Jeremias Gotthelf
Leiden und Freuden eines Schulmeisters
Jeremias Gotthelf

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Sechstes Kapitel.

Wie ich auch um dieses Prinzentum komme.

Durch mehrere Jahre hatte ich mein Regiment standhaft und am Ende unangefochten geführt. Da war ich herangewachsen zur Unterweisung und mit derselben ging meine Herrlichkeit zu Ende. Es war nämlich in unserer Gemeinde, wie in vielen andern, die Sitte, daß kein Unterweisungskind die Schule mehr besuchte. Und als einst ein naseweiser junger Vikar es anders wollte, sprach die versammelte ehrbare Gemeinde: Seit Menschengedenken habe kein Unterweisungskind die Schule besucht, solche Neuerungen seien gegen alle Religion. Wie ihre frommen Vorväter es gehalten, so solle es bleiben ihr lenbenlang. Wer etwas andres wolle, solle es nur probieren, sie wollen b. D. sehen. Und dabei blieb es. Noch während der Kinderjahre – denn so lange man noch nicht unterwiesen ist, ist man ein Kind, und viele bleiben Kinder bis und über das Schwabenalter hinaus, ja bis zum Tode – während dieser Zeit noch vergaßen viele bereits einen Teil des Gelernten; sie repetierten nicht mehr und in wenig Jahren war das Meiste in Wind gegangen. So hatten die Menschen im Grunde auch nicht unrecht, wenn sie behaupteten, die Schule trage eigentlich nichts ab und die Geschicktesten würden später die Schlimmsten; wenn die Kinder einmal aus der Schule seien, so rührten sie kein Buch mehr an. Da in einer Schule fast nichts getrieben wurde, als unverstandene Dinge auswendig lernen: so war mit ihrem Vergessen die ganze langjährige Arbeit verflogen; die Schule war wie eine Mühle, in welcher nur Mehlstaub gemahlen wurde, um denselben dem Winde vorzuschütten.

Wenn ich an das so recht lebhaft denke, so werde ich immer g'wundrig, was der liebe Gott gedacht haben und einst sagen werde, zu solchen Schulen, zu der verschleuderten Zeit, zu den Schweißtropfen der Kinder, zu den Schulmeistern, die wie Eichhörnchen in einer Trülle rundum liefen aber nirgends hin. Ganz sicher wird er manches sagen, aber über die schwitzenden Kinder und die trüllenden Schulmeister wird er sich erbarmen: denn sie wußten es nicht besser, und die andern wollten es nicht besser.

Sobald ich in die Unterweisung eingeschrieben war, hörte also das Schulgehen auf, was mir sehr weh that und ich mußte zum Handwerk, ein Weber sollte ich werden. Wahrscheinlich dachte das mein Vater nicht einmal, sondern er dachte nur daran, wenn zwei weben, so sei der Verdienst größer und er könne es besser haben.

Aber Lehrbub sein bei ihm, das war eine gar strube schlimme Sache. Er hatte keine Geduld mit mir und doch mußte ich das schlechteste Garn, das alle Augenblicke riß, verarbeiten. Schläge bekam ich, wenn ich nicht fort mehr konnte, wenn ich nicht auf der Stelle alles begriff, wie der Vater es mir befahl; am meisten aber, wenn das Tuch nicht so schön gewoben war, als der Vater, ein vierzigjähriger Weber es gemacht hätte. Lust bekam ich auf diese Weise gar keine zur Arbeit, Furcht vor den Schlägen ließ mich aufpassen und arbeiten, so gut ich konnte.

Meine einzige Freude war das Besuchen der Unterweisung, über die aber der Vater, wenn sie ihm zu oft wiederkam, lästerlich schimpfte. Ehemals sei die Welt viel besser gewesen und die Leute ganz anders und doch hätte man nicht halb so viel in die Unterweisung müssen, pflegte er zu sagen. Aber ehemals hätten sie unterweisen können, es heig fry gsurret a de Wänge, u da sig der Schulmeister mit der Ruete da gsy, dä heyg eim ufgleyt bis me's chönne heyg. Er sehe gar nicht ein, was das Laufen abtrage. Je besser es einer könne, desto kürzer mache er es. Ich ging gar gerne in die Unterweisung, weil ich dadurch vom Webstuhl weg an die freie Luft kam und gewöhnlich noch einige Zeit in der Schule mich aufhalten konnte, wo es mich an die alten schönen Zeiten nicht wenig heimelete, so daß ich noch oft die Rute zur Hand nahm und mein altes Amt übte, bis der Pfarrer kam.

Der Pfarrer war ein alter freundlicher Herr, den wir alle lieb hatten. Er hatte mich auch lieb, denn ich war der Geschickteste, und mit mir konnte er am besten fortkommen. Wenn einige eine Frage nicht beantworten konnten, so sagte er am Ende: »Ich weiß einen, der es kann, Käser, sag du es ihnen». Ich war aber auch aufmerksam und strengte mich aus allen Kräften an, immer antworten zu können. Aber dieses Antworten können, war mir auch die Hauptsache und war allen die Hauptsache. Wer es konnte, freute sich. Die Schwachen zitterten und bebten, nicht sowohl vor dem Pfarrer, als vor dem Spott und dem Auslachen der andern. Uns unvermerkt bildete sich freilich ein Glaube, ein Fürwahrhalten, zusammengesetzt aus dem wunderlichen abergläubischen Zeug, das wir bei Abendsitzen, und aus dem, was wir in der Unterweisung hörten. Aber unser religiöses Gefühl wurde nicht erwärmt, unser Wille nicht angeregt, unsere Seele zu frommem Thun nicht begeistert. Und das alles sicher nur deswegen, weil wir all unser Sinnen dahin richteten, antworten zu können und nur auf die eigentliche Frage paßten; und weil das beständige Fragen und Antworten keine erwärmende Rede recht aufkommen ließ, und bei ungeschickten Kindern entweder grausam ermüdete oder zum Lachen reizte. Es fiel mir erst später ein, daß das Katechisieren für den eigentlichen Religionsunterricht doch nicht recht paßt. Das Katechisieren ist ein mühselig Herausklauben von Begriffen und Sätzen, recht dienlich um den Verstand zu üben und den Scharfsinn und läßt bei Kindern in vielen Fächern sich anwenden. Aber daß man dasselbe beim Religionsunterricht fast allein gebraucht und es, die Form, zur Hauptsache gemacht, und den Stoff und den Zweck dabei aus den Augen verloren, scheint mir ein Mißgriff zu sein. Namentlich in der Unterweisung, im letzten Religionsunterricht, sollten die Seelen der Kinder erhoben und gestärkt werden zu dem vor ihnen sich öffnenden Leben, und nicht bloß ihr Verstand angeregt und ihr Gedächtnis beschwert mit einzelnen Sätzen.

Darum sollte da eine freie Rede sein aber auch beim Kinde; auch es sollte fragen und nicht nur antworten. Aber, du lieber Gott, dafür müßten wir in den Schulen auch andere Kinder schaffen, müßten da einen ordentlichen Religionsunterricht zu geben verstehen. Denn das Kind, das einen rechten Religionsunterricht empfangen und fühlen soll, muß einen geöffneten Sinn bringen; dann lassen auch die höheren Seelenkräfte leicht sich anregen. Auch treibt man das Katechisieren auf die schlimmste Art, sagt alles heraus bis auf die letzte Silbe oder fragt, daß man abwechselnd ja oder nein sagen muß. Ein solches Katechisieren ist eine wahre Seelenmörderei, und ist mit die Ursache, daß den Kindern die Unterweisungen fast fruchtlos bleiben.

So verflog mir nur zu schnell der Winter, in dem jeder Unterweisungstag mir ein Lichtpunkt war, der mich einige Stunden erlöste aus dem Diensthause. Ostern war da, ehe ich es dachte. Sie war so grün und schön, und die Matten blühten so lieblich, die Bäume knospeten so kräftig, die Vögelein sangen so heiter und munter, und auf dem Miste krähte der Hahn sein kräftigstes Lied, und auch der Vater war lustig und sagte: er sei froh, daß die verfluchte Unterwysig zu Ende sei. Und halb traurig, halb stolz schritt ich hinter ihm drein zur Kirche und nahm mit bangem Herzen das Pfand des Herrn, daß auch ich erlöst werden könne. Ach, ich fürchtete mehr der Menschen Augen, die auf mich sahen, als des Herrn Auge, das in mich sah.

Wie ein Stein war es mir ab dem Herzen, als ich wieder aus der Kirche war und des Nachmittags schien ich mir einen halben Schuh länger geworden. Kecker antwortete ich in der Kirche und als es vor dem Wirtshause ans Düpfen ging, da schien mir, als guckten alle Mädchen nach mir; aber düpfen wollte ich mit keinem, ich fürchtete harzige Eier. Sorgsam wie eine Gluggere hielt ich meine vier Eier schön warm in der Tasche (zwei gelbe und zwei braune waren es), sah dem Düpfen zu und freute mich allemal, wenn ein fremdes Ei zerbrach und ich die meinen noch ganz fühlte. Allein das Gewinnen der zerbrochenen Eier gefiel mir doch auch wohl und immer wöhler. So ein Sack voll gewonnener Eier, welch Schleck für einen Weberbub, der im Sommer nicht einmal Tschägge, sondern nur altrote Erdäpfel kriegt! Mit klopfendem Herzen ging ich bei Seite, untersuchte lange mit Zähnen und Zunge, welchem meiner Eier am besten zu trauen sei und wagte es endlich mit einem gelben. Einen kleinen Buben suchte ich aus, um an ihm mein Glück zu probieren; er aber traute mir lange nicht. Endlich ließ er sich bereden und nachdem wir lange darum gemärtet hatten, wer schlagen solle, that ich mit bebender Hand den Schlag und, o Glück! gewann ein Ei, gewann später noch eins, zwei drei, eine ganze Tasche voll. In Wonne schwimmend, hatte ich die Zeit vergessen, hatte die Sonne nicht untergehen sehen; da wurde es dunkel auf dem Platze, die Leute verliefen sich und einsam war ich mit meiner Tasche voll Eier, niemand mehr da, der mit mir düpfen wollte. Traurig wanderte ich heim, Ei um Ei essend, aber meines Glückes mich nicht freuend, weil mit dem Glücke meine Wünsche sich gemehrt und die fliehende Zeit ihre Erfüllung unterbrochen hatte. Es ist eine eigene Sache mit den Wünschen, wie sie mit ihrer Erfüllung sich vervielfachen, wie ein erfüllter Wunsch ein Dutzend andere gebiert. Wem Ruhe und Frieden lieb sind, der hüte sich vor den Wünschen, sie sind nimmer satt und quälen ärger als Hunger und Durst. Und wie die Zeiten eilen, wenn sie unsere Wünsche krönen und glücklich machen, und wie sie langsam unerträglich schleichen, wenn sie Wünsche versagen, Hoffnungen töten, Schmerz spenden. Aber die Zeiten sind menschenfreundlich; mit schnellem Flügelschlag eilen sie samt dem Glück vorüber, damit das schwache Herz sich nicht selbst verliere; und langsamen Schrittes treten sie mit Unglück und Unerwünschtem ihn an, um den irdischen Sinn zu bekämpfen, die Seele zu läutern; langsam ziehen sie da an ihm vorüber, denn der Seele Reinigung ist ein langsam Werk.

Wenn so ein glücklicher Augenblick oder Tag entschwunden ist, wer hat es nicht erfahren, wie da eine Leere, eine Öde im Herzen bleibt, wenn nicht im Hintergrunde der Zeit ein neuer Tag auftaucht, der neue Freuden verspricht, an den das Auge fest sich heftet über die trübe, unlustige Gegenwart hinweg. So hatte ich auch einen Tag, der mich die geschwundene Ostern und ihre Eier vergessen ließ, der mir neue Freuden, etwas noch Unerlebtes versprach. Es war der Sonntag nach Ostern, an welchem alle Jünglinge, welche die Erlaubnis erhalten hatten, nach der Kirche des Amtssitzes mußten, um da den Huldigungseid zu schwören. Was Huldigung sei und was sie zu bedeuten habe, darum bekümmerten wir uns wenig. Was sollten auch Buben von fünfzehn bis sechzehn Jahren wissen, was Huldigung sei, denen man nie etwas gesagt hatte, was ein Staat sei, was eine Obrigkeit zu bedeuten habe und welche Pfichten jedem Bürger obliegen; Buben, die nur von dem Landvogt gehört, entweder er sei ein freiner Schlufi, oder ein böser Tüfel, oder e grusam e stolze; Buben, die von keinen Gesetzen einen Begriff hatten und nun einen Eid des Gehorsams schwören sollten: ist das nicht Unsinn? Von uns kannte wohl kaum ein einziger den Namen des Landes, in dem er wohnte, geschweige denn seine Begründung, seine Einrichtung. Von einem Vaterland hatten wir nie gehört, wußten daher nicht, was ein solches Ding sei und doch sollten wir Vaterlandsverteidiger werden. Heißt das nicht, dem Lande, das nur der Vaterlandsliebe seine Begründung, dankt, den Boden unter den Füßen wegnehmen? Und doch ist es merkwürdig, daß von Ur-Ureltern her in jedem Schweizer Vaterlandsliebe schlummert, wie in jedem reinen Mädchen Mutterliebe, wie im Feuerstein der zündende Funke; daß des Schweizers Auge weint um sein Land, wenn es ihm entrissen wird, wie die Frau um ihr Kind; daß das Schweizerherz Funken sprüht des freudigsten Todesmutes, wenn ein gieriger Franzose oder ein wandschiger, gfüdleter Östreicher den Dalpen nach dem Vaterlande ausstreckt; – über Schwaben oder Savoyer lacht man und würde nur Haselstöcke nehmen statt des Stutzers oder der Sense. Wie gut man wußte, was man schwor, bezeugte gewöhnlich das Benehmen der schwörenden Buben am Tage selbst nach abgelegtem Eide.

Das war nämlich der erste Tag, an welchem man der Welt zu zeigen gewohnt war, daß man nun Erlaubnis, d. h. mit dem Nachtmahl die Berechtigung empfangen habe, wie ein Erwachsener zu thun, zu Kilt und in die Wirtshäuser, die früher vom Pfarrer einem verboten gewesen, zu laufen, auf den Straßen wüst zu thun und sich zu prügeln nach Herzenslust; so nämlich legt man die Erlaubnis aus. Man übertrat also an diesem Tage, an welchem man der Obrigkeit den ersten Eid abgelegt hatte, ihnen und ihren Gesetzen unterthan zu sein, auch zum ersten Mal mit Bewußtsein ihre Gesetze, beging brühwarm einen Meineid. Diese Übertretung der beschwornen Gesetze wurde aber gewöhnlich nicht viel mehr als belacht, während ganz anders verfahren worden wäre, wenn einer nur den Schein des Zweifels an der Rechtmäßigkeit der Oberkeit hätte blicken lassen. Eine solche Scheidung, wo mehr Respekt für die Personen als für die Gesetze gefordert wird, ist schlimm. Sie begründet den noch immer unselig wirkenden Glauben, daß die Oberkeit um ihretwillen da sei, um ihres Nutzens, ihrer Ehre willen, und nicht zum Besten des Landes, zur weisen Handhabung weiser Gesetze. Für diesen Tag sorgte jeder Bube lange voraus, daß er einen Kreuzer Geld im Sack habe. Er sparte zusammen, bettelte den Eltern, flökte, entlehnte – kurz, Geld mußte sein. Den neu erhaltenen Sonntagsstaat zog man an und zog dann in Begleit des Statthalters nach dem Amtssitze. Nach angehörter Predigt und abgenommenem Eide schlug sich der Statthalter zum Landvogt, der ein schönes Essen geben mußte; die Knaben sollten nach Hause. Das thaten sie aber nicht; sie dachten, ebenso gut das Recht zu haben, zu essen und zu trinken, als der Statthalter und der Landvogt. Zahlten sie doch, wie sie meinten, ihre Üerti aus dem eigenen Sack und nicht von anderer Leuten Gelde.

Sie machten sich aber von den schmausenden Honoratioren weg, so weit, daß diese sie nicht mehr hören konnten, in irgend ein Wirtshaus, wo noch Knaben aus mehreren Gemeinden beisammen waren. Wie die Burschen da so stolz eintraten, sich in die Brust warfen, kommandierten, anstießen, daß die Gläser spalteten und der Wein überfloß; es war eine Freude für alle Anwesenden. Jeder wollte der Größte sein und meinte, er müßte es dadurch zeigen, daß er am wüstesten thäte.

Aber noch auf etwas anderes paßten die Leute. Es war nämlich die Zeit noch, wo jede Gemeinde die andere haßte, jede ihren Übernamen hatte, keine Gemeinde mit der andern gemeinsame Sache machte, außer etwa im Streit, gegen eine dritte die Zeit, wo fast allemal, wenn Leute aus verschiedenen Dörfern in einem Wirtshause tranken, blutige Händel entstunden und nicht nur zwischen jungen Burschen, sondern wo auch erwachsene Männer, ja selbst Greise daran teilnahmen. Es war die gute alte liebe Zeit, welche die Unverständigkeit der heutigen Zeit immer wieder als Muster der Religiosität und guten Sitte vorhält, vorhält als eine Zeit, in welcher Ordnung und Einigkeit geherrscht hätten. Die Buben, schon lange eingeweiht in diesen Haß, mußten nun zeigen, daß sie ihrer Väter würdig seien, treue Söhne der Oberkeit, d. h. unfähig, unter sich gemeinschaftliche Sache zu machen. Bald fing der ungewohnte Wein in den jungen Schläuchen an zu gären, Stichworte flogen, Begegnende müpften sich wie zufällig, ältere schürten das Feuer; Gläser folgten den Worten nach und bald war ein Handgemeng zustande gebracht, das heftiger und blutiger wurde, je nachdem die Anwesenden, welche am Ende die Streitenden auseinander brachten, vernünftiger oder unvernünftiger waren. Geprügelt zog man heim mit zerzaustem Sonntagsstaat und blutigen schlag- und weinsturmen Köpfen. Und um ja alles zu thun, was die Großen, rauchten viele zum ersten Male aus kreuzerigen Pfeifchen dreikreuzerigen Tabak in vollen Zügen. Der setzte nun das Düpfli auf den I und übel zugeputzt kam man nach Hause und am folgenden Morgen dachte man an alles andere, nur nicht an den Eid, den man abgelegt.

Dieser Tag und seine Erwartungen waren es, welche mich die entschwundene Ostern vergessen ließen. Einige Batzen Examengeld hatte ich mir erspart, hatte meinem Götti einen Besuch gemacht, mein Tintenhaus und Federnrohr, die ich doch vor meinem Vater nicht zeigen durfte, verkauft, einige Kreuzer im Stöckeln gewonnen, so daß ich den für mich unerhörten Reichtum von 12-1/2Batzen zusammengeraxet hatte. Diese zählte ich doch manchmal während der langen Woche so heimlich als möglich, denn um meinen Schatz durfte im Hause niemand wissen. Am Sonntag aber, nachdem ich das Haar tüchtig genetzt, eine halbe Stunde lang schön glatt über die Augen hinunter gestrählt hatte, that ich das Geld in den rechten Hosensack und, kaum vom Hause weg, klimperte ich mit der Hand den ganzen Tag darin, bis keins mehr war darin. Andere klimperten freilich mit Brabänteren.

Wir zogen hin, den Statthalter voran, der gewiß nicht recht z'Morgen gegessen hatte, damit ihm am Mittag der Appetit ja nicht fehle. Der Pfarrer hielt eine lange Predigt, auf die ich aber nicht viel hörte; denn ich hatte meine rechte Hand im rechten Hosensack und mit der linken strich ich meine Haare glatt. Darauf trat der Landvogt vor, ein schöner, großer Herr trotz dem töllsten Küher; der hatte einen langen Säbel an der Seite und einen Dreispitz in der Hand, und der that eine kurze Rede dar; er sagte nämlich: »Heit dr ghört, was dr Herr Pfarrer so schön Euch gseit het? Ich loset, was dr Amtschreiber Euch wird ablesen u de heit drei Finger vo dr rechte Hand uf u säget mr de nache, was i-n-ech vorsäge. Herr Amtschreiber, leset ab!« Derselbe war ein spitzes, mageres Männchen, das der Landvogt fast in die Kuttentäsche hätte stoßen können, wenn die Nase nicht gewesen wäre, denn die war gar lang und spitz und recht gemacht, für sie in alles zu stecken.

Mit krähender Stimme las derselbe etwas ab von Obrigkeit und Gehorsam, von Treue und Wahrheit, und darauf sprach wieder der Landvogt etwas vor, das man mit erhobenen Fingern nachsprechen mußte; aber wir hinten Sitzenden verstanden blutwenig davon, machten und brummten den vordern nach und konnten nicht warten, bis wir aus der Kirche waren. Der Boden brannte uns ordentlich unter den Füßen und das Geld war wie lebendig in den Säcken. Endlich gingen die Thüren auf, wir wurden losgelassen; doch erhielten wir auf dem Kirchhof vom Statthalter noch die Mahnung, alsobald nach Hause zu gehen und nicht wüst zu thun. Er hatte sie sparen können; er wußte wohl, daß wir nicht darum thaten; aber das dachte er nicht, daß wir zu einander sagten: »Da het guet chräye, da geit jetz ga fresse u ga sufe u mr seu nüt ha. Dä cha-n-is i dSchueh blase u mir gö, wo mir wey«.

Und wir gingen und tranken und poleteten unserer Väter würdig. Jeder von uns dünkte sich ein Held, auf den Straßen wurde niemand respektiert und schon auf dem Wege, ehe man noch ins Wirtshaus gelangt war, gab es einige Raufeten, Vorspiele des kommenden. Der Wein zündete erst recht an und was ging, will ich nicht weiter beschreiben. Nur will ich kurz sagen, daß ich um all mein Geld kam, ein schönes Halstuch mir zerrissen wurde, daß ich Schläge erhielt recht tüchtige, zuerst von andern Buben, dann von Erwachsenen, die sich in den Streit mischten; daß ich betrunken heim taumelte mit einer Pfeife im Munde und mit andern einen Kiltgang abgeredet hatte; daß ich aber an einem Zaune liegen bleiben und dem Ulli rufen mußte und sterben zu müssen glaubte. Da wurde ich nüchtern, der Geist des Großmachens lag am Hag im D..ck, und marode, matt, krank, elend schlich ich nach Hause und war seelenfroh, daß der Vater mich nicht noch in die Finger nahm und ich ruhig ins Bett konnte, den stürmen Kopf zur Ruhe zu legen. Das war ein sogenannter Huldigungstag!


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