleine Trupp schweigend über die Höhen hinaufklomm, zwischen abgeschürftem Gestein und pechschwarzen Wacholderbüschen hindurch, die im ungewissen Fackelschein sich gespensterhaft um die Wandernden herumdrängten. Schier unheimlich nahmen sich in dieser roten, flackernden Beleuchtung auch die Weggesellen selber aus, namentlich da vorn der lange Buttmann, der mit seiner sehnigen Gestalt, dem schwedischen Knebelbart und dem fingertiefen Durchzieher durch Ohr und Nase, wirklich wie ein marodierender Landsknecht aussah, solange man nicht den Blick seiner gutmütigen, braunen Augen erkannte, von denen das linke, hiebgelähmt, übrigens immer halb geschlossen war, was den wilden Eindruck seines trotzdem aber männlich schönen Gesichts noch verstärkte.

Da Simmert es sich in seinem begeisterungsvollen Eifer nicht nehmen liess, vorn als Erster mit der Fackel zu gehen, so hatte sich Hellmrich zu Rittner gesellt, mit dem er überhaupt sehr gut zusammenstimmte. Gleich diesem ein brillanter Fechter, teilte er auch dessen Liebe zur Natur und Poesie, die man dem seit seiner Inaktivität ganz in Weiberaffären aufgehenden »Toni« kaum zugetraut hätte. So schwärmten denn auch jetzt die beiden: Im bläulich blassen Mondscheinlicht sahen sie droben in der weltverlorenen Nacht-Einsamkeit aus Busch und Baumversteck wohl vertraute, huschende Gestalten sich lösen, bleiche, schöne Märchenfrauen mit schwermutvoll-süssen Augen oder verwegenes Nachtgesindel und tückische Kobolde aus der entlegenen Felswirrnis der Berghänge. Die alten Sagen und Märchen aus der Kinderzeit wurden wieder lebendig in ihnen, und sie erfreuten sich daran, sich gegenseitig ihr Gedächtnis wieder aufzufrischen. Oder sie versetzten sich in die grauen Zeiten der Thüringer Geschichte, wie sie Gustav Freytag in seinen »Ahnen« so meisterhaft geschildert, und sie malten sich aus, wie hier den reisigen Mannen aus den »Waldlauben« ehedem zu Mut gewesen sein musste, wenn sie auf nächtlichem Kriegszug gegen die Sorben durch die Finsternis und Wildnis dieses Grenzstrichs schweigend dahinzogen.

Nach langem Marsch scholl plötzlich scharfes Hundegebell an ihr Ohr, und im Mondschein tauchte ein einsames Gehöft am Rande des Forstes vor ihnen auf, der Pächterhof, der hier weltabgeschieden auf dem weiten Plateau, dem »Luftschiff«, liegt, umhegt von starken, hohen Felsmauern, noch aus der Zeit her, wo verwilderte Söldner der Schweden oder Kaiserlichen das Land weit und breit unsicher machten und aus dem noch jetzt vorhandenen Bergversteck drüben am steilen Hang der Kernberge, aus der schwer zugänglichen »Diebeskrippe«, gar manchmal zur Nachtzeit hierher gestreift sein mochten, mit donnernder Faust am Eichentor Einlass und Beute zu heischen. Doch in tiefem Schlummer lag jetzt der wohlverschlossene Hof, wo zur Tageszeit sonst dem fahrenden Studio Atzung und Trank kredenzt wird, und so zog man denn vorüber. Aber da kam Bem, dem häufig zu abenteuerlichen Streichen aufgelegten, ein absonderlicher Einfall, als sie an dem hohen trigonometrischen Signal in der Nähe vorbeikamen.

»Ich möcht' mir mal die Aussicht von da oben ansehen – auf das Saaltal und die Leuchtenburg im Mondschein,« erklärte er und schon hatte er auch seinen Stock hingeworfen und schwang sich mit kräftigen Griffen an dem einen der vier, wohl fünfzig Fuss hohen Maste empor, die das spitze Gerüst bildeten.

»Unsinn, Bem, mach' doch keine Dummheiten!« rief Rittner dem Verwegenen zu und suchte ihn beim Bein wieder herunterzuziehen; aber zu spät. Lachend schwang sich Buttmann gerade auf eine Querstange, die schon ausser Greifhöhe lag und flugs klomm er weiter hinauf. Den Fuchs Simmert, der selber ein guter Turner auf der Schule gewesen, begeisterte in seiner Bierlaune das kecke Vorhaben des andern so, dass er sich anschickte, diesem nachzuklettern. Aber da hielt ihn sein Leibbursch energisch zurück.

»Nein, mein Junge, das gibt's ja nicht! Zum Halsbrechen bist Du doch nicht nach Jena gekommen.«

»Aber wieso? Was Bem kann, das bring' ich auch fertig!« schmollte Simmert beleidigt und suchte sich dem schützenden Griff zu entziehen. Aber Hellmrich verstand keinen Spass.

»Leibfuchs, Du hast zu gehorchen!« befahl er mit Nachdruck. »Erstens bist Du nicht mehr ganz taktfest – und zweitens ist so'n Akrobatenkunststück überhaupt nicht nötig. Wenn Bem das macht, ist das seine Sache. Er ist ein Inaktiver, und wir haben ihm nichts zu sagen. Im übrigen kann sich Bem das auch leisten. Der hat schon ganz andere Sachen fertig gebracht.« Und er erzählte ihm, wie Buttmann im vorigen Semester, in den wohl dreihundert Fuss tiefen, engen Felsschacht der Cisterne auf der Leuchtenburg hinabgeklettert war, wo er nur einen geringen Halt an den alten, verrosteten und vielfach gelockerten Eisenklammern im Mauerwerk gehabt hatte, die noch vom Bau der Cisterne vor fast einem Jahrtausend herrührten.

Voller Bewunderung vernahm es Fuchs Simmert und schaute staunend zu dem Tollkühnen empor, der da eben jetzt an der obersten Spitze des Gerüstes in Haushöhe angekommen war und sich nur leicht mit der Linken an der Stange festhielt, das rechte Bein und den Arm in die Luft reckend. Wehrhahn sah weg: »Weess Gott, das kann ich nicht mit ansehen. Da krieg ich 'nen Herztatterich!« erklärte er und wollte Buttmann zurufen, er solle doch endlich vernünftig sein und herunterkommen, aber Rittner hielt ihm den Mund zu. »Sei bloss still; Du kennst ihn doch! Wenn man ihm abrät, dann macht er gerade noch viel was Tolleres! Soll er sich etwa wieder mal bloss nur an der Hand oder an den Knieen da oben anhängen? – Nein, lass ihn ruhig machen. Wir wollen uns gar nicht um ihn kümmern. Dann wird's ihm noch am ersten langweilig.«

Der erfahrene »Toni« hatte recht. Als Freund Bem sich eine Weile da droben auf seine eigene Art amüsiert hatte, kletterte er langsam und bedächtig wieder herab und kam richtig wohlbehalten unten wieder an.

Nach diesem Zwischenfall ging es rüstig weiter, durch jungen Buchenwuchs, dessen schlanke Stämme hier und da mondbeschienen hell aus dem Dunkel hervorleuchteten. Dann senkte sich der Weg, es wurde licht vor den Blicken, und der verwitterte Turm des Bonifatiuskirchleins stieg aus dem lieblichen, sanften Tal empor, das, vom Mondlicht bläulich übergossen, da lag mit den in tiefen Schatten sich scharf abgrenzenden Häusern von Ziegenhain. Auch hier alles still und tief im Schlaf, bis die mit lautem Gesang einziehenden Wanderer die ganze Meute der Dorfköter alarmierten, die flugs ein tolles Konzert in wildestem Furioso, vom dröhnenden Bass bis zum schrillen Diskant anstimmten, bei dem die Wanderer nun selber gröhlend und quietschend mitwirkten. Aus einem Haus scholl denn auch durch die halbgeöffneten Fensterladen ein keimendes Schimpfen hinter den nächtlichen Störenfrieden her. Aber lautes Gelächter und ein derbes Scherzwort machten die aufgeregte Insassin bald wieder verstummen. Zum Glück zog die wilde Jagd rasch wieder aus dem friedlichen Dörflein hinaus und wand sich am Berghang empor, nach der Wilhelmshöhe zu.

Endlich war man bei dem beliebten Berg-Wirtshaus angekommen. Es lag gleichfalls in nächtlicher Ruhe da, aber hier war man nicht gesonnen, vorbeizugehen. So dröhnten denn die Fäuste gewaltig gegen die Tür, dass alsbald der rauhe Laut des Hundes drinnen erscholl, jener merkwürdigen Kreuzung zwischen Dogge und Affenpinscher, die eine Berühmtheit dieses Etablissements war.

»Halt die Klappe, Nihilistenpinscher!« herrschte das Hähnchen den Köter an, »und pack' lieber deinen Pappa, den Wilhelm, in die falschen Waden, dass er aufsteht und uns nicht länger hier draussen dursten lässt!«

»Häre nune, Wehrhahn, Du altes Grossmaul!« erscholl von drinnen eine etwas heisere Bassstimme ärgerlich zur Antwort. »Du wärst doch wärklich alle Dage dummer und unverschämter. Nu mach aber hin, dass ändlich Ruhe wärd!«

»Was, Du altes Faultier? Hast genug geschlafen! Es ist ja schon am hohen Morgen – ein und ein halb Uhr. Also raus mit Dir, Du Schlussohr! Oder darfste etwa nich? Emmelineche hält Dich wohl beim Mützenzipfel fest?«

Lautes Gelächter begleitete diese Anspielung auf die Gattin des braven Wilhelm, die allerdings tüchtig Ordnung im Haus hielt. Indessen mochte die Anzweiflung seiner ehelichen Herrschergewalt den Alten vom Berge getroffen und ihn bewogen haben, diese durch die Tat zu beweisen. So wurden denn wenige Augenblicke später schlürfende Schritte hörbar, der Schlüssel knarrte im Schloss, und im Schein einer Handlaterne erschien der »Wilhelm« in Pantoffeln, sackigen Hosen und Jackett, das Sammetkäppchen auf dem stets geröteten, gutmütigen Antlitz mit dem mächtigen grauen Vollbart, und blinzelte aus den schlafgeröteten kleinen Äuglein missmutig die Störer seines Nachtfriedens an.

»Weess Gott – Ihr Alemannen seid doch eene liederliche Gesellschaft! Habt Ihr denn noch nicht genug gesoffe? Ihr kriegt wohl unten nischt mehr gepumpt, dass Ihr bei mich in Nacht und Nebel 'nauf gelofe kommt?«

Mit hellem Lachen wurde dieser liebenswürdige Willkommen, über den Simmert einfach platt war, von den andern aufgenommen. Was war das nur für ein verrückter alter Kerl, der sich diesen Ton ungestraft erlauben durfte? Hellmrich aber antwortete nun dem inzwischen ins Freie getretenen Alten recht gemütlich:

»Nee, Wilhelm, trinken wollen wir gar nischt bei Dir. Wir sind bloss raufgekommen, um Dir unsern neuesten Fuchs vorzustellen.« Er schob Simmert vor ihn hin. »Wir dachten, dass es Dich freuen würde, ihn recht bald kennen zu lernen.«

Aber das ging Wilhelm doch über den Spass.

»Häre nune, Hellmrich, das is äne Gemeenheit!« schimpfte er. »Eier Fuchs kann mir gestohlen bleibe, das dumme Luder!«

Schallendes Gelächter, Simmert aber war ausser sich! Wütend fuhr er los: »Ich verbitte mir diese Unverschämtheiten, Sie alter –«

Doch Hellmrich schnitt ihm den Ehrentitel ab, mit dem er den guten Wilhelm belegen wollte, und klopfte diesem besänftigend auf die Schulter: »Na, Wilhelm, nu woll'n wir mal vernünftig reden. Also sei fidel, altes Haus, und schleif uns schnell 'ne Spritzkanne 'ran oder besser gleich zwei, denn wir haben vom Marsch einen ganz blödsinnigen Durst gekriegt. Und auch 'ne Lage Schnäpse –«

»Wollt Ihr Schitschi oder Aschitschi oder den Anus praeternaturalis?« forschte Wilhelm, nun schon wieder ganz in seinem Geschäft aufgehend. Komische Liköre! Simmert hatte noch nie bisher von ihnen jemals gehört und war sehr gespannt, als Hellmrich sich für den »Anus des Anonymus« entschied. Auch fünf Truthähne solle er nicht vergessen, rief er dem Alten nach, der sich schlüsselklirrend nach der Küche im Nebenbau hintrollte, um alle diese Herrlichkeiten herbeizuschaffen.

»Warte, Wilhelm, ich komme mit und helf Dir,« bot sich Wehrhahn liebenswürdig an. »Du bist ja noch halb im Tran von gestern, und schenkst uns am Ende sonst aus dem Petroleumfass ein.«

»Bleib ner hinne,« gab aber schlagfertig der Wilhelm von der Schwelle der Küche aus seinem Spezialfreund Wehrhahn zurück, mit dem er sich nun schon seit sechs Semestern liebte und neckte: »Du bist selber ja so besoffe, dass Du am Ende statt in die Küche in meine Guanofabrik gerätst!«

Mit dieser Anspielung auf einen diskreten Anbau hatte der Alte vom Berge, der wegen seiner klassischen Grobheit weitberühmt war, die Lacher stark auf seiner Seite, und auch Simmert begann nun zu merken, dass Wilhelm das Privilegium hatte, alles zu sagen, ohne dass man es ihm übel nahm. Hellmrich bestätigte ihm das und erzählte ihm allerlei Schnurren von dem originellen Alten. Eine der hübschesten Geschichten war die mit dem alten Herrn Ellke von den Alemannen. Der war bei seiner Aktivität in Jena ein toller Suitier und namentlich ein wilder Schürzenjäger gewesen. Als er nun später als Mann von Amt und Würden seinem jungen Weibchen auf der Hochzeitsreise sein liebes Jena gezeigt hatte, nahm er sie auch zum Wilhelm mit hinauf und stellte sie ihm stolz als seine Frau vor. »Ach was, Frau!« hatte ihn da aber der Alte kurz abgefertigt. »Alle Tage kommt Ihr mit 'nem annern Weibsstück hier 'nauf gelofe, und dann is's immer Eire Frau!«

Inzwischen hatte Wilhelm, dem seine treue Gattin, das »Emmelineche«, doch zur Hilfe in die Küche geeilt war, die gewünschten Getränke und auch die fünf »Truthähne« herangeschleift, die Simmert nunmehr als fünf längliche Kuhkäse kennen und schätzen lernte, nach dem appetitmachenden Nachtmarsch. Mit frischer Kraft wurde nun der Holzkanne zugesprochen, und eine rechte Ur-Fidelitas kam so noch zu stande, zu deren Verschönerung ganz besonders das Hähnchen und Wilhelm beitrugen, indem sie sich gegenseitig mit ihrem bissigen, trockenen Witz regalierten, sodass die andern nicht aus dem Lachen herauskamen.

Eine weitere Stunde ging so rasch dahin, allmählich war das Nachtdunkel schon wieder einem grauen Dämmerschein gewichen, und nun stieg über den Bergkämmen in der Ferne ein rosiges Leuchten auf – der Tag brach an. Ihn begrüsste ein frisch und schneidig in die erwachende Natur hinausgeschmettertes Lied der unverwüstlichen Schwärmer:

»Heraus, heraus die Klingen,
Lasst Ross und Klepper springen,
Der Morgen graut heran,
Das Tagewerk heb' an!« –

Und nun stand die junge Morgensonne in all ihrer strahlenden Herrlichkeit über dem Saaltal, das, frisch betaut, im lichten Grün des Lenzes der Weckerin fröhlich entgegenlachte. Der Strom glänzte mit klarem Spiegel herauf, von den Schieferdächern der altersgrauen Stadttürme drunten prallten gleissend die Sonnenstrahlen ab, und tirilierend stiegen die Lerchen über den Ackerbreiten in den plötzlich lichtbefluteten Äther – ein Bild ewiger, unvergänglicher Jugend und froher Lebenslust, das so recht nach dem Herzen der lustigen Gesellen da droben auf dem Luginsland war. Wenn sie's auch nicht aussprachen, sie empfanden es doch alle, wie sie nun zwischen Lied und Scherz, der eine plaudernd, der andere schweigend, in das liebe, alte Nest drunten im Arm der Saale hinabschauten. Hellmrich war allein abseits getreten und blickte lange unverwandt in das weite Tal voll prangender Jugendschönheit hinab, mit tiefen Zügen den frischen, belebenden Morgenhauch eintrinkend. Da stand plötzlich Simmert an seiner Seite und fasste ihn in auffallender Bewegung um die Schulter:

»Ist das alles schön! Du – das vergess' ich Dir nie, dass Du mich das hast kennen lernen lassen!« Und er drückte seinem Leibburschen in stillem Freundschaftsgelöbnis die Hand.


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