Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Der Tod des Fischers

Die Zikaden zirpen.

Tausend Metallsaiten scheinen sich durch das dichte Olivenlaub dahinzuziehen; der Wind wiegt die harten Blätter, die die Saiten berühren, hin und her, und die leichten, unablässig erklingenden Töne füllen die Luft mit heißen, betäubenden Lauten. Das ist noch keine Musik, aber es scheint, daß unsichtbare Hände hundert verborgene Harfen stimmen und man fortwährend gespannt erwartet, daß nach einem Augenblick des Schweigens ein gewaltiger Hymnus zu Ehren der Sonne, des Himmels und des Meeres erschallen wird.

Ein frischer Wind bläst vom Meere her; die Bäume neigen ihre Wipfel und steigen gleichsam von dem Abhang zum Ufer herab. Dumpf und gleichmäßig schlagen die Wellen ans Ufergestein; das ganze Meer ist mit weißen, lebendigen Flocken bedeckt, als hätten sich zahllose Vogelschwärme auf diese blaue Fläche niedergelassen; sie schwimmen alle nach einer Richtung, verschwinden, tauchen in die Tiefe, erscheinen wieder auf der Oberfläche und singen kaum hörbar. Am Horizont schaukeln, zwei großen Vögeln gleich, zwei Schiffe mit gehißten, dreiteiligen Segeln, die die Wasserflocken zu sich heranzulocken scheinen, – alles zusammen erinnert an einen längstvergessenen Traum, der keine Ähnlichkeit mit dem Leben hat.

»Die Nacht wird stürmisch werden!« spricht ein alter Fischer, der tief im Schatten auf einer kleinen, mit Geröll bedeckten Landzunge sitzt.

Die Brandung hat Büschel roten, goldigen und grünen Seetangs ans steinige Ufer geworfen; der Tang verdorrt in der Sonne und auf den heißen Steinen, die salzige Luft ist von herbem Jodgeruch erfüllt. Krause Wellen hüpfen eine nach der anderen über die Landzunge.

Der alte Fischer sieht auch einem großen, grauen Vogel ähnlich: ein kleines, verschrumpftes Gesicht, eine gebogene Nase, runde und offenbar sehr scharfe Augen, die kaum hinter den dunklen Hautfalten erkennbar sind, und krallenartig gebogene, trockene, fast unbewegliche Finger.

»Vor einem halben Jahrhundert, Signore,« spricht der Alte, und seine Worte ahmen den Rhythmus des Wellenklangs und des Zikadengesangs nach, »da brach einmal ein ebenso lachender, fröhlicher Tag an wie heute. Mein Vater war vierzig, ich, ich sechzehn Jahre alt; ich war verliebt, Sie wissen: – das ist unvermeidlich, wenn man sechzehn Jahre alt ist, und wenn die Sonne scheint.

›Komm, laß uns Perzonen fischen gehen, Guido,‹ sagte mein Vater. Sie müssen nämlich wissen, Signore, Perzonen, das sind sehr feine, schmackhafte Fische mit rosafarbenen Flossen, man nennt sie auch zuweilen Korallenfische, weil sie tief unten, bei den Korallen zu finden sind. Man verankert das Boot und fängt sie mit einer kleinen Angel und einem schweren Senkblei. Das ist ein schöner Fisch.

Wir stachen, voller Hoffnung auf einen guten Fang, in die See. Mein Vater war ein kräftiger Mann und ein erfahrener Fischer, aber kurz vorher hatte er gekränkelt: die Brust schmerzte ihn, und die Finger an den Händen waren vom Rheumatismus gekrümmt – er hatte an einem kalten Wintertage gearbeitet und sich diese Krankheit der Fischer geholt.

Das ist ein schlauer, tückischer Wind, der jetzt so freundlich vom Ufer her weht, als wollte er uns ganz zärtlich ins Meer hinaustreiben. Doch da, da schleicht er sich hinterrücks heran und stürzt sich plötzlich auf einen, als hätte man ihn beleidigt. Im Nu ist die Barke losgerissen und fliegt, zuweilen kielaufwärts, im Winde dahin, während Sie selbst schon im Wasser liegen. Sie finden nicht einmal Zeit zu einem Fluch oder zu einem Stoßgebet und sind schon vom Strudel erfaßt und werden von der Strömung fortgetrieben. Ein Räuber ist ehrlicher als dieser Wind. Übrigens sind die Menschen immer ehrlicher als die Naturgewalten.

Dieser Wind also stürzte sich plötzlich wie ein Lump und ein Feigling auf uns; es war ganz nahe am Ufer, nur vier Kilometer weit davon. ›Guido,‹ rief mein Vater und griff mit seinen kranken Fingern nach den Rudern. ›Halte dich fest, Guido! Den Anker los!‹

Bevor ich aber den Anker lichten konnte, erhielt der Vater einen Stoß vor die Brust – der Sturm entriß ihm die Ruder – und er stürzte bewußtlos zu Boden. Ich fand nicht Zeit, ihm zu helfen, das Boot konnte jeden Augenblick kentern. Am Anfang geht alles schnell: als ich mich an die Ruder setzte, waren wir bereits von kochendem Gischt umgeben, und wir wurden von allen Seiten vom Winde fortgetrieben, der uns ganz wie ein Priester mit Spritzwellen übergoß, nur noch eifriger als er, und keineswegs zu dem Zweck, um uns von unseren Sünden reinzuwaschen.

›Die Sache ist sehr ernst, mein Sohn!‹ sagte mein Vater, der aus seiner Ohnmacht erwacht war, mit einem Blick nach dem Ufer. ›Das wird lange anhalten, mein Lieber.‹

Wenn man jung ist, glaubt man nur ungern an eine Gefahr; ich machte den Versuch, zu rudern, und tat alles, was im Augenblick der Gefahr auf dem Meere getan werden muß, wenn dieser Wind, der Odem der bösen Geister, einem tausend Gräber gräbt und unentgeltlich das Totenlied singt.

›Sitz ruhig, Guido,‹ sprach mein Vater lächelnd und schüttelte sich die Wassertropfen vom Kopfe. ›Welchen Zweck hat es, das Meer mit Streichhölzern aufzuwühlen? Spare deine Kraft, mein Sohn, sonst wird man dich zu Hause vergebens erwarten.‹

Die grünen Wellen schleuderten unsere Nußschale in die Höhe wie einen Kinderball, sie schauten, haushoch aufspritzend, zu uns ins Boot hinein, sie brüllten und tobten, während wir in tiefe Abgründe hinabsausten oder auf weiße Bergkämme emporgehoben wurden; inzwischen entschwand das Ufer immer mehr unseren Blicken und schien in demselben Takt wie unsere Barke auf- und abzutanzen. Da sagte mein Vater zu mir:

›Du wirst vielleicht aufs Festland zurückkehren, ich nicht! Höre nun zu, was ich dir jetzt sagen werde …‹

Und er begann zu erzählen, was ihm von den Gewohnheiten der verschiedenen Fischgattungen bekannt war: – wo, wann und wie man sie am besten fangen könnte.

›Vielleicht sollten wir lieber beten, Vater?‹ fragte ich, als ich mir über den Ernst unserer Lage klar wurde; unsere Situation war der zweier Kaninchen inmitten einer ungeheuren Schar weißer Hunde zu vergleichen, die uns von allen Seiten umstanden und ihre Zähne, fletschten.

›Gott sieht alles!‹ sprach er. ›Er sieht voraus, daß Leute, die für die Erde geschaffen sind, auf dem Meere zugrunde gehen werden, und er versteht, daß einer von ihnen, voller Hoffnung auf Rettung, dem Sohne mitteilen muß, was er weiß. Die Erde und die Menschen bedürfen der Arbeit und nicht der Gebete, Gott weiß das …‹

Nachdem er mir alles erzählt hatte, was er von der Arbeit wußte, begann er mir Ratschläge zu geben, wie man unter den Menschen leben soll.

›Ist denn jetzt die Zeit, mir Ratschläge zu geben?‹ fragte ich. ›Auf dem Festlande hast du das nie getan!‹

›Dort war uns der Tod nie so nahe wie hier …‹

Der Sturm heulte wie ein Tier, die Wellen tobten gegen das Boot, der Vater mußte schreien, wenn ich seine Worte verstehen sollte.

›Benimm dich stets so, als ob es keinen Menschen gäbe, der besser und der schlechter ist als du, – das ist das Richtige! Der Adlige und der Fischer, der Priester und der Soldat, – alle bilden einen einzigen Körper, und du bist ein ebenso notwendiges Glied dieses Körpers, wie die anderen. Tritt nie an einen Menschen heran, wenn du mehr Schlechtes als Gutes von ihm denkst; setze stets mehr Gutes bei ihm voraus, – das ist das Richtige. Die Menschen geben den anderen stets das, was man von ihnen verlangt.‹

Das alles sagte mein Vater natürlich nicht in fließender Rede, sondern in kurzen, abgehackten Worten, die wie Kommandorufe klangen; die Wellen warfen uns hin und her, herauf und herunter, und ich hörte diese Worte durch das Heulen des Sturmes und das Brüllen des Meeres. Vieles trug der Wind davon, ehe es bis an mein Ohr gelangte, vieles begriff ich nicht, – man ist nicht zum Lernen aufgelegt, Signore, wenn jeder Augenblick den Tod in sich birgt! Ich war von Furcht und Schrecken ergriffen, denn zum ersten Male sah ich das Meer in einem solchen Aufruhr, und ich fühlte dem Sturme gegenüber meine Ohnmacht. Wenn ich später an diese Stunden zurückdachte, hatte ich ein Gefühl, das noch heute in meinem Herzen lebendig ist.

Heute noch sehe ich den Vater deutlich vor mir: er sitzt auf dem Boden der Barke und klammert sich mit den kranken Händen an die Wände des Bootes, – den Hut hatten die Wellen fortgespült, die von allen Seiten auf ihn eindrangen und hageldicht auf seinen Kopf und seine Schultern herabsausten; er schüttelt das Wasser herunter und ruft mir von Zeit zu Zeit laut schnaubend etwas zu. Er war ganz zusammengeschrumpft vor Nässe, während die Augen vor Furcht oder vielleicht auch vor Schmerz weitgeöffnet waren. Ich glaube jedoch, es war vor Schmerz.

›Hörst du mich?‹ schrie er. ›He, hörst du mich?‹

Bisweilen antwortete ich:

›Ich höre!‹

›Denke daran: – alles Gute kommt vom Menschen.‹

›Wohl!‹ antwortete ich.

Nie hatte er früher so mit mir gesprochen. Er war fröhlich und gut gegen mich gewesen, es war mir aber so vorgekommen, als betrachte er mich mit Spott und Mißtrauen und als behandle er mich wie ein Kind. Bisweilen hatte mich das verletzt, denn die Jugend ist sehr eitel und empfindlich.

Seine Worte beschwichtigten sicherlich meine Furcht, deshalb entsinne ich mich ihrer wohl so genau.«

Der alte Fischer schwieg, blickte auf das schaumbedeckte Meer hinaus, lächelte vor sich hin und sprach, mit den Augen zwinkernd:

»Auf Grund meiner Menschenkenntnis, Signore, weiß ich, daß Erinnerung und Erkenntnis dasselbe sind, je besser man aber die Wirklichkeit erkennt, um so mehr Gutes findet man in ihr, – es ist schon so, glauben Sie mir!

Ich sehe noch sein feuchtes, liebes Gesicht mit den mächtigen Augen vor mir, die mich so ernst, gütig und ausdrucksvoll anblickten, daß ich die Überzeugung gewann, ich würde an diesem Tage nicht zugrunde gehn. Ich fürchtete mich, ich wußte aber, daß ich nicht untergehen würde.

Unser Boot kenterte natürlich, und wir fanden uns beide in dem kochenden Strudel, in dem Gischt, der die Augen trübe macht, und inmitten scharfkantiger Wellen wieder, die uns hin und her schleuderten und gegen den Kiel der Barke warfen. Wir hatten schon früher alles Bewegliche an den Bootswänden befestigt und hielten die Tauenden in den Händen; solange unsere Kraft reichte, konnten wir nicht von der Barke weggerissen werden, es war aber schwer, sich über Wasser zu halten. Einige Male wurden wir beide auf den Kiel hinaufgeschleudert, aber sofort wieder heruntergeschwemmt. Das Schlimmste ist in einer solchen Lage, daß man die Besinnung verliert, daß einem Augen und Ohren mit Wasser angefüllt werden und daß man dazu noch recht viel von dem feuchten Naß schlucken muß.

Unser Kampf währte sieben Stunden lang, als der Wind plötzlich umschlug, nach dem Ufer hinblies und auch uns dorthin trieb. Voller Freude schrie ich dem Vater zu, er solle sich festhalten, auch er schrie mir etwas zu, ich verstand aber nur die Worte:

›Das Boot zerschellt …‹

Er dachte an die Klippen am Ufer; die waren aber noch weit, und ich schenkte seinen Worten keinen Glauben. Aber er kannte die Verhältnisse besser: wir flogen zwischen den Wasserbergen dahin, an unsere Nährmutter festgesaugt wie Schnecken, mit zahlreichen Beulen, die wir infolge der Stöße gegen die Barke davongetragen, und fast aller Kraft und der Sprache beraubt. Das währte recht lange; als aber die dunklen Uferhänge hervortraten, spielte sich alles mit geradezu schwindelnder Schnelligkeit ab. Die Klippen schienen hin und her zu schwanken, kamen immer näher, und jetzt beugten sie sich über das Wasser, bereit, auf unsere Köpfe herabzustürzen; eins, zwei – wir werden von den weißen Wellen in die Luft geschleudert, unsere Barke knirscht wie eine zertretene Nußschale, ich werde fortgerissen, sehe die zackigen, schwarzen Felsenriffe mit ihren messerscharfen Graden, hoch über mir fliegt kopfüber der Vater vorüber, um dann auf diese Teufelskrallen herabzustürzen. Zwei Stunden später etwa fand man ihn mit gebrochenem Rückgrat und zerschmettertem Schädel. Die Wunde am Kopfe war fürchterlich, ein Teil des Gehirns war fortgespült, ich entsinne mich aber der rotgeäderten grauen Stücke in der Wunde, die wie Marmor oder blutiger Schaum aussahen. Er war entsetzlich zugerichtet, über und über mit Wunden bedeckt, aber das Antlitz war rein und ruhig und die Augen fest und wohl verschlossen.

Wie es mir ergangen war? Oh, ich war auch übel zugerichtet. Besinnungslos wurde ich an das Ufer getragen. Der Sturm hatte uns nach dem Festlande, hinter Amalfi, an eine fremde Küste getrieben, die jedoch auch von Fischersleuten bewohnt war; derartige Vorfälle sind für sie nichts Neues, das macht sie nur besser: die Menschen, die einen gefahrvollen Beruf haben, sind stets gütig.

Mir scheint, ich habe den Vorfall mit dem Vater und das, was ich einundfünfzig Jahre im Herzen getragen habe, nicht so wiederzuerzählen vermocht, wie ich das alles empfinde. Dazu wären ganz besondere Worte oder vielleicht gar Lieder erforderlich, aber wir sind einfache Leute, den Fischen ähnlich, und können uns nicht so schön und bedeutungsvoll ausdrücken, wie wir es gerne möchten! Man weiß und empfindet stets mehr, als man zu sagen vermag.

Das Wichtigste hierbei ist, daß mein Vater in seiner Todesstunde, der er nicht mehr entrinnen zu können glaubte, von keiner Furcht gepackt wurde und meiner nicht vergaß, sondern Kraft und Zeit fand, mir alles mitzuteilen, was er für wichtig hielt. Siebenundsechzig Jahre habe ich nun hinter mir, und ich kann guten Gewissens behaupten, daß alles richtig war, was er mir eingeprägt hat!«

Der Alte nahm seine ehemals rote, jetzt aber braune gestrickte Mütze vom Kopfe, zog seine Pfeife hervor, beugte seinen kahlen, bronzefarbenen Schädel nach vorne und sprach mit besonderem Nachdruck:

»Es hat alles seine Richtigkeit, lieber Herr! Die Menschen sind so, wie man sie sehen will: blickt man sie mit gütigen Augen an, so hat man's gut, und auch sie werden hierdurch besser. Das ist so einfach!«

Der Wind wurde immer frischer, die Wellen höher, spitzer und weißer; auf dem Meere schienen Vögel aufzutauchen, die eilig davonschwammen, während die beiden Schiffe mit den dreiteiligen Segeln bereits hinter dem blauen Horizont verschwunden waren.

Die steilen Uferhänge der Insel sahen aus, als hätte sie die Brandung mit weißen Spitzen geschmückt; wild brausen und plätschern die blauen Wogen, und mit unermüdlicher Leidenschaft zirpen die Zikaden.


 << zurück weiter >>