Jeremias Gotthelf
Leiden und Freuden eines Schulmeisters
Jeremias Gotthelf

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Eilftes Kapitel.

Wie es mir als Schulmeister-Adjutanten erging.

Wie gesagt, ich stolperte über die Schwelle und blötschte an die Thüre. Deswegen empfing mich der Schulmeister nicht sehr freundlich. Ein ander Mal solle ich etwas süferliger thun, sagte er, sonst schieße ich ihm die Thüre ein. Während man mir eine Kachle mit Suppe auszuessen gab, betrachtete die Schulmeisterin mein Bündelchen und fragte, ob das meine Kleidleni alle seien? Da wurde ich rot bis über die Ohren und schämte mich und stotterte etwas. Mein Lebtag konnte ich nie lügen, daß es eine Gattig hatte. Sie merkte die Wahrheit und fragte wieder, es werde doch alles gewaschen sein? Wieder Röte und Stottern. Da zog sie ein gar saures Gesicht und sagte, fremden Dreck mangelten sie nicht, sie hätten deren selber genug, und mir alle Wochen zu waschen, dazu habe sie auch nicht Lust; ich könne sehen, wie ich es mache.

Ja, das war eine Frau wie eine Rüebräffle, oder wie ein Kässchaber; es lag aber auch eine bedeutende Bürde auf ihr. Der Mann war kränklich und bildete sich aber noch mehr Übel ein, als er hatte, und machte die, welche er hatte, größer als sie waren, verdökterlete bei allen Zungen- und Wasser-Gschauern, was er auf- und anbringen mochte, und selten verging ein Tag, wo er nicht im Ofenguggeli einen Hafen mit Trank zu stehen hatte. Die Frau mußte dafür sorgen, wenn man etwas anders als Trank im Hause haben wollte. Sie schien durchaus unbarmherzig. Der Mann mochte husten und berzen, so nötlich er wollte, sie zeigte ihm kein Mitleiden; wenn es gut ging, so sagte sie, es düech se, er sött afe möge höre. War sie aber üblerer Laune, so sagte sie ihm kurz und bündig, we-n-er neuis möchti thue u-n-er nit e so-n-e Fule wär, so hätt er o nit sövli z'gruchse.

Damals schien mir das gar hart zu sein; es war noch härter, als mein Vater gegen die Mutter war. Spätere Erfahrungen aber haben mich belehrt, daß Not resolutere Weiber so bilden muß, und daß ein Mann, der nur immer an sich denkt und jedem Winde ablost, eine Frau fast die Wände auftreiben, ihr endlich jedes Mitleiden nehmen und den Glauben beibringen muß, seine vorgegebenen Übel seien entweder gar keine, oder zehnmal kleiner, als er sie mache. Wo Geld genug ist, wird nur die Geduld auf die Probe gesetzt; wo das aber mangelt und der ganzen Haushaltung der Untergang droht, da wird wohl, während das eine Trank trinkt, dem andern das ganze Gemüt versäuret.

So war mein Empfang kein freundlicher, und unfreundlich blieb der ganze Abend. Abgebrochenes fragte man mich, und in der Betonung jeglichen Wortes lag der Vorwurf, ich sei ein unwillkommener, aufgedrungener Gast. Endlich wurde ich in die Kammer zum Schlafen gewiesen, die ich mit der fünfzehnjährigen Tochter teilen mußte; ein Mädchen, dessen Zunge spitzig, dessen Augen lüstern waren. Ach, zum ersten Mal in meinem Leben schlief ich unter fremdem Dach, neben fremden Menschen, Da zog sich mir die Brust gar enge zusammen und gerne wäre ich wieder daheim gewesen. Ach, es ist doch noch viel leichter, bei unfreundlichen Eltern zu wohnen in der heimischen Umgebung, als bei unfreundlichen, unbekannten Menschen in einem fremden Hause, in unbekanntem Dorfe!

Am andern Morgen war noch keine Schule. Die Schulmeisterin hatte erklärt, ehe sie die Schule anfangen lasse, müssen erst die Rüben heimgemacht und ihre wenigen Garben gedroschen sein; sie wolle nicht alles alleine machen, sie fresse auch nicht alles alleine, und wer ihr bei dem einen helfe, müsse es auch beim andern. Dann mußte noch die Schulstube ausgeräumt werden. Das war ein schweres Werk. Sie hatte den Sommer über zur Vorrats- und Grümpelkammer gedient. In ihr war Obst aufgeschüttet worden und die Säu-Erdäpfel aufbewahrt, die Spinnräder stunden darin und von der Brechete her Flachs und Ryste. Die Stube war nicht viel größer als eine gewöhnliche Baurenstube und nicht höher. Beim Unterzug mußte ich mich immer bücken, und über zweihundert Kinder sollte sie fassen. In der Stube waren vier Tische. Der größte ging quer durch die Stube, zwei andere den Wänden nach, der vierte stund beim Ofen. Drei Tische waren breit näher bei drei als bei zwei Schuhen, der vierte ein Tischlein, wo an jeder Seite ein Kind sitzen konnte.

Die Fenster waren rund, glitzerten in allen Farben, waren seit Jahren nicht gewaschen; ich glaube nicht, daß man eines herausnehmen konnte. Fenster und Vorfenster blieben Sommer und Winter stehen, unveränderlich, schmutzig und dunkel. Das ganze Haus entsprach den Fenstern, war klein und schmutzig, ein Bild unaufgehaltener, aber unmerklich fortschreitender Vergänglichkeit. Nur daran merkte man sie, daß Jahr für Jahr die Dachbänder sichtbarer wurden und ein Fetzen Stroh mehr aus dem Rande des Daches heraushing. Und wie ein unantastbares Heiligtum hielten die Bauren dieses Haus. Da war keiner, der Hand angelegt hätte oder gesorget, daß einige Schauben das Dach erneuerten, die Schulmeisterin mochte aufbegehren wie sie wollte. Ja, als ihr einmal eine Geiß erfror in dem durchsichtigen Ställchen und sie die ganze Gemeinde verantwortlich machen wollte für diesen Schaden, gab man ihr kaltblütig die Antwort, sie solle nur machen, was sie könne. Aber sie selbst sei schuld daran; warum sie es zwängen wolle, im Winter Geißen zu halten! der frühere Schulmeister hätte im Winter auch keine gehabt. Darum blieb auch der Ofen stehen, halb so groß wie die Stube, aus Steinen aufgeführt, die fast zehn Zoll dick, aber gespalten waren über und über, so daß manchmal das Feuer gwunderig in die Stube hineinguckte und allemal der Rauch lästig wirbelnd durch die Risse drang, so daß man füglich Hamme und Magenwürste hätte räuchern können in derselben. Darum hatte der Stubenboden auch Löcher, daß es eine große Kunst brauchte, die Tische zu stellen, und mancher Holzschuh blieb stecken, daß der Schulmeister das Kind lösen mußte aus dieser Falle. Darum ging es auch lange, bis die Schulstube ausgeputzt und die Äpfel und Erdäpfel aus allen diesen Löchern zur Zufriedenheit der Schulmeisterin heraus gelesen waren.

Endlich war die Stube rein und es schneite der Himmel ein gar herrliches Schulwetter. Da sandte man mich durch das Dorf, um anzusagen, daß morgen Schule sei, und zugleich dem Seckelmeister anzuhalten, daß er doch Wedelen zur Heizung des Schulofens herbeischaffen lasse, indem gar keine mehr da seien. Es weiß nämlich jeder Bauer sehr wohl, daß man mit dürren Wedelen besser heizen kann, minder braucht, die Ofen weniger verderbt als mit grünen; derowegen hat auch jeder halbwitzige Bauer dürre Wedelen beim Hause und das seit Urvaters Zeit. Aber ebensolange ist es Sitte an vielen Orten, daß man dem Schulmeister nicht nur grüne Wedelen liefert zu plötzlichem Gebrauch, sondern daß man sie erst mitten im Winter macht und sie ihm liefert voll Eis und Schnee. Und weil man das lange vor dem Großätti so gehalten, so brächte man sie mit aller Gewalt nicht von diesem Gebrauch ab. Der Schulmeister muß seine Wedelen halb Holz halb Eis haben und wenn er dagegen aufbegehrt, so heißt es; man könne nicht begreifen, was er immer zu räsonieren habe; die andern hätten heizen können; warum er es nicht auch könne und warum er etwas apartiges wolle? O, wie das dann herrlich ist, wenn man um fünf Uhr auf muß und anfeuern bis um sechs, und zwei Wedelen brauchen, um drei andere zu verbrennen, und wie das dann rauchnet so schön dick und schwarz, wie wenn man eine Rütti brennt, und man alsobald einstützen muß für den morndrigen Tag. Und wie dann das Wasser in dem Ofen herumläuft, daß die Wedeln halb schwimmen und im Hausgang herum, daß die Kinder Fußwasser kriegen, und wie es dann so feuchtheiß riecht und dampft in der Stube, daß man zweimal ziehen muß, um einmal Atem zu bekommen!

Ich mußte meinen Auftrag ausführen, so ungern ich es that, denn ich war sehr schüchtern. Der Seckelmeister sagte mir, er könne mir wahrhaftig nicht so bald Wedelen versprechen; aber wenn er ansgedroschen habe, wolle er seine Knechte in den Wald schicken. Unterdessen könne ich seinen Hag, der nicht weit hinter dem Schulhaus sei, stumpen und Wedelen machen. Zwischen der Schule möge es schon viel ergeben, und wenn ich nicht kommen möge, so könne der Alte hie und da einen halben Tag alleine Schule halten. Er wolle es schon versprechen und die gemachten Wedelen mit der Gemeinde verrechnen. An den andern Orten sah man mich gwundrig an wie ein fremdes Tier. An einem einzigen hieß man mich in die Stube kommen, um Bekanntschaft zu machen mit einem kleinen Knaben, der den Schulmeister gar fürchte und nicht mehr zu ihm wolle. Ich gebürdete mich so freundlich als möglich und gewann glücklich des Kindes Wohlgewogenheit. Zu Hause sollte ich Auskunft geben über jede mir begegnete Miene, und man war gar glücklich, daß ich nur an einem Orte in die Stube gerufen wurde; doch über die, welche es gethan, fiel manche spitzige Rede. Aber über den Seckelmeister ging es tüchtig her, und wie er rechne und verrechne, wurde weitläufig und an Beispielen ausgelegt.

Der morndrige Tag brachte nicht viel Kinder in die Schule, kaum ein Dutzend kleinere. Mit diesen ließ mich der Schulmeister fechten Vormittag und Nachmittag, und machte den Schulrodel z'weg. Mir gefiel das Schulhalten besser als das Wedelenmachen und ich hatte gar kurze Zyti dabei. Ein halber Tag ging mir vorbei wie ein Augenblick. Ich lehrte ohne Unterlaß mit den Kindern, und was wir lehrten, war mir wieder neu und heimelete mich doch. Fast bei jedem Wort kam mir eine Geschichte oder ein Spaß in Sinn, der sich in Bezug auf dieses Wort oder als ich es gerade lernte, zugetragen. Das lächerete mich zuweilen, und da fanden die Kinder, daß ich gar ein Lächerliche sei und faßten Zutrauen zu mir. Neues trieben wir natürlich nichts miteinander. Da wurde buchstabiert und gelesen, auswendig gelernt und aufgesagt, und das an einem Tag wie am andern.

Die Kinder mehrten sich von Tag zu Tag, doch füllten sie die Stube noch lange nicht, und Schulmeisters wunderten sich doch, daß schon so viele kämen; das müsse der Gwunder machen, meinten sie. Ich aber meinte es nicht so. Ich meinte, das geschehe, weil die Kinder mich liebten und gar viel bei mir lernten; denn ich war gar fleißig immer auf den Beinen, und beim Auswendigsagen wartete ich recht geduldig, wenn sie stecken blieben, bis sie das Vergessene von andern gehört oder im Buche nachgesehen hatten.

Den Stock hatte ich freilich immer in der Hand, aber ich drohte nur damit, führte die Drohung aber nie aus. Es war ein gar gewaltiges Sehnen in mir, geliebt und gerühmt zu werden; war ich doch schon so viel gehaßt und gescholten worden! Und bei den kleinern Kindern – die größern mußten noch dröschen – kam ich mit der Liebe recht ordentlich durch. Freilich lärmte es tüchtig an allen Tischen, außer an dem, an welchem ich eben war; aber dessen war ich gewohnt und meinte, es müsse so sein. Da hörte ich eines Morgens früh, während ich heizte und vor dem erstickenden Qualm in die Küche geflüchtet war, die an des Schulmeisters Stube stieß, die Frau mit dem Manne aufbegehren, daß er gar nicht in die Schule gehe und mich darin schalten und walten lasse. Des Metzgers Frau habe gestern gefragt, was sie doch für ein freines Knechtli hatten; die Kinder kämen gar gerne in die Schule und rühmten ihn gar sehr daheim, und es dünke sie, sie hätten keinen Winter so viel gelernt. Das dürfe er bei diesem und äynem nicht so gehen lassen, sonst beiße ich ihn ganz aus und dann könne er den Stecken am dreckigen Ort nehmen. Nach diesem besondern Eingang folgte dann die allgemeine Predigt über seine Faulheit und daß kein Leydere auf dem ganzen Erdboden sei als er; denn sonst brauchte er keinen Schnuderbueb, den alle Leute rühmten. Er begehrte auch auf und meinte, das werde sich bald zeigen, wer der Leyder sei, er oder ich. Er fürchte keinen im ganzen Kanton. Schon vor zwanzig Jahren hätte ihm einmal der Landvogt gesagt, so einen Bornierten, wie er sei, gebe es in der ganzen Welt nicht. Und das well doch, so Gott well, no öppis säge, was so-n-e Landvogt säg.

Man glaubt nicht, wie wohl mir dieses Gespräch der beiden Eheleute that. Ich war seit meinem ersten Ausgang noch zu keinem Menschen gekommen; es war das erste Lob, das ich vernahm; darum erquickte es mich so. Ich war überzeugt, daß, wenn der Landvogt mich kennte, er mich für den noch Bornierteren halten würde. Ach, wenn er mich doch kennte! seufzte ich oft. Von diesem Tage her fing ich an zu glauben, ich sei doch etwas, und gewöhnte mir im Gehen das Ranggen und Walzen mit dem Rücken an, das mein Fraueli mir gar gerne abgewöhnen möchte, weil sie sagt, sie hätte schon Kinder gesehen, die mich verspotteten, und ich gefiele ihr noch einmal so wohl, wenn ich schön sittsam grad auf ginge.

Kybig kam der Schulmeister in die Schule und betete selbst, d. h. er schnauzte den lieben Gott gar gewaltig an. Dann sprach er, er werde selbst bhören müssen, wenn's neuis nutz gah söll. Ich stund ganz kaput da und mußte nicht was anfangen, da fuhr er mich an: ob er mir den Lohn gebe und mich futtere, daß ich da stehe und ölgötze? Ob ich mich für einen Schulmeister ausgeben wolle und nicht wüßte, was ich in einer Schule zu thun hätte? Ob ich nicht sehe, daß Buchstabierer genug da seien, um mit ihnen zu lehren? Würde ich das eheliche Gespräch nicht gehört haben, so hätte dieses Betragen mich allerdings geschmerzt; aber ich armes Bürschchen war es so gewohnt; ich würde es verschmerzt und mich darein geschickt haben. Allein nun war der Satan in mich gefahren, ein Feuerfunken war gefallen in das in mir liegende Pulverfaß der Eitelkeit, und die flackerte nach allen Seiten empor. Freilich durfte ich nicht aufbegehren, es lag nicht in meiner Natur, und damals war es noch nicht Mode, daß man gegen seine Obern gleich den Güggel machte. Aber ich lächelte spöttisch, wenn irgend ein Kind und der Schulmeister nicht mich ansah. Und wenn ein Kind ausgeschimpft worden war aus lauter Kyb, und dann hinter des Alten Rücken mich schnippisch ansah, so machte ich ihm auch ein schnippisches Zeichen. Zwischendurch war ich recht fleißig auf dem mir angewiesenen Posten, und war noch einmal so freundlich als sonst. Wollte der Schulmeister mich durchthun mit seiner Oberherrlichkeit, so versuchte ich das Gleiche gegen ihn in meiner Untergebenheit. Sobald einer, der die Gewalt hat, den Weg meines Schulmeisters einschlägt, um sein Ansehen zu bewahren, und einem, der unter ihm steht, sein Ansehen zu nehmen, so hat der letztere, wenn er mit Lieblichkeit und Nachsicht sichtet, gewonnenes Spiel. Man sieht manchen, der in Nachläßigkeit und Unordnung alt geworden, sich dem jungen Mann entgegensetzen, der des Alten Fehler verbessern, gut machen will; sieht den alten Mann mit Schmeicheln und Wädelen die Leute zu bethören suchen, und das mit großem Glück. Aber das ist wohl das größte Unglück für die Menge, wenn zwei, die über ihr stehen in Amt und Pflicht, mit den gleichen Waffen gegen einander kämpfen und einer den andern ausstechen will durch Lieblichkeit und Gelindigkeit, sich gegenseitig überbietend mit dem Haschen nach der Unverständigen Gunst. Dann ist der Teufel los; alle thun, was sie wollen, nur die nicht, welche zu befehlen haben; die sind der andern niederträchtige Knechte. Dann gute Nacht, Ordnung und Sitte! Es ist beides böse, aber für die Menschheit das letztere noch in weit höherem Grade. Diese wahren Wahrnehmungen möchte ich Regenten, Lehrern, Eltern schreiben mit glühendem Griffel ins Herz hinein.

So plagte mich der Schulmeister in der Schule, und plagte mich immer mehr. Ich konnte ihm weder recht buchstabieren noch recht lesen, am wenigsten singen. Beim Lesen und Buchstabieren konnte ich ihm die Selbstlauter und Endsilben nie lang genug aussprechen; er wollte sie haben mit Stielen so lange wie Rattenschwänze. Beim Singen warf er mir immer vor, ich verstöre ihn ganz. Jeder von uns wollte es schöner machen, d. h. jeder suchte den andern zu überschreien. Das thaten wir auch tapfer, bis wir kührot wurden im Gesicht. Dann befiel ihn der Husten und er mußte aufhören. So verstörte ich ihn allerdings. Er behauptete alle Tage, er machte es ds halb ringer alleini. Am meisten begehrte er auf, wenn ich zu dem kleinen Tischchen mich nahte, zunächst beim Ofen, wo nach dem Neujahr drei oder vier zu schreiben anfingen. Rechnen that man gar nicht. Ich konnte mich selten enthalten zu zeigen, daß ich auch schreiben könne, und deutete mit dem Finger, wie dieser oder jener Buchstabe einen Krump haben sollte. Da begehrte dann der Alte lästerlich auf. So eine, wo ds Druckte nit chönn, söll de nit drglyche thue, er chönn ds Gschribene; selb syg doch de afe z'wyt tribe. So ging es in der Schule, aber nebenbei wohl noch schlimmer. Freilich hatte der Schulmeister gewöhnlich genug und hustete und trank Trank auf dem Ofentritt und machte während des Essens stillschweigend die Mauggere hinter dem Tisch. Aber seine Frau löste ihn ritterlich ab, und wußte so scharf und derb zu sticheln, daß sie mir das Essen richtig verpfefferte. Ihr war nichts zu gering mir auszurupfen. Sie fragte mich alle Tage: welchen Weg ich heute das Hemd an habe, und wie viel noch an meinen Strümpfen sei? Sie schimpfte über mein Heizen; noch nie sei so wenig warm gewesen, noch nie so viel Holz gebraucht worden. Sie hielt dem Manne vor: er könne zusehen, was er mache; die Leute klagten gar bitterlich, es sei noch nie so schlecht in der Schule gegangen, die Kinder lernten in Gottes Namen nichts, besonders die Kleinen; die und die hätten rundweg erklärt, sie wollten sie gar nicht mehr schicken.

Zudem war das Essen noch gründlich schlecht, und von allen den Dingen, welche ins Haus flogen, erhielt ich nichts; die wurden im halben Tag gegessen. Ich roch sie wohl, aber damit mußte ich mich begnügen.

Die Kinder merkten auf der Stelle dieses Verhältnis, und ich dauerte sie, denn sie sahen wohl, daß ich es gut mit ihnen meinte. Sie erzählten solche Dinge bei Hause, erweckten Mitleiden mit mir und erhielten den Auftrag, mich zu ihnen einzuladen zum Abendsitz. Und wenn ich Wedelen machte oder mistete, so stellte sich wohl ein Hausvater bei mir, sobald er niemand von Schulmeisters sah, rühmte mich und lud mich ein. Natürlich nahm ich alles für bar Geld und merkte nicht, daß mit dem Mitleiden auch die Hoffnung sich parte, mir bequemlich die Würmer aus der Nase ziehen und über Schulmeisters vernehmen zu können, was man wollte. Wer will es mir verübeln, wenn es mich bei allen Haaren hinzog zu den Leuten? Es war mir sicher nicht nur wegen dessen, was sie mir aufstellen mochten, sondern es war ein wahrer Hunger und Durst, mich ungestört rühmen und preisen zu hören nach allem dem Schelten, das ich ausstehen mußte. Es war vielleicht auch im Hintergrunde der Trieb, mich über Schulmeisters aussprechen, über sie klagen zu können, der mich nach Leuten hungrig sein ließ. O man klagt gar gerne über seine Nächsten; man klagt Fremden auf der Straße über sie, wenn man niemand Bekanntes findet. Und doch wird jeder böse, wenn er hört, daß ein anderer auch gethan, was er alle Tage thut, daß er über ihn geklagt habe. Diese Klagen zeigen uns, daß unser Herz sich fort und fort mit den kleinen Beleidigungen und Hintansetzungen beschäftigt, welche wir von andern erlitten zu haben wähnen. Darum wird es voll davon, unser kleines enges Herz, und darum läuft auch der Mund über.

Diesen Einladungen zu entsprechen, ward mir aber gar schwer gemacht. Man hatte mir beständig etwas zu thun. Ich mußte haspeln und gewöhnlich ganz allein rüsten, indem der Alte nichts that, und Mutter samt Tochter spannen. Selbst des Sonntags wußte man mich anzubinden durch allerlei Stempeneien. Allein der Trieb war doch zu stark in mir und überwand die Unterthänigkeit und die Angst, ausgehunzt zu werden.

Eines Abends, als ich die Geißen abgefüttert hatte, machte ich mich fort, dem Hause zu, wo man mich am meisten eingeladen hatte, wo der Knabe war, der anfangs nicht in die Schule wollte und jetzt nicht daheim zu behalten war. Gar freundlich wurde ich, aufgenommen und alsobald stellte man mir auf im Stübli, und rühmte mich nun, während ich aß, gar meisterlich. Ach, beides that mir so wohl! Als dieser Stoff zu versiegen begann, sprang man über auf den Lärm, den mir ds Schuelmeisters machen und erzählte mir, was sie alles über mich gesagt hätten; aber niemand glaube es ihnen. Die Frau sei bekannt als die ärgste Tätsche und alles hasse sie. Aber man habe sie zu fürchten; denn wem sie nicht wohl wolle, dem gnade Gott! Ja, das sei die Böseste unter der Sonne, fuhr man fort, und erzählte nun alles, was man von ihr gelitten und von ihr wußte. Ach, das machte mir wieder wohl und mir ging der Mund auch auf, und ich erzählte nun auch alles, was ich als Hausgenosse wahrgenommen, und wie es mir der Schulmeister in der Schule mache, und wie ich die Kinder ganz anders lehren wollte, wenn ich es machen könnte, wie ich wollte, und rühmte mich selbst nicht wenig. So verging uns der Abend gar kurzwylig, ich hatte all mein Leid vergessen. Aber wie erschrack ich, als es zehne schlug! Nun gedachte ich ans Ende des Liedes, an den Empfang daheim; es wollte mich fast schlotteren. Da drückten mir die guten Leute noch einen Fünfbätzler in die Hand für meine Mühe. Das ermutigte mich wieder, konnte ich doch meine Hemder waschen lassen. Überhaupt ist ein Mann, der fünf Batzen im Sack hat, schon ein ganz anderer Mann als der, der höchstens Brotbrosmen darin hat. Die fünf Batzen erhielten mich mannlich; auch ging es mir so übel nicht, als ich mir vorgestellt hatte vom väterlichen Hause her. Ich wurde weder mit allen Schimpfnamen belegt, noch gestoßen; war ich am Ende nicht ihr Bueb, sondern ein halber Schulmeister. Man brummte und stichelte freilich und besonders am Morgen, als mir die Erdäpfelsuppe nicht besonders rutschen wollte. Ich werde von gestern noch genug haben, meinte man, ds Ammes hätten immer Vorrat zum Aufwarten, aber desto weniger für die Diensten; die müßten schwarzen Hunger leiden. Es wäre besser, sie würden denen recht z'fressen geben, die es verdienten, als fremden Strolchen, die sie nichts angingen. Aber das seien auch die falschesten Leute von der Welt; vorwärts könnten sie einem däsele und flattieren, wie wenn sie lauter Seide und Sammet wären, um dann hinterrücks desto wüster über einen zu thun. Das seien eben die, welche am meisten über mich balgeten, und erst vorgestern habe die Frau gesagt, es sei eine Schande für das ganze Dorf, daß sie einen Schulmeister hätten, dem der Hemdeschild zu den Hosen heraus guckte. Das stach mich verzweifelt in die Nase, daß man mir den Ruhm, den ich, wie sie sich wohl denken konnten, erhalten hatte, so zu Wasser machen wollte. Ich wollte zeigen, daß man mich nicht so leicht überreden könne und daß ich es gut wisse, wie die Leute es eigentlich meinten. Ich beging daher die Unbesonnenheit und zog meine fünf Batzen, die ich ohnehin den ganzen Morgen im Hosensack getätschelt hatte, hervor und sagte, he, d'Ammene mög das gseit ha oder nit, so syg's geng brav vo-n-ere, daß sie mir das gä hei für se z'plätze. Potz Wetter! was gab das für sechs Augen um die Erdäpfelsuppe herum, wie funkelten sie so graulich, grün und gelb! Das ging ihnen ins Lebige hinein.

Was sie mir sagten, will ich nicht wiederholen; allein von da an war nichts schlechtes auf der Erde, welches die Schulmeisterin nicht ds Ammes nachgeredet hätte, und am Ende setzte sie allemal hinzu, ich werde es wohl ga chläfele, aber das sei ihr gleich, es sei doch wahr und sie wollte es ihnen ins Gesicht hinein sagen, wenn sie da wären.

Von da an behagte mir das Abendsitzen gar sehr und trug mir manchmal etwas ein. Wie die Alte es machte, daß sie allemal vernahm, wo ich gewesen, weiß ich nicht; aber allemal nahm sie dann die aufs Korn und zerfetzte sie mit der Zunge durch und durch, mit der Ermahnung, daß ich es doch wieder sagen solle. Was doch so eine Frau für einen Kopf haben muß, so alles Lästerliche und Böse, das in zwei, drei Gemeinden sich zugetragen hat, im Kopf behalten und bei jeder Gelegenheit an den Fingern herzählen zu können, ohne daß ein Tüpflein daran fehlt! Was doch so eine Frau für einen Kopf haben muß, daß sie imstande ist, zu dem, was sie weiß und was geschehen ist, noch zehnmal so viel zu ersinnen und aus jeder gesehenen Mucke einen Elefanten zu machen, und das alles so in einander zu kneten, daß keine Seele unterscheiden kann, was wahr, was falsch ist, und sie selbst am allerwenigsten! Ja, das müssen Köpfe sein! Und kurios ist's, daß gar viele Mädchen, denen man in der Schule keine besonderen Gaben anmerkte, als Weiber solche Köpfe kriegen.

Von den erhaltenen Ermahnungen, das Gehörte wieder zu sagen, machte ich nicht selten Gebrauch. Es geschah nicht aus Bosheit; aber wenn mir die Leute sagten, wie die Schulmeisterin mich allenthalben verbrülle, so gehörte wahrlich mehr Verstand dazu, als ich besaß, zu schweigen und nicht zu sagen: »Sie macht es mir nur so, wie Euch; das und das hat sie gerade heute über Euch gesagt.« So gescheut war ich nicht, sondern ich platzte dann los und die Leute konnten dann von mir vernehmen nicht nur alles, was sie selbst betraf, sondern auch was über die anderen gesagt wurde, überhaupt unsere sämtlichen Tischgespräche.

Ich wurde, ohne daß ich es selbst wußte, eine förmliche Dorfbase, eine harmlose freilich, aber doch eine schädliche. Klappereien ohne Zahl entstunden und giftige Streitigkeiten. Was ich in einem Hause erzählte, wurde in ein anderes getragen, verkehrt, und so von Haus zu Haus und immer verkehrter, und die Worte bald diesem, bald jenem in den Mund gelegt, je nachdem es dem Erzähler komod war. Es verging kein Tag, daß die Schulmeisterin nicht Streit hatte, aber andere Weiber ebenfalls, und die Männer wurden ganz stumm von den Klagen ihrer Weiber, was sie alles leiden müßten, und von den Vorwürfen, die sie hören mußten; wenn neuis mit-ne wär, so wurde si das nit so anäh. Aber auch ich kriegte meine Strafe.

Nicht nur wurde ich zu Hause täglich ausgeschimpft, und sogar in der Schule selbst vor den Kindern mußte ich von Verläumdern und Streitmachern hören, sondern auch in vielen Häusern wurde ich unwert, und die Männer brummten oft, wenn die Weiber mich in Zug brachten, sie hätten des Damps bald genug und wollten lieber etwas anders hören. Am Ende mußte ich gar noch zum Pfarrer, dem der Schulmeister mich verklagt hatte. Der las mir nun ein Kapitel, daß mir fast gschmuecht wurde, ohne weiter nach meiner Verteidigung zu fragen. Das hätte freilich nicht viel genützt; denn ich war kein Redner im ordinäri Zustand, geschweige dann, wenn ich vor jemand zitterte. Und was hätte ich eigentlich sagen sollen, als des Schulmeisters auch verklagen und daß ich es nicht böse gemeint. Endlich schlich der Winter vorüber. Am Examen wurde mir noch ein tüchtiger Zuspruch zu teil, und nachdem ich meine zehn Kronen mit Mühe erhalten und von der Schulmeisterin wieder ein paar kräftige Segensworte auf den Weg, schüttelte ich den Staub von den Füßen und verließ den Ort, wo ich vieles erlebt, aber nichts erfahren hatte. Denn um Erfahrungen zu machen, bedarf es der Weisheit, und von der hatte ich noch keinen Anfang.


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