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IV.

Rrrr!

Ein dumpfes Knurren und, als das Pochen an der Tür sich wiederholte, ein lautes tiefes Aufbellen weckten Pahlmann aus seinem Schlummer.

»Ja, wohl – ja wohl! Steh' ja schon auf!« rief er schlaftrunken und warf sich von der Wand ab nach der anderen Seite zu, wo das helle Tageslicht ihm ins Gesicht schien und die noch ganz verschlafenen Augen blendete. Mechanisch wollte er sich das Deckbett schützend über das Gesicht ziehen, wie er's gewohnt war, um morgens nach dem Wecken noch einmal einzunicken, aber er tastete vergebens nach dem Überbett. Zum Kuckuck, wo war denn die verwünschte Decke nur hingerutscht? Ärgerlich öffnete er nun doch die schweren Augenlider und – nanu, was war denn das? Da war ja gar keine Bettdecke, er lag überhaupt in gar keinem Bett, sondern völlig bekleidet auf einem Sofa und, wie er sich nun verwundernd umblickend feststellte, auch nicht in seiner eigenen Bude, sondern ...

Ah! Jetzt begann es allmählich bei ihm zu dämmern. Richtig, richtig – es fiel ihm wieder ein – er war ja gestern abend, oder vielmehr heute nacht, nicht nach Hause gegangen. Er hatte so starken Anschluss gehabt, dass er den weiten Heimweg gescheut hatte. Überdies war es ihm schon letzthin mal passiert, dass er in seiner »Schlaftrunkenheit« auf halbem Wege sich in einem Hausflur niedergelassen hatte, in der Meinung, dass er zu Hause angelangt sei. Ein Nachtrat hatte ihn so beim Schein der Morgensonne liegen gefunden und heimbugsiert, ehe ihn noch das Volk der Philister in dieser wenig imposanten Verfassung erspäht hatte. Aber trotzdem hatte ihn der rächende Arm des Alemannenkonvents erfasst, und er war auf vier Wochen »rausgeflogen« wegen dieser bösen Direktionslosigkeit. Das hatte er sich denn zu Herzen genommen und sich daher vorsichtshalber gestern lieber bei Freund Simmert »einlogiert«.

Während Pahlmann solches alles in seinem unheimlich dumpfen Hirn langsam aufdämmerte, klopfte es draussen abermals an die Tür, diesmal schon etwas ungeduldig.

»Zum Teufel! Was ist denn los?« Wütend rief es Pahlmann aus und liess, sich aufrichtend, die Beine vom Sofa gleiten, um aufzustehen. Aber es kam nicht dazu. Bei der schnellen Bewegung war ein so blödsinniger, bohrender Kopfschmerz bei ihm ausgebrochen, dass er ächzend sitzen blieb, mit beiden Händen nach seinem armen gequälten Haupt fahrend: »O Gott, o Gott, dieser Jammer!«

Im selben Augenblick hatte sich aber infolge des lauten Pochens im Nebenzimmer, Simmerts Schlafstube, ein grosser Lärm erhoben. Das rauhe Bellen war zu einem wilden Aufheulen geworden, ein schwerer Körper warf sich aufspringend von drinnen gegen die Schlafzimmertür, man hörte das kratzende Anprallen der Pfoten, dann schlug etwas auf die Klinke – im nächsten Moment sprang die Tür auf, und eine riesige Dogge tobte wie rasend in das Zimmer hinein, gerade auf Pahlmanns Sofa zu.

Als der stille Dulder, eben noch ganz mit seinem Schmerz beschäftigt, das grässliche Untier mit weit aufgesperrtem Rachen gerade auf sich zukommen sah, da riss er, instinktiv seinem Selbsterhaltungstrieb folgend, blitzschnell seine Beine aufs Sofa empor und, also die am meisten gefährdeten Ausläufer seines Leibes schützend, rief er in höchster Not nach Simmert, dem Herrn und Meister der Bestie, die inzwischen Halt gemacht hatte und einige Augenblicke den so ungewöhnlich dasitzenden Mitteleuropäer verwundert anstarrte.

Schon war aber Simmert, nur mit seinem langen Nachthabit und der Bartbinde bekleidet, herbeigeeilt und hatte die Dogge beim Halsband gepackt. »Still, Lord! Leg' Dich!« Dann, als das Tier auf einen kräftigen Klaps reagierend, sich niederstreckte, rief er zur Flurtür hin:

»Wer ist denn da?«

»Scheen juten Morjen, Herr Doktor! Ich bin's – der Meister Greiner!«

»Aha!« Ein verständnisvolles Lächeln umspielte Simmerts Lippen; doch im nächsten Augenblick rief er laut: »Na, bitte schön – man immer rein, Herr Greiner! Vor Ihnen brauchen wir uns ja nicht zu genieren.«

Die Klinke bewegte sich von draussen, doch im selben Augenblick stand Lord auch schon wieder auf den Beinen, und mit drohend vorgerecktem Kopf, die Rute lang weggestreckt, liess er ein tiefes Knurren gegen die Tür hin hören, die sich jetzt öffnete. Als aber der Draussenstehende, der biedere Schneidermeister Marius Greiner, sich dergestalt begrüsst sah, beschlich ihn ein unbehagliches Gefühl und er begnügte sich damit, vorab erst durch den Türspalt weiter die Konversation zu führen.

»Aber bitte, treten Sie doch näher!« lud ihn Simmert mit einem freundlichen Lächeln überaus höflich ein. Als aber Meister Greiner mit einem verlegenen Grinsen nach der ihn immer noch anknurrenden, anscheinend sprungbereiten Dogge hin zaudernd stehen blieb, fragte er weiter: »Was verschafft mir denn die Ehre?«

Er wusste zwar von mehrfachen, früheren Besuchen des ehrsamen Schneiders her nur zu gut, das der Biedere seine Rechnung bezahlt haben wollte, aber es machte ihm ein begreifliches Vergnügen, den Tretphilister möglichst lange in dieser fatalen Situation zu lassen. Herr Greiner sah sich denn also veranlasst, dem Herrn Doktor zu erklären, dass er die Rechnung mit habe für die beiden Anzüge, die der Herr Doktor am Anfang des Semesters bestellt habe und derentwegen er nun schon dreimal hier vorgesprochen habe.

»Ach, das tut mir aber leid, ausserordentlich leid, dass Sie sich schon so oft vergeblich bemüht haben!« bedauerte Simmert mit aufrichtiger Miene, als ob ihm das etwas gänzlich Neues sei. »Aber ich sehe, Sie haben die Rechnung bei sich. Bitte, geben Sie sie mir doch her.«

Der wackere Schneidermeister merkte nun doch endlich, dass er schändlich verulkt wurde und brach ärgerlich los. Der verdammte Köter sollte nur erst fortgeschafft werden, dann wollte er wohl reinkommen! Simmert erklärte ihm jedoch mit kaltem Lächeln, das Hundchen wäre ja ganz harmlos, wenn aber Herr Greiner ihm absolut nicht die Rechnung überreichen wolle, dann müsse er sehr bedauern. Er zahle prinzipiell nur, wenn ihm zuvor die Nota gegeben sei. Es sei also Herrn Greiners eigene Schuld, wenn er sein Geld nicht bekäme.

Dieser blutige Hohn brachte den biederen Meister in berechtigte Wut. Laut schreiend drohte er, dass er das Herrn Simmert schon eintränken werde. Doch sowie er seine Stimme also erhob, sprang mit wildem Kläffen die Dogge auf die Tür zu und warf diese durch den Anprall ins Schloss. Herr Greiner aber floh, auf den Tod erschrocken, aus dem ungastlichen Hause von dannen.

Drinnen aber brach aus Freude über den also erfolgreich abgeschlagenen Angriff des Tretphilisters ein donnerndes Gelächter aus. Pahlmann, der noch immer auf dem Sofa hockte, schlug sich vor Lachen wie ein Tobsüchtiger auf die Knie, Simmert führte in seinem Nachtgewand einen wahren Indianertanz auf, und als dritte Stimme in dieser satanischen Symphonie erklang der rauhe Laut Lords, der mit grimmigem Heulen wie ein Irrwisch zwischen Fenster und Tür hin und her raste. Endlich löste sich dieses unheimliche Terzett in eine wohlbekannte Melodie auf, die Pahlmann und Simmert kraftvoll anstimmten:

»Lasset die verdammten Manichäer klopfen,
Ich verriegle meine Stubentür;
Denn der Gestank von solchen Wiedehopfen
Kommet meiner Nase unerträglich für.
Vor den Ferien zahl' ich niemand' aus –
Nach den Ferien wird erst recht nichts draus!«

»Nee, so'ne Unverschämtheit von dem Kerl, dem Greiner!« liess sich dann endlich, nachdem der Sang verschollen war, Simmert vernehmen. Er hatte sich während dieses »Zwischenlieds« eine Couleurmütze aufgesetzt und zündete sich nun eine Zigarette an, blieb im übrigen aber noch in dem tiefen Negligé, das ihm offenbar bei dem warmen Augustmorgen sehr angenehm war. Nun hockte er sich neben Pahlmann auf das Sofa, schlug die Beine übereinander und paffte behaglich vor sich hin, während er seinen flotten, kleinen Schnurrbart drehte, der nebst ein paar tüchtigen Schmissen im Verlauf der letzten drei Semester auf seinem hübschen Gesicht Platz gefunden hatte. »Noch nicht ein Semester ist rum, und der Halunke tritt einen schon zum vierten Mal. Da ist doch das Ende von weg!«

»Na, Graf, den hast Du aber auch schön rausgeekelt. Der kommt sobald nicht wieder!« lobte Pahlmann. Er nannte Simmert mit dem Spitznamen, der diesem seit einigen Wochen anhaftete. Da hatte er nämlich in einem hier gastierenden Zirkus, um sich vor einer Kunstreiterin interessant zu machen, sich vom Kellner eine Flasche Sekt in die Loge stellen und von den Couleurbrüdern ulkeshalber Herr Graf titulieren lassen.

Der »Graf« lachte in sich hinein, vergnügt mit den Beinen schaukelnd. »Na, ich hoff's auch! – Ich kann mich bloss ärgern, dass ich erst überhaupt so dumm war, bei diesem Tapir mir was bauen zu lassen. Die reine Dorfschneiderarbeit! Da hängt sie nun drin im Schrank – ich wer' sie nächstens Apel schenken. Da ist Lupus doch 'nen anderer Kerl. Was? Du musst von jetzt ab auch da Deine Kluft bauen lassen, Pastor!«

Pahlmann war auch bei seinen Couleurbrüdern der Biername »Pastor« geblieben, den er schon vom Pennal mitgebracht hatte; aber es war diesem noch ein verschönerndes Präfix angefügt worden. Man nannte ihn nämlich den »Bier-Pastor«, und dieser ehrenvolle Beiname des jungen Theologen war in der Tat bezeichnend für die Wandlung, die Gemüt und Lebensweise Gottfried Pahlmanns gleich dessen leiblicher Erscheinung im Laufe der drei Semester erfahren hatten, die er nun schon bald im lieben Jena zubrachte. Das Schüchterne, Unbeholfene und Schwärmerische war ihm allmählich ganz abhanden gekommen. Der ehedem schmächtige Junge hatte sich einen regelrechten Weissbierbauch zugelegt, und das gleichfalls stark aufgeschwemmte rundliche Antlitz zierte die übliche jenische Tiefquart. So deutete sich schon äusserlich an, was mit ihm inzwischen vor sich gegangen. Aus dem einst so enthaltsamen Pennäler war in der feucht-fröhlichen Atmosphäre Alemannias ein regelrechtes Bierhuhn geworden, ein passionierter Bierjungentrinker, dessen unheimliches Gefälle gefürchtet war.

Auch Pahlmanns Stellung zu der holden Weiblichkeit hatte eine grosse Änderung erfahren. Seine ehemalige ideale Schwärmerei für das andere Geschlecht, in Gestalt der niedlichen Bahnhofs-Lene, war bitter enttäuscht worden. Er hatte die tugendsame Jungfrau, für die er die Hand ins Feuer gelegt hätte, eines Abends in die Bude seines Couleurbruders Toni huschen sehen. Seit der Zeit war es auch bei ihm mit dem Platonismus in der Liebe vorbei. Er glaubte fortab nicht mehr an das Weib und fand, nunmehr ein fleissiger Besucher der sonntäglichen Tanzvergnügen im Schützenhause, manch willige Hand, die Werktags den Besen führte, nun aber zum Karessieren bereit war, was seine pessimistische Auffassung von dem andern Geschlecht nur noch bestärkte.

Endlich war auch noch in einem weiteren Hauptpunkt des akademischen Lebens die Gesinnung Pahlmanns eine andere geworden: Auch der Pump erschien ihm jetzt nicht mehr als etwas Unfassbares und Verwerfliches. Vielmehr hatte er, wenn auch nach dem Grundsatz: suaviter in modo! – schon in verschiedenen Zweigen seiner wirtschaftlichen Existenz sich dieses beliebten Hilfsmittels in Notfällen bedient. Nur in einer Beziehung hatte er sich bisher davor gehütet, dem Usus der meisten Alemannen zu folgen, nämlich bei Lupus – so nannte man den Schneider Wolff aus Greiz – seinen äusseren Menschen herrichten zu lassen. Er hatte vielmehr seinen bescheidenen Bedarf an Leibeshüllen gleichfalls bei Meister Greiner gedeckt.

Darum erwiderte er auch nun auf Simmerts Anregung immer noch ausweichend. Aber der »Graf« pfiff ihn da nicht schlecht an.

»Was, Pastor – Kerl! Du willst doch nicht etwa noch weiter den Filou, den Greiner, in Nahrung setzen? Den Halunken, der mich so getreten hat? Das wäre ja einfach schlotig von Dir! Ausserdem pumpt Lupus bis in die Puppen. Ich hab's neulich persönlich von einem alten Korpsier gehört, der hängt bei ihm nun schon mit 2000 Mark, und er hat ihn noch nicht einmal getreten. Da wäre man ja doch ein Hornvieh erster Klasse, wenn man solche günstige Gelegenheit nicht wahrnähme! – Sein bares Geld kann man doch besser anlegen! Mensch – Siehst Du denn das nicht ein?«

Pahlmann musste schliesslich zugeben, dass in der Tat viel Wahres an Simmerts Beweisführung sei, und zeigte sich zu guter Letzt nicht abgeneigt, dessen Rat einmal versuchsweise zu befolgen.

Die beiden Freunde schritten dann zu dem Werk ihrer Toilette, für Pahlmann ein notwendiges Übel, mit dem er sich stets auf möglichst kurzem Wege abzufinden suchte, während Simmert mit einer wahren Wonne im Wasser schwelgte, so dass sein Schlafzimmer nach dem Anziehen immer einem kleinen See glich. Endlich erschien er, wie alltäglich, mit blendend weisser neuer Wäsche, in einem frisch gebügelten, hellen Flanellanzug, und knüpfte vor dem grossen Spiegel kunstvoll seinen Schlips. Mit geringschätziger Miene sah Pahlmann vom Sofa aus diesem Beginnen zu, während er sich damit beschäftigte, Simmerts Milchbrot in die dünne, braune Kaffeebrühe zu brocken, die seine Wirtin vor einer Weile herzugetragen hatte.

»Ich habe inzwischen immer Dein Frühstück genommen,« fühlte er denn doch sich zu entschuldigen veranlasst.

»In Gottes Namen! Lass Dir das Spülwasser nur gut schmecken!« lautete die freundliche Aufforderung seines Herbergsvaters. »Ich kann morgens doch nichts runterwürgen. Ich frühstücke nachher in der Zeise.«

In diesem Augenblick hörte man Schritte draussen, und es klopfte abermals. Auch diesmal fuhr Lord wieder nach der Tür, aber auf Simmerts »Herein« trat jetzt ohne Zögern der Besucher ins Zimmer. Es war Hellmrich in Couleur, eine Kollegmappe in der Hand. Auch er stutzte allerdings einen Augenblick, als er die Dogge erblickte, und wie er nun den Zimmerinsassen die Hand bot, wandte er sich überrascht an seinen Leibfuchs: »Also hast Du Dir den Hund doch kommen lassen?«

Simmert machte ein etwas verlegenes Gesicht, doch dann erwiderte er schnell: »Ja, gestern abend ist er aus Zahna angekommen.« Es lag fast etwas wie ein leiser Trotz in dem Ton seiner Stimme.

Hellmrich sah seinen Leibfuchs einen Moment mit einem stillen, aber beredten Blick an; dann musterte er das Tier, das er an sich lockte: »Ein hübscher Hund, aber im Leben keine 300 Mark wert. Das ist ja ein Sündengeld!«

Simmert erwiderte nichts, aber er warf zu Pahlmann einen ungeduldigen Blick hinüber, als ob er sagen wollte: Na, nun sage bloss, – hat er nicht schon wieder an mir rum zu schulmeistern?! Pahlmann zuckte die Achseln. Er wollte sich jedenfalls in diese Angelegenheit nicht hineinmischen; er wusste, dass Hellmrich seinem Leibfuchs ernstlich abgeredet hatte, den Hund zu kaufen und so viel Geld dafür fortzuwerfen. Die Situation war ihm peinlich, denn er fühlte, dass Hellmrich wohl noch mehr sagen wollte, es aber aus Rücksicht auf ihn unterliess. Es fiel Pahlmann daher plötzlich ein, dass er sich die Hände noch einmal waschen wollte, und er zog sich, dieses Vorhaben laut verkündend, ins Schlafzimmer Simmerts zurück, die Tür hinter sich einklinkend.

Hellmrich benutzte in der Tat diese Gelegenheit zu einer Aussprache mit Simmert: »Rudolf, Rudolf! Was machst Du für Sachen! Sieh mal, ich weiss doch ganz genau, dass Du solche Ausgaben mit Deinem Wechsel nicht bestreiten kannst, wenn Du nicht einfach einen Monat so gut wie blank dastehen willst. Also Du musst Dir das Geld doch direkt pumpen!«

Simmert, der ans Fenster getreten war, stand, die Hände in den Hosentaschen, und erwiderte nichts. Er wollte nicht lügen und abstreiten, dass er sich in der Tat durch den Couleurdiener gegen einen kurzen Wechsel über 500 Mark ein Darlehen von 400 Mark verschafft hatte. Gewiss, es war ja Leichtsinn, aber mein Gott – warum war denn Hellmrich auch nur so ein entsetzlicher Pedant, und machte wegen jeden Jugendstreiches immer gleich so viel Aufsehens – fast wie der Alte zu Hause; es war ja da wirklich kein Unterschied!

Als Simmert keine Antwort gab, trat Hellmrich mit ernster Miene zu ihm und legte ihm vertraulich die Hand auf die Schulter, indem er versuchte, ihn zu sich zu drehen. »Rudolf! versteh' mich doch nicht falsch! Ich meine es ja nur gut mit Dir. Ich will Dir doch gewiss nicht die Freude an Deinem Studentenleben verkümmern. Nur vor unnötigen Ausschreitungen möchte ich Dich gern bewahren, deren Folgen Dir später das Leben vergällen können. Du siehst ja jetzt immer nur die fidele Seite der Dinge. Es macht Dir einen Heidenspass, wenn Du so recht nobel das Geld mit vollen Händen unter die Leute werfen kannst, wenn Dir die Philister alle recht viel pumpen – ich weiss, sie drängen's einem ja förmlich auf. Aber werde nur erst ein paar Semester älter, dann kriegst Du die Kehrseite der Medaille zu Gesicht. Die sieht verdammt anders aus! Denk doch zum Beispiel nur an unsern alten Walcker, wie den jetzt die Tretphilister hin und her hetzen, dass er seines Lebens nicht mehr froh wird und dicht vor dem Manifestieren steht. Da vergeht einem hinterher das Lachen und der Leichtsinn! – Siehst Du, davor möcht' ich Dich schützen. Das habe ich Deinen Eltern versprochen, damals, als sie Dich mir mitgaben, und das bin ich Dir schuldig, auch ohne das, als Dein Leibbursch. Denn Du weisst, ich fasse das nicht bloss als ein Bierverhältnis auf, sondern ich nehme unsere Freundschaft ernst.«

Die warmherzigen Äusserungen Hellmrichs liessen Simmerts Ärger wieder verfliegen. Lachend drehte er sich um: »Na, ja, Du hast recht, Karl – selbstverständlich! Aber nu' hör' aber auch auf mit Deiner Moralpauke!« schmeichelte er. »Du weisst, es war ja stets mein brennender Wunsch, einen Hund zu haben, und ich spare schon wieder in den nächsten Monaten so viel, dass ich das Geld dafür wieder rauskriege.«

»Das glaubst Du doch selbst nicht!« Hellmrich verharrte bei seinem ernsten, aber freundlichen Ton: »Wie Du jetzt zu leben gewohnt bist!«

»Na, dann schadet's auch nichts! Dann mache ich eben den ganzen Schwamm ab, wenn ich im nächsten Frühjahr mein Geld kriege.« Simmert meinte den alsdann eintretenden Termin seiner Grossjährigkeit, wo ihm in der Tat das Erbteil seiner Grossmutter zufiel.

»Ach, Du lieber Gott – darauf bau' nicht zu viel! Die paar tausend Mark werden bald alle sein, wenn Du daraufhin jetzt schon immer so darauf los wirtschaftest. Nein, mein Junge, so leicht kommst Du mir heute nicht davon. Ich hatte mir schon längst vorgenommen, Dir einmal den Kopf zu waschen. Denn das geht wirklich nicht mehr so weiter mit Dir; Du bist auf dem besten Wege, zu verbummeln!«

»Wieso? Das verbitt' ich mir!« brauste Simmert auf.

»Man ruhig, mein Junge!« versetzte Hellmrich gelassen. »Zum Beispiel: Du gehst nun schon ein Semester lang überhaupt nicht mehr ins Kolleg.«

»Na, wenn schon! Du schwänzst doch selber oft genug!«

»Erlaube! – Gewiss, ich gehe wohl manchmal auch nicht hin, und ich verdenke es Dir auch nicht im geringsten, wenn Du mal Deinen Jammer ausschläfst, oder Dich bei dem schönen Sonnenschein lieber draussen rumtreibst als im Hörsaal. Aber das Bummeln darf doch nicht zur völligen Gewohnheit werden; sonst verlierst Du schliesslich alle Energie, alle Fähigkeit zum arbeiten.«

»Tu' mir den einzigen Gefallen und mach' nun endlich Schluss!« rief aufs höchste verdrossen Simmert und zündete sich eine Zigarette an. »Wenn Du nichts weiter willst, als mich abkanzeln wie einen dummen Jungen – dann brauchst Du Dich wirklich nicht zu mir bemühen!«

»Leibfuchs!« Hellmrich rief es ernstlich verletzt aus. Aber der andere hörte es nicht. Er schnippte vielmehr nach seinem Lord und spielte, auf Hellmrich nicht mehr achtend, mit dem Tier. Einen Augenblick wartete Hellmrich noch, als aber Simmert auch dann noch immer nichts sagte, griff er zu Couleurstock und Mappe, die er vorhin auf den Tisch gelegt hatte. Ein heftiger Ärger war nun auch über ihn gekommen, und mit erhobener Stimme äusserte er sich energisch zu Simmert: »Gut! Von dieser Stunde ab werde ich nie mehr in Deine Privat-Angelegenheiten dreinreden. Du kannst tun und lassen, was Du willst. Aber ich muss fortab auch jede Verantwortlichkeit dafür ablegen, was aus Dir hier wird. Ich werde das noch heut' Deinem Vater schreiben.«

»Ppp!« machte Simmert geringschätzig, eine dichte Rauchwolke von sich blasend: »Schreib' ihm, so viel Du willst. Ich brauche keinen Vormund hier. In ein paar Monaten bin ich ja so wie so majorenn!«

Hellmrich erwiderte nichts mehr. Still schritt er zur Tür und ging ohne Gruss fort. Aber im Innersten tat es ihm bitter weh, dass er so von seinem Leibfuchs gehen musste. Es war das erste Mal, dass sie in ihrer langjährigen Freundschaft sich derart trennten.

Sowie Pahlmann merkte, dass Hellmrich fortgegangen war, kam er wieder zu Simmert hinein. Er war froh, dass er selbst einer Philippika des Ersten entronnen war. Hellmrich, der nun schon zwei Semester lang die Würde des ersten Chargierten bekleidete, nahm es nämlich ungewöhnlich ernst mit seinem Amt. Er war nicht bloss der Repräsentant der Alemannia nach aussen und der Leiter ihrer Konvente und Kneipen, sondern er hielt es auch für seine Pflicht, über die persönliche Aufführung der Aktiven zu wachen. Es war das so alter, guter Alemannen-Brauch. Ein günstiges Geschick hatte es bisher immer so gefügt, dass fast stets eine grössere Zahl von alten Inaktiven und einzelnen alten Herren der Landsmannschaft am Platze gewesen waren, die einen wohltätigen, erzieherischen Einfluss auf die jüngeren Leute ausübten, sodass diese nicht ganz sich selbst überlassen waren. So hatte es Hellmrich seiner Zeit vorgefunden, als er nach Jena gekommen war, und, in dieser Tradition hier aufgewachsen, fuhr er nun fort, mit gleicher Gewissenhaftigkeit seinerseits auf die gute Entwicklung des Alemannennachwuchses einzuwirken. Bei allen alten Leuten der Landsmannschaft galt er daher für das Muster eines Ersten, und auch die Jungen erkannten seine hervorragenden couleurstudentischen Eigenschaften – er war ja zugleich auch ein famoser Fechter – gern an, wenn schon ihnen auch mitunter seine strenge Disziplin etwas unbequem war.

So hatte auch Pahlmann oftmals schon sein Teil abbekommen, wenn er sich in seiner Eierlaune direktionslos benommen oder durch allzu bummligen Lebenswandel den verständigen Leuten Bedenken eingeflösst hatte. Er konnte daher jetzt seinen Intimus nur allzugut verstehen, wie dieser in wildem Grimm über Hellmrichs »verdammte Schulmeisterei« im Zimmer herumtobte, alle Türen und Schübe krachend zuwerfend. Schliesslich war aber trotz dieser störenden Gemütsbewegung Simmert mit seiner Toilette endgültig fertig geworden, und er schickte sich an, mit Lord auszugehen. »Kommst Du mit?« wandte er sich an Pahlmann, indem er sich die Handschuhe zuknöpfte.

»Wohin?« fragte dieser lakonisch zurück, während er sich faul auf dem Sofa räkelte, auf das er sich schon wieder niedergelassen hatte.

»Erst natürlich auf Tobias« – er meinte: zum Friseur – »dann zum Marktbummel.«

»Ach so – um den neuen Renommierhund, allem Volk vorzustellen – insbesondere der verehrlichen Damenwelt!« interpretierte Pahlmann ironisch die Absicht des Freundes.

»Blech!« erwiderte achselzuckend der Herr des Hundes, während er diesem das prächtige Nickelhalsband so zurecht rückte, dass das darin eingeflochtene Couleurband gerade oben sichtbar wurde. »In die Zeise will ich, zum Weinfrühschoppen. – Na, kommst Du nun eigentlich mit oder nicht!«

»Nee – hab' keinen Kies,« lehnte Pahlmann ab und blieb standhaft, trotzdem Simmert generös erwiderte, das schadete nichts, es hätte noch genug' Däuser. »Ich hab' überhaupt kein'n Schneid auf Wein. Mir ist heute so recht »jen'sch« zu Mute. Ich werde mir noch zwei Mann 'ranlotsen, dann dreschen wir 'nen jemütlichen Budenskat bei einer Spritzkanne.«

»Pfui Deibel! Am frühen Morgen Weissbier? Na, denn viel Vergnügen! Morjen!« Der aristokratischer gesinnte Freund wandte sich mit Grausen und liess den Logiergast gleichmütig allein in seiner Bude zurück. Die Jenenser Etikette legte dem Wirt ja nicht so strenge Pflichten auf. Pahlmann war auch nichtsweniger als verletzt über diese Formlosigkeit. Er erhob sich vielmehr nach einer Weile, die er nutzbringend und angenehm mit Gähnen zugebracht hatte, ging zum Bauerntisch hinüber und holte sich eine Zigarre aus Simmerts Kiste.

Gemütlich paffend schritt er dann zum offenen Fenster und lehnte sich behaglich auf das Polsterkissen auf, auf die stille Strasse hinaussehend.

Simmerts Bude lag im Erdgeschoss eines Hauses am unteren Graben, und in der Nähe wohnten noch mehrere andere Alemannen. Es war also sehr wahrscheinlich, dass jetzt, in der zehnten Vormittagsstunde, der eine oder der andere hier vorbeikommen würde, den er dann zu dem geplanten Skat »keilen« konnte. Und richtig, nach knapp zehn Minuten tauchten drüben auf der andern Seite noch ziemlich hinten zwei schwarze Mützen auf, die langsam näher kamen. Der Jungbursch Birkner und der Fuchs Ranitz.

»Ui-i-i-iuh!« Hell tönte der Pirolspfiff der Alemannen an ihr Ohr, und sie gewahrten nun Pahlmann, im Fenster der Simmertschen Bude. Lachend kamen sie herüber.

»Na, Du hattest gestern mal wieder einen mächtigen Zacken weg, Pastor! Was macht denn der Schädel?« erkundigte sich teilnehmend Birkner und reichte Pahlmann die Hand zum Gruss ins Fenster hinein, während der Fuchs höflich die Mütze zog.

»Brummt immer noch mörderlich!« gab Pahlmann zurück. »Das beste ist, man legt ein Hundshaar auf. Kinder, wisst Ihr was? Wir wollen einen Budenskat dreschen und legen eine Spritzkanne auf – oder noch besser, wir setzen uns vor's Haus!«

»Ach, ja – famos!« brach das Füchschen begeistert los, denn diese schöne Jenenser Sitte war ihm immer noch etwas Neues und Weihevolles. Doch Birkner erhob Einwände. Er wollte eigentlich heute auf den Sezierboden. Er hätte da schon seit acht Tagen ein Präparat halb fertig liegen. Aber Pahlmann redete ihm solche Dummheiten bald aus: »Ach was! Lass doch den alten Knochen liegen. Der läuft Dir nicht weg!« Und diese Wahrheit leuchtete dem jungen Medizinmann schliesslich ein; er liess sich »breitschlagen«.

Nun wurden mit grosser Geschwindigkeit aus Simmerts Behausung ein Tisch und vier Stühle herausgetragen und mitten auf den Bürgersteig gesetzt, der dadurch völlig gesperrt war. Doch das war ja altes, gutes Studentenrecht in Jena. Die dienstbare Magd des Hausphilisters war inzwischen ins benachbarte Kaffeehaus hinübergelaufen und schon nach fünf Minuten kam sie mit einer vollen Spritzkanne an. Flugs war das reichliche Reservoir des köstlichen Stoffs auf dem vierten Stuhl aufgebaut und die hölzernen Länzchen mit dem trübfliessenden Inhalt gefüllt. Und ehe nun die Drei sich im lachenden, warmen Sonnenschein dem ernsthaften Geschäft des Bier-Skats hingaben, stärkten sie ihre Herzen und Hände zu diesem löblichen Werk mit einem fidelen Anstichlied, das sie laut auf die stille Strasse hinausschmetterten:

»Wir hab'n keen' Arbeit,
Wir hab'n keen' Arbeit,
Wir müss'n ganzen Tag spazieren geh'n.
Wir hab'n keen' Arbeit,
Wir hab'n keen' Arbeit,
Wir müssen 'nen ganzen Tag spazieren geh'n.
Die Arbeit ist keen Frosch,
Die huppt uns nicht davon! –
Prost – Blume!«

Von diesem kräftigen Gesang der drei Männer auf dem unteren Graben aufgestört, steckten wohl ein paar neugierige Philisterweiblein die Nase aus dem Fenster, und der Krämer an der Ecke trat spähend aus seinem Laden, aber sonst kümmerte sich niemand um die freien Burschen, die also hier offenkundig jedem Kollegzwang und Frühschoppenverbot Hohn sprachen. Mit hohem Eifer widmeten sie sich, gänzlich ungestört, ihrem Spiel. Kam ein Passant des Weges, so machte er ganz selbstverständlich einen Bogen um die Gruppe herum und schritt auf dem Strassendamm vorbei – wie denn auch nur gebührlich war. Also konnte sich der Skat gedeihlich entwickeln, und es war denn schon im Laufe der Stunden die dritte Spritzkanne »ausgelachst« worden, als plötzlich die bereits mit einer ziemlichen »Bierfahne« geschmückten Spieler, die ganz in ihre Karten vertieft waren, durch einen eiligen, scharfen Tritt aufgestört wurden, der sich ihnen nahte. Erstaunt sah man auf und bemerkte plötzlich Hellmrich, der nun dicht vor ihnen stand.

»Wo ist Simmert? Ist er denn nicht hier?« klang seine aufgeregte Frage, die er an Pahlmann richtete. Dieser sah den »Ersten« verwundert an. Mein Gott, was hatte der denn bloss? Er sah ja ganz bleich und verstört aus.

»Nein, er ist nicht hier. Aber was ist denn los?« fragte Pahlmann neugierig seinerseits. Einen Augenblick zauderte Hellmrich. Er musterte mit einem missbilligendem Blick den Schauplatz dieser feuchtfröhlichen Tätigkeit und darauf das Antlitz des Sprechers, als wollte er diesen erst auf seine Nüchternheit hin prüfen. Dann aber, als er sah, dass der »Pastor« noch so ziemlich im stande war, machte er ihm ein Zeichen, dass er ihn allein zu sprechen wünschte.

Nunmehr ganz betroffen und nichts Gutes ahnend, folgte Pahlmann dem Wink und trat mit ihm in den Hausflur hinein. Noch einmal klang hier seine Frage: »Aber nun sag' doch nur endlich: Was ist denn passiert?«

»Simmerts Vater ist gestorben!« Mit tiefernstem Ausdruck sprach es Hellmrich und zog ein Telegramm aus der Brusttasche. »Da – soeben wurde mir die Depesche hier gebracht: Er ist heute nacht an einem Herzschlag verschieden. Die Mutter telegraphiert's. Ich soll Rudolf schonend vorbereiten. – Wo ist er?«

Erschüttert nahm Pahlmann das Papier mit der Unglücksbotschaft; ihm zitterte die Hand, als er sie las. Er hatte ein weiches, mitleidiges Herz und malte sich in diesem Augenblick aus, wie ihm selbst wohl zu Mute sein würde, wenn ihn plötzlich, mitten in ausgelassener Jugendlust, solche Kunde beträfe, denn er hing sehr an seinen Eltern.

»Der arme Simmert!« sagte er leise zu Hellmrich, das Telegramm wieder zurückgebend. »Und nun sitzt er ganz ahnungslos beim Wein in der Zeise! – Soll ich mitkommen?« fragte er dann rasch, von aufrichtigem Freundschaftsgefühl getrieben.

»Danke, lieber Pahlmann! Nachher, wenn er das Schwerste hinter sich hat – dann komm', ihn trösten. Jetzt lass mich allein zu ihm.«

Und schnell wandte sich Hellmrich fort, den schweren Weg zu gehen.

Pahlmann aber trat zu den ganz verblüfft dreinschauenden Genossen draussen und gab ihnen die Aufklärung. Still gingen sie auseinander: Das Spiel war aus.


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