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Ein Abschied

In samtnen Gewändern schreitet die Nacht aus den Feldern in die Stadt, mit goldnen Lichtern wird sie empfangen; zwei Frauen und ein Jüngling gehen auf die Felder hinaus, als kämen sie der Nacht entgegen, langsam verklingen hinter ihnen die Geräusche des von der Arbeit des Tages ermüdeten Lebens.

Leise hallen die Schritte auf den dunklen Steinplatten der alten Straße, die schon von Roms fremdstämmigen Sklaven gepflastert worden war; in der weichen Stille klingt weich und überzeugend die Stimme der Frau:

»Sei nicht hart zu den Menschen.«

»Findest du denn, Mutter, daß ich es bin?« fragt der Jüngling nachdenklich.

»Du streitest zu heftig, zu heiß.«

»Weil ich meine Wahrheit heiß liebe.«

An der linken Seite des Jünglings geht das Mädchen. Ihre Holzpantinen klappern auf den Steinen; ihr Gesicht ist – wie bei einer Blinden – zum Himmel gewandt. Dort oben leuchtet der große Abendstern, tiefer unter ihm glüht die Abendröte, und dunkel wie nicht angezündete Fackeln heben sich zwei Pappeln von dem Rot ab.

»Sozialisten sperrt man oft ins Gefängnis,« sagt seufzend die Mutter.

Der Sohn erwidert ruhig:

»Das wird man schon lassen! Es ist ja doch zwecklos.«

»Ja, aber bis dahin.«

»Es gibt und wird auch keine Gewalt geben, die das junge Herz der Welt töten könnte!«

»Das sind Worte für ein Lied, mein Junge.«

»Millionen Stimmen singen dies Lied, und immer aufmerksamer lauscht das Leben! Schau: hättest du etwa früher mich oder Paolo so lieb und geduldig angehört, wie du es jetzt tust?«

»Ja, ja, – aber sieh, jetzt hat der Streik dich gezwungen, deine Heimatstadt zu verlassen.«

»Sie ist zu klein für zwei, soll Paolo hierbleiben. Und den Streik haben wir doch gewonnen.«

»Gewonnen!« wiederholte das Mädchen mit klangvoller Stimme. »Du und Paolo …«

Sie bricht ab und lacht leise. Eine kurze Zeit gehen sie schweigend weiter. Vor ihnen erhebt sich allmählich ein dunkler Hügel mit den Ruinen eines Gebäudes; über ihnen breitet ein duftender Eukalyptusbaum träumend seine zarten Zweige aus. Und als die drei den Baum erreicht hatten, schien es, als erbebten seine Zweige leise.

»Da ist Paolo!« sagt das Mädchen.

Eine dunkle, hohe Gestalt hat sich von den Ruinen gelöst und steht mitten auf der Straße.

»Du hast ihn wohl mit dem Herzen gesehen,« fragt der Jüngling lachend.

Wie ein Echo ertönt es vorn:

»Gehst du?«

»Ja, hier sind die Meinen! Ihr braucht mich nicht weiter zu begleiten, das ist nicht nötig. Ich habe ja nur fünf Stunden bis Rom, und ich gehe ja mit Absicht zu Fuß, damit ich unterwegs meine Gedanken sammeln kann.«

Sie bleiben stehen. Der Hohe nimmt den Hut ab und spricht mit brüchiger Stimme:

»Mach dir keine Sorgen um deine Mutter und deine Schwester. Es wird schon alles gut gehen.«

»Ich weiß. Auf Wiedersehen, Mutter!«

Sie schluchzt, stöhnt leise, dann hört man drei herzhafte Küsse und eine männliche Stimme sagt:

»Geh jetzt nach Hause und ruh dich gut aus. Du hattest genug Aufregung in diesen stürmischen Tagen. Geh, es wird schon alles gut werden! Paolo wird dir, statt meiner, ein guter Sohn sein! Na, Schwesterchen …«

Wieder hört man das Geräusch von Küssen und das Reiben der Füße auf den Steinen, die lauschende nächtliche Stille gibt wie ein Spiegel jeden Laut wieder.

Die vier Gestalten, von der Dunkelheit umhüllt, haben sich zu einem großen Körper vereinigt und können sich lange nicht voneinander losreißen. Dann trennen sie sich schweigend: drei gleiten langsam den Lichtern der Stadt entgegen, eine geht mit schnellen Schritten westwärts. Die Abendröte ist schon erloschen, und im blauen Himmel funkeln die Sterne.

»Leb wohl!« erklingt es leise und traurig durch die Nacht.

Aus der Ferne erwidert eine frische Stimme:

»Leb wohl! Sei nicht traurig, bald sehen wir uns wieder …«

Hart klappern die Holzpantinen des Mädchens; die etwas heisere Stimme spricht tröstende Worte:

»Ihm wird nichts zustoßen, Donna Filomena, daran können Sie glauben wie an die Gnade Ihrer Madonna! Er hat viel Verstand und ein tapferes Herz, er versteht selbst zu lieben und zwingt auch die anderen, ihn zu lieben. Und die Liebe zu den Menschen, das sind doch die Flügel, auf denen der Mensch sich über alles emporschwingt.«

Immer näher glänzen durch die Dunkelheit die bescheidenen, blassen Lichter der Stadt; auch die Worte des hohen Mannes sprühen wie Funken.

»Wenn der Mensch in seinem Herzen das Wort trägt, das die Welt vereinigt, so findet er überall Menschen, die ihn hoch schätzen werden, – überall!«

Dicht an die Stadtmauer gedrängt steht eine kleine, weiße Schenke mit niedrigem Dach. Einladend blickt das erleuchtete Fenster in der Tür auf die Vorübergehenden. Vor ihr lärmen an drei Tischchen dunkle Gestalten, seufzen die Saiten einer Gitarre, zittert nervös die metallische Stimme einer Mandoline.

Als die drei die Tür erreichen, verstummt die Musik, die Stimmen werden leiser, einige Gestalten erheben sich.

»Guten Abend, Genossen!« sagt der Hohe.

Freudig erwidern zahlreiche Stimmen:

»Guten Abend, Genosse Paolo! Kommst du zu uns? Ein Glas Wein vielleicht?«

»Nein … Danke.«

Die Mutter sagt seufzend:

»Dich haben die Unsern auch sehr gern.«

»Die Unsern, Donna Filomena?«

»Ach du, lach nicht! Ich bin doch meinem Volke keine Fremde. Alle lieben euch: dich und ihn.«

Der Hohe faßt das Mädchen unter den Arm und sagt:

»Alle und – noch eine! Nicht wahr?«

»Ja!« sagt das Mädchen still. »Natürlich.«

Die Mutter beginnt leise zu lachen:

»Ach, Kinder! Wenn man euch so sieht und hört, dann glaubt man wirklich: Ihr werdet es besser haben als wir.«

Und die drei verschwinden in einer Straße der Stadt, die eng und zerzaust ist, wie der Ärmel eines alten, abgetragenen Kleides …


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