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Tamerlan und die Mutter

Preis sei dem Weibe, der Mutter, dem unerschöpflichen Born des allesbesiegenden Lebens.

Wir wollen vom eisernen Timurleng, dem lahmen Panther, von Sahib-i-Kiran erzählen, von dem glücklichen Eroberer, Tamerlan, wie ihn die Ungläubigen nannten, von dem Manne, der die ganze Welt zerstören wollte.

Fünfzig Jahre lang schritt er über die Erde, sein eiserner Fuß zertrat Städte und Staaten, wie der Fuß eines Elefanten wimmelnde Ameisenhaufen; wo er vorüberkam, da flössen rote Blutströme, und er errichtete hohe Pyramiden aus den Gebeinen der besiegten Völker. Er vernichtete das Leben, stritt mit dem Tode um die Macht und rächte sich an ihm, weil er ihm seinen Sohn Dschegangir geraubt hatte. Er, der Bezwinger der Welt wollte dem Tode seine Opfer entreißen, auf daß er vor Hunger und Gram verrecke!

Seit dem Tage, da sein Sohn Dschegangir starb, und das Volk von Samarkand den Bezwinger der bösen Dschets, in ein schwarzblaues Gewand gehüllt, mit Staub und Asche auf dem Haupt erblickt hatte, von jenem Tage an bis zu der Stunde, da der Tod ihn in Otrara bezwang, hat Timur dreißig Jahre lang kein einzigesmal gelächelt, – so hatte er sein Leben verbracht mit zusammengekniffenen Lippen, ohne jemals sein Haupt zu bewegen, und sein Herz war gewappnet gegen jedes Mitleid dreißig Jahre lang!

Preis sei dem Weibe, der Mutter, der einzigen Macht, vor der sich der Tod demutsvoll beugt; – wir wollen hier die Wahrheit über die Mutter erzählen, vor der sich der Knecht und Sklave des Todes, der eherne Tamerlan, die blutige Geißel der Welt, neigte.

Das geschah also: Einst schmauste Timur-bek in dem herrlichen, mit Wolken von Rosen und Jasmin bedeckten Tal Kanigula, in jenem Tal, das von den Dichtern Samarkands »der Liebling der Blumen« genannt ward, und von wo aus man die blauen Minaretts der gewaltigen Stadt und die blauen Kuppeln der Moscheen sieht.

Fünfzehntausend runde Zelte bedecken wie ein großer Fächer die Ebene; sie gleichen Tulpen, und jedes ist mit Hunderten von Seidenflaggen geschmückt, die wie lebende Blumen auf und nieder wogen.

In ihrer Mitte erhebt sich das Zelt Gurugan-Timurs wie eine Königin unter ihren Gespielinnen. Es ist viereckig, hundert Schritt lang und ebensoviel Schritte breit, so hoch wie drei Speere. Es wird in der Mitte von zwölf mannsdicken goldenen Säulen gehalten und ist von einer blauen Kuppel überspannt, es schimmert von schwarzen, gelben und blauen Seidenstreifen; mit fünfhundert roten Schnüren ist es an dem Erdboden befestigt, vier silberne Adler prangen an den Ecken, und in der Mitte, unter der Kuppel, auf einer Erhöhung, ruht ein fünfter, – der unbesiegbare Timur-Gurugan, der König der Welt.

Ein weites Gewand aus himmelblauer Seide fällt von seinen Schultern herab; Perlen überschütten es – wohl an die fünftausend große Perlen –, eine hohe weiße Mütze mit einem Rubin an der Spitze ruht auf dem grauen, schrecklichen Haupte, und dieses blutige Auge, das die Welt umspannt, schwankt unablässig hin und her.

Das Antlitz des Lahmen gleicht einem breiten Dolch, der rostig von Blut ist, in das er tausende Male getaucht ward; seine Augen sind klein und schmal, aber sie sehen alles, und ihr Glanz gleicht dem kalten Gefunkel des Zaramuts, des Lieblingssteines der Araber, den die Ungläubigen Smaragd nennen, und der die fallende Sucht heilt. In seinen Ohren aber funkeln Ringe aus Rubinen von Ceylon, herrlich wie die frischen Lippen einer schönen Frau.

Auf dem mit seltenen Teppichen bedeckten Fußboden stehen dreihundert goldene Krüge mit Wein und allem, was zu einem königlichen Festmahle gehört; hinter Timur sitzen die Musiker, niemand sitzt an seiner Seite, zu seinen Füßen aber lagern die blutsverwandten Könige und Fürsten und die Truppenführer, ihm zunächst jedoch – der trunkene Dichter Kermani, derselbe, der einst auf die Frage Timurs: »Kermani! Wieviel gäbst du für mich, wenn man mich dir feilböte?« dem Herrn des Todes und der Schrecken zur Antwort gab:

»Fünfundzwanzig Askeri!«

»Soviel kostet ja allein mein Gürtel, Kermani!« rief Timur erstaunt aus.

»Ich dachte ja auch nur an diesen Gürtel, nur an den Gürtel, o Herr, denn du selbst bist keinen Groschen wert!«

So sprach der Dichter Kermani zu dem König der Könige, dem blutigen Herrscher der Welt. Gepriesen sei der Name des Dichters, des Verkünders der Wahrheit, sein Ruhm glänze höher als selbst der Tamerlans!

Gepriesen seien die Dichter, die nur einen Gott haben, – ein schönes, furchtloses, wahrhaftiges Wort! Das ist ihr Gott, den sie ewiglich verehren.

In solch einer Stunde ausgelassener Fröhlichkeit, während eines Trinkgelages, wo stolze Krieges- und Siegeserinnerungen gefeiert wurden, der Lärm der Musik und der Volksspiele ertönte, während zahlreiche bunte Gaukler vor dem Zelte des Königs umhersprangen, Athleten Ringkämpfe und kühne Fechter Kampfspiele aufführten, Seiltänzer ihre Künste zeigten und rot und grün bemalte Elefanten, die teils komisch, teils schreckenerregend aussahen, im Kampfe lagen, – in solch einer Stunde, wo die Leute Timur-Chans, trunken vor Furcht, aber auch vor Stolz, Siegesmüdigkeit, Wein und Stutenmilch, sich ungezügelter Lust ergaben, – in solch einer wilden, tollen Stunde durchriß der Schrei einer Frau den trunkenen Lärm, wie ein Blitz den Wolkenschleier, der stolze Schrei eines Adlerweibchens, – ein Laut, der der vom Tode beleidigten und deshalb grausamen Seele Timurlengs bekannt und vertraut war.

Er gab den Befehl, man solle erfahren, woher dieser freudlose Schrei käme, und man berichtete ihm, es sei ein in Lumpen gehülltes, mit Staub bedecktes Weib da, das arabisch spräche. Das Weib machte den Eindruck einer Wahnsinnigen und forderte gebieterisch, ihn, den Beherrscher dreier Weltteile, zu sehen.

»Führt sie herein!« sagte der Herrscher.

Und nun stand sie vor ihm, barfüßig, in fadenscheinige Lumpen gehüllt. Sie hatte ihr schwarzes Haar aufgelöst, um die nackte Brust zu verhüllen, ihr Antlitz schien wie aus Bronze gemeißelt, das Auge blickte gebieterisch, und die auf Timur weisende dunkle Hand zitterte nicht.

»Bist du der Besieger des Sultans Bajazet?«

»Ich bin es. Ich habe schon viele Könige besiegt und bin der Siege noch nicht müde. Was aber hast du mir zu erzählen, Weib?«

»Höre mich an!« sprach sie. »Soviel du auch vollbracht haben magst, du bist doch nur ein Mensch, ich aber bin eine Mutter! Du dienest dem Tode, ich aber zeuge neues Leben. Du hast eine Schuld gegen mich auf dich geladen, und so bin ich zu dir gekommen, damit du deine Schuld tilgest. Man hat mir gesagt, deine Losung sei: Gerechtigkeit ist Macht! Ich glaube nicht daran, gegen mich aber mußt du gerecht sein, denn ich bin eine Mutter.«

Der König war klug genug, um die Kraft zu ahnen, die sich hinter der Kühnheit dieser Worte verbarg, und sprach:

»Setz' dich nieder und sprich, ich will dich anhören!«

Sie ließ sich im engen Kreis der Könige nieder und begann:

»Ich komme weit aus Italien her, aus Salerno, du kennst den Ort nicht! Mein Vater war ein Fischer und mein Mann ebenfalls; er war sehr schön und glücklich, und er verdankte sein Glück mir! Auch einen Sohn hatte ich, den schönsten Knaben auf der Welt …«

»Wie mein Dschegangir,« flüsterte der alte Kriegsheld leise.

»Der schönste, klügste Knabe war mein Sohn! Er war sechs Jahre alt, als sarazenische Seeräuber an unserer Küste landeten. Sie erschlugen meinen Vater, meinen Gatten und viele, viele Leute und raubten mir meinen Knaben, den ich nun schon vier Jahre an allen Enden der Welt suche. Jetzt weilt er bei dir, ich weiß es, denn Bajazets Soldaten ergriffen und fingen die Seeräuber, du aber hast Bajazet besiegt und ihm alles fortgenommen, was er besaß. Du mußt also wissen, wo mein Sohn ist; du mußt ihn mir wiedergeben!«

Alle Anwesenden brachen in Gelächter aus, und die Könige, die sich immer für sehr klug halten, sprachen:

»Sie ist wahnsinnig!« Und Timurs Freunde, die Fürsten und Feldherrn, stimmten ihnen bei, und alles lachte.

Nur Kermani blickte ernsten Angesichts auf das Weib, und Tamerlan starrte sie tief erstaunt an.

»Sie ist so wahnsinnig wie eine Mutter!« flüsterte der trunkene Dichter Kermani. Allein der König, die Weltgeißel, rief aus:

»Weib! Wie konntest du bloß aus jenem, mir unbekannten Lande hierher gelangen, über Meere und Flüsse, durch Gebirge und Wälder? Haben denn die wilden Tiere und die Menschen, die oft noch schlimmer sind als die wildesten Tiere, dir nichts getan? Du hattest ja nicht einmal eine Waffe bei dir, diese einzige Freundin der Schutzlosen, die sie nicht verrät, solange noch eine Spur von Kraft in ihren Händen ist! Ich muß alles wissen, wenn mein Erstaunen es mir nicht unmöglich machen soll, dich zu begreifen!«

Preis sei dem Weibe, Preis sei der Mutter, deren Liebe kein Hindernis kennt und deren Busen die Welt gesäugt hat! Alles Schöne im Menschen stammt von den Sonnenstrahlen und aus der Milch der Mutter, – das ist es, was uns mit Liebe zum Leben erfüllt!

Sie aber sprach zu Timurleng:

»Auf meinem Wege traf ich nur ein einziges Meer; darauf gab es viele Inseln und Fischerkähne, und wenn man etwas Liebes sucht, weht stets ein günstiger Wind. Die Flüsse sind leicht durchschwömmen, wenn man an der Küste geboren und großgeworden ist. Und die Berge? Ich habe keine gesehen.«

Hier unterbrach sie der trunkene Kermani mit heiterer Stimme.

»Wenn man liebt, wird der Berg zum Tale!«

»Ob ich unterwegs auf Wälder gestoßen bin? Wohl, doch ich durchschritt sie leichten Fußes. Ich begegnete Ebern, Bären, Luchsen und wilden Stieren mit gesenkten Hörnern. Zweimal stieß ich auf einen Panther, der mich ebenso anblickte wie du, aber jegliches Tier hat ein Herz; ich sprach mit ihnen, wie mit dir, und sie glaubten es mir, daß ich eine Mutter bin und ließen mich seufzend ziehen, denn sie hatten Mitleid mit mir! Weißt du denn nicht, daß die Tiere ihre Kinder gleichfalls lieben und nicht weniger für ihr Leben und ihre Freiheit kämpfen als wir?«

»Du hast recht, Weib!« sprach Timur. »Oft lieben sie gewaltiger und hartnäckiger als der Mensch!«

»Die Menschen,« fuhr sie fort, wie ein Kind, denn jede Mutter ist in ihrem Innern ein hundertfältiges Kind, »die Menschen sind doch stets Kinder ihrer Mutter. Jeder nennt eine Mutter sein eigen, selbst dich, Mann, hat ein Weib geboren! Du kannst Gott verleugnen, aber deine Mutter kannst du nicht verleugnen.«

»Du hast recht, Weib!« rief der furchtlose Dichter Kermani. »Eine Herde Stiere gebiert keine Kälber, ohne Sonne wachsen keine Blumen, ohne Liebe gibt es kein Glück, ohne das Weib keine Liebe, und ohne die Mutter gibt es keine Dichter und keine Helden.«

Und das Weib sprach:

»Gib mir mein Kind wieder, denn ich bin eine Mutter, und ich liebe mein Kind!«

Wir wollen uns beugen und dem Weibe Ehrfurcht erweisen, denn es hat uns einen Moses, einen Mohammed und Jesus, den großen Propheten, geboren, der von den bösen Menschen getötet ward; aber – wie Scherif-Edin sagt – er wird wieder auferstehen und Gericht halten über die Toten und die Lebendigen zu Damaskus; ja, das wird sich in Damaskus zutragen.

Beugen wir uns vor der Mutter, die uns unsere großen Männer gebiert, – Aristoteles und Firdusi und der honigsüße Saadi sind ihre Söhne. Omar Khajjam, der einem feurigen Weine gleicht, in den Gift geträufelt ward, Iskander und der blinde Homer, – sie alle sind ihre Kinder, sie alle haben ihre Milch gesogen, sie alle hat sie an ihrer Hand in die Welt geführt, als sie noch nicht größer waren als eine Tulpe – der höchste Stolz dieser Welt ist das Werk der Mütter!

Und der große Zerstörer der Städte, der lahme Timur-Gurugan, neigte sein Haupt. Lange schwieg er, dann aber sprach er, zu den Anwesenden gewandt.

»Men tangri kuli Timur! Ich, der Knecht Gottes, Timur, sage euch, was recht ist! Seht, – ich habe schon viele Jahre gelebt, die Erde ächzt unter meinen Tritten, und dreißig Jahre lang schon bin ich am Werk, mit dieser Hand dem Tod seine Ernte zu entreißen, um Rache zu nehmen an ihm, weil er meinem Sohn Dschegangir, der Sonne meines Lebens, das Lebenslicht ausgeblasen hat. Königreiche und Städte haben mit mir gekämpft, nie aber und nirgends hat der Mensch in meinen Augen einen Wert gehabt, nie und nirgends habe ich gewußt, wer er ist und was er mir auf meinem Wege bedeutet. Ich, Timur, habe nach meinem Siege über Bajazet zu diesem Könige gesprochen: ›O Bajazet, Gott schätzt die Staaten und Menschen offenbar sehr gering ein: sieh, welchen Menschen er die Macht über sie anvertraut: du bist krumm und ich bin lahm!‹ So sprach ich damals zu ihm, als man ihn gefesselt zu mir brachte, und als er unter der Last der Ketten zusammenbrach. So sprach ich im Unglück zu ihm, und ich fühlte, daß das Leben bitter ist wie die Wermutstaude, die aus den Ruinen sproßt.

Ich, der Knecht Gottes Timur, ich sage, was recht ist! Seht, hier vor mir sitzt ein Weib, wie es ihrer unzählige gibt, sie aber hat Gefühle in mir entfacht, die mir bisher unbekannt waren. Sie spricht zu mir wie zu ihresgleichen. Sie bittet nicht, – sie fordert. Und ich sehe nun, weshalb dieses Weib so mächtig ist: sie liebt, und sie erfuhr durch die Liebe, daß ihr Kind der Funke des Lebens ist, der zur Flamme für viele Jahrhunderte werden kann. Sind nicht alle Propheten Kinder gewesen, und waren nicht alle Helden hilflos und schwach? O Dschegangir, Licht meiner Augen, vielleicht warst du dazu bestimmt, der Erde Wärme zu spenden, Glück zu säen, – ich habe sie reichlich mit Blut getränkt, bis sie fett und fruchtbar ward!«

Und lange noch saß die Geißel der Völker in Gedanken versunken da. Endlich aber sprach Timur-Chan:

»Ich, der Knecht Gottes Timur sage, was recht ist! Dreihundert Reiter sollen sich sofort nach allen Enden meines Reiches begeben, um den Sohn dieser Frau aufzufinden. Sie aber soll hierbleiben und mit mir warten, bis er hierher gebracht wird. Und wer mir das Kind auf seinem Sattel wiederbringt, den will ich glücklich machen für alle Zeiten. Bist du zufrieden, Weib?«

Sie strich das schwarze Haar aus dem Gesicht, lächelte ihm zu und neigte ihr Haupt:

»Ich bin es, o Herr!«

Da erhob sich der furchtbare Greis und verneigte sich stumm vor dem Weibe. Der Dichter Kermani jedoch sprach voll Freude:

»Was ist schöner als ein Lied von Blumen und Sternen?
Ein jeder wird gleich sagen, ein Lied von der Liebe.
Was ist schöner als die Sonne am klaren Mittag des Maitags?
Und der Verliebte wird sagen: Sie, die ich liebe.
Oh, wie schön sind die Sterne am Mitternachtshimmel, – ich weiß es!
Auch die Sonne ist schön am klaren Sommertage, – ich weiß es!
Aber die Augen meines Liebchens sind schöner als alle Blumen, – ich weiß es!
Und ihr Lächeln ist lieblicher als die Sonne, – ich weiß es!
Aber nicht gesungen ward das Lied der Lieder
Von dem Ursprung dessen, was hier lebt auf Erden.
Nicht besungen ward das Herz des Weltalls,
Das wir Menschen unsre Mutter nennen.«

Und da sprach Timurleng zu seinem Dichter:

»Recht, Kermani! Gott hat sich nicht geirrt, als er deinen Mund dazu ausersah, seine Weisheit zu preisen!«

»Ach, Gott ist selbst ein guter Dichter!« sprach der trunkene Dichter Kermani.

Und das Weib lächelte und alle Könige, Fürsten und Feldherrn; auch alle übrigen Kinder richteten ihre Augen auf die Mutter und lächelten.

 

Was hier erzählt ward, ist Wahrheit, jedes Wort davon ist wahr; unsere Mütter wissen es, fragt sie nur, und sie werden euch sagen:

»Ja, es ist die lauterste Wahrheit, wir sind mächtiger als der Tod, wir, die wir der Welt unablässig Dichter, Weise, Männer und Helden schenken, wir, die wir die Saat säen, aus der das Herrlichste aufgeht, dessen die Welt sich rühmt.«


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