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Die Liebe des Fischers

Am blauen Mittagshimmel schmilzt die Sonne dahin, die Wasser und Land mit ihren heißen, vielfarbigen Strahlen übergießt. Von dem schlummernden Meer steigt opalfarbiger Nebel auf, das bläuliche Wasser glänzt wie Stahl, der kräftige Geruch des Meersalzes steigt zum öden Ufer empor.

Die Wellen schlagen träge gegen die emporgetürmten grauen Steine, rollen über sie hinweg, spielen raschelnd mit dem Geröll – die Wellenkämme sind nicht hoch, durchsichtig wie Glas und nicht mit Schaum gekrönt.

Der Berg ist von einem heißen, violetten Dunst umhüllt,; die grauen Olivenblätter glänzen wie altes Silber in der Sonne; auf den Terrassen der Gärten, die sich den Abhang entlang ziehen, funkelt aus dunklem Grün das Gold der Zitronen und Apfelsinen, lächeln dunkelrote Granatblüten und prangen Blumen; Blumen und nichts wie Blumen.

Die Sonne liebt dieses Land …

Auf den Steinen sitzen zwei Fischer. Der eine, ein alter Mann, in einem Strohhut, mit einem dicken Gesicht und grauem, borstigem Bart auf Wangen, Lippen und Kinn; seine Augen verschwinden hinter Fettpolstern, die Nase ist rot, die Hände sind von der Sonne dunkelbraun gebrannt. Den biegsamen Angelstock weit ins Meer hinausstreckend, sitzt er auf einem Stein und läßt die dicht behaarten Beine ins grüne Wasser hinabhängen; die spielende Welle berührt sie, und schwere, funkelnde Tropfen rollen von den braunen Zehen ins Meer hinab.

Hinter dem Alten, den Ellenbogen auf einen Stein gestützt, steht ein dunkeläugiger, schlanker, brauner Jüngling, mit einer roten Kappe auf dem Kopfe, einer weißen Jacke über der gewölbten Brust und in blauen Hosen, die bis zu den Knien aufgestreift sind. Er zupft mit der rechten Hand an seinem Schnurrbart und blickt gedankenvoll in die Ferne, wo die schmalen, schwarzen Umrisse der Schifferkähne schaukeln und weit hinter ihnen ein weißes, unbewegliches Segel sichtbar ist, das wie ein Wölkchen in der Mittagshitze verschmilzt.

»Eine reiche Signora?« fragt der Alte mit heiserer Stimme, während er vergeblich die Angel anzieht.

»Ich glaube wohl,« entgegnet der Jüngling leise. »Eine Brosche, so groß; mit einem großen Stein, blau wie das Meer, und eine Uhr … Ich glaube – eine Amerikanerin …«

»Schön?«

»Freilich, sehr schlank, aber mit Augen wie Blüten, und, weißt du, sie hat einen kleinen, etwas geöffneten Mund …«

»Das ist der Mund eines ehrlichen Weibes, das nur einmal im Leben liebt.«

»Mir scheint es auch so …«

Der Alte zog die Angel aus dem Wasser, betrachtete den leeren Angelhaken mit zusammengekniffenen Augen, brummte vor sich hin und lächelte:

»Die Fische sind nicht dümmer als wir, o nein …«

»Wer angelt denn um die Mittagszeit?« sagte der Jüngling und kauerte sich nieder.

»Ich,« entgegnete der Alte und befestigte einen Köder an der Angel. Er warf die Angelschnur weit ins Meer hinaus und fragte:

»Ihr seid bis zum Morgen Kahn gefahren, sagst du?«

»Die Sonne ging schon auf, als wir am Ufer landeten,« versetzte der Junge freundlich und seufzte tief auf.

»Zwanzig Lire?«

»Jawohl.«

»Sie hätte auch mehr geben können …«

»Ja, sie hätte sehr viel geben können …«

»Worüber sprachst du denn mit ihr?«

Der Jüngling senkte traurig und ärgerlich den Kopf.

»Sie kennt kaum mehr als zehn Worte, und so schwiegen wir denn …«

»Die wahre Liebe,« sprach der Alte, während er sich zu dem anderen wandte und mit breitem Lächeln seine weißen Zähne sehen ließ, »die wahre Liebe trifft wie der Blitz mitten ins Herz, und sie ist stumm wie der Blitz … Weißt du das?«

Der junge Mann hatte einen großen Stein aufgehoben und wollte ihn ins Meer werfen. Er holte weit aus und – ließ ihn über die Schulter nach hinten fallen.

»Man begreift manchmal gar nicht, wozu die Menschen bloß verschiedene Sprachen nötig haben?«

»Man sagt, das wird späterhin aufhören,« sprach der Alte nach einigem Nachdenken.

Auf der blauen Fläche des Meeres gleitet ein weißer Dampfer lautlos in dem milchigen Nebel des fernen Horizonts vorüber wie der Schatten einer Wolke.

»Nach Sizilien!« bemerkte der Alte und nickt mit dem Kopfe.

Er holte eine lange, zerdrückte, schwarze Zigarre hervor, brach sie in der Mitte durch und reichte dem Jünglinge eine Hälfte über die Schulter hinweg.

»Woran dachtest du, als du mit ihr zusammensaßest?«

»Der Mensch denkt immer ans Glück …«

»Deshalb ist er auch stets so dumm«, unterbrach ihn der Alte ruhig.

Sie begannen zu rauchen. In der windstillen Luft, die von dem satten Geruch des fruchtbaren Erdbodens und des kosenden Wassers erfüllt waren, stiegen blaue Rauchringe empor.

»Ich sang ihr etwas vor, und sie lächelte …«

»Nun und?«

»Du weißt doch, ich singe schlecht.«

»Jawohl.«

»Dann ließ ich die Ruder sinken und blickte sie an.«

»He – he?«

»Ich sah sie an und sprach zu mir selbst: da bin ich nun, jung und stark, während du dich langweilst. Hab mich lieb und gib mir die Möglichkeit, ein schönes Leben zu beginnen!«

»Langweilt sie sich denn?«

»Wer reist denn sonst in ein fremdes Land, wenn er reich und heiter ist?«

»Bravo!«

»Ich verspreche dir, dachte ich, ich verspreche dir im Namen der heiligen Jungfrau Maria, daß ich gut zu dir sein werde, und daß alle Leute es gut bei uns haben werden …«

»Ecco!« rief der Alte, den großen Kopf zurückwerfend, und brach in ein tiefes, von innen kommendes Lachen aus.

»Ich werde dir stets treu sein …«

»Hm …«

»Oder, dachte ich, wir bleiben eine Zeitlang zusammen, ich werde dich liebhaben, so lange du willst, dann gibst du mir Geld für einen Kahn, Fischergeräte und ein Stück Land, und ich kehre in meine schöne Heimat zurück, wo ich deiner während meines ganzen Lebens stets mit Freuden gedenken werde.«

»Das wäre nicht übel.«

»Als es dann zu tagen begann, dachte ich bereits, dies alles wäre überflüssig, ich brauchte kein Geld, sondern sie allein, wenn auch nur für diese eine Nacht …«

»Das ist einfacher …«

»Nur für eine Nacht! …«

»Ecco!« sagte der Alte.

»Mir scheint, Onkel Pietro, ein kleines Glück, – das ist doch immer etwas Anständiges …«

Der Alte schwieg, die wulstigen Lippen zusammengekniffen und den Blick unverwandt auf das grüne Wasser gerichtet. Inzwischen aber sang der Jüngling leise und traurig:

»Oh, meine Sonne …«

»Ja, ja,« sprach plötzlich der Alte kopfschüttelnd, »ein kleines Glück ist anständiger und ehrlicher, aber ein großes – ist doch besser … Die armen Leute sind schöner, aber die reichen – mächtiger … Und so geht es mit allem … mit allem!«

Es rauschen und plätschern die Wellen, die blauen Rauchwölkchen schweben wie Elfen über den Häuptern der Männer. Der Jüngling hat sich erhoben und singt leise. Er lehnt die Schulter an den grauen Felsen, hält die Arme über die Brust gekreuzt und blickt mit großen, träumerischen Augen auf das ferne Meer.

Der Alte sitzt unbeweglich, den Kopf zu Boden gesenkt, da. Er scheint zu schlummern.

Die violetten Schatten der Berge verdichten sich und werden immer milder und weicher.

»Oh, meine Sonne!« singt der Jüngling.

»Die Sonne ging auf
Noch schöner am Himmel
Noch schöner am Himmel als du!
O Sonne, Sonne!
Oh, strahle auf mich herab!«

Und es klingen die lustigen, grünen Wellen des Meeres.


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