Jeremias Gotthelf
Leiden und Freuden eines Schulmeisters
Jeremias Gotthelf

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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Wie ein Schulmeister den Katzenzammer hat

Ich fing an zu jammern und zu heulen, warf mich auf die Erde, biß und schlug um mich, klagte mich wieder aller möglichen Sünden an, wollte mich hängen oder ins Wasser stürzen, kurz, ich gebärdete mich auf die traurigste Weise, wie ein Mensch nur kann. In diesem Zustand schleppte man mich ins Dorf. Die Bursche hatten nicht nötig, die Leute herbeizurufen. Wer noch wach war, der kam hervor, zu sehen, was mein Geschrei bedeute. Mancher zog die Hosen und mancher nur die Schuhe an, um von dem Grund des Spektakels sich zu unterrichten; selbst Kinder trieb es auf die Gasse, Da zog nun ein Schwarm hinter mir her, wie hinter einem Kamel, das seltener Weise in ein Dorf kömmt. Und wie man ein Kamel niederknien und aufstehen heißt, so ließ man mich niederliegen und jagte mich wieder auf. Und ein jeder meiner Begleiter erzählte den Fragenden meine Geschichte und jeder auf seine Weise; und jeder der Fragenden wollte mir auch etwas spöttisches sagen in meinen Jammer hinein, wollte wieder Holz zum Feuer legen, als wenn da des Jammers nicht genug wäre. So zog man mit mir wie mit einem Galgenkandidaten durchs Dorf, und keine einzige mitleidige Seele nahm sich meiner an. Beim Schulhause angelangt, wollte man mich anfänglich liegen lassen; allein einige Vorsichtigere bemerkten, das sei doch nicht ganz richtig, ich könnte mir ein Leid anthun, das zöge eine Untersuchung nach sich, und bei solchen wisse man nicht, was herauskomme; auf alle Fälle zöge es dem Dorfe üble Nachreden zu, und wenn ich nach dem Tode etwa wiederkommen sollte, so wäre man erst geplagt. Man suchte daher in meinen Taschen nach dem Schlüssel zum Hause und wollte mich hineinschieben; allein ich legte mich nieder oder wollte fortlaufen. Man mußte mich endlich hineintragen, warf mich auf mein Bett, hielt mich dort einige Zeit fest, da ich zum Fenster hinausspringen wollte. Endlich verlor ich das Bewußtsein (einschlafen darf ich nicht wohl sagen), und nun überließ mich der ganze Rudel meinem Schicksal, ging triumphierend, als ob Heldenthaten verrichtet worden wären, heim. Jeder Joggi erzählte seinem erwachenden Bäbi, was er gesehen, wie ich mich gebärdete, wo mich die Buben gefunden, und der Joggi und das Bäbi lachten zusammen, daß es das Dackbett schüttelte, und schnarchten bald darauf wieder, daß die Fenster klirrten.

Meinen Zustand am folgenden Morgen zu beschreiben, ist schwer. Schon der körperliche war traurig genug; der sich einstellende geistige konnte nicht elender sein. Der sogenannte Katzenjammer, in dem ich mich beim Erwachen befand, ließ mich nachsinnen, wie ich in denselben gekommen.

Nun dämmerten nach und nach einzelne Bruchstücke von der gestrigen Geschichte in mir auf. Ich erinnerte mich, daß ich zu Garnlist hinausgegangen am Abend; der Eiertätsch, das Schätzele fielen mir wieder ein und wie Lise eine Maß Roten auf den Tisch gestellt. Das Fernere war mir wie mit Nebel bedeckt; die Hauptsachen traten wohl vor aus dem Hintergrunde, aber dunkel und verschwommen. Die Einzelheiten ließen sich nicht erkennen; an ihre Stelle traten düstere, grauliche Bilder, ängstigende Vermutungen. Ich hörte das Fenster klirren, sah Buben in die Stube springen, mich überraschen mit Bäbi auf dem Schoße. Ich wußte, daß sie mich fortrissen, daß sie mir von Heiraten, Schwangersein sagten, und wie ein finsterer Traum tauchte mir auf der ganze Spektakel durchs Dorf.

Es brauchte lange, Stunden, bis ich so weit gekommen war; dann aber sank auch ein unendliches Entsetzen auf mich nieder. Also dort in jenem verrufenen Hause hatte man mich gefunden, ausgenommen in solchem Zustande, und das ganze Dorf war gleichsam zum Zeugen desselben gemacht worden! Was werden nun die Leute sagen von mir, wie werden die andern Schulmeister pfupfen über mich, wie werden Stüdi und ihr Vater lachen und was wird ferner werden aus mir? Werde ich vor Chorgericht müssen, vor den Pfarrer? Ist Bäbi schwanger, wird es mich angeben, werden die Leute an meine Unschuld glauben? Von der ganzen Höhe, auf die ich mich künstlich hinaufgeschraubt und die ich selbst mir unmerklich untergraben hatte, war ich nun hinuntergestürzt in bodenlose Tiefe, und je mehr ich daran dachte, desto tiefer sank ich fort und fort. Meine Stube ward mir eine wahre Hölle und doch durfte ich nicht aus derselben, durfte nicht einmal von weitem ans Fenster, aus Furcht, es möchte mich jemand sehen. Da wußte ich, wie man sagen kann: Ihr Berge fallet über mich zusammen, ihr Hügel decket mich! Ich wußte mir keinen Rat und wußte keinen Menschen, bei dem ich hatte Rat suchen können, dem ich mich hätte zeigen mögen. Alle, alle im Dorfe glaubte ich gegen mich, meine besten sogenannten Freunde glaubte ich unter den mich Ausnehmenden gesehen zu haben. Ach, solches thut weh! Einen Augenblick fiel mir ein, zu Garnlise zu gehen; denn dem peinlichen Zustande von Wissen und Nichtwissen des Geschehenen, der in mir wohnenden Ratlosigkeit hätte ich gar zu gerne ein Ende gemacht. Aber dafür hätte ich aus dem Hause müssen, und mit welchem Gesicht sollte ich vor sie treten! Die Ahndung gestaltete sich mir immer deutlicher, daß auch sie es nicht gut mit mir gemeint, daß ihre anscheinende Absichtlostgkeit und Gutmeinenheit gerade die schlauste Absicht verborgen, daß sie mich absichtlich an sich gelockt, daß der letzte Abend künstlich vorbereitet gewesen und ohne die Buben den erwünschten Schluß gehabt hätte, daß ich der Deckmantel für andere geworden? Aber war es ihnen doch nicht vielleicht vor der Welt gelungen, Ansprüche auf mich zu gründen? wenn sie sie geltend machen wollen, werde ich entrinnen können? das war's, was mir das Blut im Herzen kochte und brühheiß ins Gesicht trieb, in Zorn und Scham und Angst. Und die Angst, was es wohl geben werde, und der Durst nach Trost oder auch nur nach Gewißheit gab mir den Gedanken ein, zum Pfarrer zu gehen, ihm haarklein alles zu bekennen, was ich wußte, ihm aber zugleich meine Unschuld zu beteuren und die Art und Weise zu zeigen, wie ich angelockt, meine Unbefangenheit mißbraucht worden sei. Es schwebte mir der Gedanke vor, ein solch reumütig Bekenntnis, ehe eine Anklage käme, könnte den Pfarrer für mich gewinnen, ihm ein sicher Zeichen meiner Unschuld sein, auf alle Fälle ein Zeichen meines Zutrauens. Ich dachte mir, er könne mir guten Rat geben, mich von allfälligen Ansprüchen los machen und am Ende gar gegen meine Dorfleute in Schutz nehmen. Ich hatte an andern Orten die Klage der Bauren gar zu oft gehört, ihr Schulmeister sei ihnen erleidet, sie hätten gerne einen andern; aber sie könnten nichts gegen ihn machen, der Pfarrer helfe ihm immer. Und doch durfte ich nicht gehen. Ich schämte mich vor einem offenen Bekenntnis dessen, was ich wirklich gethan, schämte mich, dem Pfarrer zu sagen, wo ich gewesen und wen ich auf dem Schoße gehabt, obgleich ich wohl dachte, es wäre besser, ich sagte es ihm selbst, damit er nicht durch einen andern die Sache verdreifacht vernehme. Da dachte ich an die Warnung, welche er mir anfangs gegeben und was ich mit derselben angefangen, und wie die gleichen, welche mir damals über den Pfarrer brummen halfen und seinen Rat mir lächerlich gemacht, mich eigentlich hineingeritten in diesen Schlamm, vor dem ich gewarnet worden. Ich dachte an die Predigt, welche ich anfangs abthun müßte über den Text: »Gellet, Schulmeister, ich habe es Euch gesagt; aber ihr jungen Schnufer meint selbst gescheut zu sein, und so geht es, wenn man niemand glauben will; wer meint, er stehe, der sehe zu, daß er nicht falle!«

Es trat vor mich des Pfarrers Gestalt schreckbaren Angedenkens, die mir schon mehrere Verweise ausgeteilt, von deren keinem ich geglaubt, daß er gerecht und wohlverdient, wohl aber daß der Pfarrer ein Zwänggring sei, der unsereinen nur verachte und keinen leiden möge, der ihm nicht schmeichle, zutrage und die Hände unter die Füße lege, wie die andern Schulmeister es thäten. Darum durfte ich nicht gehen und starb doch fast vor Angst. Als ich vom Ofen weg einen Vorgesetzten das Dorf hinunter kommen sah, stürzte ich über Hals und Kopf an die Hausthüre, um den Riegel zu stoßen, fürchtend, er möchte mir einen tüchtigen Putzer oder eine noch unangenehmere Nachricht geben wollen. In Kopf- und Herzweh verstrich der Tag, keinen Bissen rührte ich an. In der Dämmerung hörte ich jemand ums Haus schleichen, endlich an die Thüre klopfen. Aus einer verborgenen Ecke unter dem Dache hervor erkannte ich die Garnlise. Da ergriff mich eine Angst, daß ich an allen Gliedern zitterte. Ich glaubte, sie wolle mir das Heiraten ankünden und mit Liebe oder Drohungen mich dazu zwingen. Barfuß schlich ich in die Stube zurück, warf mich ins Bett und zog die Decke über den Kopf, hoffend, wenn ich weder sehe noch höre, so nehme auch niemand fernere Notiz von mir. Lise durfte nicht Lärm machen und ging wieder fort.


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