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Vierzehntes Kapitel. Was das neue Jahr Käthi Neues bringt

Am folgenden Tag war es Käthi wohler als Hunderten von vornehmen Herren; sie hatte weder einen schweren Kopf noch ein schweres Rechnen. Das ist gar fatal für so viele, daß sie, wenn sie am zweiten Tage im Neujahre aufstehen, trüb im Kopfe sind und trübe im Gemüte; denn nun geht das Rechnen an, und sie sollen ausmitteln, obs im vergangenen Jahre mit ihnen vorwärts- oder rückwärtsgegangen, wir meinen nicht an der Seele, sondern bloß im Geldseckel.

Ohnedies aber gibts bedenkliche Gesichter genug, wenn es am Morgen zu klingeln und zu klopfen beginnt und die Liebesbriefe kommen von Schuster und Bäcker, von Metzger und Schneider, von Perückenmachern und Putzmacherinnen, von Kaufleuten von allen Sorten, und es ist kein Geld mehr da; was eingegangen war, wurde alsbald für das Laufende gebraucht. Aufschreiben ließ man, was man konnte, und an niemand hat man zu fordern, und nun liegen sie da, die unbezahlten Kontos, und wie einen großen und wachsenden Verdruß muß man sie mitnehmen ins neue Jahr hinein.

Da ist doch ein arm alt Fraueli besser dran; dem klingelt es nicht, dem klopft es nicht, dem kommen keine Kontos, dem sagt höchstens der Bäcker: »Bist mir noch eine halbe Krone schuldig, wäre mir lieb, du gäbst sie mir; die Müller sind gar geldhungrig, ehemals war es nicht so, aber jetzt ist es nichts mehr mit ihnen!«

Käthi hatte es noch besser, sie war niemand was schuldig, hatte nichts zu rechnen; sie schrieb nichts auf, wäre ihr auch eine Kunst gewesen. Ihr Vermögen konnte sie alle Tage im Kopf ausrechnen, sie lief nicht Gefahr, daß es ihr ging wie zuweilen einem Kaufmann, der sich Millionär glaubt und an einem schönen Morgen zu seiner großen Verblüffung die Entdeckung macht, daß er unter Null sei.

Ganz friedlich und still begann Käthi das neue Jahr mit Beten und Arbeiten, um mit Ehren und ohne jemand zu plagen durchzukommen. Am dritten oder vierten Tage desselben war es, sie saßen eben an ihrem Mittagsmahl und unter dem Ofen gackelte ein Huhn. Da ging die Tür auf und Johannes trat ein, den Kopf verbunden, den Arm in der Schlinge (den Arm am Schlingel, sagt ein Volkswitz). Käthi fuhr hoch auf. »Mein Gott und Vater«, rief sie, »bist du es oder dein Geist?« »Nur ich«, sagte Johannes, »Gott grüße Euch!« Bei der guten Mutter rollte alles durcheinander, Kummer, Teilnahme, der Trieb, ihm was Gutes zu erweisen, die Angst, was er hätte. Eine Weile gings, ehe Johannes saß, was vor sich hatte, die aufgeregten Gedanken Käthis sich zur Ruhe gelegt hatten, so daß sie Antworten erwarten, Johannes' Bericht anhören konnte.

Dieser Bericht war nicht lang, aber betrübend; Johannes war ein armer Märtyrer. Johannes war mit andern den Tag nach dem Neujahr nach Michelhofen ins Wirtshaus gegangen, wie es üblich und bräuchlich sei allenthalben. Dort war Musik und Tanz, dort saß Johannes ganz ruhig bei einem Schoppen, bis es Feierabend gemacht wurde. Dann ging er ruhig heim, wurde unterwegs von den Neuhäusern überfallen. Er wehrte sich sehr, aber sie waren ihrer viele, kamen mit Spießen und Stangen, er wurde wundgeschlagen, durch den Arm gestochen, mißhandelt, schrecklich, gräßlich, bis er sinnlos am Boden lag. Als er wieder zu sich selbst gekommen, sei er zurück nach Michelhofen gegangen, habe den Doktor holen und sich verbinden lassen, sei einen Tag dort gelegen, dieweil ihm ein über das andre Mal übel geworden sei. Sobald er gekonnt, sei er heimgegangen, aber da sei das Wetter erst losgegangen. Die Bäurin gönne niemand eine Freude, geschweige eine freie Stunde, und wenn sie nichts zu arbeiten hätte, so würde sie, nur um die Dienstboten zu kujonieren, Holz ums Haus herum tragen und akkurat an gleichen Ort wieder legen oder Stroh von einer Bühne zur andern tragen lassen. Wenn das keine Hexe sei, so werde sie sicherlich noch eine werden; es sagten es alle Leute, die sei dem Teufel von dem Karren gefallen. Statt daß sie ihn bedauert hätte und gefragt, wie es ihm sei und was er möchte, habe sie ihn ins Stübli genommen und angefangen, ihm alles Elend vorzuhalten, ihn runterzumachen, als ob er keinen Kreuzer wert wäre, und allerhand zu drohen. Als sie ihm so gekommen, habe er ihr auch gesagt, wer sie sei, und wenn der Teufel nicht schon eine Großmutter hätte, so müßte sie es werden; bei einer Solchen bleibe er keine Stunde länger. Bis seine Sache ausgemacht sei, wolle er bei ihr bleiben, sagte er zu Käthi, es solle ihr Schade nicht sein; behalten werde sie ihn doch wohl können? »Wo wolltest sonst sein«, sagte Käthi, »und wer wollte zu dir sehen? Ich litte es nicht, daß du an einen andern Ort gingest, es drückte mir das Herz ab und ich müßte glauben, du schätztest mich nicht mehr.« Nebenbei dachte sie, wie man sich doch in den Leuten irren könne; sie habe die Bäurin für eine ganz andre gehalten, als sie sich jetzt zeige; aber es werde sein, wie man sage, eine sei wie die andre, und Dienen sei bös, Sterben wäre besser!

Nun, so einer alten Käthi und Mutter dazu ists erlaubt, trotz handgreiflicher Gegenbeweise, zu glauben an die Lügen ihres Sohnes und seine Schilderungen über seine Meisterfrau, welche seinen freien Aufflug hemmen und seinem entschiedenen Fortschritt Schranken setzen wolle als eine wahre Jesuitin.

Die Sache war wirklich auch ganz anders, als Johannes sie erzählte, und zwar so war sie: Johannes war nach Michelhofen gegangen, hatte dort ein Mädchen aufgegabelt, stark getrunken; das Mädchen machte sich von ihm los, schloß sich einem Vetter, einem Neuhäuser, an, der sich mit einem Trupp Kameraden auf den Heimweg machte, Johannes kriegte Zorn, er sah es an als einen Mädchenraub lief mit einigen Kameraden den Neuhäusern den Weg vor, empfing dieselben mit Scheitern und Steinen und stürzte sich auf sie; die Neuhäuser aber waren ganze Bursche, verloren weder den Mut noch den Kopf, rissen Pfähle aus den Zäunen, und nun ging es an ein wildes, blutiges Schlagen, in welchem endlich die Neuhäuser siegten, Johannes liegen blieb mit zerschlagenem Kopf und einem Messerstich durch den Arm.

Johannes schleppte sich ins Wirtshaus zurück, ließ den Doktor holen, sich verbinden, ein ärztlich Attest ausstellen und gedachte, die Neuhäuser anzugreifen und sich eine tüchtige Summe als Schmerzengeld auszahlen zu lassen. Da der Wirt in Michelhofen es mit den Neuhäusern hielt, vielleicht nicht mit Unrecht, so wollte er Johannes nicht behalten, ihn nicht bei sich in der sogenannten Leistung liegen lassen; er mußte zu seiner Meisterin zurück. Diese war allerdings bitterböse über das Lumpen im allgemeinen und das Lumpen von Johannes insbesondere, schoß im Hause herum wie ein Sturmwind und hielt dem Gesinde über Tisch eine Vorlesung, zwar nicht aus Heften, sondern aus dem Kopfe, aber doch wie sie mancher Professor nicht zu halten imstande gewesen wäre.

Das sagte die Bäurin allen über den Tisch ins Gesicht, und als Johannes endlich heimkam, ging sie zu ihm in seine Kammer und kanzelte ihn also ab: »Es nimmt mich wunder, ob du niemals witzig werden wollest; es wäre Zeit dazu, sonst gibt es sich nicht mehr. Schämst du dich nicht, zu tun wie ein junger Löffel, Schlägereien anzustellen? Du solltest doch wissen, was dabei herauskommt; bist Witwer, hast ein Kind und tust noch so! Wenn du einen guten Blutstropfen im Leibe hättest, tätest du deinen Lohn nicht versaufen und deine alte Mutter dein Kind erhalten lassen! Du wirst es noch dahin bringen, daß sie noch dich dazu erhalten muß; du hast das neue Jahr darnach angefangen, daß es so wird kommen müssen.«

Ja, so was läßt ein Korporal sich nicht gerne sagen, wenn er es auch wohl verdient hat. Johannes begehrte auf: Was er für Blut im Leibe habe, gehe sie nichts an, und wer ihm sein Kind erhalte, ebenfalls nicht, einmal sie tue es nicht; es gebe noch an andern Orten zu essen und zu arbeiten als hier, es sei dann nicht, daß wenn er nicht mehr hier sei, ihn die Mutter erhalten müßte, das noch lange nicht. »Red nit so«, sagte die Bäurin, »du Bürschli weißt noch nicht, wie weit es mit dir kommen kann. Und wenn ich dich nicht haben wollte in diesem Zustand, wo du, weiß kein Mensch wie lange, nicht arbeiten kannst, und halb aus Mutwillen, wo wolltest du hin als zur Mutter? Hast ja nicht einen Kreuzer Geld! Drum, Bürschli, poch nicht so!« Ja, so lasse er sich nicht kommen, er lasse sich nicht vorhalten, daß man ihn um Gotteswillen hätte. Er lasse sich so was nicht zweimal sagen, sie solle ihm den Lohn geben, was es auch austragen möge, auf der Stelle wolle er fort. »Ich habe dich nicht gehen heißen«, sagte die Frau, »habe dir nur gesagt, wie es dir gehen könnte. Und sagen, was wahr ist, wird wohl erlaubt sein, sagt ihr doch auch, was euch in den Mund kommt; man muß schlucken, daß man lange Zeit nicht weiß, bringt man es runter oder nicht.« Sie hätte es gehört, sagte Johannes, er wolle den Lohn und fort. »Anhalten will ich dir nicht«, sagte die Frau, »so wenig, als ich dich gehen geheißen; aber bedenke es wohl, was du machst. Die paar Batzen Lohn, die du noch bekommst, sind bald gezählt; unterdessen komme zu dir und mache nichts, was dich übel gereuen könnte.« Aber als die Bäurin zurückkam, war Johannes gleich aufbegehrisch, und die Bäurin ließ ihn ziehen.

So war die Geschichte, und so sieht man wieder, daß wer nicht selbst dabei ist, selten weiß, was eigentlich vorgegangen, dieweil ein jeder, der eine Geschichte erzählt, derselben eine eigne Kutte oder einen eignen Rock anzieht, und so wie der Rock den Mann macht, macht die Kutte die Geschichte, und je nachdem man ihr eine anzieht, wird sie so oder ganz anders.

Nun also war Johannes bei der Mutter und aß wirklich ihr Brot, und sie mußte ihn einstweilen erhalten, freilich auf die Vertröstung hin, vom Schmerzengelde wolle er ihr ein schönes Kostgeld bezahlen. Sie pflegte ihn nebenbei treulich, schmierte ihm von Salben ein, was sie auftreiben konnte, und hatte Freude dabei, daß sie ihm Mutter sein, ihm zeigen konnte, wie sie es mit ihm meine. Wenn sie jemand bedauern wollte, so sagte sie: Wenn sie wüßte, daß wieder alles gut käme, so könnte sie nicht einmal sagen aufrichtig, sie wollte, es wäre nicht.


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