Jeremias Gotthelf
Leiden und Freuden eines Schulmeisters
Jeremias Gotthelf

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Drittes Kapitel.

Wie es Vater und Mutter mit den Kindern hatten.

Das Ehepaar, das ich bis dahin schilderte, besaß acht Kinder, von denen ich das dritte war. Man nehme mir es doch nicht übel, daß ich so offenherzig von meinen Eltern rede. Ich thue es wahrhaftig nicht um sie herabzuwürdigen. Weil ich weiß, daß unzählige Ehepaare dem elterlichen gleich sind, so, hoffe ich, könnte vielleicht eine solche Schilderung sie zur Erkenntnis ihrer selbsten bringen, und so ihnen und manchem Kinde Heil geschehen. Ich hoffe, daß, je ehrlicher und aufrichtiger ich mich dargebe, desto größeres Erbarmen werde das Publikum mit mir haben und desto eifriger mein Büchlein lesen. Wir Kinder wurden von den Eltern eigentlich als eine Last betrachtet, die man dadurch zu verringern suchen müsse, daß man alle Kräfte des Kindes in Anspruch nehme. Wir hörten sehr oft, die und die seien doch glückliche Menschen und könnten es so gut haben, weil sie keine Kinder hatten oder nur eins. Doch hatte alle Selbstsucht und die angesetzte Säure in den Gemütern die von Gott so gütig in die Herzen der meisten Erzeuger gepflanzte natürliche Liebe zu ihrer Nachkommenschaft nicht wegätzen können; sie liebten auch, aber auf eigene Weise, und keines, was das andere. Der Vater hielt viel darauf, daß er ein Heimet hatte, und wenn er doch Kinder haben mußte, so wollte er einen Buben, um dasselbe auf ihn vererben zu können. Unglücklicherweise gebar aber die Mutter zuerst zwei Mädchen nacheinander; die konnte nun mein Vater nicht leiden. Alles an ihnen war ihm zuwider, und über jeden Kreuzer, der um ihrentwillen ausgegeben werden mußte, ärgerte er sich. Natürlich nahm sich die Mutter ihrer an, verteidigte sie vor dem Vater. Schalt er, so liebkoste sie die Kinder und belferte gegen den Ehemann. Hatten die Mädchen etwas gethan, das den Vater ärgern mußte, so half sie es ihnen vertuschen, den Vater belügen. Für ihre Kleidung wußte sie immer heimlich einige Batzen auf die Seite zu bringen, entweder aus dem Ankengeld (denn von der einzigen Kuh wurde neben der großen Haushaltung, noch Anken verkauft) oder aus einigen versteckten Klöblene Ryste oder Flachs, oder aus gemausten dürren Schnitzen. Ein Weib, das Geld machen will, findet auf dem Lande hundert Mittel dazu; kein Mann ist schlau genug, es zu verhindern; und doch sind hunderte von Männern, die ihre Weiber durch übertriebene Kargheit zu solchen Kniffen zwingen, und dummerweise sich einbilden, sie könnten nicht beluxt werden. Je älter die Mädchen wurden, desto mehr bedurften sie, desto mehr mußte der Vater betrogen werden, und dabei war das das größte Unglück, daß die Mädchen mit betrügen, mit stehlen halfen. Sie gewöhnten sich, ihre Wünsche nicht zu unterdrücken, sondern die Mittel zu ihrer Befriedigung auf unrechtem Wege zu erlangen. So stahlen sie später nicht bloß dem Vater, sondern auch ihren Meisterleuten. Sie kamen in Schande und wir in gar großen Verdruß. Es ist merkwürdig, daß gar viele Leute glauben, den Eltern stehlen sei keine Sünde. Und doch ist sicher die Sünde weit größer, wenn ich jemandem stehle, dem ich Dankbarkeit schuldig bin und der mir zu essen gibt, mich kleidet, als einem Fremden, der weiter mich nichts angeht. Aber eben so merkwürdig ist es, daß dem Vater selten auffiel, daß die Kleidungen, die sie trugen, nicht aus dem von ihm bewilligten Gelde angeschafft sein konnten, daß er wenigstens selten darnach fragte, zufrieden im Glauben, es sei nicht aus seiner Sache gekauft und unbekümmert darum, woher es genommen sein könnte. Und wenn er zur Seltenheit einmal fragte, woher dies oder jenes? so hieß es schnell: der Götti oder die Gotte hätten es gegeben, und dieses wurde ohne irgend eine Nachfrage gläubig angenommen.

Als ich ihm endlich geboren wurde, hatte er gar große Freude, daß ihm nun sein Kronprinz für sein Kühliheimet und seine 3000 Pf. Schulden geboren sei, und auf diesen Thronfolger baute er fortan alle seine Pläne und Hoffnungen. Er sei nüt, sagte er oft, aber der da müsse etwas ganz anderes werden; der müsse alles lernen, was auf der Welt einer nur lernen könne. Und würde es 100 Kronen kosten, es sollte ihn nicht reuen. Er wisse auch Leute, die nicht einmal Weber gewesen, die jetzt Geld hätten wie Heu und Häuser wie Paläste; die auf allen Märiten Hans oben im Dorfe seien und so ein Weberlein gar nicht ansehen, wie tief er auch die Kappe lüpfe. So ein Händler müsse ich auch werden; hätten es die gekonnt, so wüßte er nicht, warum ich es nicht auch könnte. Und dann müsse ich eine reiche Frau nehmen, sie hätten auch alle reiche Weiber; ein schönes Haus bauen, sie hätten auch alle schöne Häuser; ein Schärbank kaufen, sie hätten auch solche. In diesem wollten wir dann zusammen z'Märit ryten, und allemal ans Ordinäri gehen und nach dem Essen um das Kaffee ramse. Dem Kaffee frage er zwar nichts nach, ein Glas Branntenwein sei ihm lieber. Aber wenn man vornehm sei, so müsse man auch vornehm thun; sonst werde man verachtet. Dann ergötzte er sich an dem Gedanken, wie er diesem und jenem es eintreiben wolle, daß er ihn schnöde angesehen und wie er dann auch den Hut aufhaben und andere die Kappe wolle lüpfen lassen. Hatte er so recht sich ergangen in allen Hoffnungen, die er auf mich baute, so betrachtete er mich ordentlich mit Respekt und behandelte mich darnach. Er wollte nicht, daß ich schrie, und nie glauben, daß ich schreie aus unbekannten Ursachen wie andere Kinder, sondern nur wenn man mich mit Fleiß zu schreien mache. Hörte er mich in seinem Webkeller, so kam er hervor und prügelte die Schwester, die mich gaumen sollte, oder begehrte mit der Frau auf, warum sie mir nicht zu saugen gebe; ihm z'Trotz lasse sie mich verschmachten. Es war keine Rede davon, daß man mir etwas abschlagen durfte. Geschah es einmal in seiner Gegenwart und verzog ich nur eine Miene, so brüllte er: »Wotsch ihm's gäh oder lah, oder soll ih cho?«

Er ging auf keinen Märit, daß er mir nicht etwas kramte, einen Lebkuchen, einen Weggen oder ein Pfeiffenbäggeli, keinem andern Kind aber je um einen Kreuzer. Und wehe dem, das meine Sache auch nur mit einem Finger anrührte! Ich war kaum zwei Jahre alt, so nahm er mich allemal mit, wenn er des Sonntags zur Seltenheit einmal ins Wirtshaus ging, gab mir zu essen, was ich wollte, schüttete mir Wein ein, mehr als ich mochte, und rühmte dann: der möge ihn afe erlyde, aber der müsse ihn lernen trinken, der müsse einmal Wein genug haben. Meine Mutter nahm er dagegen nie mit, so oft sie stichlen mochte: e Tropf Wy thät ere nöter als dem Schnuderbueb da.

Man kann sich denken, wie lieb ich auf solche Weise der Mutter und den Schwestern wurde. Sie hatten meinetwegen alle Tage Verdruß, konnten mich nie genug halten und mußten zusehen, was ich alles erhielt, ohne teil daran nehmen zu können.

Es scheint, mein Vater hatte die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern nie gelesen, oder sie nur so gelesen, wie die meisten Leute lesen können. Er hatte nur die Worte gemürmt mit den Lippen, ohne ihren Sinn zu verstehen und noch viel weniger die Anwendung aus das gewöhnliche Leben und auf seine eigenen Verhältnisse machen zu können. Er hatte nicht begriffen, was der Neid sei, wie leicht er geweckt werde, wie unglücklich er mache! Das habe ich seither nur zu oft bemerkt, daß die Menschen die Namen von Tugenden und Lastern wohl kennen, aber sie nicht erkennen, wenn sie im Leben in ihnen selbst sich äußern oder äußern sollten. Sie merken nicht, wie sie hervorgerufen werden, gewahren die Zeichen nicht, die ihr Keimen, ihren Wachstum ankünden, und wissen noch viel weniger, wie der Wachstum des Bösen könne gehemmt werden. Wenn der Fehler eines Nächsten sie reizt, so machen sie es wie ein einfältiger Mensch, dem ein Nagel in der Wand die Hand verwundet. Statt mit Vorsicht ihn herauszuziehen und ihn zu entfernen, schlägt er ihn zornig an und in die Wand; hat damit die Wand verdorben, sich die Hand verwundet und wird früher oder später den Nagel noch empfindlicher fühlen müssen. So denken die wenigsten Eltern daran, daß das ganze Thun und Lassen ihrer Kinder aus ihren Herzen entspringt und ganz nach dessen Beschaffenheit sich regelt; sie achten bloß auf das Thun und Lassen derselben. Und ein Thun und Lassen, das die Eltern selbst durch das Verderben der Kinderherzen erzeugt, meinen sie dann durch Schläge und Schimpfen züchtigen zu müssen und vertreiben zu können. Sie schlagen die Verdorbenheit nur in die Herzen hinein; Tücke und Verschlagenheit wölben sich als Rinde darüber; aber es kommt die Zeit, wo die Eltern ihre Thorheit büßen müssen. So hatte mein Vater von Neid gehört und gelesen; aber daß er selbst an ihm litt, wußte er nicht; daß er ihn in Weib und Kindern pflanze, dachte er nicht; daß er durch Schlagen und Schimpfen den Neid mehre, in Haß verwandle, merkte er nicht; daß er durch eigene Schuld täglich größern Ärger habe, fiel ihm nicht ein. Und doch war das so natürlich, daß man glauben sollte, ein Blinder hätte es sehen müssen. So wie die Mutter die Mädchen liebte, weil der Vater sie verfolgte, so war ich ihr zuwider, weil der Vater mich liebte. So wie er nur für mich Sinn und Sorgen hatte, so überwältigte sie der Neid, weil sie glaubte, sie verdiene doch eher ein weißes Brötchen oder einen Schluck Wein als ich. Und wenn sie meinetwegen noch mehr Verdruß haben sollte als sonst, so wollte sie, üse Herrgott nähme mich wieder, es ginge mir wohl und ihr noch besser. Die Schwestern, die an der Mutter hiengen, teilten natürlich ihre Meinung; und weil ich immer Sachen hatte, die sie entbehren mußten, so mußte der Neid in ihren Herzen groß werden, und dann noch alle Tage Schläge wegen mir, mußte den Neid in Haß verwandeln, mußte die Folge haben, daß der Vater oft mit Recht sie abstrafen mußte, weil sie wirklich sich gegen mich vergangen. Die Mutter schoß mich herum wie ein Kuderbützi, wenn der Vater es nicht sah. Die Schwestern stahlen mir, was sie konnten, oder die Mutter gab ihnen, was mir gehörte. Sie stießen mich; und war ich gefallen, so rissen sie mich mit einer Sanftheit empor, die viel weher that als der Fall. Da mein Geschrei in beiden Fällen ungefähr das gleiche war, so mochten sie denken: weil sie allweg Schläge kriegten, so sei es nichts als billig, daß ich doch auch wüßte warum. War mein Vater den ganzen Tag fort, so war das ein Herrentag für sie und ein Leidenstag für mich. Konnte ich doch so viel schreien als ich wollte, er hörte es nicht; mochten sie mir nur halb genug zu essen geben, er sah es nicht.

Natürlich hing ich mich, getrieben durch angebornen Instinkt, an den Vater, und wollte nur bei ihm sein, und wenn ich im Webkeller bei ihm sein konnte, so war das meine größte Freude. Natürlich klagte ich dem Vater, sobald ich reden konnte, alle erlittenen Mißhandlungen, lief zu ihm, wenn eines mich nur sauer ansah. Natürlich hörte dies der Vater gerne und verleitete mich, all ihr Thun und Lassen zu verrätschen. Darum wollten sie mich auch nicht bei sich leiden, sondern jagten mich von all ihren Arbeiten weg, und ich lief zum Vater. Daher wollte auch niemand mit mir lernen in den Namenbüchern, welche der Vater mir schon im dritten Jahre kramte und immer eines schöner als das andere. Die Mutter wollte nicht Zeit finden, mit den Schwestern gab es Krieg, und da die Lehrenden immer den Kürzern zogen, so kam der Lernende nicht weit und strengte sich nicht besonders an; er wollte lieber die goldenen Elefanten und Affen außer dem Buche als die Buchstaben im Buche betrachten. Da aber dieses nicht Lernen hieß, so kamen die Schwestern und ich hintereinander und die Schule endigte mit beiderseitigem Heulen, Der Vater mußte Lehrmeister werden, weil er absolut mich geschickt haben und zu einem großen Manne machen wollte. Er war ein wunderlicher Lehrmeister, der, wie sich von selbst versteht, keine Ahnung mehr davon hatte, wie lange das A-B-C-Lernen bei einem Kinde geht, wenn es nicht an bestimmte Anschauungen mit Bewußtsein gewohnt ist, sondern zum ersten Male an den Buchstaben, die zudem nicht besonders auffallende Merkmale haben, sie nicht nur üben, sondern alsobald die Folgen des gebildeten Anschauungsvermögens, eine schnelle Auffassungskraft bewähren soll. Er war, außer bei seinem Webstuhle, wo er mit dem schlechtesten Garn die größte Geduld haben konnte, äußerst ungeduldig, und reizbar, und konnte daher gar nicht begreifen, warum ich, da ich den ersten Buchstaben doch alsobald gekannt, die andern immer wieder vergaß und verwechselte. Er schrie mit mir, kratzte in den Haaren, lief fort; aber schlagen that er mich doch nicht. Und weil ich gerne bei ihm war und, um bei ihm sein zu können, den Vormund brauchte, lernen zu wollen und, damit er nicht fortlief oder mich fortschickte, mit aller Anstrengung Achtung gab: so kam ich bald glücklich durch das A-B-C in die Büscheli, und auch schnell durch diese. Da ich aber nicht immer lernen konnte, so nahm ich fast von selbst das Spulen für, und machte es bald so ordentlich, daß der Vater mich für ein Weltwunder hielt und allen Menschen rühmte: er hätte einen Bueben daheim, e settige gäb's unter tusige nicht. Diesen Ruhm spendete er mir auch in meiner Gegenwart bei jeder Gelegenheit, so daß ich selbst nicht wenig auf mir hielt und wirklich glaubte, ich sei ein Ausbund.

Sobald ich größer wurde, plagte mich der Gwunder, wohin der Vater Dienstags oder Donnstags gehe und woher er mir den schönen Kram bringe? Lange hielt ich ihm an, mich mitzunehmen. Er hätte es längst gethan, denn er freute sich selbst darauf wie ein Kind, und mochte nicht warten, zu vernehmen, was man z. B. in Burgdorf von mir sagen und wie man allgemein über mich staunen werde, indem er überzeugt war, daß man dort noch nie einen solchen Knaben gesehen. Allein er fürchtete, ich möchte nicht laufen und sparte daher mir und ihm die Freude auf, bis ich das sechste Jahr zurückgelegt hatte. Endlich versprach er mir einmal zur Herbstzeit, mich an den Markt nach Burgdorf zu nehmen, wenn ich das Namenbuch noch einmal auslerne und ihm fleißig spule. Wie ich des Tages lernte und spulte, und dann des Nachts träumte von dem Märit und der Stadt und allem dem, was mir der Vater sagte, das man da sehen könne; wie ich in einem beständigen Fieber war und an den Fingern Tag und Stunden abzählte und des Tages hundertmal sagte: ›Vater, wenn wir noch viermal oder dreimal geschlafen haben, dann ist der Märit, nicht wahr?‹ kann man sich denken.

Endlich brach der ersehnte Tag an. Er traf mich schon erwacht und ungeduldig, weil die Mutter expreß mit dem z'Morgenessen zu zaudern schien und die Schwestern mir meine Schuhe auch nicht salbten so geschwind ich wünschte. Da verklagte ich sie beim Vater; dafür haareten sie mich, als sie mir das Halstuch umbanden. Daß ich z'Märit konnte und das ganze Jahr sonst niemand, das wollte Mutter und Schwestern fast das Herz abdrücken.

Endlich wanderten wir fort, der Vater mit einem Tuch zum Abliefern auf der Achsel, einem Korbe mit einem Bälli Anken am Arm und ich mit einem Stecken in der Hand, der wenigstens eben so groß war als ich. Wie bei einem tüchtigen Landregen aus allen Winkeln Bächlein fließen, zusammenströmen, zu Bächen werden und, endlich in den Fluß sich mündend, diesen anschwellen zum gewaltigen Strom: so sendet in weiter Umgegend fast jedes Haus seine Stellvertreter aus an einen schönen Burgdorfer Märittag zu Lust und Kauf. Jeder trägt zu Markte, was er hat, viele nur den eigenen Leib. Auf allen Fußwegen sieht man Eilende. Sie sammeln sich schon zu Truppen in den Sträßchen und werden zu einer unabsehbaren Menge, wenn die Hauptstraße sie aufnimmt. Da wogt es dann wild durcheinander von Menschen und Vieh, und rasselnd schnurren die Bernerwägeli mitten durch, daß die Schafe nicht wissen wohin und die plaudernden Fußgänger auseinander fahren, als ob eine Bombe unter sie gefallen wäre, und aus einzelnen Chaisen und Charabanken schauen breite Gesichter wohlbehaglich auf die Menge nieder und fahren rasch durch sie hin, als ob sie das Ordinäri schon in der Nase hätten. Was war da für einen Buben, der noch nie auf der großen Straße und an einem Märit gewesen war, nicht alles zu sehen! Das Vieh zog mich mehr an als die Menschen; und bei den kleinen lieben Lämmchen mußte ich alle Augenblicke stille stehen. Je näher wir der Stadt kamen, desto schwerer hing ich an des Vaters Kuttentäsche; denn immer mehr hatte ich zu sehen. Als erst das Städtchen und das schöne Schloß so stolz sich mir darstellten, da wäre ich fast am Boden festgewurzelt, so große und so viele und so schöne Häuser bei einander zu sehen. Sobald ich mich von dem ersten Eindruck erholt, machte ich, um bald dort zu sein, so geschwinde Beine, daß der Vater kaum nach konnte. Als wir in die Stadt kamen, gab es wieder Halt, und zwar bei jedem Kramladen: ›Nei lue doch, Aetti, chum doch da zue,‹ schrie ich bei jedem Schritt und zerrte an der Kuttentäsche, daß sie krachte. Aber der Vater hatte nicht Zeit; er mußte das Tuch abliefern. Der Herr war gar ein exakter und schnauzte die Weber, die ihm nicht zu der Zeit kamen, welche er im Kopfe hatte, gar rauh ab. Wir waren ohnehin schon ziemlich spät; darum gab der Herr auch gar kurze Worte, würdigte mich keines Blickes und gab mir weder einen Batzen noch ein gutes Wort. Darauf hatte der Vater gezählt und nahm es sehr übel. Wenn er einen andern wüßte der ihm beständig zu weben hätte, er ginge auf der Stelle zu ihm und ließe den fahren – verfluchte er sich. Nachdem er das erhaltene Garn versorgt hatte, stellte er sich mit seinem Ankenbälli z'weg zum Verkaufen und legte das Zwecheli mit den roten Streifen schön zurück. Mir brannte der Boden unter den Füßen; ich zappelte um den Vater herum und hielt ihm an, daß er doch mitkomme aus der finstern Laube weg, zu den Krämern ga luege und ga chrame. Endlich gab er mir einen Batzen mit dem Bedeuten, ich solle mir daraus etwas kaufen, mich ein wenig umsehen, aber nicht weit gehen und ja bald wieder kommen. Er ließ mich ungern von sich; nicht daß er fürchtete, es könne mir etwas geschehen, sondern weil er dadurch um das Lob kam, das er von den Anken kaufenden Frauen über mich einzusammeln hoffte. Bis dahin hatte mich noch kein Mensch ordentlich angesehen, geschweige denn gerühmt; und das machte ihn fast schalus.

Glücklicher als ein König stürmte ich fort mit meinem Schatz unter die Herrlichkeiten alle. Wo der Vater stand und welchen Weg ich nahm, achtete ich nicht; und daß ich ihn nicht wiederfinden könnte, dachte ich nicht. Ich stund von Stand zu Stand und versank in immer tiefere Bewunderung. Hier sah ich so schöne Manne auf den Rossen, oben rot und unten blau, und Säbel und Gewehre daneben und schöne Wagen aller Art; dort Pelzkappen und Gold darum, das ganz prächtig glitzerte, gerade wie des Statthalters Bub eine hatte, um welche ich ihn immer beneidet; an einem dritten Orte ganze Haufen von Büchern und Helgen dabei, ach so schöne, so schöne, wie ich mein Lebtag nicht gesehen; und neben dabei Lebkuchen ganze Bygete und groß wie Ofenbretter. Vor allem stund ich still, wie lange, weiß ich nicht. Ich hatte Vater und Zeit und alles vergessen. Den Batzen hielt ich in der Hand, dachte vor dem Sehen lange nicht ans Kaufen, und als endlich Wünsche nach dem Besitzen von etwas in mir aufstiegen, wußte ich lange nicht, was ich nehmen sollte. Mich hungerte und die Lebkuchen lockten mich gar sehr. Aber die Pelzkappen waren so schön, die Manne auf den Rossen so stattlich und die Helgen, ach! die gefielen mir gar zu wohl. Endlich siegte die Lust nach diesen; ich drängte mich durch, streckte meinen Batzen dar und begehrte die, welche mir am besten gefiel. Aber es lachte der Krämer und sagte: die koste manchen Batzen. Kleinere wollte er mir zeigen; aber mein Sinn war einmal auf diese gestellt. Da gedachte ich auf einmal des Vaters, daß der viele Batzen hätte, kehrte um, ihn zu suchen und Batzen zu holen. Ich lief und lief, aber fand den Vater nicht, fand den Ort nicht, wo ich ihn gelassen. Aus dem Gedränge der Leute konnte ich nicht kommen, konnte nicht wissen, wo ich war. Da wurde mir entsetzlich bange auf einmal ums Herz; eine Angst, von welcher man sich keinen Begriff macht, befiel mich; der Schweiß bedeckte mich, das Weinen übernahm mich und ich fing an zu schreien: »Ätti, o Ätti, wo bist?« Aber kein Ätti gab Bescheid. Es wurden Leute auf mich aufmerksam und fragten, wo es mir fehle? Ich fragte nach dem Ätti, sie nach seinem Namen und wie er einer sei? Hans heiße er, sagte ich, und habe eine elbe Kutte an. Es geb gar manchen Hans und viele elbe Kutten hier, entgegneten sie; der Ätti werde wohl noch anders heißen und wie man ihm noch sonst sage? D'Muetter, schluchzte ich heraus, sag' ihm allbeneinisch euige Branzi und Gugag. Da lachten die Leute und ließen mich stehen und weinen und Ätti schreien!

Alleine war ich in der Stadt, die mir endlos schien, alleine unter den Tausenden; unter ihnen kein bekanntes Gesicht, keine teilnehmende Seele. Ein jeder stürchelte Geschäften nach oder gaffete nach einem guten Schick herum. Nirgends einen Ätti, nicht einmal das Thor fand ich, zu welchem wir herein gekommen. Ich wußte nur, daß ein großes Haus mit einer kleinen Thür dabei stund. In unendlichem Jammer drückte ich mich endlich an eine Mauer, hielt die Hände vor das Gesicht und weinte bitterlich, bitter wie in meinem Leben vielleicht nie. O, man kann sich das Furchtbare der Angst in einer Kinderseele, die sich verloren glaubt, nicht mehr vorstellen in den Jahren, wo man vergessen hat in eitlem Übermute, daß man verloren gehen könne. Wenn einmal das Eisfeld der Selbstsucht sich über das Herz gelegt und es kalt geworden ist in demselben wie in Lapplands unermeßlichem Schnee, da weiß man nicht mehr, was ein Kind fühlt, wenn es keinen Ätti, kein Müetti weiß, kein bekanntes Gesicht sieht, und es sich verlassen glaubt, alleine fühlt. Es ist wahre Höllenangst, und in dieser sieht man nichts und fühlt man nichts als sie. Die Mannen auf den Rossen, Pelzkappen, Helgen, Lebkuchen – alles war noch und auch mein Batzen noch. Aber für alles dieses hatte ich keine Augen mehr; für mich gab es keinen Trost, da der eine mir fehlte, der mir alles war, der Ätti. Und mein Ätti, den ich verloren, war nur ein armer Weber mit einer elben Kutte. Da oben ist ein anderer Ätti, strahlend in ewigem Lichte der allmächtigen Liebe; es ist der reiche Gott und die Sterne sind sein glänzend Kleid. Und den haben viele verloren aus den Augen, und sie wissen nicht, wo er ist; und doch haben sie keine Angst und behaglich wandern sie auf dem Lebensmarkte auf und ab, ergötzen sich mit Helgen und Lebkuchen, mit Puppen und Pelzkappen. Es wird Morgen, es wird Abend – sie kümmern sich um den Ätti nicht; ja, gemahnt an ihn, erschrecken sie, und möchten die Reden von ihm für Träume ausgeben, für Träume schwindsüchtiger und mondsüchtiger Thoren. Ihre Herzen sind gefroren, sind Eisberge und Schneefelder geworden. Aber Geduld! diese Herzen werden aufthauen, auffrieren. Dann wird das Bewußtsein sie erfassen, den großen Ätti verloren zu haben; dann wird ein unendlich Weh sich festsetzen in ihren Herzen, ein Weh über den verlorenen Ätti, das keine Zunge ausspricht. Kennt ihr den Schmerz, wenn man gefrorne Finger unvorsichtig an heißen Ofen bringt? wie man die Hände zusammendrückt und von einem Bein auf das andere sich stellt, wie Störche auf den Matten? Was meint ihr? Wie wird es dann thun, wenn einst die gefrornen Herzen am heißen Feuer der Seelenangst aufthauen müssen?

Ich weinte bitterlich, wie lange, weiß ich nicht. Da nahm mir jemand die Hände von den Augen und eine bekannte Stimme fragte: »Eh, Peterli; bisch du's? Was hesch, daß d' so thuesch?« Mit verdunkelten Augen sah ich durch Thränen auf und erkannte unsern Schulmeister. Unser Schulmeister hatte eine Schnupfnase und rote Augen, und die Augen und die Nase wässerten beide fort und fort das Gesicht, das sonst kein Wasser sah; die Bächlein liefen durch die Furchen in alle Ecken hin, oft zusammen und malten die lustigsten Striemen in das aufgelaufene Gesicht, besonders wenn er zuweilen mit dem Ärmel unter dem Munde überflüssiges wegwischte und es unwillkürlich auf die Backen reisete. Aber ein Engel, und wäre es der Gabriel gewesen, hätte mir nicht schöner erscheinen können als der alte Mann. O, was so ein bekanntes Gesicht einem wohlthun kann, wenn man sich verloren glaubt! Das glaubt niemand, als wer es erfahren. Thun nun bekannte Gesichter einem schon so wohl, was meint ihr, wie müßten dem Verlassenen erst bekannte Herzen thun? Aber leider bleiben auf der Welt die meisten Herzen sich fremde; sind doch die meisten Menschen fremde in den eigenen Herzen. Meinem Schulmeister konnte ich nichts anders sagen als: »I ha dr Ätti verloren;« konnte ihm meine Freude über ihn nicht ausdrücken. Aber meine Thränen versiegten, sobald er mich bei der Hand nahm; die Angst schwand und es war mir, als ob ich den Ätti schon hätte. Je größer ein Elend ist, desto dankbarer ist man für jede Hülfe, und der erste helfende Mensch, wenn er schon nicht der ersehnte ist, wird zum Engel, zum eigentlichen Gottesboten.

Dem Manne vergaß ich die Hülfe mein Lebtag nicht. Wie er auch sein mochte, ich behielt ihn lieb; und diese Liebe trug das Meiste dazu bei, mich zum Schulmeister zu machen. Er nahm mich bei der Hand und versicherte mich, daß wir den Ätti schon finden wollten. Ich wußte ihm aber gar nichts zu sagen, wo ich ihn gelassen, bloß daß er Anken feil gehalten. Dort sei er längst nicht mehr, sagte der Schulherr; es sei schon 1 Uhr. Drei Stunden waren mir entschwunden in Wonne und Entsetzen. So nahe beisammen ist oft das Entgegengesetzte. Ein Glück, wenn solche Zustände nur drei Stunden dauern. Im Stübli, wo er sein Garn hatte und das der Schulmeister wohl kannte, suchten wir ihn, fanden ihn aber nicht, sondern nur den Bescheid, daß er außer Atem da gewesen, nach mir gefragt und wieder fortgelaufen wäre. Wir gingen durch mehrere Straßen – wir fanden ihn nicht. Da erklärte mein Begleiter: es sei doch dumm, so einander nachzulaufen, so finde man sich nicht. Zudem sei es durstig Wetter, darum wollten wir ins Stübli gehen; dorthin käme der Vater allweg und man könne doch dabei rüihig warten. Als wir dorthin kamen, stunden wir vor der Thüre still und sahen nach allen Ecken hin. Da sah ich aus einer hervorschimmern die ausgewässerte weißlichelbe Kutte des Vaters, und wie er hastig und die Hände verwerfend daher schoß. Wie ich da aufjauchzte und ihm entgegen schoß! Und wie der Ätti mich empfing und mir Donnersbueb sagte und bei den Haaren nehmen wollte! Und wie ich von neuem zitterte und weinte und der Schreck mir in alle Glieder schoß, daß sie bleiern wurden und fast steif! So hatte der Ätti mich nie angeredet, mir nie begegnet; das werde ich nie vergessen. So war das Wiederfinden. Begreift ihr es, Leute? Ein erwachsener Mensch will nichts Unangenehmes empfinden, und, wenn er es empfindet, nie Schuld daran sein, sondern das Kind soll zu dem bereits Erlittenen noch Strafe tragen für fremde Schuld. So geschieht es zu tausend Malen, so geschah es auch jetzt.

Mein Vater hatte gewiß Schrecken und Angst empfunden so gut als ich, hatte Stunden lang mich in Angstschweiß gesucht. Die Angst wurde ihm unbewußt zum Zorn gegen den Buben, der ihm die Not verursachte, und Zornesausbrüche bewillkommten mich statt Zeichen der Freude. Wer war aber eigentlich an allem Schuld, als der Vater, der nicht daran dachte, daß ich noch nicht siebenjährig, nie hier, nie auf einem Märit gewesen; der nicht mehr der Eindrücke sich bewußt war, die ein Kinderherz empfangen mußte, der nicht merkte, daß es notwendig ohne ein Wunder so gehen mußte? So gedachte mein Vater auch durchaus nicht an den Eindruck, den sein Benehmen auf mich machen mußte, nicht wie er mit roher Hand die ganze Märitfreude mir zerdrückte und noch manches andere mit. Freilich kam mein Vater bald wieder zu sich. Als er meine Thränen sah, ward er sogar weichherzig. Im Stübli ließ er aufstellen und nötigte mich zu essen und zu trinken. Bratwürste ließ er kommen und befahl vom Bessern. Allein mir ward nicht mehr wohl; ich schnüpfte fort und fort. Um mich zu trösten und seinen Fehler gut zu machen, schenkte er mir um so fleißiger ein, versprach mir noch Kram und sagte alle Augenblicke: »Plär nit, Bueb, mr wey de no uf e Märit ga chrame!« Allein ich begehrte nicht mehr hin; der Kopf that mir nach und nach so weh, that mir so weh von Wein und Weinen, daß ich nicht mehr aufsehen konnte. Ich wollte fort, ging aber so mühselig und klagte so nötlich, ich möge nicht mehr laufen, daß der Vater froh war, als er mich unserm Müller aufladen konnte. Auf dessen Wagen schlief ich bald ein, und erwachte erst wieder, als man mich vom Wagen nahm. So endigte dieser langersehnte Freudentag mit Not und Leiden und ich begehrte nachher nicht wieder z'Märit und noch lange träumte es mir, ich sei verloren und der Vater nehme mich beim Haar und dann schrie ich so wehlich auf, daß der Vater aufstehen und mich trösten mußte.


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