Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Der Bucklige

Durch den dunkelgrünen, aus Weinreben gewebten Vorhang flutet das Sonnenlicht auf die Hotelterrasse, – goldene Fäden durchziehen die Luft. Auf den grauen Steinfliesen und auf den weißen Tischdecken bilden sich seltsam verschlungene Schatten. Hält man lange den Blick auf sie geheftet, so scheint es einem, als seien es Verse, die man bald lesen lernen und deren verborgenen Sinn man bald erraten wird. Die Weintrauben funkeln in der Sonne wie Perlen oder Chrysolit, und das Wasserglas auf dem Tisch glänzt wie ein blauer Diamant.

In dem Gang zwischen den Tischen liegt ein kleines Spitzentuch. Sicherlich hat eine Dame es fallen lassen, eine Dame von göttlicher Schönheit, – anders ist es nicht denkbar an diesem Tage voll heißer Lyrik, an dem alles verschwindet, was an den langweiligen Alltag erinnert, und alles wie vor Scham an der Sonne zerfließt.

Es herrscht eine tiefe Stille; nur die Vögel zwitschern im Garten; die Bienen fliegen summend von einer Blüte zur andern, und dort irgendwo auf der Höhe, von den Weinbergen, steigt ein heißes Lied zum Himmel empor. Zwei Menschen singen: ein Mann und eine Frau, auf jeden Vers folgt eine Minute des Stillschweigens, und dies verleiht dem Gesang einen besonderen Ausdruck und eine seltsame Weihe.

Doch nun kommt eine Dame aus dem Garten und schreitet die breiten Marmorstufen empor; es ist eine alte, hochgewachsene Frau mit einem dunklen, strengen Gesicht, gerunzelten Brauen und dünnen Lippen, die fest zusammengekniffen sind, als hätten sie eben ein strenges Nein gesprochen.

Ihre hageren Schultern sind in einen breiten, langen, mantelähnlichen Überwurf aus goldiger Seide mit Spitzenbesatz gehüllt; das graue Haar des unverhältnismäßig kleinen Kopfes ist mit einem schwarzen Spitzenschleier bedeckt; in der einen Hand hält sie den langen Stock eines roten Schirmes, in der anderen eine mit Silber ausgelegte Handtasche aus schwarzem Sammet. Fest und aufrecht wie ein Soldat schreitet sie durch das feine Strahlengewebe, mit ihrem Schirm laut auf die Fliesen des Fußbodens stoßend. Von der Seite betrachtet, hat ihr Gesicht ein noch strengeres Aussehen; die Nase ist nach unten gebogen, das scharf hervortretende Kinn trägt eine große, graue Warze, die gewölbte Stirn steigt steil über den Augen empor, in deren Höhlen, in einem Netz von Falten, die Augen verborgen liegen. Sie sitzen so tief, daß die alte Frau den Eindruck einer Blinden macht.

Hinter ihr taucht, wie ein Enterich watschelnd, der quadratische Körper eines Buckligen auf; sein großer, unter seiner Last nach unten sinkender Kopf ist mit einem weichen grauen Hut bedeckt. Der Bucklige steigt geräuschlos die Treppe empor. Seine Hände stecken in den Westentaschen, was seine Figur noch breiter und eckiger erscheinen läßt. Er hat einen weißen Anzug und weiße Schuhe mit weichen Sohlen an. Sein Mund steht offen und hat einen krankhaften Zug, die Zähne stehen schief und die Oberlippe ist mit einem dünnen, harten, dunklen Schnurrbart bedeckt, der aus Draht gemacht zu sein scheint und dessen Enden starr nach allen Seiten auseinanderstarren; er atmet oft und mühsam, seine Nase bewegt sich hin und her, während der Schnurrbart unbeweglich bleibt. Beim Gehen kehrt er die kurzen Beine häßlich nach außen, während seine ungeheuren Augen gelangweilt und müde zu Boden blicken.

Der kleine Körper ist mit vielen schweren Schmuckgegenständen bedeckt: der Goldfinger der linken Hand ist mit einem breiten goldenen Ring mit einer Gemme verziert, an einem schwarzen Bande, das die Uhrkette ersetzt, hängt eine große goldene Berlocke mit zwei Rubinen, und im blauen Halstuch steckt ein enormer Opal, der Unglücksstein.

Jetzt betritt noch eine dritte Person langsam die Terrasse, eine kleine, rundliche alte Frau mit einem gutmütigen roten Gesicht und lebhaften Augen, allem Anscheine nach ein lustiges, schwatzhaftes Wesen.

Sie gehen auf den Eingang des Hotels zu, wie die Menschen auf den Bildern Hogarths: – häßlich, traurig, komisch, wie wenn ihnen alles unter dieser Sonne fremd wäre; es ist fast so, wie wenn alles trüb und dunkel wird, wo sie erscheinen.

Es ist ein holländisches Geschwisterpaar, der Vater war Bankier und handelte mit Brillanten. Wenn man den spöttischen Erzählungen über die Leute glauben darf, so muß ihr Schicksal höchst seltsam gewesen sein.

Der Bucklige war ein stilles, unscheinbares, nachdenkliches Kind. Spielsachen hatte er nicht gerne, und dieser Umstand erregte bei niemand Befremden außer bei der Schwester. Vater und Mutter waren der Meinung, ein mißgestalteter Mensch müsse so sein, nur das Mädchen, das um vier Jahre älter war als der Bruder, fühlte sich durch sein Wesen heftig beunruhigt.

Sie leistete ihm fast den ganzen Tag Gesellschaft, suchte ihn auf jegliche Art und Weise aufzuheitern, zum Lachen zu bringen und zum Spielen zu veranlassen. Er baute Pyramiden aus dem ihm gereichten Spielzeug, und nur selten erschien durch die Bemühungen der Schwester ein gezwungenes Lächeln auf seinem Gesicht. In der Regel jedoch sah er die Schwester mit demselben unfrohen Blick aus seinen großen Augen an, mit dem er alles andere betrachtete; dieser Blick lähmte ihren Eifer und versetzte sie in Zorn.

»Untersteh' dich nicht, mich so anzublicken!« schrie sie, mit den Füßen stampfend. »Sonst wirst du, wenn du groß bist, ein Idiot werden!« Sie kniff und schlug ihn, während er die langen Hände emporstreckte, den Kopf duckte und sich ihrer zu erwehren suchte. Aber er lief nie fort und beklagte sich nie wegen der Schläge, die er von ihr erhielt.

Später jedoch, als er, wie sie meinte, bereits begreifen konnte, was ihr klar geworden war, ermahnte sie ihn:

»Wenn du eine Mißgeburt bist, so mußt du klug und vernünftig sein, sonst werden alle Leute, Vater, Mutter und ich, sich deiner schämen! Selbst die Dienstboten werden sich schämen, daß es in einem so reichen Hause einen solchen mißgestalteten Zwerg gibt. In einem reichen Hause müssen alle schön oder gescheit sein, – hast du verstanden?«

»Ja,« entgegnete er ernst, indem er den großen Kopf zur Seite neigte und den dunklen Blick seiner leblosen Augen auf die Schwester richtete.

Die Eltern konnten sich nicht genug über die Art freuen, wie Tochter und Sohn miteinander verkehrten, und lobten in seiner Gegenwart stets ihr gutes Herz. Allmählich wurde sie ganz unmerklich die allgemein anerkannte Gespielin des Buckligen, sie lehrte ihn, mit dem Spielzeug hantieren, half ihm bei seinen Aufgaben und las ihm Geschichten über Prinzen und Feen vor.

Allein noch immer schichtete er das Spielzeug zu einem hohen Haufen auf, als schwebte ihm ein unbekanntes Ziel vor, das er erreichen wollte. Er lernte schlecht, war unaufmerksam beim Unterricht, und nur die Märchenwunder entlockten ihm zuweilen ein schüchternes Lächeln. Einmal fragte er seine Schwester:

»Gibt es bucklige Prinzen?«

»Nein.«

»Und bucklige Ritter?«

»Natürlich nicht.«

Der Knabe seufzte tief auf, sie aber legte ihre Hand auf sein struppiges Haar und sagte, um ihn zu trösten:

»Aber die klugen Zauberer sind immer bucklig.«

»Ich werde also ein Zauberer werden,« sagte er resigniert. Nach einer kurzen Weile fragte er wieder:

»Und sind die Feen immer schön?«

»Immer.«

»So wie du?«

»Vielleicht! Ich glaube sogar noch viel schöner,« ergänzte sie aufrichtig.

Als er acht Jahre alt geworden war, bemerkte die Schwester, daß er stets, wenn sie an Neubauten vorübergingen oder vorbeifuhren, die Arbeit der Leute mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgte und seine stummen Augen fragend auf die Schwester richtete.

»Interessiert dich das?« fragte sie ihn.

»Freilich,« entgegnete er einsilbig wie immer.

»Weshalb?«

»Ich weiß es nicht.«

Einmal gab er aber doch eine Art Erklärung:

»Solche kleine Leute und solche winzige Ziegelsteine – und hierauf solche ungeheure Häuser. Hat man die ganze Stadt so gebaut?«

»Natürlich.«

»Auch unser Haus?«

»Gewiß!«

Sie sah ihn an und erklärte mit großer Bestimmtheit:

»Du wirst ein berühmter Architekt werden, ja, das wirst du!«

Man kaufte ihm eine Menge hölzerner Bauklötze, und von diesem Augenblick an erwachte eine unbezähmbare Leidenschaft für das Bauen in ihm. Tagelang saß er auf dem Fußboden seines Zimmers, errichtete schweigend hohe Türme, die krachend zusammenstürzten, und fuhr doch immer in seiner Arbeit fort, die ihm so zum Bedürfnis wurde, daß er sogar während des Mittagessens einen Bau aus Messern, Gabeln und Serviettenringen aufzuführen suchte. Sein Blick war tiefer, konzentrierter geworden, die Hände schienen lebendiger zu werden, bewegten sich in einemfort hin und her und betasteten jeden Gegenstand, den sie erreichen konnten.

Auf Spaziergängen konnte er nun stundenlang vor einem Neubau stehen bleiben und das langsame Wachsen des ungeheuren Baues verfolgen; seine Nase zog gierig den Staub der Ziegelsteine und den Geruch des kochenden Kalkes ein, die Augen nahmen den Ausdruck gespannten Nachdenkens an, er hörte nicht, wenn man ihn zum Weitergehen aufforderte.

»Komm!« mahnte die Schwester, indem sie ihn am Ärmel zupfte.

Er neigte den Kopf und ging weiter, doch konnte er sich nicht enthalten, immer wieder zurückzublicken.

»Du wirst ein Baumeister werden, nicht wahr?« fragte die Schwester, um ihn immer wieder in diesem Gedanken zu bestärken.

»Gewiß.«

Eines Tages begann der Vater, der nach dem Mittagsmahl im Salon saß und auf den Kaffee wartete, davon zu sprechen, es sei jetzt Zeit, die Spielsachen beiseite zu legen und ernsthaft ans Lernen zu denken. Da aber fragte die Tochter in einem Tone, der keinen Widerspruch duldete:

»Ich hoffe, Papa, du denkst doch nicht, ihn in eine Lehranstalt zu schicken?«

Der glattrasierte, große Mann mit den vielen Diamanten und Schmuckgegenständen zündete sich langsam eine Zigarre an.

»Weshalb nicht?«

»Du weißt doch, weshalb!«

Der Bucklige entfernte sich geräuschlos aus dem Zimmer, da über ihn gesprochen wurde; er ging langsam hinaus und hörte noch, wie die Schwester sagte:

»Man wird ihn ja dort auslachen!«

»Aber natürlich!« warf die Mutter mit ihrer tiefen Stimme, die an den feuchten Herbstwind erinnerte, ein.

»Solche wie er muß man vor der Welt verbergen!« rief das Mädchen erregt.

»Ach ja, mit ihm kann man keine Ehre einlegen!« fiel die Mutter zustimmend ein. »Aber wieviel Verstand steckt doch in diesem Köpfchen!«

»Ihr mögt recht haben!« bemerkte der Vater.

»Wieviel Verstand …«

Der Bucklige war wieder zurückgekehrt und stand in der Tür:

»Ich bin gar nicht dumm …«

»Wir wollen sehen,« bemerkte der Vater, während die Mutter beteuerte:

»Aber niemand hat ja etwas Ähnliches behauptet …«

»Du wirst zu Hause unterrichtet werden,« erklärte die Schwester, ihn neben sich hinsetzend. »Du wirst alles lernen, was ein Architekt wissen muß, – ist dir das recht?«

»Ja, du wirst schon sehen!«

»Was werde ich sehen?«

»Daß es mir recht ist.«

Sie war nur um einen halben Kopf höher als er, trotzdem beherrschte sie alle im Hause, selbst den Vater und die Mutter. Damals war sie fünfzehn Jahre alt. Er sah einer Krabbe ähnlich, während sie mit ihrer zierlichen, schlanken, kräftigen Gestalt wie eine gütige Fee erschien, deren Machtwort das ganze Haus beherrschte, und unter deren Schutz der kleine Bucklige sich begeben mußte.

Und nun kamen allerhand kalte, höfliche Leute zu ihm, die ihm irgend etwas erklärten und Fragen an ihn richteten, während er gleichgültig eingestand, er begreife die Wissenschaften nicht; und da sein Kopf voll eigener Gedanken steckte, sah er kalt und fremd über die Lehrer hinweg. Es war allen klar, daß seine Gedanken etwas Ungewöhnliches an sich hatten. Er sprach nur wenig, aber zuweilen stellte er sonderbare Fragen:

»Was geschieht mit den Leuten, die nichts tun wollen?«

Der Lehrer, ein Mann von guter Erziehung, der in seinem schwarzen, zugeknöpften Rock den Eindruck eines Priesters und eines Soldaten machte, entgegnete:

»Solchen Leuten passiert alles nur erdenklich Schlimme. Viele von ihnen werden zum Beispiel Sozialisten.«

»Danke!« bemerkte der Bucklige, der die Lehrer kühl und korrekt, wie ein Erwachsener behandelte. »Was ist ein Sozialist?«

»Im besten Falle – ein Phantast und ein Faulpelz, im allgemeinen jedoch – ein moralischer Krüppel, dem jeder Begriff von Gott, Besitz und Natur fremd ist.«

Die Lehrer antworteten stets kurz und bestimmt; ihre Antworten blieben für immer im Gedächtnis des Knaben haften.

»Kann auch eine alte Frau ein moralischer Krüppel sein?«

»Aber natürlich, unter ihnen …«

»Auch ein kleines Mädchen?«

»Jawohl. Das ist eine Eigenschaft, die angeboren ist …«

Die Lehrer urteilten folgendermaßen über ihn:

»Er hat nur schwache Fähigkeiten für die Mathematik, aber ein großes Interesse für moralische Fragen …«

»Du redest zu viel,« sprach die Schwester zu ihm, als sie von seinen Unterhaltungen mit den Lehrern erfuhr.

»Sie reden mehr als ich.«

»Du betest auch zu wenig.«

»Gott wird mir meinen Buckel nicht gerade machen …«

»Wie, du trägst dich mit solchen Gedanken!« rief sie erstaunt. Schließlich erklärte sie ihm:

»Ich vergebe dir diesmal, du sollst aber aufhören, dich mit diesen Gedanken zu beschäftigen, verstehst du mich?«

»Ja.«

Sie trug jetzt schon lange Kleider, während er dreizehn Jahre alt war.

Seitdem gab es häufig Unannehmlichkeiten; fast jedesmal, wenn sie sein Arbeitszimmer betrat, fielen ihr irgendwelche Holzstücke, Bretter und Werkzeuge vor die Füße und trafen bald ihre Schultern, bald ihren Kopf oder sie fielen ihr auf die Hände. Der Bucklige warnte sie stets, – sein Warnungsruf kam aber in der Regel zu spät.

Eines Tages sprang sie bleich und wütend auf ihn zu.

»Du tust das absichtlich, du Unhold!« schrie sie und versetzte ihm einen Schlag ins Gesicht.

Er sank zu Boden; dann aber fragte er, auf dem Fußboden kauernd, ohne Tränen und ohne Erregung:

»Wie kannst du so etwas von mir denken? Du liebst mich doch, – nicht wahr? Du liebst mich doch?«

Sie lief stöhnend aus dem Zimmer, um nach einer Weile zurückzukehren.

»Siehst du … früher kam so etwas nicht vor …«

»Früher sah es hier auch anders aus,« entgegnete er ruhig, mit einer großen Handbewegung: in den Zimmerecken waren Bretter und Kästen aufgetürmt, alles hatte ein chaotisches Aussehen, die Hobelbank und die Drehbank waren mit Holzklötzen bedeckt.

»Weshalb hast du dir soviel von diesem unnützen Zeug angeschafft?« fragte sie, indem sie sich voller Ekel und Mißtrauen umsah.

»Das wirst du schon sehen!«

Er hatte bereits angefangen zu bauen: ein Kaninchenhäuschen, eine Hundehütte, eine Mausefalle. Die Schwester verfolgte seine Arbeit voller Eifer und berichtete bei Tische stolz darüber. Der Vater nickte zustimmend mit dem Kopfe:

»Jeder fängt klein an, das ist immer so!«

Die Mutter umarmte ihren Sohn.

»Verstehst du nun, wie sehr du ihr für ihre Sorge um dich danken mußt?«

»Ja,« entgegnete der Bucklige.

Als er mit der Mausefalle fertig war, rief er seine Schwester zu sich ins Zimmer und zeigte ihr den plumpen Apparat:

»Das ist kein Spielzeug mehr, das kann ich mir patentieren lassen. Sieh', wie einfach und stark der Apparat konstruiert ist. Berühre diese Stelle.«

Das Mädchen berührte die Falle, irgend etwas klappte zusammen, sie schrie wild auf, während der Bucklige um sie herumsprang und murmelte:

»Oh, das war nicht die richtige Stelle …«

Die Mutter lief herbei, Diener kamen auch herbeigerannt. Man zerbrach die Mausefalle und befreite den zerquetschten, blau angelaufenen Finger des Mädchens, das ohnmächtig hinausgetragen wurde.

»Ich werde alles hinauswerfen lassen,« schrie die Mutter, »ich verbiete dir …«

Am Abend wurde der Bucklige zur Schwester gerufen.

»Das hast du absichtlich getan! Du haßt mich! Weshalb?«

Er schüttelte seinen Buckel und entgegnete leise und ruhig:

»Du hast einfach die unrichtige Hand in die Falle gesteckt.«

»Du lügst!«

»Wozu sollte ich denn deine Hände verunstalten wollen? Es ist ja doch nicht einmal die Hand, mit der du mich geschlagen hast …«

»Paß' auf, du Unhold, du bist nicht klüger als ich!«

»Ich weiß es.«

Er sah nicht danach aus, als ob er die Schwester bemitleidete und sich für schuldig hielt. Sein eckiges Gesicht war vollkommen ruhig wie immer, seine Augen blickten gedankenvoll. Es schien unmöglich, daß er boshaft und verlogen sein konnte.

Nach diesem Vorfall besuchte sie ihn nicht mehr so oft wie früher. Mitunter erhielt sie Besuch von ihren Freundinnen, lebhaften, libellengleichen Mädchen in bunten Kleidern, die in den großen, etwas kühlen und finsteren Zimmern lustig umhertollten. Die Bilder, die Statuen, die Blumen und die vergoldeten Verzierungen, – alles erhielt durch sie einen wärmeren Anstrich. Zuweilen kam die Schwester mit ihnen in das Zimmer des Buckligen. Sie streckten ihm schüchtern die kleinen Fingerchen mit den rosigen Nägeln entgegen und berührten seine Hand so vorsichtig, als fürchteten sie sich, sie zu zerbrechen. Im Gespräch waren sie besonders freundlich und zuvorkommend gegen ihn und betrachteten erstaunt, aber ohne Interesse seine bucklige Gestalt, die tief zwischen seinen Instrumenten, Zeichnungen, Holzstücken und Hobelspänen versteckt war. Er wußte, daß alle diese Mädchen ihn einen »Erfinder« nannten – dies hatte die Schwester ihnen erzählt –, und daß man die Erwartung auf ihn setzte, er werde den Namen seines Vaters berühmt machen. Jedenfalls sprach die Schwester mit aller Bestimmtheit davon.

»Er ist allerdings häßlich, aber ungemein klug,« wiederholte sie oft.

Sie war jetzt neunzehn Jahre alt und bereits verlobt, als der Vater und die Mutter während einer Vergnügungsfahrt umkamen. Sie befanden sich auf einer Jacht, die von dem betrunkenen Steuermann eines amerikanischen Frachtschiffes in den Grund gebohrt wurde, und ertranken; sie hätte eigentlich auch mitfahren sollen, war aber wegen eines plötzlich einsetzenden Zahnwehs zu Hause geblieben.

Als die Nachricht vom Tode der Eltern eintraf, lief sie, ihr Zahnweh vergessend, mit gerungenen Händen im Zimmer umher und schrie:

»Nein, nein, das ist unmöglich!«

Der Bucklige stand in der Tür, hüllte sich in die Falten der Portiere, sah die Schwester aufmerksam an und sprach, während er seinen Buckel hin und her bewegte:

»Vater war so rund und so aufgedunsen, – ich begreife nicht, wie er ertrinken konnte …«

»Schweig', du hast niemand lieb!« schrie die Schwester.

»Ich kann bloß keine süßen, zärtlichen Redensarten machen.«

Der Leichnam des Vaters wurde nicht gefunden, die Mutter war jedoch bereits tot, als sie ins Wasser fiel. Man hatte sie herausgefischt, und nun lag sie im Sarge, zerbrechlich und trocken wie der abgestorbene Zweig eines alten Baumes, dem sie schon bei Lebzeiten ähnlich gewesen war.

»Nun sind wir beide allein zurückgeblieben,« sprach die Schwester nach der Beerdigung streng und traurig zu dem Buckligen und wies ihn mit ihren scharfen Augen von sich. »Wir werden es schwer haben! Wir verstehen nichts von den Dingen und können sehr viel verlieren. Wie schade, daß ich nicht schon jetzt heiraten kann!«

»Oh!« rief der Bucklige aus.

»Was willst du damit sagen?«

Er überlegte einen Augenblick.

»Wir sind allein.«

»Du sagst das, als freuest du dich darüber?«

»Ich freue mich über nichts!«

»Schade! Du hast überhaupt wenig Ähnlichkeit mit einem lebendigen Menschen.«

Am Abend kam gewöhnlich ihr Verlobter, ein kleines, semmelblondes, lebhaftes Männlein mit einem buschigen Schnurrbart und einem sonnengebräunten, runden Gesicht zu ihr; er lachte unablässig, den ganzen Abend über, und konnte wahrscheinlich auch den ganzen Tag über lachen. Die Verlobung war bereits öffentlich bekannt gegeben. Für das junge Paar wurde in einer der schönsten Straßen der Stadt ein neues Haus gebaut. Der Bucklige war noch nie auf diesem Bau gewesen und liebte es nicht, wenn man darüber sprach. Der künftige Schwager klopfte ihm mit seiner kleinen, vollen, mit Ringen bedeckten Hand auf die Schulter und sprach lachend:

»Du müßtest hingehen und dir den Bau ansehen, he? Was denkst du darüber?«

Er schlug mehrfach und unter allen erdenklichen Vorwänden die Einladung aus. Endlich gab er nach und begab sich mit der Schwester und ihrem Verlobten dorthin. Als er mit ihm bis auf das obere Stockwerk des Gerüstes hinaufgeklettert war, stürzten sie beide ab, der Bräutigam fiel in eine Kalkgrube, der Bucklige – auf das untere Gerüst, wo er mit seinen Kleidern hängen blieb, bis die Maurer ihn herunterholten. Er kam mit einem verrenkten Arm und Bein und einem zerschlagenen Gesicht davon, der Verlobte der Schwester aber hatte sich das Rückgrat gebrochen und an einer Seite den Leib aufgerissen.

Die Schwester wälzte sich in konvulsivischen Zuckungen am Boden und krallte sich mit ihren Fingern an ihm fest. Sie weinte lange Zeit – mehr als einen Monat lang – über ihren Bräutigam; sie war jetzt ihrer Mutter ähnlich geworden: lang und hager, und ihre Stimme klang rauh und kalt.

»Du bist mein Unglück!«

Er schwieg und senkte die Augen zu Boden. Die Schwester ging jetzt ganz in Schwarz gekleidet, ihre Augenbrauen bildeten eine gerade Linie, und wenn sie den Bruder ansah, preßte sie die Zähne so fest zusammen, daß ihre Backenknochen stark hervortraten. Er war stets bestrebt, ihr aus dem Wege zu gehen und arbeitete in einemfort einsam und verschlossen an seinen Zeichnungen. So lebte er bis zu dem Tage, an dem er mündig wurde; von diesem Tage an begann ein offener Kampf zwischen ihnen, dem sie ihr ganzes Leben opferten, und der sie durch unzerreißbare Bande gegenseitiger Kränkungen und Beleidigungen aneinander knüpfte.

An dem Tage, an dem der Bucklige mündig wurde, sprach er im Tone eines Erwachsenen zu ihr:

»Es gibt weder böse Zauberer noch gute Feen, es gibt nur Menschen, böse und einfältige Menschen, und alles, was über das Gute gesagt wird, ist ein bloßer Traum! Ich aber will, daß dieser Traum zur Wirklichkeit werde. Entsinnst du dich, wie du mir einmal sagtest, in einem reichen Hause müsse alles schön, klug und gescheit sein? In einer reichen Stadt muß auch alles schön sein. Ich will deshalb ein Stück Land außerhalb der Stadt kaufen und will dort ein Haus für mich und alle mißgestalteten Geschöpfe bauen, die mir ähnlich sehen. Ich will sie alle aus dieser Stadt hinausführen, wo sie es so schwer haben, und wo sie solchen Leuten wie dir nur unangenehm sind …«

»Nein,« rief sie, »das wirst du selbstverständlich nicht tun! Das ist ein wahnsinniger Gedanke!«

»Das ist – dein Gedanke!«

Sie stritten kalt und ruhig miteinander, wie zwei Menschen, die sich ewiglich hassen und nicht genötigt sind, ihren Haß zu verbergen.

»Es ist eine beschlossene Sache!« erklärte er.

»Nicht bei mir.«

Er entfernte sich, nach einiger Zeit erfuhr die Schwester, das Stück Land sei angekauft, und die Arbeiter hätten bereits begonnen, den Grund für das Fundament zu graben und Ziegelsteine, eiserne Träger, sowie hölzerne Balken nach der Baustelle zu schaffen.

»Du hältst dich wohl noch immer für einen dummen Jungen?« fragte die Schwester. »Glaubst du, daß das nur ein Scherz ist?«

Er schwieg.

Einmal wöchentlich fuhr die Schwester, das weiße Pferd selber lenkend, in ihrem Wägelchen zur Stadt hinaus; schlank, hager und stolz fuhr sie langsam an der Baustelle vorüber und sah kalt zu, wie das rote Fleisch der Ziegelsteine durch die eisernen Längsbalken zusammengefügt und von gelben Holzbalken wie von Nervenfäden durchschnitten wurde. Sie sah von Ferne die krabbenähnliche Gestalt des Bruders, mit zerknülltem Hut, grau und verstaubt, mit dem Spazierstöckchen in der Hand auf dem Gerüst herumklettern. Zu Hause betrachtete sie unverwandt sein lebhaftes Gesicht mit den dunklen Augen, die nun viel weicher und klarer geworden waren.

»Ja,« sprach er leise, »ich habe doch recht getan! Mein Werk ist für euch wie für uns in gleichem Maße eine Wohltat! Es ist doch was Wunderbares um das Bauen, – mir scheint, ich werde mich bald für einen glücklichen Menschen halten können …«

»Glücklich?« fragte sie, indem sie ihr Auge mit einem rätselhaften Blick über seinen verkrüppelten Körper schweifen ließ.

»Ja! Weißt du auch, daß die Menschen, die da arbeiten, ganz anders sind als wir und ganz besondere Gedanken in einem wecken … Wie wohl muß es einem Menschen zumute sein, wenn er die Straßen einer Stadt durchschreitet, in der er Dutzende von Häusern errichtet hat! Unter den Arbeitern gibt es viele Sozialisten; das sind meist nüchterne Leute, die tatsächlich ihr besonderes Ehrgefühl haben … Zuweilen scheint es mir, daß wir unser Volk sehr schlecht kennen …«

»Du redest recht sonderbar,« bemerkte sie.

Der Bucklige lebte auf und wurde mit jedem Tage gesprächiger.

»Eigentlich geht ja alles, wie du es gewünscht hast,« sagte er zu der Schwester. »Ich bin auf dem Wege, ein weiser Zauberer zu werden, der die Stadt von ihren mißgestalteten Einwohnern befreit, und du könntest, wenn du wolltest, die Rolle einer wohltätigen Fee spielen! Weshalb antwortest du nicht?«

»Wir sprechen noch darüber,« entgegnete sie, während ihre Hand mit der Uhrkette spielte.

Eines Tages sagte er in einem Tone zu ihr, der ihr völlig fremd war:

»Ich bin vielleicht mehr in der Schuld bei dir, als du bei mir …«

Sie war aufs höchste erstaunt.

»Ich – in der Schuld? Bei dir?«

»Warte ein wenig. Bei meiner Ehre, ich bin weniger schuldig, als du glaubst! Du weißt ja, ich kann mich nur mit Mühe fortbewegen, vielleicht habe ich ihn damals gestoßen, aber es war keine böse Absicht dabei, nein, glaube mir's! Meine Schuld war weit größer, als ich deine Hand, mit der du mich geschlagen hattest, verletzen wollte …«

»Lassen wir das!«

»Mir scheint,« murmelte der Bucklige, »man sollte gütiger sein! Ich glaube, das Gute ist kein leerer Traum, sondern etwas Erreichbares …«

Der gewaltige Bau da draußen hinter der Stadt machte außerordentliche Fortschritte; er breitete sich immer mehr auf dem fruchtbaren Boden aus und reckte sich zu dem ewig grauen, regenschwangeren Himmel empor.

Eines Tages erschien eine Abordnung von offiziellen Persönlichkeiten auf dem Bau. Nachdem sie alles besichtigt und sich halblaut miteinander beraten hatten, verboten sie, den Bau weiter fortzusetzen.

»Das ist dein Werk!« schrie der Bucklige und stürzte auf die Schwester los. Er umkrallte ihren Hals mit seinen kräftigen Händen, da kamen plötzlich fremde Leute herbeigelaufen, die die Schwestern von ihm befreiten.

»Sie sehen, meine Herren,« sprach sie, »er ist in der Tat geistig nicht ganz normal! Es ist daher notwendig, ihn unter Vormundschaft zu stellen! Das Leiden hat bereits mit dem Tode des Vaters eingesetzt, den er leidenschaftlich geliebt hat. Fragen Sie unsere Dienstboten, – sie wissen alle, daß er krank ist. Bis jetzt haben diese guten Leute geschwiegen, denn die Ehre des Hauses, in dem viele seit ihrer Kindheit leben, liegt ihnen am Herzen. Auch ich habe mein Unglück verheimlicht, – man hat ja nicht gerade Grund, darauf stolz zu sein, daß man einen wahnsinnigen Bruder hat …«

Bei diesen Worten wurde sein Gesicht blau, die Augen drohten aus den Höhlen zu kriechen, sein ganzer Körper wurde starr, und schweigend versenkte er seine Nägel in die Hände der Leute, die ihn umklammert hielten. Die Schwester fuhr fort:

»Und nun zu diesem teuren Bau, den ich der Stadt zum Geschenk machen will, damit hier eine psychiatrische Anstalt auf den Namen meines Vater gegründet wird …«

Er kreischte laut auf, verlor das Bewußtsein und wurde hinweggetragen.

Die Schwester ließ den Bau mit derselben Geschwindigkeit zu Ende führen, mit der er ihn begonnen hatte, und als dann die Anstalt eröffnet wurde, wurde der Bucklige als erster Patient dort untergebracht. Sieben Jahre lang hat er dort zugebracht, genug, um sich in einen vollkommenen Idioten zu verwandeln; er leidet nun an Melancholie, während die Schwester in dieser Zeit gealtert ist und die Hoffnung, je Mutter zu werden, aufgegeben hat. Als sie sich endlich überzeugt hatte, daß ihr Feind so gut wie tot war und nie mehr auferstehen werde, nahm sie ihn zu sich in Pflege.

Und so kreisen sie nun wie ein erblindetes Vogelpaar um den Erdball; freudlos und hoffnungslos schweift ihr Blick ringsum über alles, und sie sehen nichts vor sich außer ihrem eignen Ich.


 << zurück weiter >>