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Die klugen Frauen

An dem Tage, als dies geschah, blies der Schirokko, ein feuchter Wind, der aus Afrika herüberkommt. Ein schlimmer Wind: er fällt einem auf die Nerven, verdirbt einem die Stimmung, und das war auch der Grund, daß die Fuhrleute Giuseppe Cirotta und Luigi Meta miteinander in Streit gerieten. Der Streit war entbrannt fast ohne daß man's merkte, niemand wußte, wer ihn vom Zaune gebrochen hatte; die Leute sahen bloß, wie Luigi dem Giuseppe an die Brust sprang und seinen Hals zu umklammern suchte, während sein Gegner den dicken roten Hals einzog und geduckten Hauptes die schwarzen, kräftigen Fäuste schwang.

Man trennte sie sofort und fragte:

»Um was handelt es sich?«

Blaurot vor Zorn schrie Luigi:

»Dieser Stier soll vor allen Leuten wiederholen, was er von meiner Frau gesagt hat!«

Cirotta wollte sich entfernen. Er kniff mit verächtlicher Miene seine kleinen Äuglein zusammen, schüttelte den kleinen, schwarzen Kopf und weigerte sich, die Beleidigung zu wiederholen. Da rief der andere laut:

»Er sagt, er habe die Liebe meiner Frau gekostet.«

»Hehe!« meinten die Leute. »Das ist kein Scherz, das muß ernstlich untersucht werden. Ruhe, Luigi! Du bist hier fremd. Deine Frau ist eine der Unsrigen. Wir alle kannten sie als Kind, und wenn du beleidigt bist, fällt ihre Schuld, offen gesagt, auch auf uns alle zurück.«

Man nahm nun Cirotta ins Gebet:

»Hast du das gesagt?«

»Nun ja,« gestand er.

»Und hast du wahr gesprochen?«

»Wer hat mich je bei einer Lüge ertappt?«

Cirotta war ein anständiger Mensch, ein guter Familienvater, – die Angelegenheit nahm eine schlimme Wendung. Die Leute standen verlegen und nachdenklich da. Luigi ging nach Hause und sprach zu seiner Concetta:

»Ich reise fort von hier, ich will nichts mehr von dir wissen, wenn du mir nicht beweisen kannst, daß dieser Halunke dich verleumdet hat!«

Sie weinte natürlich, aber Tränen sind keine Rechtfertigung; Luigi stieß sie von sich, und so blieb sie allein, mit einem kleinen Kinde, ohne Geld und Brot zurück.

Die Weiber nahmen sich ihrer an, vor allem Caterina, die Gemüsehändlerin, eine kluge Füchsin, wissen Sie, ein alter Sack, der mit Fleisch und Knochen vollgestopft ist und hie und da Falten wirft.

»Signore,« rief sie, »ihr wißt schon, daß die Ehre von uns allen mitbetroffen ist. Es ist kein leichtsinniger Streich, der in einer allzu hellen Mondnacht ausgeheckt ward, hier steht das Schicksal zweier Mütter auf dem Spiel, nicht wahr? Ich nehme Concetta zu mir ins Haus, sie wird bei mir bleiben, bis wir die Wahrheit ans Licht gebracht haben.«

Und so geschah es. Dann rückten Caterina und die dürre Hexe Lucia, deren Stimme drei Meilen weit zu vernehmen ist, dem armen Giuseppe auf den Leib. Sie riefen ihn zu sich und begannen, seine Seele nach allen Seiten zu zerren und auszuwinden wie einen alten Lappen.

»Nun, mein Guter, sag' mal, hast du sie viele Male besessen, die Concetta nämlich?«

Der dicke Giuseppe blies die Backen auf, überlegte und erwiderte:

»Einmal.«

»Das hätte man auch sagen können, ohne lange nachzudenken,« bemerkte Lucia, wie zu sich selber.

»Ist das an einem Abend, in der Nacht, oder am Morgen passiert?« fragte Caterina, genau so wie ein Richter.

Giuseppe entschloß sich, ohne nachzudenken, für den Abend.

»War es noch hell?«

»Ja,« entgegnete der Dummkopf.

»So hast du also ihren Körper gesehen?«

»Aber natürlich!«

»Nun, so sag', wie sieht er aus?«

Jetzt begriff er, wozu diese Fragen an ihn gerichtet wurden, und sperrte den Mund auf, wie ein Sperling, dem ein Korn im Hals stecken geblieben ist. Er murmelte etwas Unverständliches und geriet in eine solche Wut, daß seine großen Ohren sich blaurot färbten.

»Was soll ich darauf sagen? Ich habe sie ja nicht so genau untersucht wie ein Arzt.«

»Ißt du Früchte, ohne dich an ihnen zu freuen?« fragte Lucia. »Hast du aber vielleicht etwas Merkwürdiges an Concetta bemerkt?« fragte sie weiter, und die Schlange winkte ihm mit den Augen zu.

»Es geschah alles so schnell, daß ich wirklich nichts bemerkt habe.«

»Dann hast du sie nicht besessen!« rief Caterina, die eine freundliche Frau war, im Notfalle aber auch sehr streng sein konnte. Mit einem Wort, sie verwickelten ihn dermaßen in Widersprüche, daß der Bursche zuguterletzt seinen häßlichen Kopf zu Boden senkte und ein Geständnis ablegte.

»Es ist nichts geschehen, ich habe es nur aus Bosheit gesagt!«

Die Weiber waren durchaus nicht erstaunt.

»Das dachten wir auch,« sagten sie, entließen den Missetäter und übergaben die Sache den Männern, die darüber zu Gericht sitzen sollten.

Am folgenden Tage trat unser Arbeiterverband zusammen. Cirotta stand vor Gericht unter der Anklage, eine Frau verleumdet zu haben, und der alte Giacomo Fasca, der Schmied, hielt eine Rede, die nicht schlecht war.

»Bürger, Genossen, liebe Leute! Wir machen selbst Anspruch auf Gerechtigkeit und müssen deshalb auch gegeneinander gerecht sein. Alle Leute sollen sehen, daß wir den hohen Wert dessen, was wir beanspruchen, auch erkennen, und daß die Gerechtigkeit für uns kein leeres Wort ist, wie für unsere Herren. Da steht ein Mann, der eine Frau verleumdet, einen Genossen beleidigt, eine Familie zugrunde gerichtet und über eine andere Herzeleid gebracht hat, indem er seiner Gattin Qualen der Eifersucht und der Schmach bereitete. Wir müssen streng gegen ihn sein. Was beantragt ihr?«

Siebenundsechzig Männer erklärten einmütig:

»Hinaus mit ihm aus der Gemeinde!«

Aber fünfzehn andere fanden, daß diese Strafe zu hart sei. Es entbrannte ein Streit. Es entstand ein fürchterliches Geschrei, – handelte es sich doch um das Schicksal eines Menschen, und nicht bloß eines einzigen, denn er war verheiratet, hatte eine Frau und drei Kinder, – und was hatten Frau und Kinder verbrochen? Er besaß ein Haus, einen Weinberg, zwei Pferde, hielt vier Esel für ausländische Touristen, – dies alles hatte er sich mit seiner Hände Arbeit erworben, es hatte wahrlich nicht wenig Mühe gekostet. Der arme Giuseppe hockte einsam im Winkel, finster, wie der Teufel im Kreise seiner Kinder. Er saß vornübergebeugt auf dem Stuhl, den Kopf zu Boden gesenkt, und drehte den Hut in den Händen. Schon hatte er das Band heruntergerissen, allmählich riß er auch die Ränder ab, seine Finger aber zuckten und bebten wie die eines Geigenspielers. Und als man ihn fragte, was er zu sagen habe, erhob er sich, richtete sich mühsam auf und sagte:

»Ich bitte um Schonung! Niemand ist sündlos. Mich von dem Boden vertreiben, auf dem ich länger als dreißig Jahre gelebt, auf dem meine Vorfahren gearbeitet haben, – das wäre nicht gerecht!«

Die Weiber sprachen auch gegen die Ausweisung. Endlich schlug Fasca folgendes vor:

»Ich glaube, Freunde, er ist genügend bestraft, wenn wir ihm die Verpflichtung auferlegen, Luigis Weib und Kind zu unterhalten. Er soll ihr die Hälfte der Summe zahlen, die Luigi verdient hat.«

Man stritt noch lange hin und her, bis man sich endlich auf diesen Vorschlag einigte. Giuseppe Cirotta war sehr zufrieden, daß er so glimpflich davongekommen war, während die andern froh waren, daß weder das öffentliche Gericht, noch das Messer mitgesprochen hatten, und daß die Angelegenheit im eigenen Kreise erledigt worden war. Wir haben es nicht gern, Signore, wenn die Zeitungen über unsere Angelegenheiten schreiben, und noch dazu in einer Sprache, in der es so wenig verständliche Worte gibt, wie ein Greis Zähne im Munde hat, oder wenn die Richter, fremde Leute, die das Leben nur schlecht kennen, in einem Ton von uns sprechen, als wären wir Wilde und sie Engel, die nie Wein und Fisch gekostet, noch ein Weib berührt haben! Wir sind einfache Leute und sehen das Leben einfach an.

So wurde denn beschlossen: Giuseppe Cirotta hat Luigi Metas Weib und deren Kind zu ernähren. Aber die Angelegenheit war damit noch nicht erledigt. Als Luigi erfuhr, daß Cirotta gelogen hatte, während seine Signora unschuldig war, und als auch er unser Urteil vernahm, schrieb er seinem Weibe kurz:

»Komm zu mir, wir wollen gut miteinander leben. Nimm keinen Centesimo von diesem Menschen, und hast du schon etwas genommen, so wirf ihm das Geld ins Gesicht. Ich bin unschuldig. Konnte ich denn annehmen, daß ein Mann lügen würde, wo es sich um Liebe handelte?«

An Cirotta schrieb er folgenden Brief:

»Ich habe drei Brüder, und wir vier haben geschworen, daß wir dich wie einen Hammel abschlachten, wenn du die Insel jemals verläßt und in Sorento, Castellamare, Torre oder wo es auch sei, ans Land gehst. Erfahren wir davon, so töten wir dich, denke daran! Dies ist so wahr wie das, daß die Mitglieder deiner Gemeinde brave, ehrliche Leute sind. Meine Signora bedarf deiner Unterstützung nicht. Selbst mein Schwein würde dein Brot verschmähen. Bleib auf deiner Insel, bis ich dir sage: – geh jetzt!«

So schrieb ihm Luigi. Man sagt, Cirotta habe diesen Brief unserem Richter gezeigt und ihn gefragt, ob man Luigi nicht wegen seiner Drohung verurteilen könne! Der Richter soll ihm hierauf erwidert haben:

»Natürlich könnte man das, – dann aber werden Sie sicherlich von seinen Brüdern getötet; sie kommen dann hierher und schneiden Ihnen den Hals ab. Ich rate Ihnen, warten Sie lieber! Das ist besser. Der Zorn ist nicht so wie die Liebe, er hält nicht lange an …«

Es ist wohl möglich, daß der Richter so etwas gesagt hat, er ist ein guter, kluger Mann und verfaßt schöne Verse; ich glaube aber nicht, daß Cirotta ihn aufgesucht und ihm den Brief gezeigt hat. Nein, Cirotta ist trotz alledem ein anständiger Bursche, er kann keine solche Taktlosigkeit begangen haben, alle hätten ihn deswegen ausgelacht und verspottet.

Wir sind einfache Arbeitsleute, Signore, wir führen unser eigenes Leben, wir haben unsere eigenen Begriffe und Anschauungen und haben das Recht, das Leben nach unserm eigenen Ermessen einzurichten, wie es am besten für uns scheint.

Ob wir Sozialisten sind? Oh, mein Freund, ich glaube, der Arbeitsmann wird als Sozialist geboren, und obgleich wir keine Bücher lesen, so erkennen wir doch die Wahrheit an ihrem Duft; sie riecht ja so kräftig, die Wahrheit, und stets in gleicher Weise – nach dem Schweiße der Arbeit.


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