Jeremias Gotthelf
Leiden und Freuden eines Schulmeisters
Jeremias Gotthelf

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Einundzwanzigstes Kapitel

Wie ich mich in die zweite Klemme bringe

Es wird manchen vielleicht verwundern, daß ich zwei Kapitel durch von Sachen gesprochen habe, welche mein Amt gar nichts angehen, und kein Wort von der Schule selbst. Die einen werden glauben, ich schreibe das um der Kurzweil willen nieder, die Leute lachen zu machen, wie man ehemals die Brattigen machte; andere werden böse werden und glauben, ich wolle aparti die Schulmeister ausführen und lächerlich machen, und schreibe aus Bosheit; und zum Beleg dieser Meinung werden sie eben die vorhergehenden und vielleicht auch die beiden folgenden Kapitel anführen. Urteilt nicht vorschützig, Leute; ich schreibe, wenn ihr wollt, eine Brattig, d. h. ein Buch, welches Thorheiten enthält. Aber ich schildere diese Thorheiten nicht aus Bosheit, sondern um davon abzuschrecken. Darum schildere ich auch genau und vielleicht nur zu ausführlich die Folgen der Thorheiten. Zudem bin ich ja auch ein Schulmeister; warum sollte ich also meinen Stand erniedrigen, ausführen? Aber während ich schreibe und mir oft selbst der Gedanke kam, etwas zu verhüllen und zu verschöneren, schwebt mir immer deutlicher die Wahrheit vor, daß ich tausendmal mehr zur Erhebung meines Standes beitrage, wenn ich meine eigene Erniedrigung treu und offen mitteile. Es sind nicht alle gewesen wie ich, und werden es nicht alle sein, aber allen warten die gleichen Fallen, die mich zu Falle gebracht; alle sind einmal jung, und am Ende nicht alle gescheuter, als ich war. Allen diesen nun, wenn sie nämlich nicht vom Dünkel besessen sind, alle Weisheit mit sich auf die Welt gebracht zu haben, kann meine Offenheit manche Reue ersparen.

Darum auch bin ich in meiner Erzählung ganz dem Gange gefolgt, in den ich gerissen wurde. Ich habe das zuerst ermahnt, was mir die Hauptsache war, was meine Gedanken füllte, womit ich mich auszeichnen wollte, und das in Hintergrund treten lassen, was damals auch bei mir zurücktrat als Nebensache. Ich möchte hier gerne ein Kapitel schreiben von den Strömungen der Seele oder vielmehr von den Strömungen, in welche die Seele auf ihrer Fahrt durchs Leben gerät. Gin stattlich schön Schiff fährt aus dem Hafen ins offene Meer, eine ferne Insel ist sein Ziel mit ihrem Gelde, ihren Früchten. Ruhig in unergründlicher Tiefe ist das Meer, heiler der Himmel, und laue Lüfte spielen in den Segeln; tiefe Furchen zieht das mächtige Schiff in den großen Wasseracker, in dessen Schoß kein anderer Same fällt, als die Leichen der Schiffenden. Seine Richtung hat es erhalten und die Winde wehen es seinem Ziele zu. So meint der Unkundige. Rascher geht es auf einmal; es verdoppelt sich der Wellenschlag bei gleichem Winde, bei noch heitererem Himmel; wie durch Zaubergewalt ist der Lauf zum Fluge geworden. Es jubelt der Unkundige, steht in Gedanken die Insel vor sich in ihrer Herrlichkeit, träumt sich ihre Genüsse. Da kracht das Schiff und dröhnt, es beben und stürzen die Masten; wundgerissen hat sich der Kiel an einem Korallenriff, den niemand gesehen, niemand auf dieser Bahn erwartet hat. Es ergreift die Brandung das entmastete Wrack und wirft es an unwirtlichen, öden Strand. Es war eine Strömung, die unsichtbar das Schiff erfaßt, seiner Bahn es entrissen, es zertrümmert hatte, und mit ihm die Träume der Schiffenden.

Die Schiffer sind klug geworden, sie kennen des Meeres Strömungen jetzt, und immer mehr seine Riffe. Wenn sie dieselben auch nicht immer vermeiden können, so hilft ihnen der Kompaß hindurch zum Ziele, denn sie verlieren nie das Bewußtsein, sie wissen immer, wo sie sind.

Jeder Mensch steuert sein Schifflein einem Ziele zu in bestimmter Richtung auf dem Ocean des Lebens. Hier sind auch Strömungen, die jeden erfassen, den meisten fehlen aber Karten und Kompaß, die Retter auf dem Meere. Unkundige sind sie, die von diesen Strömungen nichts wissen, in ihnen sich nicht zu wahren wissen, die vielleicht jubeln, daß es lustig gehe, und Augenblicke später mit zerschelltem Haupte am Strande liegen. Vor solchen Strömungen ist kein Alter sicher und kein Stand; sie reißen mit sich die Jungfrau und die Witfrau, den Kaiser und den Knecht; sie führen weit weit weg von dem Ziele, nach dem mau strebt, und man merkt es nicht; sie machen einen, der ein berühmter, hablicher Schulmeister werden will, zum Narren der Welt, zum Spott der Kinder, zur Beute der Schuldenböte, und er merkt es nicht, bis er alles wirklich geworden ist. Wie mit mir, spielen sie mit Millionen, und sie merken es auch nicht. Ihnen entrinnen könnt ihr nicht, aber wollt ihr in ihnen euer Meister bleiben, so lernt diese Strömungen kennen; sie gehen alle von euch selbsten aus, bald als Eitelkeit, als Sinnenlust, Geld oder Ehrgeiz, Liebe und Haß, Glaube und Unglaube. Dann behaltet das Ziel fest im Auge, den Kopf beisammen und Gott als Kompaß; dann könnt ihr leicht erkennen, ob die Richtung, in welcher die Strömung euch treibt, zum Ziele führe oder nicht. Wer einmal die falsche Richtung erkannt, ergreife das Ruder mit fester Hand und den Lüften des Himmels biete er die Segel auf neue Weise dar; und durch seine Kraft und des Himmels Hülfe durchschneidet er den gefährlichen Strom, meidet die Klippen, findet das Ziel.

Ich aber ward hingerissen im Strudel und wußte es nicht. Ich kannte die zehen Gebote. Aber was helfen die zehen Gebote, wenn man die Seele nicht kennt in ihren Kräften, ihren Schwächen, das Leben nicht kennt in seiner Schalkheit und Bosheit? Was helfen Himmel und Hölle gegen thorrecht und sündiges Treiben, wenn man die Seele in der Thorheit läßt, in ihr unbesorgt die Nacht der Sünde läßt?

Gar viele Menschen kennen die Namen von Tugenden und Lastern, aber sie erkennen sie im Leben nicht, noch viel weniger in der eigenen Seele. Mich dünkt, eine Geographie der Herzen thäte eben so not als eine von Spitzbergen, und die Lehre und Geschichte der Seele wäre eben so wichtig als die Lehren von Flötz- und Urgebirg und die Geschichte der drei Söhne Noahs. Alles Sicht- und Tastbare soll das Kind kennen lernen, Mädchen sogar die Anatomie des menschlichen Körpers sehr genau; aber zum Reiche der Geister gibt man ihm den Schlüssel nicht, die Kenntnis der eigenen Seele. Aber was man nicht hat, kann man nicht geben.

Ich hatte also meinen Wunsch und mein Ziel nicht verändert mir wissentlich. Ich wollte ein berühmter Schulmeister sein; aber außer diesem Ziele, in täuschender Nähe, stellten sich mir andere Punkte auf, nach denen meine Lust steuerte, mir auch unbemerkt. Ich wollte e Junge Lustige sein, ein Hübscher und Kurzwyliger, wollte eine reiche Frau, wollte, daß mich die Leute hoch hielten über alle andern aus. Diese Wünsche lagen also zum Teil neben dem eigentlich aufgesteckten Ziel, zum Teil nicht; aber den einzigen Weg, auf dem ein ehrlicher Mann ein ehrlich Ziel erreicht, den Weg der Berufs- und Pflichttreue, den ging ich nicht; ich folgte eben den Strömungen und meinte ans gleiche Ziel zu kommen und noch viel ringer. Der Weg der Treue ist schnurgerade, macht keine Biegung weder zur Rechten noch zur Linken; wie auf einer französischen Chaussee scheint man trotz aller Mühe nicht vorwärts zu kommen. Dem jungen Blut ist ein solches Wandern gar langweilig, darum rennet es auf Seitenwege und – verirrt sich.

Den ersten Winter durch ging es recht gut. Ich war fleißig und, obgleich ich wob, immer der erste in der Schulstube. Obgleich ich mir viel einbildete, bildete ich mir doch nie ein – wie es Burschen gibt – daß ich in einer Stunde die Kinder mehr lehren könne als andere in zwei; bildete mir nie ein, daß, wenn ich die Schule erst um dreiviertel auf zehn anfinge, es noch lange so viel abtrage als wenn es andere um halb neune thäten. Der Pfarrer war auch zufrieden am Examen; nur tadelte er, daß die Kinder nicht stille genug und so wenige Examenschriften da seien. Da die Vorgesetzten aber gar rühmten und sagten, dChing syge Ching und man könne nicht alles erwehren, so ließ ich mir wegen des Pfarrers Mahnung nicht graue Haare wachsen.

Auch das ärgerte mich nicht mehr so, wenn die andern Schulmeister des Sonntags mich gemeinsam aufs Korn nahmen und durchhechelten, als ob sie förmlich im Bunde stünden gegen mich. Es war der natürliche Bund, in dem gewöhnlich alle in einem bestimmten Kreise Angestellten oder Arbeitenden gegen den zuletzt unter sie tretenden sind, wenn er nicht die besondere Klugheit hat, gar demütiglich zu thun und an einen der ältern ganz eigens sich anzuschließen, als des Rates und der Führung bedürftig. Es ist der Bund der pomadigen Gewohnheit, die durch den Neuling fürchtet beunruhigt und der ängstlichen Eitelkeit, die fürchtet durch ein neues Licht verdunkelt zu werden. Und wenn die Männer an einen solchen Bund nicht dächten, so müssen sie unwillkürlich daran, aufgeguselt von den Weibern. Wenn ein Weib dem Mann im Hause des Tages schon hundertmal Löhl sagt, so will sie doch außer dem Hause eitel auf ihn sein und keiner soll ihm ins Licht stehen. Die Weiber fühlen es, daß sie eigentlich nur die Planeten sind, die das Licht von der Sonne haben, d. h. vom Mann, daß ihre Stellung und Ehre in der Welt durch die des Mannes bedingt ist; sie fühlen es, aber sie denken es selten und bekennen es nie.

Ich wußte mir nicht anders zu helfen, als daß ich ihnen erzählte, wie manche Brägelwurst ich in dieser Woche bereits gegessen und wie manche ich noch im Gänterli hätte, wie viel ich eingeladen worden und was ich alles zum Heimtragen bekommen. Daß solche Erzählungen sie nicht zuckersüß stimmten gegen mich, und daß ihre Weiber, wenn sie dachten, was noch alles in ihren Gänterlenen Platz hätte, das niemand bringen wollte, sie nicht besänftigten, und daß sie mit Luchsaugen mein Thun bewachten und manche bittere Bemerkungen auf nicht unfruchtbaren Boden fallen ließen, das kann man sich leicht denken. Das war mir aber ganz gleichgültig; ich dachte: Die cheu lang rede, die werde di nit ungere thue; es müesse de angeri Kerleni sy; du witt-ne zeige, daß du seye nüt förchtest.

Daran dachte ich aber nicht, daß ich mich selbst ungere thue könnte, daß sie dann nichts zu machen brauchten, als mit den Fingern auf mich zu zeigen und zu schreien : »Luegit, luegit!« Und so ging es. So wie ich nach und nach von einer Sache nach der andern, welche die Schule nichts anging, angedreht wurde, so ging auch ein Stück meiner Seele nach dem andern aus der Schule fort, bis endlich nur noch der Leib in derselben war.

Pfeifen und Uhren waren es zuerst, die meine Gedanken oft gefangen nahmen. Ich sann an einen guten Handel, während ich mit einem Kind buchstabierte, und überhörte seine Fehler, und wenn ich konstruierte, so fiel mir ein, ob meine Uhr wohl noch gehe, oder ob die Tabakpfeife Luft habe. Mein Musizieren steckte mir später noch tiefer im Kopf und ich klarinetete oft in Gedanken einen Tanz, während die Kinder lesen sollten. Aber als später das gesellschaftliche Leben mich so recht gefangen nahm, als mein Sinn nur nach Mädchen, nach einer reichen Frau sich richtete, da verlor ich alle Aufmerksamkeit für die Fortschritte der Kinder, alle Lust, bei ihnen zu sein. Unerträglich langsam schlichen mir die Schulstunden vorüber; ich mochte nicht warten, bis ich meinen Gedanken nach konnte, die vor irgend einem Gadenfenster oder an einem Abendsitze saßen. Nun ist es aber ein himmelweiter Unterschied, ob man mit Leib und Seele bei einer Sache ist, oder nur mit dem Leibe. Nehmt den gemeinsten Handwerker, nehmt den Rechenmacher und laßt ihn mit innerer Lust und Freude an einem Rechen arbeiten; dieser kömmt gewiß viel niedlicher und zierlicher heraus, als ein Rechen, den einer gemacht hat, um eben einen Rechen zu machen und vier Batzen zu verdienen. Seht einer Magd zu, die mit Lust einen Garten bearbeitet, und einer andern, die ihr Tagwerk ableiert und nicht warten mag, bis es Feierabend läutet; so werdet ihr sehen, wie Pflänzchen und Blümchen die Lust der Fleißigen zu empfinden, zu vergelten scheinen in fröhlichem Grünen und Blühen, während der Garten der andern und jegliche Pflanze derselben eigene Masleidigkeit abzuspiegeln scheint. Wollt ihr das noch deutlicher sehen, so betrachtet ein Gemälde, welches hervorgetreten ist aus dem Geiste eines geistig Schaffenden, und ein anderes, das nur der Pinsel gemacht hat. Bei dem ersten trittet euch aus der toten Leinwand etwas Unnennbares entgegen; es spricht zu euch, es regt euch auf; es ist Geist des Künstlers, den er hineingezaubert hat in das Bild; es ist ein geistig Leben da, welches unwillkürlich auf euer geistig Leben anregend einwirkt, es beherrscht und hinreißt, während bei dem gepinselten Gemälde alles regelrecht gezeichnet und gefärbt da steht und liegt, aber man sieht, es ist eben nur gefärbt und gezeichnet; man sieht, daß es die Hand und nicht der Geist gemacht. Ledern und hölzern hängt das Ding da; mag es auch dem Auge gefallen, man geht doch kalt vorüber und fühlt nachher keinen Wiederklang desselben in der Brust. Leset ihr Bücher? Nun wohl, habt ihr da keinen Unterschied empfunden? Sind euch die einen nicht kreuzlangweilig vorgekommen, wie gelehrt und nützlich sie auch sein mochten? Stund da wohl ein schöner Spruch schön am andern, aber einen nach dem andern vergaßt ihr wieder. Und andere Bücher laset ihr mit Wohlbehagen durch; es war euch behaglich dabei, vielleicht schaurig; aber sie gingen durch euch durch wie Haberkernenbrühe und hinterließen nichts als etwas Schleim. Gab es aber nicht auch Bücher, die euch ergriffen mit ganz eigener Gewalt, die euch fest bannten an sie, daß ihr sie kaum aus den Händen bringen konntet und noch viel weniger aus dem Kopf; die euer ganzes Wesen aufwühlten, wie der Sturm das Meer; die ein eigen Feuer in euch anzündeten, daß ihr nach den Köpfen griffet, ob nicht auch feurige Zungen denselben entsprühten; die eine süße Wonne in eure Herzen gossen, eine Labung, für die ihr keine Namen fandet? Die erstern sind Bücher, welche man mühselig aus der Feder drückt, wie ein Huhn das Ei, oder welche man von sich gehen läßt, damit eben etwas gehe. Die einen Schreiber schreiben bärzend und schwitzend, träumend von Unsterblichkeit, und haben das Schicksal der Frösche vergessen, die fliegen wollten in den Mond. Andere schreiben ums Futter, Futter für die kurze oder lange Weile. Sie wecken beide nicht Geist, wecken nicht Leben, sie selbst haben darum auch nur ein kurzes Leben. Jener zweiten Bücher Geburt ist wunderbar. Wie Minerva aus dem Kopfe ihres Vaters sprang, geharnischt und bewehrt; wie aus dem Schoß der Erde die Quelle strömt, süß und stark; wie aus der schwarzen Wolke der Blitz zuckt, feurig und zündend, begleitet von des mächtigen Donners mächtiger Stimme, die die Welt aus dem Schlafe ruft, so werben diese Bücher geboren. Des Geistes Brausen erfüllt ihre Väter, des Geistes Blitz erleuchtet sie, des Geistes Strom ergreift sie, und geboren ist, was Geister erwecken, Leben erzeugen und selbst nicht sterben wird, als des Geistes geistig Kind. Wo aber kein Geist ist, sondern nur ein Leib, da wird kein Geist, sondern nur ein Leib geboren, und meist noch ein schlechter. Dieser Wahrheit letzte aber auch traurigste Zeugen sind blödsinnige Kinder trunkner Väter.

Was ist eigentlich nun ein Lehrer anders als ein geistiger Vater seiner Kinder, der ein inneres geistiges Leben zeugen soll in ihnen? Anbrennen und aufflammen lassen soll er in ihnen den göttlichen Funken, daß jede Kraft Flammen sprüht, heiß und weich gezogen werden kann von des Meisters Hand auf rechte Weise. Ein eigenes Licht soll er anzünden in eines jeden Kindes Brust, damit es dort nicht dunkel bleibe, öde und leer, oder wie in einem Magazine, wo viele Waren liegen und keine gebraucht wird, wo es nur von Zeit zu Zeit heller wird, in trügerischem Scheine einer Laterne, die man hineinträgt zuweilen, aber immer wieder hinaus. Das ist der Schule höchste Aufgabe. Aber aus nichts wird nichts und wo nichts ist, hat der Kaiser das Recht verloren; wo kein Geist ist, da wird auch keiner gezeuget. Wo aber in einem Lehrer Leben wohnt und Geist, wo er seine ganze Seele hineinlegt in sein Wirken, da seht doch nur hin, wie es aufgeht auf den Gesichtern der Kinder, wie Nordschein und Morgenröte! Alle Züge werden lebendiger, über die Augen verbreitet sich ein eigener Glanz und jegliche Bewegung zeuget von neu erregtem geistigem Hunger und Durst. Was dieser Lehrer auch treiben mag, und sei es nur das trockene Buchstabenschreiben, so wird doch auch hier es rege und rührig sein, und die Kinder werden gedankenvoll und nicht gedankenlos die Linien ziehen.

In einer solchen Schule blüht für den, der eben Menschen sucht und nicht Magazine, eine wahre Seelenfreude, während sie für die Schulpedanten ein wahres Ärgernis sein kann. Es geschieht manchmal, daß so recht innig belebte Lehrer des Stoffes nicht recht Meister sind, oder ihn auf eine wunderliche Weise vorbringen; es geschieht, daß die Schüler beim Abfragen nicht Silben um Silben wiedergeben können unverdaut und darum eben ohne Abgang. Da muß man dann den Silbenstecher und den Terminologieenheld betrachten, der freilich nicht Geist hat, aber in seinem Gedächtnis lange Worte an einen langen Faden gezogen, die, sobald man an ihm rupft, von ihm gehen, wie von einer Gans Speckbrocken, die man an langen Faden gezogen. Wie der seine Oberlippe höhnisch zieht, wie er von einem Bein auf das andere steht, mit dem Kopfe wackelt, einen Finger um den andern zwischen die Zähne stößt, sich räuspert, kurz dem Publikum alle möglichen Zeichen macht, damit es ja inne werde, daß er keine Schuld habe, seine Hände wasche über solche Seichtigkeit und Verkehrtheit! Und daß er ein ganz anderer Köbi sei und das Ding verstehe, gibt er zu verstehen in unverblümten Zeichen und etwas verblümteren Worten. Damit meine ich aber nicht, daß der Lehrer des Stoffes nicht Meister sein solle, meine nicht, daß er nicht auch den Stoff auf bestimmte Weise den Schülern beizubringen habe; meine nicht, daß er bloß schwabeln und schwadronieren solle, bewahre mich! aber ich behaupte nur, daß der Geist die Hauptsache auch in der Schule sei, und um so viel mehr wert als das übrige, akurat als die Seele mehr wert als der Leib ist. Es ist auch ganz eigentümlich, wie in solche Schulen die Kinder hineingezogen werden, wie sie zum Fest für sie werden und die Eltern mit Schlägen und Fluchen sie nicht vom Besuch abhalten können, und wie ihnen die Zeit vergeht wie ein Augenblick, und allemal die Stunden ihnen zu schnell zu Ende sind. Da zeigt es sich, wornach die menschliche Natur sich eigentlich sehnt, hungrig und durstig ist.

Hat der Lehrer nicht Geist oder ist er sonst mit seinem Geiste nicht dabei, nicht dabei mit ganzer Seele, so verbreitet sich eine gewisse Schläfrigkeit über die ganze Schule; in jeder Bewegung, jedem Blick liegt eine bleierne Mattigkeit und bleiern schleichen die Stunden vorbei. Die natürliche kindliche Lebhaftigkeit sträubt sich gegen dieses unbehagliche schläfrige Wesen und sucht durch allerlei Possen und Streiche sich wach zu erhalten; denn ein bedeutender Teil der Schulunzucht ist gar nichts anders als dieses Sträuben gegen den Schlaf, und ein Zeugnis gegen den Geist des Lehrers. Die einen Lehrer wissen mit Stock und Strafe eine gewisse Ordnung und Zucht zu erzwingen und der jugendliche Geist wird in spanische Stiefel gethan und in finstern Kerker gesetzt, um traurig zu verkümmern. Wahrlich, da will ich den Lehrer zehnmal lieber, der mit dieser Schulunzucht gar nichts mehr anzufangen weiß, sondern halt muß Kohli walten lassen, daß es ein Grus ist. Es ist aber merkwürdig, wie man alsobald angesteckt wird, sobald man nur einen Augenblick einen Fuß in eine solche Schule setzt. Man wird schläfrig, wird zerstreut, müde, sieht an die Uhr, und wenn man schon wieder lange in freier Luft ist, kann man doch den beständig gähnenden Mund nicht zubringen.

Eine solche Schule erhielt ich nach und nach. Die Gefangennehmung meines Gemütes durch andere Dinge war die Ursache. Meine Amtsbrüder glauben mir vielleicht nicht, wie unendlich wichtig es ist, sich ein frei und froh Gemüt zu bewahren. Das gibt sich aber selten von selbst, eben wegen den Strömungen der Seele und den Winden des Lebens; es braucht Selbstbewußtsein, Kraft und Glauben. Aber auch die übrigen Menschen erkennen die Wichtigkeit dieses Satzes nicht; sie würden sonst nicht Elend, Not, Mangel auf den Lehrer hetzen, die seine Seele mit Sorgen bewölken, in Kummer ersticken und seinen Geist zwischen Erdäpfelschindti zappeln lassen.

Doch nicht nur meine Seele fing an meiner Schule zu fehlen, sondern auch der Leib. Meine Stunden hielt ich nicht mehr fleißig. Ich verklapperte mich beständig. Vor diesem Hause hatte ich noch das zu brichten, vor einem andern jenes, hatte mich zu necken mit diesem oder jenem Meitschi. Sah ich während der Schule irgend einen Kameraden beim Hause vorbei gehen, so konnte ich mich selten enthalten hinaus zu schießen, mit ihm eine Abrede zu treffen, ihn zu fragen, wie es ihm gestern bei Lisi oder Bäbi gegangen, ob er einen andern angetroffen oder es alleine gefunden. Wenn ich, wie es oft geschah, Angst ausgestanden, wenn mit vorgestreckten Ellbogen mich einer einige Male überschossen hatte, ein anderer mich gejagt, wie ein Hund den Hasen, einige mich zu einem Brunnen geschleppt, so brannte es mich, bis ich diese Abenteuer meinen Kameraden erzählt hatte. Verständlich machte ich mich groß, verschwieg meine Seelenangst und machte Bülletins so gut wie Napoleon auf seinem Rückzuge von Moskau. Nun waren es gewöhnlich meine eigenen sogenannten guten Freunde, die mir die Streiche spielten und die dann ihre Herzensfreude daran hatten, mich eine Geschichte machen zu hören über etwas, das sie so gut wußten wie ich. Man kann sich denken, wie viele Zeit sich also verklappern läßt. Und wenn ich auch in der Schule war mit meinem Leibe, so taugte er doch selten etwas. Der Mensch bedarf des Schlafes. Derselbe ist eine der größten Wohlthaten Gottes. Er bringt Frieden dem Leidenden, Vergessen dem Betrübten, Ruhe und frische Kraft dem Müden. Wahrlich ohne Schlaf würde jedem Menschen das Leben, über dessen Kürze wir klagen, viel, viel zu lang sein. Ruhe und Schlaf für Leib und Seele bedarf besonders der, welcher stillerer Beschäftigung sich hingeben muß. Der Knecht, der Bauer, die nicht geschlafen haben, können füglich holzen und mähen, dreschen und hacken. Aber laßt sie eintreten aus der Tenne, dem Acker in die warme Stube, laßt sie von bedeutender Anstrengung übergehen zur stillen Beschäftigung, so wird der Schlaf in wenigen Augenblicken sie übermannen. Welche traurige Figur spielt nun ein Schulmeister, der um Mitternacht oder gegen Morgen nach Hause gekommen ist und wenige Stunden geschlafen hat? Gewöhnlich verschläft er sich, oder erhebt sich nur mit der größten Anstrengung, hat manchmal nicht Zeit, sich etwas zu kochen, zu essen, nicht Zeit, sich zu kämmen, zu waschen (und ungewaschene und ungekämmte Schulmeister sind häßliche Dinger), und kömmt mit verblendeten Augen auf eine Weise in die Schule, daß die Kinder einander anstoßen und zuflistern: »Üse Schumeister isch hüt wieder alle strube.« Nun ist es ihm, wie wenn er nicht nur Blei in den Augsdeckeln, sondern auch in allen Gliedern hätte; er dehnt sich, er gähnt, er macht was er kann und kann sich doch des Schlafes fast nicht erwehren. Man denke sich nun wie das eine liebliche Sache ist und eine kurzweilige, wenn ein Kind buchstabieren soll und ungeschickt thut, und ein Schulmeister schläfrig und darum auch unleidig ist, wie da die beiden sich auf strenge Weise plagen müssen! Man denke sich das Fragen überhören, das Lesen, so wie es viel getrieben wird, an sich schon einschläferend, und nun noch während der Schulmeister mit dem Schlafe kämpft, wie erweckend das sein muß!

Man denke sich überhaupt, wie es in einer Schule zugehen muß, wo der Schulmeister mit dem Geiste nicht da ist und mit dem Leibe nichts taugt! Man achtet viel zu wenig darauf, sich den Leib munter zu erhalten. Man denkt nicht daran, daß vielleicht hundert Kinder dadurch einen Tag verlieren, der ihnen zu ihrem Heil von ihrem Schöpfer geschenkt ist. Hundert Kinder einen Tag verlieren um einer von einem durchschwärmten Nacht willen, wahrlich, dieses Wort sollte gewichtig klingen allen, an deren Gewissen überhaupt etwas anklingt. Ach und es gibt später der Nächte genug, wo dem Schulmeister ohne seine Schuld der Schlaf fehlt, die Glieder matt, die Augen schwer werden, wo er nicht sein kann, wie er gerne sein möchte am Tage, wo wieder vielleicht hundert Kinder einen Tag verlieren, weil der Schulmeister eine Nacht verloren. Die werden ihm sicher nicht angerechnet werden; aber sollte er doch um ihretwillen nicht um so geiziger sein mit den Nächten, deren Verwendung in seinem freien Willen liegt, um so vorsichtiger dafür sorgen, daß die Kinder keinen Grund haben einander zu stoßen und zusagen: »Üse Schumeister ist hüt afe e strube!«

So war ich bei und in meiner Schule, darum ging es nicht gut; aber noch eine andere Ursache kam dazu, daß es immer schlechter und schlechter ging.

Die Kinder hatten nämlich immer weniger Achtung, oder wie die Leute sagen, Furcht vor mir, und daher auch kein Zutrauen, keinen Gehorsam, keine Liebe. Die Kinder haben einen eigenen Instinkt, der ihnen sagt, ob dem Schulmeister etwas an ihnen gelegen sei, ob er begehre, sie weiter zu bringen. Wo sie diesen Willen, diesen Eifer nicht bemerken, da bemächtigt sich eine Art Widerwillen der Kinder; sie fühlen, ohne daß sie sich dessen bewußt werden, wie ihr Wohl versäumt wird, und dieses Gefühl erzeugt eine feindselige Stimmung. Ferner muß dem aufstrebenden, alle Augenblicke aufblitzenden Eigenwillen der Kinder ein Gewicht entgegen treten, das alle Augenblicke und nach allen Richtungen gleich schwer drückt gegen der Kinder Eigenwillen und Ungehorsam. Eine ruhige Festigkeit muß den Kindern gegenüber stehen, welche sich nicht durch die Listigkeit der Kinder bethören, nicht durch Liebkosungen einschläfern, nicht durch Trotz ermüden oder erschrecken läßt.

Des Lehrers ganzes Benehmen muß nie erscheinen als Folge besonderer Aufregung, sondern als Notwendigkeit. Es muß den Kindern einleuchtend werden: der Lehrer könne gar nicht anders sein in diesem und jenem Falle, als er eben ist. Gerade dieses feste, unerschütterliche, ruhige wird dem flüchtigen, erregbaren Kinde die meiste Achtung, den meisten Gehorsam einflößen; es wird sich mit einem wahren, gläubigen, frommen Vertrauen vor diesem Lehrer beugen. So war ich aber nicht, sondern eher das Gegenteil. Tage lang ließ ich alles schütten, ward dann wieder einen halben Tag streng, strafte den gleichen Fall heute, aber morgen nicht; befahl hundertmal, ohne Gehorsam zu erzwingen, manchmal ohne nur darauf zu achten, ob er geleistet werde. Ward der Lärm zu groß, so ließ ich, wie an vielen Orten gebräuchlich ist, ein: »Still! weit dr still sn oder nicht!« erschallen, und fuhr dann in meiner Sache fort, ohne mich zu achten, wer Lärm gemacht und wer ihn noch forttreibe. Ich drohte viel, führte aber selten eine Drohung aus, sondern sagte: »Für das mal mag's no agah; aber lue de, we d's no meh machst! i will dr de!« Und das Kind machte es wieder und ich drohte wieder. So waren im Grunde die Kinder Meister und nicht ich, und sie hatten mich deshalb nicht einmal lieb. Ich galt, und mußte es später oft hören, für einen gar grusam ungrechte und parteiische. Im Anfang ganz sicher aus keinem andern Grunde, als weil ich allen drohte, und nur einige strafte. Ich strafte diese nicht deswegen, weil ich sie besonders auf der Mugge hatte oder ihre Eltern, sondern nur weil ich entweder in einer besonderen Stimmung war, oder es endlich wieder einmal nötig fand, ein Exempel zu statuieren. Natürlich aber fand das Kind, das um einer Sache willen gestraft wurde, welche zwanzig andere ungestraft begangen hatten, es müsse ungerecht leiden, das gleiche hätte den andern auch gebührt. Und wie die Leute dann sind, sie spintisierten nach den Ursachen, warum ich gerade ihr Kind gestraft. Bald glaubten sie, es sei wegen ihrer Armut, oder weil sie mir nicht Geschenke gebracht, oder weil ihre Tochter mich nicht hineingelassen. Und waren sie reich, und hatten mir Geschenke gebracht, und ihre Tochter hatte mir aufgethan, so sagten sie: es scheine, es bschüße bim Dolder alles nüt bei mir; si welle aber jetz de afa höre, u we-n-i no meh uf dLaube vor dFäister chömm, su soll mr ds Grit dSache ume säge, warum me nüt meh schicki und warum es mr nümme ufthüy.

Spater kam ich in eine immer gereiztere, ungleichere Stimmung, kam in eine Menge Mißhelligkeiten, und während dieser Zeit glaube ich allerdings manchmal ein Kind haben entgelten zu lassen, was ich gegen seine Eltern oder Geschwister hatte. Ich glaube es, denn ich konnte mich nicht enthalten, manchmal gegen ihre Angehörigen den Kindern in der Schule Stichwörter aller Art fallen zu lassen, was mir ein Zeichen zu sein scheint, daß die Kinder zu Sündenböcken gemacht wurden. Ich sage, ich glaube es, denn mir bewußt war ich damals dessen nicht, und wenn mich einer der Parteilichkeit beschuldigte, so begehrte ich gar tüchtig auf, und behauptete, ich halte alle Kinder gleich und ich glaubte es auch; aber eins merkte ich nicht.

Ich merkte nämlich nicht, daß es eine Menge Brillen gibt verschiedener Art, gefärbt durch Liebe oder Haß, schön rot und gelb und veieliblau, fchön schwefelgelb und dunkelgrau, und daß durch solche Brillen die meisten Menschen die Welt ansehen, und nicht durch die eigenen Augen. Man nennt das in der gewöhnlichen Sprache: eine Sache mit verschiedenen Augen ansehen. So sieht man eine Sache heute veieliblau und morgen dunkelgrau, und die gleiche Sache an der einen Person schön rot; an einer andern Person aber kommt sie einem schmutzig gelb vor, eben je nach der Brille, durch die das Auge sieht. Wer sich selbst klar und vor den Menschen achtenswert werden will, muß das Dasein solcher Brillen kennen, und wachen und beten, daß sie ihren Sitz nicht auf seiner Nase nehmen. Besonders dem Lehrer sind sie zum größten Verderben. Sie machen ihn ungerecht, parteiisch, und er weiß es nicht. Sie empören kindliche Herzen gegen ihn, und erzeugen in ihnen bittern Groll gegen erlittene Ungerechtigkeiten. Darum muß der Lehrer alle Tage sorgfältig seine Nase untersuchen, ob keine solche Brille auf seiner Nase sitze, ob er alle seine Kinder mit dem ruhigen, klaren Auge des Verstandes an- und durchschaue und nichts drittes zwischen ihn und das Kind getreten sei, weder eine Wurst noch keine Wurst?

Nun that ich dieses nicht; ich wußte nichts von diesen Brillen und handelte also ganz sicher ungerecht. Einem Lehrer, den die Kinder achten, verzeihen sie noch manches, verzeihen ihm einzelne Aufwallungen und Übereilungen; und gut gearbeitete Kinder werden es sorgfältig verschweigen, sollte dieser Lehrer sie auch einmal hart behandelt haben, ungerecht. Dieser Zug im Kinde ist wirklich recht rührend, weil er von selbst sich entwickelt und gewöhnlich unbeachtet, unbemerkt bleibt. Wenn aber ein Lehrer der Kinder Achtung verscherzt hat, dann dulden sie nichts mehr von ihm, wollen nichts von ihm annehmen, haben weder Vertrauen zu ihm, noch Glauben an ihn. Es bemächtigt sich ihrer eine unglückliche Tadelsucht, ein Geist des Kritisirens, indem ihnen durchaus nichts recht ist, was der Lehrer sagt oder macht. Sie setzen alles in Zweifel, wollen alles besser wissen, machen über ihn sich lustig, und verlachen ihn zu Hause oder verklagen ihn.

Die Achtung vor mir hatten sie aber nicht nur durch mein ungleiches Betragen in der Schule verloren, sondern auch durch mein Benehmen außer der Schule, Die Kinder sahen mich an den Abendsitzen, hörten, wenn ich sagte: vom Schulmeister mag ich jetzt nichts hören; den habe ich zu Hause eingeschlossen, den habt ihr jetzt nicht zu scheuen. Sie sahen mich den Narren machen, und hörten dann, wie man mich zum Narren hielt. Sie hörten von den Alten, daß man mir auf diesem Treiben gar nichts halte, während man mich doch darin bestärkte; daß man sagte: für einen Schulmeister macht er es doch afe z'guet. Sie wurden gefragt, wie ich ein Gesicht in der Schule gemacht, und ob ich schläfrig gewesen sei? Und wenn dann das eine oder das andere Mädchen erzählen konnte, ich sei diese Nacht bei seiner Schwester gelegen oder hätte zu ihr gewollt, und das und das hätten wir zusammen geschwatzt, wie es wohl gehört, obgleich es sich schlafend gestellt, so war den ganzen Tag ein zäpflen und lächeln zum Tollwerden; und was sollte ich dazu sagen? Am nächsten Examen tadelte mich der Pfarrer scharf, und ließ einige verblümte Sticheleien über meine Aufführung laufen. Ein alter Vorgesetzter düderlete etwas von Parteilichkeit; die andern schwiegen still. Das machte mich nun fuchswild; ich war durchaus blind über den Zustand, in dem ich war, blind über meine Fehler, und glaubte Ruhm und Ehre von jedermann fordern zu können. Ich klagte von Haus zu Haus über die mir widerfahrene Unbill, klagte über die Bosheit der Kinder, klagte über manche Eltern, und schloß gewöhnlich meine Rede mit dem Wunsch: ich möchte den sehen, der es besser machen könnte; einmal der Pfarrer würde es nicht sein; der wisse nicht, was Schulhalten sei. Jedermann gab mir noch recht, und machte mir den Kopf noch größer und schimpfte vielleicht noch selbst über die eigenen Kinder: es sei nichts mit ihnen anzufangen: – während man diese Kinder gegen mich aufwies, mich vor ihnen ausmachte, oder wenigstens in den Reden über mich kein Blatt vor den Mund nahm.

Zu dieser bereits gereizten, aufbegehrischen Stimmung kam nun noch die Geschichte mit Stüdin. Die schlug mich gar nicht nieder, wie sie es zwei Jahre früher gethan hätte, sondern sie brachte mich furchtbar auf – so wunderbar kann sich ein Gemüt müt in kurzer Zeit verändern und besonders ein schwaches. Ich schämte mich nicht, sondern ich ergriff jede Gelegenheit, um zu erzählen, wie wüst Stüdi es mir gemacht, wie hochmütig und brutal Stüdis Vater sich betragen und wie sie sich noch einst reuig sein werden. Die Leute hatten ihre Galgenfreude an dieser Erzählung, und allenthalben brachte man mich darauf, und anfangs ließ mich manches Mädchen ins Gaden, nur um den ganzen Hergang pünktlich zu vernehmen und den Buckel voll über mich lachen zu können. Wäre ich nicht eine Art Dorfnarr gewesen, die Leute hätten mich schon lange gesetzt, d. h. mir zu verstehen gegeben, was sie von mir hielten; so aber wollten sie sich den Spaß nicht selbsten verderben. Freilich ließ sich kein reiches Mädchen mehr mit mir an, wie Stüdi, während ich immer heiratssüchtiger wurde. Ich wollte Stüdin zeigen, daß es nicht die einzige in der Welt sei; und wenn man sich einmal das Heiraten in den Kopf gesetzt hat, und nicht ein Herz ins Herz, so machen einen Abschläge nur hitziger. Zudem fingen die Schulden mich an zu drücken, und die zu bezahlen, hatte ich eben auf eine Frau gerechnet, und nicht auf Arbeitsamkeit und Sparsamkeit.


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