Jeremias Gotthelf
Leiden und Freuden eines Schulmeisters
Jeremias Gotthelf

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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Wie ein Schulmeister merkwürdige Betrachtungen anstellt

Die Krone der Schöpfung heißt der Mensch; er heißt der Erde König; ein Halbgott träumt er sich; wie ein Selbstbeherrscher gebärdet er sich, trotzig und dünkelvoll. Als ob er mit der Hand den Himmel aus den Angeln heben, mit dem Fuß die Erde in Splittern schlagen könnte, macht er ein Gesicht.

Ein solch gottloses Gesicht zieht nicht etwa ein Kaiserlein allein oder Königskinder, sondern Millionen federkauende, ahnenstaubige, schulstaubige, mehlstaubige, straßenstaubige (was für ein Unterschied ist wohl zwischen Staub und Staub?) Menschlein ziehen noch ärgere – Gesichter nämlich. Der Staub an allen Haaren ist ihnen kein Zeugnis, daß sie keine Halbgötter seien, sondern halt schwache Geschöpflein, Staub und Asche. Ihr Haar, das ihnen zu oberst auf dem Haupte im Winde flattert und losgerissen ein Spielzeug desselben wird, ist ein Wadel, von Gott ihnen gesetzt zum warnenden Zeichen, daß sie nicht solche Haare seien im Weltenwinde, der vom Aufgang bis zum Niedergang bläst fort und fort, oder gar losgerissene Haare, die herumgetrieben werden, bis sie in Kot oder Dornen stecken bleiben; aber sie verstehen das Zeichen nicht. Der gute Gott sprach am dritten Tage seiner Schöpfung: es bringe die Erde Gras Herfür, Kräuter welche Samen tragen, fruchtbare Bäume, welche Frucht bringen nach ihren Geschlechtern, in denen ihr Same sei auf Erden. Und es geschah also. Und unter diesen Kräutern und Bäumen, aber nicht Kraut nicht Baum, schuf der gute Gott den Epheu zum Sinnbild dem Menschen. Wie alle Bäume und Krauter strebt der Epheu nach oben, dem blauen Himmel, dem Lichte zu; aber alleine vermag er es nicht; an einem Stamme muß er empor sich winden und schlingen; nur an demselben steigt er höher und immer höher bis zur Spitze hinauf, und je stärker und höher seine Stütze aus dem Boden gen Himmel steigt, desto stärker wird auch er, desto näher kömmt auch er dem Himmel, und grünt so blendend und saftig dann in Sommerhitze und im Winterschnee, als ob ewiges Leben in seinen Adern flösse. Stürzt den Baum, entreißt seine Trümmer den umschlingenden Armen, und laßt das Epheu keinen Stamm mehr finden, so sucht es an jedem Zweige oder Steine sich zu erheben, kriecht elend, traurig, unbeachtet am Boden fort; kein Vieh frißt es, es zertritt es bloß.

Wie wunderbar ähnlich ist nicht der Mensch – nicht Tier, nicht Engel – dieser Pflanze – nicht Kraut, nicht Baum!

Der Mensch ist für den Himmel geboren, zu ihm sieht sein Auge empor, nach ihm hin zieht ihn sein Geist; aber sein Auge hebt sich nicht, sein Geist zieht ihn nicht, wenn sie weder Stütze noch Stamm finden, sich aufzurichten nach oben. Setzt des Menschen Kind im Walde aus, laßt Bär oder Wolf seine Ammen werden, so wird der Leib sich nicht heben, auf Vieren wird es gehen, wird heulen wie der Wolf, brummen wie der Bär; sein Geist hebt sich nur um auszugehen auf Raub, den Fraß sich zu suchen, zieht ihn nur zur Quelle, den Durst zu löschen. Ein Tier wird des Menschen Kind werden und bleiben.

Gebt dem Kinde aber eine Mutterhand, in die sein tastend Händchen sich lege; einer Mutter Arm, der es vom Boden hebt; einer Mutter Auge, das es vom Boden zieht zu ihr hinauf, und seht nun, wie das Kind sich aufrichtet auf seine Füßchen, an der Mutter empor sich schlingt; seht, wie sein Auge sich aufschlägt, das Mutterauge sucht, den Himmel findet, und wie unter goldenen Locken hervor das Engelchen zu lächeln beginnt.

So rankt am Mensch der Mensch empor zur Menschengestalt; aber auch seine Seele schlingt sich an Seelen auf und saugt aus ihren Säften Nahrung zum Wachstum und hält an ihnen sich fest. O es ist eigen, wie die kleinen Seelen kleiner Kinder ihre Fühlfaden tastend ausstrecken nach größeren, festeren Seelen, sich da anklammern und einsaugen, und an ihnen sich aufrichten. Es ist aber auch ein eigener Gedanke für den Erwachsenen oder Erwachsenden, daß, ohne es deutlich wahrzunehmen, junge Seelen an ihm empor klimmen; daß er da sei, um ihnen Nahrung und Richtung zu geben; daß, wie er sich aufrichte oder niederbeuge, im Schlamme krieche oder Himmelslüfte suche, sie mit ihm sich aufrichten oder beugen, mit ihm im Schlamm kriechen oder des Himmes Lüfte trinken. O es ist herrlich zu sehen, wenn in einem Hause ein oder, wie es sein sollte, zwei Zwillingsstämme mächtig und fest aufschießen himmelwärts, wie da keine Seele am Boden kriecht, sondern alle an den Stämmen, tausendfach verschlungen, die Höhe suchen. O es ist herrlich zu sehen, wie da zwei Kräfte walten unwiderstehlich, wie der angeborne Trieb nach der Höhe die jungen Seelen hintreibt zu den Stämmen, und wie diese mit dem Atem und Duft der Liebe, der rings um sie weht, die von eigener Kraft getriebenen mit unwiderstehlicher Gewalt noch anziehen und festhalten. Auch hier ist die Liebe, die bindet; an eine Eissäule hienauf würde kein Ephen sich winden. In einem solchen Hause ruht und arbeitet es sich herrlich; dieses Haus steht im Schatten des immer grünen Lebensbaumes.

Wie schauerlich und wüste steht es aber da aus, wo kein Stamm sich findet, sondern nur niederes Gestrüpp, wo die alten Seelen durch Moder, Kot und Trümmer kriechen mühselig und schmutzig; wo die jungen Seelen ihnen nachkriechen und lange noch ihre Fühlfäden ausstrecken nach einer aufrecht strebenden Seele; aber wenn sie keine finden, dann sich eigene Wege suchen durch Moder und Kot? Da ist ein häßlich Wohnen unter häßlichem Gezüchte; da sind die Höhlen, wo verlorene Seelen ihr graulich Wesen treiben.

Bange muß es denn doch in der Brust werden, in welcher das Bewußtsein aufgeht, daß junge Seelen an ihre Füße sich klammern, in ihr ihre Himmelsleiter suchen; bange muß es werden in jedes altern Menschen Brust; »Wie hoch hebe ich mich, und wie fest stehe ich?« muß der sich fragen, der das Festklammern anderer an sich fühlt – muß sich fragen: »Woran stehe ich dann eigentlich? welches ist der Stamm, der mir Stütze, Halt und Richtung gibt?« Denn welch starker Stamm einer auch für andere sei, er vermag doch nicht für sich alleine zu stehen, er bedarf wieder eines Stammes um sich aufrecht zu erhalten. Keiner in Menschengestalt hat je die Erde betreten, der durch selbsteigene Kraft das Haupt emporgehoben und ungebeugt und ungeknickt geblieben wäre. Wie bebte wohl Christus, vom Sturme erfaßt, im Garten Gethsemane, und was erhielt ihn fest und ungebeugt? Es muß das jeglicher untersuchen. Denn was er umschlingt, woran er sich aufwindet, an dem kriecht auch die junge Seele auf, die wohl zuerst an der alten sich hebt, aber dann auch an dem, was die alte stützt; und wenn die alte weiter geht, so wird der Stamm der alten auch zum Stamm der jungen. Solcher Stämme sind nun vielerlei, denn die suchende Seele erfaßt nicht nur Seelen, sondern auch Sachen, auch Gegenstände, selbst bloße Einbildungen, und erwählet sie zu Trägern ihres Daseins, ihres Heils.

Je fester die Säule steht, desto sicherer das Heil; je höher die Säule geht, je näher kommt der Mensch dem Himmel; je niederer dieselbe bleibt, desto ähnlicher bleibt der Mensch dem Tiere. Nun, Mensch! thue die Augen auf und schaue, woran du kriechst, was deines Lebens Haltpunkt bildet, was der Magnet deiner Seele ist; dann erkennst du auch dein Schicksal, deiner Seele Wert. Sind Sinnengenüsse die Glanzpunkte deines Lebens, kriecht nach ihnen deine Seele, dann kriecht sie durch Kot über niedere Steine, und wird im Kot ersticken.

Das Geld zieht viele an, macht ihnen den Rücken gerade, stellt hoch ihnen die Nase und zieht die Seelen an und auf. O ja, etwas hilft das schon, über das rein Tierische kömmt man weg, aber hoch kömmt man deswegen doch nicht, einen Engel stellt man nicht dar, sondern nichts anderes als ein Additions-Exempel. Viele haben freilich großen Respekt vor solchen Exempeln und sie selbst fordern großen; aber das kömmt nur daher, daß sie und die andern eben noch nichts höheres kennen, als solche hörnerne Exempel. Aber in solchen Exempeln verrechnet man sich oft wüst, und das Geld gehört auch der Erde an, ist flüchtig und vergänglich; darum kömmt die Seele nicht hoch und steht nicht fest, die aus dem Gelde empor will. Und mancher will an einem schönen oder reichen Weibsbilde empor – du mein Gott!

»Was ist brüchiger als das grüne Glas?
»Was gebrechlicher als ein Weibsbild! Was?«

Andere klimmen an gestorbenen Menschen auf und gebärden sich gar merkwürdig. Die Gesamtheit dieser Abgestorbenen nennen sie Familie, Ahnen, als ob sie immer wüßten, wer ihre Ahnen wären, als ob sie nicht wüßten, daß manchmal gute Freunde einander aushelfen! Da an gelbem Papier, an toten Namen klimmen sie empor, wie der Affe am Kamel, und gebärden sich oben auch gerade wie Affen auf dem Kamel, und mit jedem Gestorbenen kriegt das Kamel einen Höcker mehr, und ein neuer Affe setzt sich oben hin und gebärdet sich wunderlich; und manchmal hat der Affe noch eine Frau und die gebärdet sich noch wunderlicher; und oft haben beide noch junge Affen, und die gebärden sich am wunderlichsten. Denn die stehen wieder höher, nämlich auf dem zu einem neuen Höcker gewordenen alten. Ja wenn die Leutchen an den Tugenden ihrer Vorfahren emporklimmen wollten statt an den Namen – Respekt da! Aber, du mein Gott! da ist bei manchem Namen keine Tugend. Mancher Name hob sich an der Elle oder am Metzgermesser; und mancher war eben nichts anders als ein gutes Additions-Exempel. Und wo auch Tugend war, da kennt sie oft der Enkel nicht oder bekümmert sich nicht darum.

Andere, ja ganze Familien strecken sich aus nach allen Posten und Pöstlein, und meinen an diesen zu steigen von Höhe zu Höhe. Du lieber Himmel! sie haben da ein gefährlich Ding erwählt. Mancher Wurm kriecht auf einen Baum, wo nur der Vogel sitzen sollte, aber deswegen bleibt der Wurm doch Wurm, wird nicht Vogel, und immer kommt die Zeit, wo man ihn hinunterschüttelt, weil er Blüten und Blattern Verderben bringt.

Viele versuchen an allen begegnenden Menschen emporzuklimmen, und von diesen aus ihre Äste und Arme auszustrecken nach allen Dingen. Diese werden von den immer auseinander gehenden Menschen hin und her gerissen, zerrissen und fallen endlich zerrissen allen unter die Füße.

In eitlem Wahne bilden sich welche ein, selbständig und frei dazustehen, durch selbsteigene Kraft sich zu erhalten und höher zu schwingen. Die guten Kinder! Die Rebe ohne Stock wird von jedem Lüftchen zu Boden geworfen; nur etwas unbedeutendes, nur ein tüchtig Zahnweh acht Tage lang, sollte diese Majestäten zur Besinnung bringen, wenn sie nämlich noch zur Besinnung kommen können, was aber bekanntlich Majestäten selten können.

Alle diese Stützen der Menschen vermögen wohl vom Tier den Menschen zu erheben, dem Leibe Behaglichkeit, der Seele Stolz oder eine Art von Selbstgefühl zu geben; allein je sinnlicher sie sind, desto gebrechlicher sind sie, und der Erde entsprossen erheben sie sich nicht über die Erde, und darum auch andere nicht.

Auf der Erde haben wir aber nicht nur sinnliche Dinge, sondern auch Kinder des Geistes schweben unter uns; unsichtbar sind sie, und doch vermögen wir sie zu erkennen; sie haben nicht Arme, nicht Beine, und doch erfassen sie Seelen und reißen sie mit überirdischer Gewalt an sich hinauf. Ich meine die Ideen, und daß Erfaßtwerden von ihnen heißt Begeisterung. Sie füllen die Seele mit himmlischer Kraft, sie führen sie zu einer Höhe hinauf, die gewöhnliche Menschen nicht mehr zu ermessen vermögen.

Und dennoch wehe dem Menschen, der von einem dieser Himmelskinder alleine sich ergreifen läßt, und an demselben, als einem für sich allein bestehenden, abgesonderten Stamme, der in sich selbst Anfang und Ende findet, sich emporschwingt.

Hat eine solche Idee den Menschen erfaßt, begeistert, so fühlt er sich unwiderstehlich berufen, dieselbe zu bezeugen mit That und Wort, dieselbe durch sich ins Leben treten zu lassen, dieselbe zu verwirklichen auf Erden. Das aber vermag kein Sterblicher.

Die eigene Gebrechlichkeit und Beschränktheit auf der einen Seite, das Widerstreben der Welt auf der andern Seite erzeugen eine unausfüllbare Kluft zwischen dem Mögen und dem Vermögen, zwischen der Auffassung der Idee und ihrer Darstellung. Und je reiner die Idee sich abspiegelt im menschlichen Gemüte, um so greller wird demselben der Abstand in ihrer Verwirklichung erscheinen, um so unglücklicher muß das Gemüt werden. Je höher der Gedanke es erhoben hatte, desto tiefer stürzt es die Wirklichkeit; wenn nämlich die Idee abgerissen allein herrschend da stand in seinem Gemüte, wenn die Idee sein Gott war.

Je größer die Begeisterung war in der Auffassung, desto tiefer wird das Elend, desto größer die Mutlosigkeit, wenn im Leben die Idee sich nur verkrüppelt oder gar nicht gestalten will; wenn fruchtlose Mühen nur Zeugnis reden von der eigenen Ohnmacht, oder von der beschränkten Kraft der Idee selbst, die Millionen nicht zu berühren vermag, geschweige dann über sie zu herrschen. Und was kann wohl den Menschen tiefer schlagen, als wenn er zur Erkenntnis kömmt, daß er ein ohnmächtiger Diener seines Gottes ist, oder gar daß sein Gott selbst ohnmächtig ist, daß er keinen Himmel hat für seine Gläubigen?

Da kömmt gerne, daß man den eigenen Kopf an der Mauer einschlägt, oder daß man seinen Gott mit Füßen trittet in den Kot.

Denket an die Ideen der Freiheit, der Schönheit, der Liebe – wie viele wurden wahnsinnig durch sie; und wie viele haben, da sie selbst die Idee nicht zu verwirklichen vermochten, ihr Dasein geleugnet und in blinder Wut sie bekämpft, treulose Abgefallene? So wurden Freiheitsapostel Tyrannen, und die innigste Menschenliebe verwandelte sich in Menschenhaß. Die Stämme, an denen sie sich emporgeschwungen, verließen sie erbittert, getäuscht, und warfen sich auf den Boden hin verzweiflungsvoll; oder erhoben frevelnd die Hände gegen das, was sie früher angebetet, was ihres Lebens Richtung bestimmt hatte.

Sie wollten den Himmel auf Erden niederziehen, und die Thoren hatten ihre Leitern nicht am Himmel fest gemacht; darum thaten sie auch den großen Fall.

O diese Ideen sind wohl Himmelskinder, sind Leitern zum Himmel, aber eben nur Kinder, nur Leitern; für sich allein sind sie ein eitler Wahn, bringen nur bittere Täuschung.

Mensch! willst du den Himmel finden, willst du zum Engel werden, mußt du an diesen Leitern aufsteigen allerdings, aber einem Ziele zu, und wohin wohl anders, als zu ihrem Vater selbst, zu dem Urquell alles geistigen, zu Gott! Von diesem kommen sie, zu ihm führen sie; hier ist das Steigen, das Streben an ihnen auf; dort erst das Erreichen, die Vollendung, das Ziel. In diesem Gedanken, in dieser ewigen Wahrheit liegt die Vermittelung; sie erhält den Mut und gibt die nie ermüdende Kraft, aufzufahren mit Fitügen, wie die Adler. Die Ideen sind Kinder des Lichtes, die Feuersäulen, die uns leuchten auf der dunkeln Erdenbahn; sie können aber nie völlig übergetragen werden auf die Zustände der Erde; da wachsen sie immer verkrüppelt auf, wie die Pflanzen des Südens im kalten Norden. Sie sollen aber eben nicht die Erde zum Himmel machen; wo bliebe da die Sehnsucht nach dem Himmel, nach der eigentlichen Heimat? Sie sollen die Ahnung des Himmels wecken in der Menschenbrust, sie sollen nach dem Himmel ziehen. Dieses Ziehen und Bilden der Menschen ist die Hauptsache, nicht das Umschaffen der Zustände der Erde zu einem Himmel. Allerdings wird jeder sein inneres Leben als Siegel auch dem äußern, den ihn umgebenden Zuständen aufdrücken wollen; aber das wird nie vollkommen gelingen wegen eigener und anderer Gebrechlichkeit. Daher eine unselige Doppelthorheit unserer Zeit. Erstlich das Heil der Menschheit suchen zu wollen in einem äußeren Zustande, einer Form, einer Verfassung allein, ohne Rücksicht auf das Innere des Menschen; zweitens die Menschen beglücken zu wollen nur mit einer Idee und ihrer Ausführung, in unsinnigem Übermute Gott und den Himmel überflüssig glaubend. Gerade die werden sich bald die Haare ausraufen, bald die Menschen mit der Knute nach ihrem Willen zwingen wollen, und am Ende trostlos verzweifeln an allem Guten, an allem menschlichen Streben. Gerade diese Thoren sind es, welche durch ihr traurig Treiben und traurig Ende den Glauben bei Halbblinden erzeugen, alles höhere Streben sei eitel, und Sorge für sich allein und seinen tierischen Teil einzig wahre Weisheit. Darin liegt die Vermittlung, daß wir also hier das vollkommene nicht erwarten, dem irdischen nichts überirdisches zutrauen, daß wir nicht die Ernte wollen fsür jede Aussaat und doch überzeugt bleiben, daß kein höheres Streben eitel sei, kein Versuch, das geistige darzustellen, thorrecht, daß das unvollkommene gegründet sei im Willen Gottes, das Mißlingen dienen solle zur Erhöhung unserer Kraft, zur Prüfung unseres Glaubens, zur Prüfung unserer Stützen an denen wir aufklimmen; daß jegliches Streben darin seinen Wert habe, daß es den Menschen dem Himmel näher bringe und ihn tüchtiger mache, ein Leiter für andere zu sein und dann im Himmel in Vollendung zu erschauen, was er hier nur geahnet.

Wer so in den Himmel hineinbaut und zu Gott selbsten aufsteigt und an ihn sein Dasein knüpft, den will ich vergleichen einem klugen Mann, der sein Haus auf einen Felsen gebaut hat. Da nun ein Platzregen herabfiel und Wassergüsse herabkamen und die Winde bliesen und an dasselbe Haus stießen, da fiel es nicht, denn es war auf einen Felsen gegründet.

Die Annahme dieser Vermittlung, das getroste Arbeiten und Dulden hienieden in freudigem Vertrauen auf eine künftige Erfüllung, auf ein Schauen von Angesicht zu Angesicht, was einem hier nur dunkel erschien, heißt mit einem fremden Worte Resignation, mit einem heimischen Ergebung.

Ideen sind aber gar dünne Wesen, und die meisten Augen sehen nicht, was nicht dick verkörpert ist; darum ist uns darin die heilsame Gnade Gottes erschienen, daß er diese Ideen in seinem Sohne verkörperte. In ihm erscheint uns die wahre Freiheit, die geistige Schönheit (Heiligkeit), die Liebe männiglich sichtbar, sichtbar auch den Einfältigen, Unmündigen, den Armen im Geiste. In ihm wurde uns klar die Wahrheit, daß jeder vom Sturme der Erde, von ihren Unvollkommenheiten und des Fleisches Beschränktheit erfaßt wird, dessen Füße den Erdboden berühren; daß jeder in Menschengestalt bebt und schwankt und nur die Kraft von oben ihn aufrecht erhält, daß nur der stehen bleibt, der sein Haupt in des Vaters Schoß gelegt hat. In ihm wurde uns die Kraft der Ergebung klar, die alles thut und doch nichts fordert, die in sich das Göttliche tragt und doch nicht in gebrechliche vergängliche Formen es niederlegt, sondern in des Menschen Brust, wo aber der Same tausende von Jahren braucht, bis er aufgeht in seiner Fülle. In ihm wurde klar die Ergebung, die im Glauben an den Willen des Vaters nie seinen Kindern, den Ideen, untreu wird, nie an der Freiheit Verzweifelt, wenn auch die Zeitgenossen Sklaven bleiben wollen; die Heiligkeit nicht verwünscht, wenn auch das Laster triumphiert; die Liebe nicht in Haß verwandelt, wenn auch Tod ihr Dank ist. Das ist das Getreusein bis ans Ende, und dessen Lohn ist Seligkeit bei dem Vater, ist das Finden des Vaters. Wie dem Volke Israel die Schlange, ist uns daher Christus aufgerichtet als die Säule, die bis in den Himmel geht; als die wahre Himmelsleiter, an welcher die schwache Menschheit aufsteigen und vom Tier zum Engel werden soll. Er ist der Rebstock, wir sollen die Reben sein; keine bringt Frucht, die nicht an ihm bleibet; durch ihn und seine Vermittlung kömmt der Mensch zum Vater. Also nur der kömmt sicher ans Ziel und stehet fest, der an Christus sich aufschwingt; aber auch nur der Mensch ist ein fester und sicherer Leiter für andere, der zu Christus führt, von dem aus sie Christus finden, von dem aus sie treten können mit eigenen Füßen auf die wahre Himmelsleiter.

Drum, Menschen! ehe ihr einen großen Fall thut und andere mit euch reißt, prüfet euch, woran ihr denn eigentlich steht. Denn entweder steht ihr an etwas oder liegt im Kote, eins von beiden; durch sich selbst alleine steht niemand, höchstens nur auf Augenblicke. Glaubt es mir, ihr seid unter den Geschöpfen, was das Epheu unter den Pflanzen ist, eine Stütze muß euch aufrichten und aufrecht erhalten.

Ach, eine feste Stütze hatte ich eben nicht, darum sank ich auch so tief. Ich hatte mich wohl aufgerichtet, allein meine Stützen täuschten mich; darum fiel ich ohne Halt darnieder. An meiner Eltern Hand war ich dem Tiere entwachsen; der Vater warf frühe in mich den Zunder des Ehrgeizes, etwas mehr zu werden. Höher richtete er mich nicht auf; ja er suchte ihn wieder zu ersticken und hatte mich zum leidenden Haustiere bestimmt. Da blies ihn der alte Schulmeister wieder an, da, bliesen noch eine Menge andere Leute und an diesen Leuten allen, die mit freundlicher Miene bliesen (denn wie gesagt, man kriecht nicht leicht da hinauf, wo man nicht Liebe wähnt) kroch ich auf und kroch allen den Dingen nach, an denen ihre Seelen hingen und die sie deshalb anpriesen. Diese Leute alle hatten aber gar niedere Interessen, und niemand mich eigentlich lieb. Sie zogen mich nicht an, wie ein Vater seine Kinder zieht, daß sie auch das erreichen möchten, wonach er sich ausstreckt. Keinem kam in Sinn, mir zu einer reichen Frau oder zu zweien Kühen zu verhelfen. Sie spielten nur mit mir, ergötzten sich an meinem ungeschickten hastigen Tappen; und als sie sich satt gelacht hatten, als mein Tappen ihnen Beschwerde verursachte und Ärger, so schütteten sie mich erbarmungslos ab und traten mich mit Füßen, um über meine schmerzhaften Gebärden wieder lachen zu können. Da lag ich nun zertreten und hatte rings um mich nichts, um mich wieder aufrichten zu können, also in wahrer Trostlosigkeit. Kein Mensch war rings um mich, an dem ich mich nur in etwas hätte erheben können. Kein einzig Kind war in meiner Schule, dessen freundliche Blicke mich angezogen, dessen freundliche Worte mich wieder zu dem Bewußtsein erhoben hätten, daß mich doch noch jemand liebe, daß ein Gemüt mir nicht verschlossen sei. Das ist ein furchtbar Verhältnis für einen Lehrer, besonders wenn er eben niemand hat, als gerade seine Kinder.

Aber auch in mir selbsten fand ich nichts, an dem ich mich erheben konnte. Ich hatte mein Amt zuerst fleißig und mit Eifer geführt; aber warum? Ich wollte von den Leuten gerühmt sein, wollte der beste sein, wollte zeigen, daß es keiner könne wie ich, wollte damit auch reich und angesehen werden; kurz, ich arbeitete um irdischen Lohn. Ich bildete mir ein, das könne mir gar nicht fehlen; in wenig Zeit werde meine Schule die beste sein weit und breit; den Erfolg meiner Arbeit glaubte ich alsobald sehen, den Lohn alsobald einstreichen zu können. Das also war's, worauf mein Fleiß, mein Eifer ruhte. Nun geschah von allem gerade das Gegenteil. Ich erntete Dornen und Disteln und unterlag einer schauerlichen Mißkennung; und darum versank ich auch in die grenzenlose Mutlosigkeit, und hatte keinen erhebenden Trost.

Da liegt aber auch die Ursache, warum tausende und manchmal recht tüchtige Naturen untüchtig werden und, anfangs der besten Vorsätze voll, später dem schmählichsten Schlendrian sich hingeben und nichts mehr können, als erstlich über die ganze Welt schimpfen, und zweitens alle die verhöhnen, welche höheres und besseres anstreben. Sie hatten ihre Kräfte überschätzt, darum die Arbeit zu leicht geglaubt, sich glänzenden Erfolg ganz nahe gedacht, hatten geglaubt, die Menschen seien darum noch nicht umgewandelt, weil die rechten Arbeiter gefehlt. Diese meinten sie zu sein und sahen auf alle Vorgänger mit verächtlichem Mitleid nieder. Sie träumten von einer Anerkennung ihrer eitlen Ansprüche, träumten von Lob und Preis, Geld und Ehre. Nun anfangs ging die Sache herrlich und ihre ganze Umgebung bestärkte sie in diesem Wahn. Wenn dann die Sonne höher stieg, die Arbeit nicht vom Flecke wollte, oder wenigstens nicht, wie es anfangs schien; wenn die Leute des Rühmens satt wurden, auch der Tadel sich einfand, gegründeter und unverdienter; wenn der geträumte Lohn nicht kommen wollte, man wirklichen Undank erfahren mußte: dann lösten die Träume sich auf; mit ihrem Schwinden schwinden aber auch die Kräfte, welche nur aus den Träumen ihre Nahrung gesogen, an ihnen sich aufrecht erhalten; und die Helden, welche die Welt erobern wollten mit ihrem Ruhm, schrumpfen zusammen zu keifenden Männleins, die mürrisch ums tägliche Brot sich mühen und mit Unlust es essen.

Mir fehlte also das Bewußtsein des Willens, der das höhere sucht; der Kraft, die kein Mißlingen lähmt; mir fehlte, zu meiner Schande muß ich es sagen, der Glaube. Erschrecket nicht, Leute, vor mir, saget nicht: das sei doch eine grüsliche Sache, wenn es sogar Schulmeister gebe, die keinen Glauben hatten; da sehe man doch deutlich, daß die Welt immer schlechter werde, und jener Chorrichter habe recht, der behaupte: er wüßte nicht, warum man jetzt den Schulmeistern mehr Lohn geben solle; ehedem seien doch viel mehr Leute selig geworden. Ich hatte allerdings einen Glauben, und der wird akurat so gut gewesen sein als der Glaube der meisten unter euch. Ich glaubte an den Teufel und an die Hölle, an Gott und an den Himmel so gut als ihr, ja ich glaubte sogar auch an Gespenster und an Hexen. Ich half bedenklich den Kopf schütteln, wenn einer behaupten wollte, es laufen keine Unghürer mit dem Kopf unter dem Arme herum u. Ich wollte selig werden und nicht verdammt sein, und ich glaubte so gut als ihr: wenn ich mich nur auf Christus verlasse, so werde der mich schon selig machen. Aber dieser Glaube half mir gerade soviel, als einem eine Brille hilft in stockfinsterer Nacht. Er machte mich im Glück nicht demütig, im Unglück nicht geduldig, er zeigte mir meine Fehler nicht, er zeigte mir Gott nicht, er gab mir nicht Liebe, löschte nicht Haß, brachte nicht Frieden, brachte nicht Mut. Mein Glaube war mir nichts anders als wie ein Hausschlüssel, den man, wenn man des morgens früh ausgeht, in die Tasche steckt, damit man des abends wieder ins Haus hineinkömmt und nicht draußen zähneklappern müsse. Den ganzen Tag bekümmert man sich um ihn nicht; er nützt nichts, ja er ist lästig; man steckt ihn von einer Tasche in die andere, nur verlieren, darf man ihn ja nicht – wie sollte man sonst in Haus hinein? Dieser Glaube knüpfte mein Leben nicht an Gott, mein arbeiten war nicht ein schaffen mit Gott; er machte mich nicht zu einem Gliede des großen Bundes, der in sich und außer sich den Willen Gottes auszuführen hat, der hier beginnt und dort das hier begonnene wieder aufnimmt und weiter ausführt. Nicht zu einem erleuchteten Gliede dieses Bundes machte er mich, das diese Aufgabe als das wahre Leben betrachtet und alle Schickungen und Zustände dieser Erde bald als Gelegenheiten zur Arbeit, bald als Prüfungen der Kraft des arbeitenden, bald als Warnungszeichen, daß man auf falschem Wege sich befinde. Ich sah nicht ein, daß der wahre Lohn der Arbeit nur in der Erhöhung der Kraft, in dem kräftigern Mitwirken, in dem engeren Anschließen an Gott bestehe; daß das, was die Erde gibt, was die Menschen als Lohn betrachten, wieder nichts sei, als bald Aufmunterungsmittel für unsere Schwäche, bald wieder Prüfung unseres Sinnes: ob er auf Gott oder auf sich selbsten gestellt sei. Christus war mir nicht das Haupt dieses Bundes, nicht der Stamm der Glieder, nicht die eigentliche Himmelsleiter, an der wir hinan steigen sollen zu sittlicher Freiheit, zu geistiger Schönheit, zu himmlischer Liebe – zu Gott; er war mir nur das geschlachtete Opferlamm, dessen Blut mich rein wascht von allen Sünden, sobald ich für wahr annehme, daß er wirklich gestorben und sein Blut auch für mich vergossen sei.

Und wenn man mich mit dem Glauben hätte trösten wollen, wie jene alte Wirtin zu H., als sie eine 10mäßige Flasche mit Kirschenwasser fallen ließ, und sich die Haare ausraufte und Himmel und Hölle anklagte, und man ihr vom irdischen Grümpel sagte und vom Glauben, so hätte ich vielleicht auch geantwortet wie sie: ich sch. . dr uf di d......Glaube!

Ich war zu vergleichen einer Eintagsfliege, die im Zeitraume ihres Tageslebens flattern, genießen will alles, was sie genießen kann; denn nach diesem Tage ist keiner mehr für sie, und nach einer lustigen Stunde erhebt sich ein Sturmwind, ein Platzregen stürzt herab. Von ihren Blumen fällt die arme Fliege hinab ins nasse Gras mit gelähmten Flügeln, in unerreichbare Ferne sind die Blumen entrückt, und mit Weh und Angst zappelt sie in nassem Grase ihrem Ende entgegen; aufschwingen kann sie sich nicht mehr, und niemand ist da, der sie aufhebt und wieder auf eine Blume setzt.


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