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Achtzehntes Kapitel. Zwei erscheinen, eine alte Bekannte und eine neue: die Erdäpfelkrankheit und ein hübsches Mädchen

Bekanntlich war es im Juli 1846 manchmal sehr warm, das erfuhr niemand mehr als Johannes' ehemalige Meisterfrau. Sie saß an einem heißen Morgen auf einem Wägeli und schwitzte gar mörderlich. So eine Bäurin sei doch das ärmste Geschöpf von der Welt, brummte sie; arme Weiber könnten morgens in der Kühle gehen, Leute ihrer Art aber müßten erst sorgen für gehöriges Frühstück, dann noch für das Mittagessen, denn wenn ein Brösmeli fehlte, so gings über sie her, es wisse kein Mensch, wie, und wenn sie heimkäme, kriegte sie Gesichter, daß eine Kuh daran ersticken müßte. Hinten auf dem Wägeli hatte die Bäurin ein Fäßchen, sie wollte weinen für die Ernte. Es war Markttag im Städtchen, doch ziemlich leer war die Straße. Die meisten hatten eben die Kühle benutzt. Auch dies machte die Frau ärgerlich; sie war nicht gern lange alleine, hatte Langeweile. Sie ging nicht zu Markte, um nichts zu vernehmen, ihre eigenen Gedanken abhören konnte sie daheim auch. Sie pflegte, wenn sie zu Markte fuhr, alsbald jemand das Heimfahren anzubieten, doch mit Auswahl.

Endlich sah sie was Weißes durch die Bäume. Ein Mädchen ging vor ihr her, ein dickes, rundes, und als es sich umdrehte, hatte es ein freundlich Gesicht, weiß und rote Backen, blaue Augen, kurz so ein Gesicht, wie es sich für ein liebevolles Mädchenherz am allerbesten schickt. »Ei Base, hü, Mähre! Komm, sitz auf!« Also eine Base bescherte der Bäurin das gütige Geschick, und nun kam die Rede in Fluß, was die Frau ungemein erleichterte. Sie schwitzte nicht halb mehr so stark als früher. Die Base war ihr nicht nahe verwandt, wohnte ihr nicht nahe, um so mehr hatten sie sich zu fragen und zu sagen. Die Base war eine Waise, welche ein Vermögen von einigen tausend Gulden besaß und so viel Liebhaber hatte, daß sie vor lauter Liebe zu gar keinem Manne kam. Sie konnte nicht ausfindig machen, welcher sie am meisten liebe und am längsten lieben würde, und wie das erforschen, wußte sie nicht und hätte es doch gar zu gern gewußt; sie war in sehr großer Verlegenheit, und während sie sich besann, wurden ihr die Liebhaber verjagt, und dies verminderte die Verlegenheit nicht.

Sie hatten sich noch nicht halb ausgeschwatzt, als sie bereits am Ort ihrer Bestimmung angelangt waren, der Stallknecht erst nach seiner Kappe, dann nach der Mähre griff, die Bemerkung nach hinten schickte: »Es macht warm heute«, und zur Mähre sagte: »Komm nur, komm, fürchte dich nicht, du wirst nicht alle Tage solche Fuhrwerke sehen.« Nach getroffenen Abreden wanderte die Frau ihrem Weinlieferanten zu, zu welchem sie ein unbedingtes Vertrauen hatte.

Der Herr aber, der wußte sie auch zu nehmen. Er begrüßte sie wie beste Bekannte, hieß sie sitzen, frug nach dem Stande der Arbeit und der Früchte, zeigte ihr Respekt vor ihrer Meisterschaft, redete von selbem Male, wo er bei ihr gewesen war, und rühmte Kaffee, Milch und Kuchen, versprach, bald wieder zu kommen, hieß Weinproben bringen, sagte: »Den kann ich Euch nicht raten, aber von dem würde ich nehmen, er ist einen halben Batzen teurer, Euch lasse ich ihn für fünf Batzen. Wer auf mich hören will, dem rate ich immer, für Ernten und solche Feste bessern Wein zu nehmen. Bewahre, nicht wegen mir, ich verkaufe den schlechtem Wein viel lieber als den bessern. Aber jetzt wollen wir ein Glas bessern miteinander trinken. Holt vom hintern Gestell rechts! Da hilft jetzt Wehren nichts, und sei es Morgen oder nicht Morgen; wenn man so weit gefahren ist, so tut einem ein gut Tröpfli wohl. Es freut mich viel zu wohl, ein Wörtlein mit Euch zu reden, so bald lasse ich Euch nicht fort; oder wollt Ihr mit uns essen, wie wir es haben, nichts Gutes, es würde meine Frau freuen. Mit dem Gelde pressierts ja nicht, hol es einmal. Nun, wenns sein muß, Geld nimmt man immer. Friedrich, rechnet es aus, wieviel bringts? Wenn alle Leute so exakt mit dem Handeln wären, da wärs eine Freude, Handelsmann zu sein.«[*]

So und viel anderes redete der Herr und machte sich sehr bemüht um die Frau, so daß, wer sich ein wenig auf die Leute versteht, es begreift, daß die Bäurin ihren Wein nirgends anders kaufte und den besten Wein, der nicht von ihrem braven und rechten Herrn kam, schlecht gescholten hätte.

Noch allerlei hatte die Frau zu verrichten, und allenthalben trat sie ein mit dem heitern Bewußtsein, eine willkommene und respektierte Erscheinung zu sein. Sie hatte immer Geld, wenn sie kam, über alle Dinge ein verständig Urteil.

Die Stunde, in welcher die Bäurin und die Base, welche Bäbeli hieß, sich ein Stelldichein gegeben, hatte längst geschlagen, als die Bäurin zu der harrenden Base sich fand, schwitzend, müde und klagend, was das für ein Geläuf sei. Abhocken wolle sie und mal auch versuchen, wie das Sitzen hinterm Tisch in einem Wirtshause ihr zuschlage und wie lange sie es ertragen möge. Beim fragenden Stubenmädchen bestellte sie für beide eine gute Flasche und was auf einem Teller, doch nichts Aufgewärmtes und keine Überbleibsel, sondern was Rechts, daß es einen freue, davon zu essen, und nicht ekle. Die Stube war voll; es schien, die Leute wünschten die Hitze vorüberzulassen. Von einem anderen Tische ward die Bäurin gegrüßt; es war die Beselise, welche wir auch schon kennen, welche es tat. Wie es solche Weiber haben, welche vom Hausieren leben, sie sind um Konversationen nie verlegen, der Gesprächstoff geht ihnen nie aus; sie führen ihn mit sich von allen Sorten und wissen zumeist jede Person nach Stand und Würde mit der rechten Sorte z[*]u bedienen. Nach allgemeinen Bemerkungen, es mache warm und wenns so fortgehe, so seien in acht Tagen allenthalben Ernten oder wenigstens in vierzehn, frug sie: »Und habt Ihr vernommen, wie es Euerm Knecht, dem Johannes, geht, wo so wüst getan? Dem Lumpenbub geschieht es recht, es sollte allen so gehen.« Die Bäurin sagte, sie hätte gehört, er habe lange prozediert und sich immer krank beschrieben, um die Andern recht zu brandschatzen; als es aber habe zum Eid kommen sollen, sei er abgestanden und habe ausgemacht. Wo er jetzt sei, wisse sie nicht und nehme sie apart nicht wunder; er hätte in der letzten Zeit einen gar zu bösen Kopf gehabt, sonst wäre er ihr anständig gewesen, einen bessern Knecht werde sie nicht bald bekommen. »He nun, wenn du es nicht weißt, so kann ich es dir sagen«, sagte Beselise.

Nun erzählte sie auf ihre Weise und färbte das ganze, wie eine Beselise zu färben pflegt. Er sei im Bade, sagte sie, der Arm sei lahm, und wahrscheinlich komme er nicht mehr zurück, denn er habe noch die Auszehrung und sonst noch was, dem sie den Namen nicht geben könne. Er hätte seine Gegner mögen brandschatzen, aber nicht können, derweilen seine Mutter fast aufgefressen; die hätte grausam bös gehabt, man könne denken, eine siebenzigjährige Frau, ein unmündiges Kind und solch einen Schlingel alleine durchbringen, das wolle was sagen.

Da fing es an, lauter zu werden in der Wirtsstube, die Stimmen polterten zornig durcheinander. »Einer, der das redet, ist ein Aristokrat und Lumpenhund!« hörte die Frau. »Und du bist ein Donners Löhl, und was ist, das ist, und was ich gesehen habe, das werde ich auch sagen dürfen, ein Schlingel wie du wird es mir nicht verwehren!« »Und ich sage, wer redet, was du, ist ein Schelm und Spitzbube und kein Vaterlandsfreund!« »Und sei ich, was ich wolle, so bist du eine Kuh, und die Erdäpfelkrankheit ist wieder da, und brülle du, wie du willst, so ist sie da!« »Herr, was, was sagen sie?« frug die Bäurin, aber vor dem Streite, der lauter ward, hörte sie niemand. Der Streit ward immer lauter, Schläge hätte es wohl gegeben, da kam ein Landjäger und legte sich darein, wie man zu sagen pflegt. Er frug, was es gebe, mit gewaltig barschem Gesicht, und als er endlich gehört, was er schon gehört, da entschied er wie Solon: Wer so was sage und von der Kartoffelkrankheit rede, der sei des Volks Freund nicht, der wolle nur aufreizen und die Leute böse machen, ein Lumpenbub sei er und halbwegs ein Spitzbub. Er wolle nicht fragen, wer so was geredet, aber er wolle gewarnt haben, daß in seiner Gegenwart niemand so was sage, sonst gehe es ihm nicht gut. Er nehme jeden auf der Stelle, führe ihn ins Schloß, und der Regierungsstatthalter werde ihn an Schatten tun, wo er diesen Sommer nicht mehr schwarz werde.« »Donner, es wird doch erlaubt sein, zu sagen, meine Erdäpfel haben die Krankheit; das zu sagen, habe ich das Recht, ich möchte den Schelm und Lumpenhund sehen, welcher es mir wehren will! Und will es einer nicht glauben, so sage ich ihm: komm, setze die Brille auf und halte die Nase dar, und das sage ich, und sollte es der Regierungsstatthalter sein und nicht bloß so ein Lumpenbub und Halunke!« Ja, da brannte der Landjäger himmelhoch auf und hatte Hülfe.

Da kam der Wirt herbeigeschossen und schrie als wie fünfhundert Ochsen: Er dulde hier keinen Streit. Der Himmelstürk, welcher hier Streit mache, müsse ihm raus, und finde derselbe die Tür nicht, so wolle er ihm zeigen, wo das Fenster sei. Der arme Teufel, der nicht nachgeben und zurücknehmen wollte, daß keine Kartoffelkrankheit sei, wurde nun unsauber erst zur Türe, und da er nicht aufhörte, zu protestieren und seine Sache zu behaupten, die Treppe hinunterspediert, und zwar unsauber, und verspritzte fast vor Zorn, daß man bei aller Glaubensfreiheit Gott verspotten, aber nicht sagen dürfe, die Kartoffelkrankheit sei da.

Die Leute in der Wirtsstube waren ganz verstaunet und verstummet der Mehrzahl nach. Erstlich waren alle sehr erschrocken, wie über einen Blitz aus heiterm Himmel, und zweitens dünkte es sie doch wunderlich, daß man davon nicht reden sollte.

Als der Wirt schnaufend und keuchend von seiner Expedition zurückkehrte und sehr triumphierende Blicke von sich gab, scholl es hier, scholl es da: »Wirt, was bin ich schuldig? Wirt, mach mir die Rechnung! Wirt, wo ist wohl der Stallknecht, er soll anspannen! Wirt, wo hast du mein Säcklein?« So erscholl es aus allen Ecken und Enden. Und wie der Wirt auch sagte: »Ich würde noch warten, es ist noch gar zu warm, es ist noch viel zu früh für heim; wartet doch, bis der Staub sich gesetzt hat«, nahm das Rufen kein Ende. Ganz erstaunt und verblüfft sagte endlich der Wirt, die Silberstücke betrachtend in der Hand: »Habe nicht Münz im Sack, muß holen.« Im Stübli schüttelte er schrecklich den Kopf und verzählte sich beständig.

Als der Wirt endlich mit dem Münz wiederkam, wollte jeder zuerst haben; es schrie in allen Ecken, und der Wirt spedierte sehr langsam, wollte wieder gutmachen, sagte, man solle doch nicht so pressieren und er habe nichts dawider, etwas könne an der Sache sein, es sei alles möglich, aber allweg sei es eine wüste Sache, und besser sei, nichts davon zu reden oder so wenig als möglich. Es sei ihm wegen der armen Leute, denen müsse man nicht angst machen, und die Landjäger und Regierungsstatthalter hörten es auch nicht gern, wie sie ja selbst hätten mögen merken. So redete der Wirt, aber es half ihm nichts, die Leute stoben fort, und wirklich redete kein Mensch mehr von der Erdäpfelkrankheit. Der Wirt machte ein langes Gesicht und sagte, er würde einen Taler geben, das wäre ihm nicht passiert, solches seien fatale Sachen.

Die Bäurin und ihre Base gehörten auch unter die, welche Reißaus nahmen wegen der Kartoffelkrankheit. Nicht schnell genug konnte der Stallknecht einspannen; bald hätte sie den Wein aufpacken zu lassen vergessen, und erst frei atmete sie auf, als sie das Städtchen im Rücken hatte. Es sei ihr in allen Gliedern, sagte sie zur Base; wenns wäre, daß die Erdäpfel wieder fehlen sollten, so gehe es viel übler als im vergangenen Jahre. »Aber eins hab ich gehört, und das plagt mich, denn es wird das meiste wahr sein daran«, fuhr die Bäurin fort und wandte sich zu ihrem sehr schweigsamen Bäschen, dem Bäbeli. »Das ist wegen dem Knecht, dem Johannes, das ist dem doch zu übel gegangen, wenn der ein Krüppel geworden sein sollte. Und die Mutter dauert mich auch, das ist die bravste Frau von der Welt. So bös, wie die Lise es machte, wirds nicht sein, aber allweg nicht gut, und wenn ich wüßte wie, ich täte der Frau von Herzen gerne was. Aber eine Magd schicken oder selbst gehen mag ich nicht, du weißt, wie die Leute sind und einen ins Geschrei bringen, absonderlich eine Witfrau; man kann nicht Tüfels genug sein, damit die Leute einem nicht nachreden, man hätte die Knechte zu lieb.«

»Base«, sagte das Bäschen, »ich möchte dir was sagen, wenn du hören willst und mir nicht zürnen.« »Red«, fuhr die Base auf, »bin ich etwa schon im Geschrei, das wäre mir doch der Teufel!« »Nein, Base«, sagte Bäbeli kleinlaut, »was denkst, es ist wegen mir. Aber du sagst es nicht weiter, versprich mirs.« »Du wirst doch nicht etwa –?« sagte die Base. »Bewahre, was sinnest«, sagte Bäbeli. »Du hast dich vorhin, als die Frau das erzählte vom Johannes, der bei dir Knecht war, meiner nicht geachtet, sonst hättest du gesehen, daß ich ganz blaß wurde; es war mir, als gebe mir jemand mit einem Schlegel auf den Kopf, so daß mir die ganze Welt ringsum ging. Du wirst gehört haben, daß sein Streit wegen einem Meitschi entstand hauptsächlich. Weißt du, wer das Meitschi war?« »Doch nicht etwa du?« frug die Base mit großen Augen. »Eben«, sagte Bäbeli, »war ich es.« »So, das wußte ich nicht, an dich hätte ich zuletzt gedacht, wußte nicht, daß du dich mit Knechten abgäbest«, sagte die Bäurin. »Base, zürnt mir doch recht nicht«, sagte Bäbeli, »ich bin nicht so viel im Fehler, als ich scheine, habe mir ein Gewissen daraus gemacht schon lange, und jetzt, wo ich weiß, wie die Sache einen Ausgang nimmt, weiß ich nicht, was machen; ich glaube, ich habe keine ruhige Stunde mehr. Ihr wißt, ich wohne bei meinem Bruder; er gibt mir nichts und ich ihm nichts; ich meine, ich verdiene mein Essen wohl mit Arbeit, an einem andern Orte bekäme ich für das, was ich mache, einen schönen Lohn. Nun, mit dem Bruder gings, über den hätte ich so viel nicht zu klagen; aber sein Weib, das ist ein Hagel, böser ist nichts, gönnt niemand was, und selber Essen macht feiß, das ist ihre Meinung. Es dünkte mich oft, es wolle mir das Herz zerreißen.« »Bleib nicht dort«, sagte die Base, »du vermagst an einem anderen Orte das Kostgeld zu geben. Was wollt ihr euch quälen und gegenseitig aneinander versündigen!« »Du hast wohl recht«, sagte Bäbeli, »aber der Bruder dauert mich, und er hat mir gesagt, ich solle ihm nicht die Schande antun und weitergehn. Dann hab ich mich gewöhnt an sein Haus, war mein Lebtag darin.« »Wirst doch einmal daraus müssen«, sagte die Base.

Bäbeli gab darauf keine Antwort, sondern fuhr fort: »Nun am Neujahr und den Tag nachher tat die Frau bsunderbar wüst. Man brauchte begreiflich mehr, das reute sie schrecklich, sie machte ein Wesen und hatte ein Aufbegehren, daß man glaubte, sie wolle allen wieder aus dem Halse herauskratzen, was sie genossen hatten. So verleidete es mir, dabei zu sein. Ich gab vor, bei einer Wollenrüsterin was zu verrichten zu haben, und machte mich fort. Als ich meine Sache verrichtet hatte, war es über Mittag; ich halte nicht Lust, des Bruders Frau unter die Augen zu kommen und sie zur Unzeit um etwas zu essen zu bitten, obgleich sie Fleisch genug gehabt hätte im Küchenschrank. Die Wirtin zu Michelhofen ist mir noch von weitem verwandt, daneben meine gute Freundin. Dorthin ging ich und dachte an gar nichts, als daß ich es mir dort einmal recht wohl sein lassen wolle für mein Geld, einmal essen ohne saure Augen. Es freute die Wirtin, daß ich kam, sie wartete mir gut auf und versäumte sich bei mir, daß keine von uns dachte, was es für Zeit sei. Da hörten wir geigen. Teufel, sagte die Frau, sind die Geiger schon da? und schoß hinaus. Sie kam lange nicht wieder, und für die Langeweile gehe ich in den Tanzsaal, um zu sehen, was da gehe. Da saßen drei Geiger, geigten in der leeren Stube, nur damit man wüßte, sie seien da. Einige Bursche waren da und tranken in einer Ecke, ich kannte sie nicht. Wie ich hineinkomme, schreit ein Geiger: Seht, da kommt eine, nehme sie einer, wir wollen aufspielen, es soll nichts kosten, nur damit was geht und es einmal angefangen werde! Nun kam der größte der Bursche auf mich zu und nahm mich, was sollte ich da machen? Aus einern Tanze wurden zwei, drei usw., er tanzte gut, und wenn man tanzt, hat man nicht Zeit, zu sinnen und zu denken, was klug sei und am besten wäre. Nach und nach kamen Leute, die Stube füllte sich. Ich hätte mich von ihm losmachen sollen, es ist wahr, aber ich wußte nicht, wer er war; er tat manierlich, und ich kannte sonst niemand hier. Ich mußte ihm mit Wein Bescheid tun, er wurde wilder, übermütiger, es kamen Bekannte, und ich vernahm, daß er nur ein Knechtlein sei, wurde ausgelacht und ausgespottet. Es ward mir angst vor Streit, angst vor dem Bruder, absonderlich vor seiner Frau, was die mir sagen würden, wenn sie vernähmen, wo ich gewesen und mit wem ich getanzt habe. Ich machte mich von ihm los, und in der Angst nicht mit Manier, schloß mich an Bekannte an, trieb zum Fortgehen, und was geschah, weißt du. Ich bin nicht schuld, und doch hatte ich es schwer auf dem Herzen, denn wenn ich nicht gewesen wäre, so wäre das alles nicht begegnet, und erst jetzt, wo ich weiß, was die Sache für einen Ausgang hat, wird es mir Tag und Nacht nicht Ruhe lassen. Es dünkt mich, ich möchte zur Mutter und ihr etwas tun, und jetzt, weil er im Bade ist, schickt es sich am besten. Sie kennt mich nicht und in der Gegend dort niemand, soviel ich weiß. Wenns dir recht ist, so will ich mich für deine Magd ausgeben und sagen, du sendest ihr was.« »Meitschi, nimm dich in acht, was du machst«, sagte die Bäurin, »denk, wenn es dir auskäme, so könntest du Verdruß haben, und Meitscheni müssen sich in acht nehmen, das hast du ja erfahren.« »Ach, was frage ich dem allem nach«, antwortete Bäbeli, »es hat mich doch niemand lieb, und nirgends sollte ich sein; ach wenn ich nur sterben könnte und unter die Erde, da wäre mir wohl«, und gar bitterlich begann Bäbeli zu weinen.

Die Bäurin ließ Bäbeli eine Weile machen, wahrscheinlich wegen eigener Bewegung, denn es zuckte ihr gar seltsam um den Mund herum. Endlich sagte sie: »He nun, wenn du meinst, es mache nichts, und die Sache liegt dir am Herzen, so ist es mir sehr anständig. Aber dann kommst du erst bei mir vorbei, ih möchte auch was mitgeben, und wieder bei mir durch; es nimmt mich wunder, obs wirklich so ist, wie die Beselise sagte, der ist nicht zu trauen, die hat ein Maul, als ob sie es des Teufels Großmutter gestohlen hätte. Komm abends zuvor und bleib bei mir über Nacht, es ist weit, und dann können wir noch eine Weile mit einander plaudern. Und Meitschi, hörst, wenn es dir deines Bruders Frau zu arg macht, so mach nichts Dummes, sondern komm zu mir, ich habe dir zu arbeiten und zu essen.«

»Das ist guter Bescheid, Base«, sagte Bäbeli, »ich danke Euch. Aber was meint Ihr, Base, wann soll ich gehen, wann wäre es Euch recht?« »Wann du willst«, sagte die Base, »wenn es dir am schicklichsten ist.« »Wäre es vielleicht nicht am besten, so bald möglich?« sagte Bäbeli, »er könnte ungsinnet aus dem Bade kommen, dann dürfte ich für mein Leben nicht hin.« »Es ist mir völlig recht«, sagte die Base, durch diese Bereitwilligkeit sichtlich erfreut, »fahre gleich mit und gehe morgen!« »Das, Base, das geht nicht, muß erst heim, hatte Sachen zu verrichten für den Bruder. Und wenn ich so gekleidet ginge, so würde man nicht glauben wollen, daß ich eine Magd sei, oder eine in geliehenen oder gestohlenen Sachen.« »Du hast recht«, sagte die Bäurin, »Mägde in solchen Hemden und mit solchen silbernen Ketten sieht man nicht oft, und wo man sie sieht, gehts nicht mit rechten Dingen zu und viel darauf hält ihnen niemand.«

Unter diesem Gespräche war die Mähre langsam weitergeschritten, als ob sie in Behaglichkeit dem Gespräch der beiden Basen zuhöre, und endlich an ein Wirtshäuschen gekommen, wo sich die Wege schieden. Gegen alle Gewohnheit trank dort die Bäurin mit Bäbeli einen Schoppen, wegem Durst, sagte sie; aber Bäbeli zahlte ihn, die Bäurin mochte sagen, was sie wollte. Das offene Herz hatte auch eine offene Hand gemacht, und wenn nicht das Hemd, so doch das Mieder hätte Bäbeli vom Leibe gegeben, wenn sie darum angesprochen worden wäre.


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