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Der Feuerländer

Einst war die Obrigkeit matt geworden im Kampfe mit den Andersdenkenden und wünschte endlich einmal auf ihren Lorbeeren auszuruhen. Sie erließ strengsten Befehl:

»Es wird hierdurch angeordnet, alle Andersdenkenden festzustellen, sie ohne jede Rücksichtnahme aus jederlei Verhüllungen ans Licht zu ziehen und nach der Feststellung mit den unterschiedlichen dazu geeigneten Mitteln restlos auszurotten.«

Die Ausführung dieses Befehles übertrug die Obrigkeit einem vertragsmäßig angestellten Vernichter lebender Wesen beiderlei Geschlechts und aller Altersstufen namens Oronti Sterwenko, der früher Hauptmann in Diensten seiner Majestät des Königs der Feuerländer gewesen war, und sie wies Oronti 16 000 Rubel für besagte Zwecke an.

Oronti wurde zu diesem Amt nicht etwa berufen, weil man nicht auch daheim geeignete Leute gefunden hätte, sondern weil er ein ganz unnatürlich schreckliches Aussehen hatte: er war so behaart, daß er in jedem Klima nackt gehen konnte, und hatte oben und unten je zwei Reihen Zähne, vierundsechzig Stück genau gezählt. Dadurch hatte er sich besonderes Vertrauen bei der Obrigkeit erworben.

Doch trotz all dieser Eigenschaften grübelte er grimmig:

»Wie soll ich die herausfinden? Sie sagen doch nie etwas!«

Tatsächlich, – die Einwohner dieser Stadt waren gut gedrillt; einer fürchtete sich immer vor dem andern, sie hielten sich gegenseitig für Spitzel und sagten überhaupt nichts aus. Sogar mit ihren Mamas redeten sie nur in verabredeten Worten einer fremden Sprache:

»N'est-ce pas?«

»Maman, es ist Zeit zu essen, n'est-ce pas?«

»Maman, wollen wir heute nicht ins Kino gehen, n'est-ce pas?«

Als Sterwenko genug nachgedacht hatte, fand er doch einen Weg, geheime Pläne zu entdecken. Er wusch seine Haare mit Wasserstoffsuperoxyd und rasierte sich an den notwendigen Stellen, so daß er blond wurde und ein trübseliges Aussehen bekam. Dann zog er einen Anzug von melancholischer Farbe an und war nicht wieder zu erkennen!

Abends ging er auf die Straße und wandelte sinnend einher. Wenn er sah, daß ein Bürger, der Stimme der Natur gehorchend, irgendwo hinschlich, fiel er von der linken Seite über ihn her und flüsterte herausfordernd:

»Genosse, sind Sie etwa zufrieden mit Ihrem Dasein?«

Der Bürger verlangsamte zunächst seinen Schritt, als denke er an etwas; sowie er aber in der Ferne einen Polizisten erblickte, offenbarte er sich sofort:

»Schutzmann, halt ihn! …«

Sterwenko sprang dann wie ein Tiger über den Zaun und grübelte, in den Brennesseln hockend:

»So kriege ich sie nicht. Sie handeln dem Gesetz gemäß, die Teufel!«

Doch indessen schmolz das angewiesene Geld zusammen.

Er kleidete sich lustiger und stellte den Bürgern auf andere Weise nach, – trat dreist an jemand heran und fragte:

»Mein Herr, möchten Sie Polizeispitzel werden?«

Der Bürger erkundigte sich dann vielleicht kaltblütig:

»Wieviel Gehalt gibt es?«

Andere aber lehnten höflich ab:

»Vielen Dank. Aber ich bin bereits engagiert!«

»Hm, ja,« grübelte Oronti. »Da soll man sie nun fassen!«

Und das angewiesene Geld wurde derweilen wie von selbst immer weniger.

Dann sah er sich einmal den »Verein zur Nutzbarmachung hohler Eier« näher an. Aber es stellte sich heraus, daß er unter der hohen Fuchtel von drei Bischöfen und einem Gendarmeriegeneral stand und nur einmal im Jahre tagte, und zwar jedesmal mit besonderer Erlaubnis aus Petersburg. Oronti wurde mißlaunig und sein angewiesenes Geld erkrankte sozusagen an der galoppierenden Schwindsucht.

Nun wurde er aber böse.

»Also gut!«

Er machte keine Umstände mehr. Er trat auf einen Bürger zu und fragte ihn ohne jede Vorrede:

»Sie sind mit Ihrem Dasein zufrieden?«

»Vollkommen!«

»So. Aber die Obrigkeit ist unzufrieden! Bitte sehr …«

Sagte aber jemand: »Ich bin unzufrieden«, – dann hieß es natürlich:

»Festnehmen!«

»Aber ich bitte …«

»Wa–as?«

»Ich bin ja nur damit unzufrieden, daß die Obrigkeit nicht energisch genug ist.«

»Ach? So! Festnehmen! …«

Auf die Weise brachte er in drei Wochen zehntausend Personen zusammen, sperrte sie zuerst ein, wo sich die Möglichkeit bot, und ließ sie dann aufhängen, jedoch, aus Sparsamkeitsrücksichten, auf Kosten der Bürger selbst.

Alles ging soweit gut. Doch eines Tages ritt die hohe Obrigkeit auf Hasenjagd und sah draußen vor der Stadt außergewöhnlich reges Leben: ein Bild friedlicher Betätigung der Bürger, die einander anschuldigten, sich gegenseitig aufhängten und einscharrten. Sterwenko lief indes mit einem Stab in der Hand zwischen ihnen herum und trieb sie an:

»Ein bißchen flink! Du Braunkopf da, flott, flott! Sie Verehrter, was glotzen Sie noch? Die Schlinge ist fertig, – immer rein mit dem Kopf, halten Sie die andern gefälligst nicht auf! Du Bengel, warum drängst du dich vor deinen Papa vor? Meine Herren, keine Übereilung, Sie kommen alle dran … Jahrelang haben die Leute auf Beruhigung des Landes gewartet, nun könntet ihr auch noch die paar Minuten warten. Kerl, wohin? Flegel! …«

Die Obrigkeit saß auf dem Rücken eines feurigen Rosses, schaute zu und dachte:

»Der hat aber eine Menge zusammengebracht! Tüchtiger Kerl! Darum sind auch in der Stadt alle Fenster fest geschlossen …«

Plötzlich sah der hohe Herr seine eigene Tante mit den Füßen über der Erde baumeln. Da wunderte er sich sehr.

»Wer hat das angeordnet?«

Sterwenko stellte sich sofort vor.

»Ich, Exzell«

Der hohe Herr sprach:

»Nun, mein Lieber, du scheinst ein großer Narr zu sein. Gewiß vertust du ganz unnütz Staatsgelder. Bring mir deine Abrechnung!«

Sterwenko brachte die Abrechnung. In der stand zu lesen:

 

»In Ausführung des Befehles zur Ausrottung aller Andersdenkenden habe ich an derartigen Personen beiderlei Geschlechts festgestellt und in Haft gebracht: 10 107.

Davon

Niedergemacht 729 beiderlei Geschlechts
gehenkt 541 " "
unheilbar beschädigt 937 " "
vorher gestorben 317 " "
sich selbst 63 " "
    " "
Im ganzen ausgerottet 1876 " "
   
Gesamtkosten (7 Rubel das Stück gerechnet) 16 884 Rubel
Mithin zusätzlich verausgabt 884 Rubel

 

Die hohe Obrigkeit war geradezu entsetzt, zitterte am ganzen Leibe und stammelte:

»Zu–sätzlich verausgabt! Ach, du Feuerländer! Dein ganzes Feuerland mitsamt seinem König und dir ist noch keine 800 Rubel wert! Überleg' mal, wenn du schon solche Bissen schlucken willst, was soll ich denn da tun? Und ich stehe zehnmal höher als du! Bei solchem Appetit reicht ja Rußland keine drei Jahre mehr aus! Du willst nicht allein leben, – begreife das gefälligst! Außerdem hast du 380 Menschen zuviel angeschrieben. Die ›vorher Gestorbenen‹ und die, die ›sich selbst‹, gehören doch nicht dazu. Und du Räuber stellst sie auch in Rechnung!«

»Exzellenz,« rechtfertigte sich Oronti, »ich habe sie doch aber lebensüberdrüssig gemacht!«

»Und warum rechnest du sieben Rubel für jeden? Wahrscheinlich sind auch wer weiß wieviel vollkommen Unbeteiligte dabei? Wir hatten ja überhaupt nur 12 000 Einwohner in der Stadt. Nein, mein Guter, du kommst vor Gericht …«

Wirklich wurde eine strenge Untersuchung der Tätigkeit des Feuerländers eingeleitet und dabei stellte sich heraus, daß er 916 Rubel Staatsgelder unterschlagen hatte.

Man richtete Oronti streng aber gerecht, verurteilte ihn zu drei Monaten Haft und verdarb ihm so die ganze Karriere. So verschwand der Feuerländer auf drei Monate …

Ja, es ist nicht so leicht, der Obrigkeit alles recht zu machen!


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