Jeremias Gotthelf
Leiden und Freuden eines Schulmeisters
Jeremias Gotthelf

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Achtundzwanzigstes Kapitel

Wie mir wieder Trost kömmt ins ermattete Herz, fernere Prüfungen zu ertragen

Wenn ich dann so recht elend und zerknickt mein Tagewerk durchgemacht hatte, nicht mehr weben, nicht lesen mochte – so saß ich auf dem Ofentritt mutterseel alleine, und kaute trübselig an trübseligen Gedanken. Da war es mir eines Abends besonders unheimelig. Der Wind schüttelte das Haus, daß alle Wände krachten, an die Fenster schlugen Schnee und Niesel und auf dem Tische flackerte unruhig die Lampe. Denn der Wind, durch die Fenster zwar gebrochen und aufgehalten, drang doch durch die lockeren morschen Fenster und ein kaltes Wehen strich durch die Stube. Es war wie kalter Geisterhauch, der mir fröstelnd den Rücken auf lief; und das Girren und Klopfen der Wände tönte wie Seufzer unseliger, wiedererstandener Toten, die durch ihre Sünden an die Erde gebannt nicht Ruhe finden könnten im Grabe. Es wurde mir immer bänger in der öden Stube. In der Schulstube, die auf die Straße ging, von wo aus man in andern Häusern die Lichter sehen konnte, hoffte ich des Schauers los zu werden, und mit innerm Beben durch die dunkle Küche schreitend, flüchtete ich mich dorthin. Aber vom Regen war ich in die Traufe gekommen. Mein Lämpchen erhellte nur den kleinsten Teil des Raumes, und im dunkeln Hintergrunde schien es sich nun zu regen, und bald in dieser Ecke bald in jener Gestalten aufzutauchen, zu schlirpen und zu stöhnen. Ich war bei der Thüre eingetreten, wo meine Orgel stund, und dort stehen geblieben, weil ich nicht weiter durfte. Die Orgelthüre stand zufällig offen und zufällig, wenn nämlich etwas zufällig ist, legte ich meine Hand auf die Tasten.

Ein Ton voll und tief rauschte auf aus der Orgel Brust, welcher der Mensch Leben und Atem gibt. Wohl schrak ich im ersten Augenblicke zusammen und glaubte, die Orgel vergessend, ein Geist erhebe seine Stimme; aber der gleiche Ton löste alsobald den Schrecken wieder und klang wie Freundes-Stimme in meine Seele hinein. Unwillkürlich setzte ich mich zu diesem Freunde hin und lockte seine Stimme ins Leben. Da schwand das Beben aus meinen Gliedern, die Gestalten schwanden, das Pfeifen und Girren verlor den geheimnisvollen Schauer, und allmählich kam über meine Seele eine wunderbare Beruhigung. Ich konnte nicht phantasieren. Es kam mir so wenig in den Sinn, daß man aus der Seele etwas spielen könne, als es andern einfällt, daß man aus dem Herzen beten könne. Hat man kein Buch bei der Hand, so hält man sich wenigstens an die auswendig gelernten Worte oder Töne. Aber das Herz läßt sich seine Rechte nicht nehmen, und ohne daß es der Betende oder Spielende weiß, legt er es hinein in die Worte und Töne und saugt aus ihnen Trost, Frieden, Kraft. Der feierliche 104. Psalm war es, der in meine Seele drang, der auch den Bann des Herzens löste, das dumpfe Brüten über meinem Elend verwandelte in stille Ergebung und in mir die Keime des Glaubens weckte, daß denn doch nicht alles verloren, daß ich nicht ganz verworfen sei; – der eine Ahnung mir dämmern ließ, daß ich von meinem Falle mich erheben und ein anderer werden könne, daß vieles eitel sei, aber doch nicht alles. Nichts von diesem kam mir zum Bewußtsein und trat deutlich hervor. Es wogte in mir bunt durcheinander, wie im Anfang es gewesen sein muß, als der Geist über dem finstern Chaos schwebte, als Gott sprach: es werde, als das Schaffen begann, aber noch nichts geschaffen, vollendet, vom Lichte der Sonne erleuchtet da stand.

Ich fühlte nur, daß mir unendlich wohl ward, daß mein Herz erleichtert, meine Seele freier geworden. Und als ich zu spielen aufhörte, empfand ich eine gewisse Ruhe, eine Kraft, dem folgenden Tage entgegen zu gehen, die ich bisher nicht gekannt hatte. Ohne Seufzen konnte ich mich niederlegen, konnte mich am folgenden Tag der Sonne wieder freuen, die nach wilder Sturmesnacht in goldenem Glänze ihr herrlich Antlitz erhob und freundliche Blicke in mein Stübchen sandte.

Von da an blieb die Orgel mein tröstender Freund.

In meinen äußern Umgebungen änderte sich nichts. Die Leute blieben sich gleich, meine Stellung zu den Kindern, mein Wirken in der Schule besserte sich nicht. Aber ich ward davon nicht mehr erdrückt, sondern ich trug es als eine Buße. Ich weiß nicht, ob alle diesen Unterschied verstehen. Aber denkt euch nur den Unterschied in der Lage eines Menschen, wenn er unter einer Bürde stöhnend am Boden liegt, oder wenn er die gleiche Bürde auf der Achsel trägt.

Es warteten mir noch heiße Tage, strenge Prüfungen für den sich ermannenden Menschen.

Der heißeste war der Examentag. Er machte mir schon lange angst und bang. Freilich beschleicht dieses Gefühl auch den besten Lehrer im Gefühl des Gegensatzes zwischen seinem Wollen und Vollbringen. Diesem ist dann um so größere Freude bereitet, wenn er dankbare Anerkennung seines Vollbringens findet, wenn ihm deutlich wird, daß seine Bangigkeit nur die schöne Quelle in der Bescheidenheit und dem Streben nach einem hohen Ziele habe; wenn er dadurch das beste Zeugnis erhält, daß er kein Augendiener sondern ein Diener des Herren sei, dessen Dienst auf Erden freilich keiner vollkommen erfüllt.

Freilich gibt es auch Bürfshchen, die diese Bangigkeit nicht empfinden, die glauben, mit ihren Leistungen die ganze Welt in Erstaunen zu setzen, indem so was noch nie erhört worden; Bürschchen, die zu dem Ende ganze Wochen vorher die Kinder zu einem schändlichen Augendienst vorbereiten, Antworten auswendig lernen lassen u., und keine Ahnung haben, wie verächtlich der ist, der nur seinen Ruhm sucht und nicht den Nutzen der Kinder; keine Ahnung haben von der Schlechtigkeit des Lehrers, der seine Kinder zu Lug und Trug förmlich abrichtet. Solche Bürschchen aber gibt es in Städten, auf dem Lande und sogar auf Höfen.

Nun hatte ich aber alle Ursache bange zu sein. Es konnte mir nicht verborgen sein, daß meine Kinder diesen Winter eher zurückgekommen waren als vorwärts; daß eine Zuchtlosigkeit in der Schule herrsche, die sich am Examen nicht verbergen lasse. Ich wußte, daß der Pfarrer und die Vorgesetzten in feindseliger Stimmung kommen und daher auch alles mit böswilligen Augen betrachten würden. Wo man von vornen herein eingenommen ist, scheint auch das Beste schlecht und das Schlechte noch einmal so schlecht. Diesen Kunstgriff wußte auch eine gewisse Celebrität unserer Tage vortrefflich anzuwenden, um alle die, welche nicht in ihre Posaune stießen, niederzutreten dadurch, daß sie in ihrer angemaßten Autorität mündlich und schriftlich alles verleumdete, was ihrer Oberherrlichkeit sich nicht unterwerfen wollte, daß sie Vorurteile allenthalben zu erwecken mußte, ehe nur etwas sich entfalten konnte. Und das alles that sie im Namen der Bildung und Sittlichkeit, deren Vorfechter sie sich nannte. Welche merkwüdige Begriffe von Sittlichkeit und Bildung dieser Mensch nicht haben muß!

Wie ich gefürchtet hatte, so geschah es auch.

Unwillige Gesichter und des Pfarrers Stimme, der alle Augenblicke, und zwar mit Recht, rief: »Heyt ech doch still, me versteht ja nüt, das isch mr e-n-Ornig« – brachten mich außer Fassung, so daß es noch schlechter ging, als es hatte gehen können. Endlich war die Marter zu Ende, wenigstens vor den Kindern; denn als sie entlassen waren, kam ich an den Tanz. Ich mußte bittere Vorwürfe hören über die Ungeschicklichkeit der Kinder und ihren Ungehorsam. Beides legte man mir allein zur Last und sagte mir: So geyt's, we dr Schumeister si so uffüehrt.

Was mich am bittersten berührte, war, daß die, welche mich sonst gegen die Vorwürfe des Pfarrers aufwiesen, nun vollkommen einstimmten; daß die, welche ihre Kinder gegen mich aufwiesen, ihnen ihre Komödie nicht nur duldeten, sondern wahrscheinlich auch eingaben, nun alle Schuld des mangelnden Respektes auf mich schoben. Das war die Strafe, daß ich den Aufweisenden Gehör gab, und nicht den Zurechtweisenden.

Nachdem ich wiederholte Salven von Vorwürfen ausgehalten hatte, brachte ich kaum die Bitte um ein Zeugnis hervor, um mich nach einer andern Schule umsehen zu können. Nun ging das Elend wieder von vornen an.

Es wurden drei Meinungen vorgebracht, wie ich draußen an der Thüre hörte, nachdem ich nach manchem Stichwort hatte abtreten müssen.

Die erste Meinung gab der Eigennutz. Ein Bauer, dem ich noch schuldig war, wollte mir gar kein Zeugnis geben, bis ich den letzten Kreuzer bezahlt. Wäre ich einmal fort, so kriegte man nichts mehr. Ich mache es dann wie ein Anderer, der bei seinem Weggehen einen Gläubiger damit tröstete: Häb nume Geduld, i bi angere noh mey schuldi.

Eine zweite Meinung wollte mir ein recht gutes Zeugnis geben, damit ich nur fortkomme, sönst bleibe ich ihnen auf dem Halse, und wenn sie einen solchen Schulmeister länger behalten müßten, so würden sie verbrüllet im ganzen Lande; man halte ihnen denselben ja schon in allen Wirtshäusern und an allen Märkten vor. Nota bene. An dem Lärm waren sie selbst schuld; sie hatten mir noch ein Lied gemacht und es allenthalben gesungen, das so anfing:

Üse Schumeister hätt rych möge wybe,
Hätt o Chüe uf dWeid möge trybe;
Jetz cha-n-er hey la schrybe,
Er müeß no ledig blybe.

Die beiden letzten Zeilen wurden bei jedem Verse wiederholt, wie ich es oft genug hören mußte.

Eine dritte Meinung hielt es für sehr gefährlich, mir ein gut Zeugnis zu geben. Man hätte schon viele Beispiele, brachte sie vor, daß Schulmeister Zeugnisse gefordert hätten unter dem Vorwande wegzugehen, dann aber nicht weggegangen seien, sondern dieselben gegen die Gemeinde benutzt haben, wenn diese klagend aufgetreten wäre. Gegen ein solches Zeugnis könne man nichts mehr machen, sondern sei gefangen. Auch glaube man gar nicht, daß ich fortbegehre; einen solchen Pfosten, wie der ihre sei, erhalte ich doch nicht mehr. Am besten wäre es, mir ein Zeugnis zu geben prezis wie ich es verdient hätte, und das Garn-Bäbi sollte auch darein; aber dann komme ich nicht fort. Darum solle man mir eins geben, das mir nicht schade und ihnen auch nicht, so eins, aus dem man machen könne was man wolle. Sehe man dann, daß ich nicht fort wolle oder keinen Platz erhalte, so könne man noch immer klagen, wenn man wolle.

Diese Meinung behielt als die klügste die Oberhand, und ich erhielt folgendes Zeugnis: Daß Peter Käfer vier Jahre auf der Schnabelweide Schulmeister gewesen sei, daher man ihn allenthalben bestens empfiehlt, und ihm zu seinem weitern Fortkommen Gottes Gnad und Segen wünscht, bezeugen ec. Das Empfehlen erregte zuerst einigen Anstoß; allein derselbe wurde durch die Erklärung gehoben: es stehe ja nicht da, warum man mich empfehle, man empfehle ja viele Sachen, nur um ihnen loszukommen. Andere könnten damit machen und dabei denken was sie wollten, und ich könnte daraus auch keinen Griff bekommen. Die Erklärung befriedigte, und ich erhielt unter zärtlichen Vorstellungen, wie viel unverdiente Huld und Gnade man mir erweise, gedachtes Zeugnis.

Die Leute hätten nach dem strengen Recht noch viel ärger mit mir umgehen, ich nichts dagegen haben können; aber daß sie das, was sie aus Selbstsucht nur um ihretwillen thaten, mir anrechneten als Gnade und Güte – das ärgerte mich. Ich bachte nicht daran, daß die Menschen überhaupt gewohnt sind, all ihrem Thun solche Mäntelchen umzuhängen und das verächtlichste Treiben aufzuputzen, daß es von weitem wie ein schönes aussieht.


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