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Einundzwanzigstes Kapitel. Die Emme bricht los, begräbt, was Käthi hoffte und hatte

Es war regnerisch Wetter gewesen die Woche über, heiße Winde hatten geweht vom Welschland her, schwärzer waren die Kartoffelfelder geworden; an manchem Orte sah man die Stauden kaum mehr, während grünes Unkraut lustig wucherte, die Kräfte des Bodens in Anspruch nahm, welche durch keine gute Pflanze mehr verzehrt wurden.

Dabei ward es den Menschen doch bang, trotz den Versicherungen der Landjäger, denn das sah man, daß diese an der Krankheit nichts machen, auch nicht eine einzige Staude wieder grün machen konnten, ja selbst Leute von sogenannter guter Gesinnung, das heißt dem Radikalismus blind ergeben, konnten nicht umhin, zu bekennen, es sei wirklich was an der Sache, die Erdäpfel würden nicht geraten wie andere Jahre, aber man solle doch nicht etwa so dumm sein, zu glauben, das seien Strafgerichte Gottes, daran mache der so wenig als die Landjäger, das sei halt in der Natur, und wenn es nicht mehr in der Natur sei, so werde es schon bessern. Indessen glaubten dies doch nicht alle Leute, und viele hielten an dem Glauben fest, daß alles, Kleines und Großes, nicht von ungefähr oder von der Natur, sondern durch Gottes väterliche Hand uns zukomme. Diese suchten den Gott, von dem alles kommt, baten, daß der Kelch an ihnen vorübergehen, doch wenn es nicht sein Wille sei, derselbe ihnen zum Heil der Seele dienen möchte.

Dieses Sinnes war auch unsere Käthi, und Johannes begann mehr und mehr in der Mutter Sinnesweise Trost, Ruhe und Kraft zu finden. Wenn früher was geschah, wallte der Zorn in ihm auf, er fluchte über die Menschen, faßte böse Anschläge, fluchte über die bestehende Ordnung, und wenn er auch noch nicht Gott verleugnete, so schimpfte er doch die Religion Pfaffengeschwätz und nannte sie den Ring, den man den armen Leuten durch die Nase ziehe.

Doch dem Evangelium hatte Käthi es zu verdanken, daß sie aufrecht blieb in allen Stürmen des Lebens, daß sie trotz aller Not glücklicher war als Millionen, die in aller Fülle sich wälzen, glänzen in der Pracht der Welt. Diesem Evangelium wandte Johannes unwillkürlich sich zu, und dasselbe verzehrte ihm das Gift, den Neid und den Zorn und das Ungenügen, wie die Sonne den Schnee verzehrt und den Nebel.

So ging auch Johannes wiederum zur Kirche, was ihm um so leichter ward, da es hier niemand auffiel, weil niemand wußte, wie lange er an andern Orten in keiner Kirche gewesen war. So war er auch den 23. August mit der Mutter zur Kirche gegangen, während Johannesli bei Andrese Anne Bäbi blieb, welche ihn mit Haselnüssen geködert hatte. Während der Predigt ward Unruhe in der Kirche, Gepolter auf dem obersten Chor. Man wußte nicht, was es war, achtete sich jedoch dessen nicht besonders; so ganz ungewohnt war ein Lärm von dort her nicht.

Als die Predigt zu Ende war, die Türen geöffnet wurden, scholl den Heraustretenden ein gewaltiges Brausen entgegen; sie sahen alsbald die Emme hoch aufgeschwollen in ihrer grimmigsten Wut das Tal herniederrollen mit gewaltigem Schnauben und Brüllen, die Ufer überflutend, bereits über die Dämme schlagend. Man hatte hie und da von einer zu erwartenden Wassergröße gesprochen, man hatte auf trockenem Lande Kröten, Blindschleichen, Molche gefunden, sonstige Anwohner der Emme, man hatte den alten Ritter von Brandis mehrere Nächte durch an der Emme schwellen hören, man hatte das Bett der Emme hinauf das Gerassel eines schwer beladenen Wagens gehört am hellen Tage, und als man nachsah, war kein lebendig Wesen auf dem Emmengrund zu sehen, so weit man ihn überblicken konnte; aber jetzt hatte man an das Anschwellen nicht gedacht. Es hatte wohl geregnet im flachern Lande, über die niedern Hügel, doch nicht überschwenglich, furchterregend. Aber es war wie im Jahre 1837 bei der großen Wassernot. Eine Masse Dünste hatte sich gesammelt in den Bergen und Tälern; schwer geschwängert hatten sie nicht Kraft, sich zu erheben über die Berge, und die Berge wollten sich nicht beugen vor luftigem Gewölke, dem vergänglichen Gesindel, das heute tobt, morgen, zu Kot geworden, machtlos liegt, um bald sich zu verflüchtigen. Da brach die Wolkenburg, maßlos strömte die Flut über die Bergwände, füllte die höchsten Täler und stürzte mit der Wut eines Bergsees, der tausendjährige Wände gebrochen, ins tiefere Land, verwüstend, wie vor Zeiten ein wild Tartarenheer, das aus des Morgenlandes geheimnisvollem Sch0ße daherbrauste wie auf des Sturmes Fittigen, einem ungeheuren Feuerbrande gleich zerstörend durch die Länder flammte.

Erstarret standen die Menschen auf dem über der Emme gelegenen Kirchhofe und schauten in die Wut der Wasser. Wellen, hoch wie kleine Häuser, wie man sie nie gesehen, warf die Emme stellenweise auf, fegte Holz und Bäume an ihren Ufern weg, warf sie wütend an Brücken und Schwellen, warf sich über die Dämme, b[*]rach sie stellenweise, flutete weithin über das wohlbebaute Land, besuchte die alten Gründe wieder, in denen sie sich vo[*]r vielhundert Jahren ergossen hatte, in denen sie wahrscheinlich alle Jahre zur Abwechselung einigemal spazieren gegangen war.

Käthi war sterbensangst. Jenseits der Emme war Johannesli, die morsche Brücke bebte im wilden Wogensturme, jenseits der Brücke schlugen einzelne Wellen bereits über die Straße. So rasch sie konnte, eilte sie trotz allem Mahnen über die zitternde Brücke, aber schon war die Straße mit Wasser bedeckt, und jeden Augenblick drohte ein Einbruch und der ganzen Emme donnernde Flut. Käthi achtete auf das Wasser nicht, obgleich niemand wußte, wie tief es war. Da ereilte sie Johannes und wollte ihr zureden, diesseits zu bleiben, er wolle alleine gehen. Aber um keinen Preis wollte die Alte sich dazu verstehn. Da lud Johannes sie auf seinen Rücken und trug sie durch das Wasser. Aber schon konnten sie nicht mehr den nächsten Weg zu ihrem Häuschen gehn; auf einem großen Umweg gelangten sie dazu und nicht, ohne daß Johannes die Mutter noch einmal auf den Rücken nahm. Trocken stand noch die Hütte, aber o Himmel, die Emme lief über ihren Flachs, welcher auf der Roße lag. Käthi schrie laut auf, warf die Hände über dem Kopf zusammen und wollte ins Wasser, ihr Hab und Gut war ja darin. »Nit, nit«, sagte Johannes, »Ihr könnt doch nichts machen; laßt mich einen Rechen nehmen, stellt Euch hier an den Rand und nehmt mir ab, was ich fischen kann.« Aber wenig war es, denn höher und höher schwoll das Wasser, stieg dem Johannes von den Knöcheln bis an die Knie, spülte Käthi um die Füße, stieg über die Schuhe. Da brauste es im Busche, und als ob ein wilder Drache breche durch das Gebüsch, krachte es und schoß heran; es war die Emme, welche den Damm durchbrochen. Hochauf schrie Käthi: »Johannes, spring, spring!« Springen konnte Johannes nicht, aber mächtig brach er zu rechter Zeit noch mit Hülfe des Rechens durch das wütende Wasser und frühe genug noch, um die in Schreck erstarrte Käthi auf die Arme zu nehmen und dem Häuschen zuzutragen, welches, eine kleine Insel, mitten in dem flutenden Gewässer stand.

Dort setzte Johannes die Mutter ab und schaute aus, wohinaus sich weiter retten; aber rundum war Wasser, Wasser, das nicht bloß so schwellte über den Boden, sondern strömendes, Wellen werfendes Wasser. Der Emme Wasser ist ein fressend, grabend Wasser; wo es in Strömung kommt, entstehn Löcher und Gräben, leicht verliert den festen Stand und wird verschlungen, wer hinein sich wagt. Johannes sah, daß sie im Häuschen selbst noch am sichersten seien. Es war Tag und also sichtbar, wo das Wasser am gefährlichsten andrang. Johannes sah, daß die Strömung im Grunde war, der Zug nicht gegen die Hütte ging, das Wasser da nur schwebte und der Überfluß über die Höhe gespült ward, aber einstweilen nicht gefährlich, bloß daß man naß ward und Kummer und Angst ausstehen mußte. Das Wasser stieg noch immer, und wenn die Strömung stockte, indem Holz sich stauchte oder ein untergrabener Baum querüber fiel oder das Wasser in lockerer Erde Löcher und Gräben grub, so war die Gefahr groß, und Hülfsmittel hatte Johannes keine als höchstens ausgehobene Türen und Bettgestelle, den Drang des Stromes beiseite zu lenken. Er stand Wache vor dem Häuschen. Drinnen wimmerte und betete Käthi, redete zum Schiebfensterchen hinaus mit dem Sohne, die Hühner standen auf dem Tische, der Kleine kniete auf der Bank und ergötzte sich an den Trümmern aller Art, welche auf dem Wasser trieben. Der arme Kleine begriff die Gefahr nicht und jubelte über die Fische, welche nach abgelaufenen Wassern zu fangen sein würden. So hats mancher Junge, beschwört den Sturm herauf und freut sich auf die Fische, welche er im Trüben zu fischen hofft, und bedenkt nicht, daß der Sturm ihn verschlingen könnte.

Es war ein trüb, grausig Harren auf der umfluteten Insel für Leute, welche so etwas nicht erlebt. Für Leute in Friesland drunten, für Schiffer, welche schon auf einem Brette sich im Meere herumgetrieben, hätte die Lage nichts Besonderes gehabt, aber für Leute, ans Trockene gewohnt und höchstens an der Emme Gebrüll, nicht an ihre Wellen über die Höhe hinein, auf welcher das Häuschen stand, war es etwas anderes. Trüb hingen die Wolken auf die Erde herein, über die Erde flutete graugelb das ausgebrochene Gewässer, und hinterm Busch brüllte noch mit voller Stimme der gewaltige Strom. Zwischen Wolken und Wasser, auf den Rändern der Hügel sah man Menschen stehen, welche schauten in den Graus der Wogen, bedeckt mit Holz und Bäumen, mit Trümmern von Schwellen und Häusern. Aber diese Menschen konnten nicht helfen, konnten nur schauen und schreien, wenn sie untergingen, denn Stunden in der Runde herum war kein Kahn. Kein Wind ging, es regnete leise, man hörte nichts als das Rauschen der ausgebrochenen Wasser, das Donnern des Stromes, und manchmal wars, als sehe man über den Busch hin der ungeheuern Wellen eine ihr graugelb Haupt erheben, als wolle sie sehen, ob jenseits des Busches noch was zu zerstören sei. Und höher schwoll noch immer das Wasser, spülte durch die Küche hin; bald hier, bald dort brandete es, schien das Wasser Wirbel ziehn, graben zu wollen, die Strömung sich zu verändern. Es war, als ob unter dem Häuschen im Grunde keine Tiefe mehr sei, die Flut dem Hause zu über die Wiese hin dem westlichen Emmenrande zu getrieben werde. Und Johannes war da alleine, tat, was er konnte; hinter ihm wimmerte Käthi und schloß das Bubi in die Arme, damit dasselbe, wenn es gestorben sein müsse, nicht so allein sterbe, sondern mit dem Großmüetti zum Tode entschlafe, so wie es auch im Leben in dessen Armen geschlafen.

Der Tod schien den Armen näher und näher zu schleichen, denn immer höher spülten die Wellen, immer näher dem Häuschen wurde der Zug des Wassers gedrängt. Johannes hatte die Haustür entgegengesperrt, sie wurde weggerissen, einen alten Schweinstrog rammelte er ein, es drohte ihm das gleiche Schicksal. Stunde um Stunde war verronnen, langsam, in grausamer Angst, der Himmel war so trübe, daß es Nacht werden zu wollen schien. Offenbar mußte der Abend nahen, und wenn noch immer die Wogen stiegen, so war es ihr letzter Abend auf Erden und nach dem Abend kam die Nacht, nach welcher der Morgen nicht mehr anbricht auf Erden. Da schien es Johannes, als schwanke der Schweinstrog nicht mehr so heftig in der Brandung, die Wellen schienen nicht mehr so hoch über ihn herzuschlagen, seine Oberfläche ragte schon mehr aus dem Wasser empor. »Mutter, ich glaube, die Emme setzt sich!« rief er zum Fenster hinein in die Stube. »Gott Lob und Dank«, sagte Käthi, »also noch nicht sterben! Habe geglaubt, es mache mir nicht so viel, und doch graute mir jetzt so davor. Ach, wenn die Sache weit von einem ist, so erscheint sie ganz anders, als wenn sie einem vor Augen steht! Aber, Johannes, gib wohl acht, die Emme ist nie böser, als wenn sie abnimmt, erst dann gräbt sie so recht und frißt sich ein.« »Ja, Mutter, an den Schwellen und Dämmen ists so; aber hier, wenn das Wasser abnimmt, so sind wir gerettet, denn dann zieht das Wasser sich zurück und läuft ab.« Und richtig, das Wasser setzte sich, wie man sagt, tiefer und tiefer, bald stand das Häuschen nicht mehr ganz im Wasser, hier und dort ward eine Stelle frei, und die Stelle ward immer größer, und der Stellen gab es immer mehrere. Dann schlug wohl eine Welle wieder über alles herein, und alles war wieder ein See. Aber wenn die Welle abgelaufen war, dann war des Trockenen desto mehr, und bald konnte man ums ganze Häuschen gehen, ohne Wasser in die Schuhe zu kriegen.

Aber kaum freuten sie sich so recht innig der Hoffnung, das Leben zu retten, so begann es zu läuten oben, unten im Tale; wimmernde, schmerzliche Töne schwammen über dem Gewässer, wimmerten um Hülfe. Es war Sturmgeläute. Ausbrechen hier, dort, an Stellen, wo ganze Dörfer, große Ländereien gefährdet waren, wollte die zornige, tückische Emme. Die geängstigten Menschen verkündeten ihre Not, riefen nach Erbarmen und Hülfe. Dazu ward es trüber auf Erden, es begann zu nachten. Lichter sah man funkeln. Es war, als wären alle sogenannten feurigen Männer in Bewegung und müßten den Menschen leuchten bei ihren gefährlichen, unheimlichen Werken. Denn nichts ist wohl unheimlicher und gefährlicher, als im Laternenschein zu arbeiten gegen zornige Gewässer. Da kommt es einem unwillkürlich übers Herz, als hätte man es zu tun mit geheimen, finstern Mächten. Die Not schien am jenseitigen Ufer zu sein, und die gute Käthi konnte sich ihres Glückes nicht mehr freuen; sie mußte sich ängstigen für die armen Leute, über die jetzt in schwarzer Nacht die wilde Flut komme. Das hätte man denken können, dort würde die Emme einbrechen, jammerte sie. Dort sei ein Wegknecht, der habe keinen Glauben und achte sich auf keine Zeichen. So lange sie lebe, habe sie gehört, im Krebs solle man die Emme ruhig lassen. Was man im Krebs an ihr arbeite, schwelle, dämme, brücke oder sonst was, das sei verlorne Arbeit, das nehme sie alsbald weg, und gegen welches Ufer hin man Steine wegmache, grabe, gegen dieses Ufer richte sie beim nächsten Anlauf ihren größten Zorn, Schwellen und Dämme müßten dort fort. Nun habe man schon lange gemuckelt, Säbelberger, der Schneider, sei manchen Morgen auf dem Emmengrunde gesehen worden. Manche sagen, auf einem schwarzen, magern Bock, und habe mit einer Hacke gegen das andere Ufer hin gescharrt, und im Krebs solle es gewesen sein. »Ich habe es nicht glauben wollen, daß ein Mensch so schlecht sein könne; aber es wird sein, er wird machen müssen, was sein Meister will, solange er ihn am Leben läßt. Zum Dank dafür dreht er ihm dann ungsinnet den Hals um. Verdienet hat ers, es ist nichts dawider zu sagen, aber erbarmen tut er mich doch, ich muß es sagen; es ist doch allweg immer ein Mensch, wenns schon ein Schneider ist und noch dazu so ein boshafter und tüfelsüchtiger.«

Selbe Nacht schliefen die Anwohner der Emme wenig. Wenn auch das Wasser abnahm, so ward die Emme dadurch nicht weniger gefährlich, versuchte allenthalben ihre Tücke, und als es Tag ward, dankten wohl alle Gott, denn mit dem neuen Tage kam Trost und Hoffnung, allen weitern Schaden mit Erfolg abwenden zu können.

Fernerer Schade ward wohl abgewendet, indes war der geschehene groß genug. Viel Land war verwüstet, viel Holz weggeschwemmt, viele Schwellen weggerissen, ja Häuser und Menschen. Das Land an der Emme ist meist sogenannter Schachen, besteht, soweit es urbar ist, zumeist aus kleinen Stücken, welche gewöhnlich von ärmern Leuten besessen oder gemietet sind und als Pflanzland benutzt werden. Ganz besonders ist dieser Emmenboden, das heißt von der Emme angeschwemmtes, aber im Laufe der Jahrhunderte urbar gewordenes Land, geeignet zum Flachsbau, wird daher auch besonders dazu benutzt. Der Schade war daher besonders groß. Der ganze Jahrertrag war zumeist dahin und verdorben. Der Flachs, wenn auch gezogen, lag in der Nähe auf einem Grasstück, ward weggeschwemmt oder verdorben, und wo die Emme die Erdäpfel nicht selbsten grub, im Boden ließ und bloß überschwemmte, da faulten sie doch nach wenig Tagen gründlich und sämtlich. Es traf arme Leute, nahm ihnen alles, ihre ganze Arbeit, ihre ganze Hoffnung, wenn es auch in Silber berechnet wenig war, einem reichen Menschen nichts geschienen hätte. Aber denke man sich eine arme Haushaltung, sechs Kinder um den Tisch und die Mutter, der Vater geht der Arbeit nach, sucht einen Kreuzer Geld zu verdienen. Die Mutter und die Kinder, welche laufen können, haben das ganze Frühjahr durch geschafft und geschwitzt, um sattsam Essen zu pflanzen, dasselbe nicht kaufen zu müssen. Sie haben Kohl, Rüben, Rübli, Bohnen, Kartoffeln, Flachs, und alles schön und hoffnungsreich. Aber Gottes Wille war es nicht, an der verwüsteten Pflanzung steht die Frau am Montagmorgen, liest mit bebenden Händen die Trümmer zusammen, und Mut und Kraft in ihrem Herzen gleichen dem glimmenden Docht, der verlöschen will. Die Tränen laufen ihr über die blassen Wangen, und was anfangen und wie es gehen soll, das weiß sie nicht. Wie ein schwarzer, unergründlicher Abgrund gähnt die Zukunft sie an; wenn die Kinder nicht wären und dazu auch der Mann nicht, am liebsten täte sie beide Augen zu und stürzte sich zu Grabe.

So trostlos stand an selbem Morgen manche Mutter an ihrem Stücklein Land, so trostlos stand an selbem Morgen auch unsere Käthi vor ihrer Hütte. Gestern den ganzen Tag hatte sie um ihr Leben gebebt; als die Sturmglocken wimmerten, jammerte sie für die andern armen Leute. Jetzt, als der Morgen kam, das Leben gesichert war, die Sturmglocken schwiegen, als sie vor die Hütte trat und grau wie der Himmel auch die Erde vor ihr lag, jetzt mußte sie an dem Türpfosten sich halten, jetzt erst sah sie, wie übel es ihr ergangen. Ihr kleiner Grund war überschwemmt, noch ganz anders als im vergangenen Jahre, er sah aus wie das Bett der Emme selbst; der Flachs, und auch der, welchen sie vor dem Durchbruch herausgefischt, aber nicht geborgen hatten, war spurlos verschwunden. Übersandet fußhoch war ihr ganzes Grundstück, keine Spur von Anbau sah man mehr. Das war hart! Johannesli wollte mit seinen Fischen trösten, aber dieser Trost war wie mancher andere leer, denn wie er auch suchte, Fische waren nirgends, des Wassers Zug war zu mächtig gewesen.

Schwermütig stand Johannes da, sagte lange nichts, meinte endlich, wo er sei, sei Unglück, das sei ausgemacht! Das beste sei, sie schickten sich drein, täten es nehmen, wie es komme, arbeiteten, bis sie nicht mehr könnten, das weitere überließen sie Gott. Hungers sterben werde man sie nicht lassen, und täte man es, he nun so dann, so seien sie Leidens ab und gestorben müsse es doch einmal sein. Sie wollten abzuräumen suchen, wo der Sand am mindesten tief liege, und die Erdäpfel nehmen, welche noch gut seien. Es sei eine böse Arbeit, aber wenn sie das möglichste täten, so könnte später ihnen niemand was vorhalten. Ein Nachbar, welcher vorbeikam, meinte, das beste wäre, Johannes lasse sich von den Vorgesetzten ein Zeugnis ausstellen, wie es ihm ergangen sei; mit diesem Zeugnis solle er im Lande herumgehen, Almosen fordern, aber pressieren und machen, daß er der Erste sei. Er könne ihm sagen, wenn man es recht anstelle und nötlich tun könne, so sei das eine Sache, die nicht dumm sei. Der aber hatte Zeit, zu gehen, Johannes wollte vorderhand noch nicht betteln.


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