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Die Mutter und die Mißgeburt

Ein stiller, glühendheißer Tag, das Leben steht still wie in heiterer Ruhe erstarrt; zärtlich und sanft blickt der Himmel herab wie ein blaues, klares Auge, in dem die Sonne funkelt gleich einer feurigen Pupille.

Das Meer liegt da wie aus glattem, blauem Metall geschmiedet; die bunten Kähne der Fischer stehen unbeweglich still, als wären sie in den Halbkreis des Meerbusens eingelötet, der einen leuchtenden Glanz ausströmt wie der Himmel. Wenn eine Möwe, träge mit den Flügeln schlagend, vorüberfliegt, so sieht man im Meeresspiegel einen anderen Vogel, weißer und schöner als der in der Luft.

Fern am Horizont, im Nebel, schimmert eine violette Insel, sie scheint auf dem Wasser zu schwimmen oder in der Sonne erglühend dahinzuschmelzen, ein einsamer Fels im Meere, ein wunderbarer, hell leuchtender Stein im Geschmeide des Meerbusens von Neapel.

Das zackige, steinige Ufer senkt sich zum Meere herab, von der dunklen Pracht des lockigen Weinlaubs und dem Laubwerk der Apfelsinen-, Zitronen- und Feigenbäume umschattet und von dem matten Silber der Olivenblätter durchsetzt. Auf diesem, steil ins Meer herabstürzenden grünen Strom lächeln freundlich die goldenen, roten und weißen Blüten, und die gelben und orangefarbenen Früchte mahnen an die Sterne in einer warmen, mondlosen Nacht, wenn der Himmel dunkel und die Luft voller Feuchtigkeit ist.

Tiefe Stille am Himmel und auf dem Meere und eine große Ruhe im Herzen; man möchte aufhorchen, wie alles Lebendige stumm die Sonnengöttin preist.

Zwischen den Gärten windet sich ein Fußpfad hindurch, auf dem eine schlanke Frau in einem schwarzen Kleide, auf dem hie und da braune Flecken bemerkbar sind, die die Sonne hineingebrannt hat, und dem man es schon von ferne ansieht, daß es geflickt ist, langsam zum Meere herabsteigt. Sie kommt barhäuptig dahergeschritten; ihr graues Haar, das ringelförmig auf die hohe Stirne, die Schläfen und die dunklen Wangen herabfällt, glänzt silbern, und es scheint, als ließe sich dieses Haar nie glattkämmen.

Ihr Gesicht hat rauhe, scharfe Konturen; wenn man es einmal gesehen hat, so behält man es für immer im Gedächtnis. Der Hauch der Antike weht uns aus diesen strengen Zügen entgegen, und wenn man den offenen, finsteren Blick ihrer Augen auf sich ruhen fühlt, so denkt man unwillkürlich an die heißen Sandwüsten des Ostens, an Deborah und Judith.

Sie hält ihr Haupt über eine rote Strickarbeit gebeugt; die stählerne Stricknadel glänzt in der Sonne, der Wollknäuel ist irgendwo im Gewande versteckt, und es sieht so aus, als entspränge der rote Faden dem Busen der Frau. Der Weg ist launisch, steil, und man hört, wie die abbröckelnden Steine nach unten rollen, aber die Frau mit dem silbergrauen Haar steigt so sicher herab, als wüßten ihre Füße selbst den Weg zu finden.

Im Dorf erzählt man sich folgendes von ihr:

Sie ist die Witwe eines Fischers, der kurz nach der Hochzeit aufs Meer hinausfuhr, um Fische zu fangen, nicht wiederkehrte und sie allein mit einem Kinde unter dem Herzen zurückließ.

Als das Kind geboren wurde, versteckte sie es vor den Leuten; nie ließ sie sich mit dem Söhnchen auf der Straße sehen, trug es nie in die Sonne hinaus, um mit ihm zu prahlen, wie das alle Mütter gewöhnlich tun, sondern verbarg das in Lumpen gehüllte kleine Wesen im dunkelsten Winkel der Hütte, so daß lange Zeit hindurch keiner der Nachbarn wußte, wie das Neugeborene aussah, – sie sahen nichts als seinen großen Kopf mit den ungeheuren, starren Augen in dem gelben Gesicht. Sie bemerkten auch, daß die Mutter, einst ein gesundes, frisches Wesen, das ehemals tapfer und fröhlich gegen die Not angekämpft und auch andere dazu ermutigt hatte, jetzt schweigsam und verschlossen war, stets traurig und nachdenklich dasaß und mit einem sonderbar fragenden Blick in die Ferne sah.

Kurze Zeit darauf jedoch erfuhren alle den Grund, warum sie so traurig war; das Kind war eine Mißgeburt, deshalb verbarg sie es vor den Leuten, und darum fühlte sie sich so ungeheuer bedrückt.

Die Nachbarn erklärten ihr, sie verständen es natürlich sehr gut, daß ein Weib sich schämte, die Mutter einer Mißgeburt zu sein; niemand außer der Madonna wisse, ob sie an diesem grausamen Geschick schuld sei oder nicht, indessen das Kind sei doch sicherlich nicht schuld daran, und sie hätte unrecht, es des Sonnenlichtes zu berauben.

Sie folgte dem Rate der Leute und zeigte ihnen den Knaben: seine Arme und Beine waren kurz, wie die Flossen eines Fisches, der ungeheure, aufgedunsene Kopf konnte sich kaum auf dem dünnen, schwachen Halse halten, und das Gesicht glich dem eines Greises: die Augen waren trübe, die Wangen mit Falten bedeckt, und der breite Mund schien in einem toten Lächeln erstarrt zu sein.

Die Frauen weinten, als sie das Kind sahen, während die Männer beim Anblick der Mißgeburt kaum ihren Abscheu verbergen konnten und sich finster entfernten. Inzwischen kauerte sich die Mutter auf dem Erdboden hin und verbarg ihr Haupt oder blickte die Anwesenden mit einem solchen Ausdruck an, als wenn sie eine stumme Frage an sie richten wollte, die niemand begriff.

Die Nachbarn fertigten für die Mißgeburt eine sargähnliche Kiste an, füllten sie mit Wollabfällen und Lumpen, setzten das Kind in dieses warme, weiche Nest und stellten den Kasten auf den Hof. Sie hofften insgeheim, daß die Sonne, die täglich Wunder verrichtet, hier ein neues Wunder vollbringen würde.

Aber die Zeit verging, und die Mißgeburt blieb sich immer gleich: ein ungeheurer Kopf und ein langer Leib mit vier kraftlosen Anhängseln; nur ihr Lächeln nahm immer mehr den Ausdruck unersättlicher Gier an, und der Mund füllte sich mit zwei Reihen scharfer, spitzer Zähne. Die kurzen Tatzen lernten es allmählich, die Brotstücke, die man ihr reichte, zu ergreifen und sie in den großen, heißen Mund zu stopfen.

Es war stumm; aber wenn irgendwo in der Nähe gegessen wurde und der Speisegeruch sich bemerkbar machte, dann brüllte das mißgestaltete Geschöpf dumpf; es öffnete seinen Rachen, schüttelte den schweren Kopf hin und her, und seine trüben Augen bedeckten sich mit einem Netz kleiner, roter Adern.

Es aß viel, und seine Eßgier nahm mit jedem Tage zu; unaufhörlich hörte man es brüllen; die Mutter arbeitete unermüdlich, aber meist gegen geringen Lohn; zuweilen fiel er überhaupt aus, aber sie klagte nicht und nahm nur ungern, aber stets stumm und wortlos die Hilfe der Nachbarn entgegen. War sie jedoch nicht zu Hause, so kamen die Nachbarn, durch das Gebrüll gereizt, in den Hof gelaufen und stopften Brotkrusten, Gemüse, Früchte und alles, was überhaupt genießbar war, in den unersättlichen Rachen.

»Bald wird er dich völlig ausgesaugt haben!« sagten die Leute zur Mutter. »Weshalb bringst du ihn nicht in irgendeinem Asyl oder Spital unter?«

Sie entgegnete finster:

»Laßt mich in Ruhe! Ich bin seine Mutter, ich habe ihn geboren und muß für ihn sorgen.«

Sie war schön, und mehr als ein Mann suchte sich ihre Zuneigung zu erringen, ohne daß auch nur einer dabei Erfolg gehabt hätte. Zu einem, der ihr mehr als die anderen gefiel, sagte sie einmal:

»Ich kann nicht dein Weib sein, ich fürchte mich, ich könnte ein zweites Ungeheuer gebären, und du würdest dich seiner schämen müssen. Nein, geh, lieber!«

Der Mann versuchte es, sie umzustimmen: er erinnerte sie an die Madonna, die gerecht gegen die Mütter ist und sie für ihre Schwestern hält. Aber die Mutter der Mißgeburt entgegnete ihm:

»Ich weiß nicht, worin meine Schuld besteht, und doch bin ich so hart bestraft worden.«

Er flehte sie an, weinte und wütete, sie aber sprach:

»Woran man nicht glaubt, das darf man nicht tun. Geh!«

Und er verließ sie, zog in die Ferne und verschwand für immer.

Sie aber fuhr lange Jahre hindurch fort, diesen bodenlosen Rachen mit den ewig beschäftigten Kinnbacken zu stopfen, diesen Rachen, der die Früchte ihrer Arbeit, ihr Blut und ihr Leben verschlang. Der Kopf des Ungeheuers wurde immer größer und furchtbarer und sah schließlich einer Kugel ähnlich, die immer drohte, sich von dem kraftlosen, dünnen Halse loszureißen und, träge hin und herschwankend und sich an den Ecken des Hauses stoßend, davonzurollen.

Wer nur einen Blick in den Hof warf, der blieb betroffen und erschrocken stehen, unfähig zu begreifen, was er vor sich sah. An der von Weinlaub umrankten Mauer, auf steinernen Fliesen, wie auf einem Opferaltar, stand ein Kasten, aus dem der Kopf des Ungeheuers hervorragte, der grell von dem grünen Hintergrunde des Laubes abstach. Das gelbe, faltige, grobknochige Gesicht zog die Blicke aller Vorübergehenden auf sich; die stumpfen Augen, die aus ihren Höhlen hervorzukriechen schienen, blieben einem noch lange im Gedächtnis haften; die breite, platte Nase zuckte, die unmäßig entwickelten Backenknochen und Kiefern bewegten sich hin und her, die welken Lippen bebten, ließen zwei Reihen raubtierartiger Zähne sehen und führten gleichsam ein Leben für sich; die großen, lauernden, tierischen Ohren standen nach beiden Seiten ab, und auf diese Maske fiel ein dichter Schopf schwarzer Haare herab, die sich kräuselten, wie die Haare eines Negers.

Das Ungeheuer hielt stets etwas Eßbares in der kleinen, kurzen Hand, die der Tatze einer Eidechse glich, reckte den Kopf empor wie ein pickender Vogel und schnalzte und schnaufte laut, während es seine Nahrung verschlang. War es satt, so fletschte es die Zähne und starrte die Leute an, während die Augen sich über dem Nasenbein zusammenzogen und einen trüben, gähnenden Fleck auf diesem halbtoten Gesicht bildeten, dessen Bewegungen an die Agonie eines Sterbenden erinnerten. War das Ungeheuer hungrig, so streckte es den Hals vor, sperrte den Rachen weit auf, bewegte die dünne, schlangenähnliche Zunge hin und her und brüllte ungeduldig.

Die Leute entfernten sich, Gebete vor sich hinmurmelnd und das Kreuz schlagend; sie fühlten sich in diesem Augenblicke an alles Böse erinnert, das sie erlebt, und an alles Unglück, das sie durchgemacht hatten.

Der alte Schmied, dessen Gedanken stets eine düstere Richtung nahmen, pflegte häufig zu sagen:

»Wenn ich diesen alles verschlingenden Rachen sehe, kommt es mir in den Sinn, daß ein ähnliches Ungeheuer auch meine Kraft verschlungen hat; es scheint mir dann, daß wir alle um der Parasiten willen leben und sterben.«

In allen Leuten erregte dieser stumme Kopf traurige Gedanken und herzbeklemmende Empfindungen.

Die Mutter des Ungeheuers schwieg und lauschte den Worten der Menschen; ihr Haar wurde schnell bleich, und das Gesicht bedeckte sich mit Falten; schon seit langer Zeit hatte sie das Lachen verlernt. Die Leute wußten, daß sie nächtelang unbeweglich in der Tür stand, als ob sie etwas erwartete. Achselzuckend bemerkten sie:

»Worauf wartet sie?«

»Trage ihn auf den Platz vor der alten Kirche!« rieten ihr die Nachbarn. »Dort kommen Ausländer vorüber, die sicherlich nicht verabsäumen werden, ihm täglich ein paar Kupfermünzen zuzuwerfen.«

Die Mutter fuhr erschrocken zusammen.

»Nein, das wäre zu furchtbar, wenn fremde Leute, die aus anderen Ländern kommen, ihn zu sehen bekämen. Was sollen sie dann von uns denken?«

»Überall gibt es Armut,« entgegnete man ihr, »das wissen alle Leute!«

Sie schüttelte abweisend den Kopf.

Allein die Ausländer kamen, von Langeweile getrieben, auch in ihren Hof; sie war meist zu Hause, sah den Ausdruck des Ekels und des Abscheus in den satten Gesichtern dieser müßigen Leute und hörte es, wie sie mit verächtlichen Mienen und zusammengekniffenen Augen über ihren Sohn sprachen. Einige verächtliche, feindselige, triumphierende Worte schmerzten sie am tiefsten.

Sie prägte sich diese fremden Laute, in denen ihr italienisches Mutterherz einen kränkenden Sinn witterte, ein, und noch an demselben Tage ging sie zu einem bekannten Kommissionär und fragte ihn, was diese Worte bedeuteten.

»Es kommt darauf an, wer sie gesprochen hat!« entgegnete er finster. »Diese Worte bedeuten: Die Italiener sterben schneller aus als alle romanischen Rassen … Wo hast du diese Lügenworte gehört?«

Sie entfernte sich, ohne ihm eine Antwort zu geben.

Am folgenden Tage geschah es, daß ihr Sohn zuviel von einer Speise aß, von Zuckungen befallen wurde und starb.

Sie saß auf dem Hofe neben dem Kasten, die Hand lag auf dem Haupte ihres Sohnes, und die arme Frau blickte jedem, der zu ihr kam, um den Verstorbenen zu sehen, fragend und erwartungsvoll ins Antlitz.

Alle schwiegen, niemand richtete eine Frage an sie, obgleich viele den Wunsch hegten, sie zu beglückwünschen, weil sie jetzt von ihrer Sklaverei erlöst war, und sie zu trösten, weil sie ihren Sohn verloren hatte. Allein die Leute schwiegen, denn sie begreifen mitunter, daß man nicht jeden Gedanken aussprechen darf.

Lange noch sah sie den Leuten erwartungsvoll fragend ins Gesicht. Dann aber wurde sie ein ebenso schlichter und einfacher Mensch wie die anderen.


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