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Das Begräbnis des Dichters

Es war einmal ein ehrgeiziger Dichter.

Wenn man ihn schalt, meinte er, man schelte ihn wider Gebühr und zu hart. Und lobte man ihn, so fand er, man lobe ihn zu wenig und nicht gescheit. So lebte er in steter Unzufriedenheit bis zu dem Tage, da er sterben mußte.

Er legte sich ins Bett und begann zu schimpfen:

»Nun also, – ist es gefällig?« Zwei Romane sind noch ungeschrieben, und Material habe ich liegen für zehn Jahre. Der Teufel hole diese Naturgesetze und alles übrige. Zu dumm! Es wären so schöne Romane geworden. Da hat man sich diese idiotische allgemeine Pflicht – zu sterben – ausgedacht! Als ob es nicht anders ginge. Und es kommt immer zur unrechten Zeit: meine Erzählung ist auch noch nicht fertig …«

Er war zornig, die Krankheit bohrte in seinen Knochen und flüsterte ihm in die Ohren:

»Du hast gebebt, was? Warum hast du gebebt? Hast nicht geschlafen des Nachts, wie? Warum hast du nicht geschlafen? Hast getrunken aus Kummer, was? Und vor Freude auch?«

Er machte ein finsteres Gesicht, – schließlich sah er ein, daß doch nichts zu machen war. Er ließ seine Romane Romane sein und starb. Es war ihm sehr peinlich, aber – er starb.

Also gut. Man wusch ihn, kleidete ihn anständig an, strich ihm das Haar glatt, legte ihn auf den Tisch. Er reckte sich wie ein Soldat – Hacken zusammen, Fußspitzen auseinander –, ließ die Nase hängen und lag dann friedlich da. Er fühlte jetzt nichts mehr und dachte nur:

»Seltsam! Ich fühle überhaupt nichts mehr. Zum erstenmal im Leben. Meine Frau weint. Schön, jetzt weinst du, – aber manchmal bist du wegen Kleinigkeiten fast die Wände hinaufgekrochen. Mein Junge plärrt. Sicher wird ein Taugenichts aus ihm. Kinder von Dichtern werden eigentlich immer Taugenichtse, soweit ich gesehen habe. Das muß wohl auch so ein Naturgesetz sein. Wieviel solche Gesetze es doch gibt!«

So lag er da, grübelte und wunderte sich über seine eigene Gleichgültigkeit. Daran war er gar nicht gewöhnt.

Dann trugen sie ihn auf den Kirchhof. Da, plötzlich, kam ihm zu Bewußtsein, daß seinem Sarge nur ganz wenig Leute folgten.

»Nein, das ist mir doch zu dumm!« sprach er zu sich selbst. »Wenn ich auch nur ein ganz kleiner Dichter gewesen bin, – aber der Literatur sollte man doch etwas mehr Achtung erweisen!«

Er spähte aus dem Sarge: wirklich, nur neun Personen – die Angehörigen nicht eingerechnet – gingen mit, darunter zwei Bettler und der Laternenanzünder mit seiner Leiter über der Schulter.

Der Dichter war ganz empört.

»So eine Saubande!«

Und diese Kränkung erregte ihn derartig, daß er plötzlich auferstand, unbemerkt aus dem Sarge hüpfte – er war nicht sehr groß – und in einen Barbierladen eilte, wo er sich den Bart abnehmen ließ und von dem Barbier ein unter dem Arm geflicktes schwarzes Jackett für seinen Anzug eintauschte. Er machte ein würdig-bekümmertes Gesicht und sah ganz wie lebend aus, – nicht wiederzuerkennen!

Mit der seinem Beruf eigenen Wißbegier fragte er den Barbier:

»Wundern Sie sich denn gar nicht über diese seltsame Sache?«

Der aber strich sich nur nachsichtig den Schnurrbart.

»Aber ich bitte Sie,« antwortete er. »Wir leben doch in Rußland! Wir sind an alles gewöhnt …«

»Nun immerhin … Ein Toter, der sich plötzlich umkleidet …«

»Die Mode unserer Zeit, Herr. Außerdem – was sind Sie für ein Toter? Nur äußerlich, – aber sonst, Gott geb's jedem so! Heutzutage ist mancher Lebendige sehr viel weniger lebendig als Sie!«

»Sehe ich nicht sehr gelb aus?«

»Ganz im Geist unserer Epoche, so wie es sich gehört! Hier ist eben Rußland, – wir haben's alle gelb im Leben …«

Man weiß ja, Barbiere sind immer große Schmeichler und die liebenswürdigsten Menschen auf der Welt.

Der Dichter verabschiedete sich und lief rasch seinem Sarge nach, von dem lebhaften Wunsche beseelt, zum letzten Male der Literatur seine Achtung zu erweisen. Er holte den Zug ein, und so waren es jetzt zehn Leidtragende, also mehr Ehre für den Dichter. Die Vorübergehenden wunderten sich:

»Schau, schau, wie man einen Dichter zu Grabe geleitet. Ei, ei, ei!«

Und einsichtige Leute, die ihren Geschäften nachgingen, dachten im Vorbeigehen nicht ohne Stolz:

»Da sieht man doch, daß die Literatur immer tieferes Verständnis im Lande findet.«

Der Dichter schritt also hinter seinem eigenen Sarge her, als sei auch er ein Verehrer der Literatur und ein Freund des Verstorbenen. Er plauderte mit dem Laternenanzünder.

»Sie kannten den Verstorbenen?«

»O ja. Ich habe viel Nutzen von ihm gehabt.«

»Angenehm zu hören.«

»Ja. Die Arbeit von unsereins wird ja schlecht bezahlt; wir sind wie die Spatzen: wo etwas hinfällt, picken wir es auf.«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Verstehen Sie das bitte ganz einfach, Herr.«

»Einfach?«

»Nun ja. Natürlich, gewissermaßen ist es ja Sünde; aber ganz ohne Schliche und Kniffe kommt man nicht durchs Leben.«

»Hm? Das ist Ihre feste Überzeugung?«

»Ja, unbedingt. Gerade vor seinem Fenster steht eine Laterne. Er saß aber jede Nacht auf, bis zum frühen Morgen, – nun, da habe ich die Laterne nie angezündet, sein Fenster gab genug Licht. Diese eine Laterne war also reiner Gewinn für mich! Ein nützlicher Mensch war er.«

So plauderte der Dichter gemächlich mit diesem und jenem und kam schließlich zum Kirchhof. Hier mußte er eine Rede auf sich selbst halten, weil alle andern Leidtragenden gerade Zahnschmerzen an dem Tage hatten. Denn diese Geschichte spielt ja in Rußland, wo jeder Mensch dauernd irgendwelche Schmerzen oder Beschwerden hat.

Er hielt also eine gar nicht üble Rede, die später sogar lobend in der Zeitung erwähnt wurde:

» Ein Herr aus dem Publikum, dem Aussehen nach ein Bühnenkünstler, hielt am Grabe eine warm empfundene Rede. Allerdings überschätzte und übertrieb er, nach unserer Meinung, die zweifellos mehr als bescheidenen Verdienste des Verstorbenen, eines Dichters der alten Schule, der bemüht war, ihre sattsam bekannten Mängel, den naiven Didaktismus und das viel beredete ›bürgerliche Weh‹ zu überwinden; – aus der Rede klang jedoch deutlich das Gefühl seiner Liebe zur Kunst des Wortes …«

Als alles geziemend erledigt war, legte sich der Dichter wieder in seinen Sarg und dachte höchst befriedigt:

»Nun ist alles erledigt. Es war sehr schön und würdig, ganz so wie es sich gehört …«

Und dann starb er erst richtig.

So sollte jeder Mensch seinen Beruf achten, auch wenn es die Literatur ist!


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