Friedrich Gerstäcker
Unter den Pehuenchen
Friedrich Gerstäcker

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20. Kapitel

Dies Lager an der kleinen Lagune war für die Deutschen allerdings ein freundlicherer Aufenthalt, als sie in der letzten Zeit gewohnt gewesen. Lebensmittel hatten sie genug – wenn auch nur Fleisch natürlich, auf das sie jetzt allein angewiesen blieben, aber sie durften es sich doch auf ihre eigene Art und reinlich zubereiten, und wenn auch die Indianer in den nächsten Tagen, trotzdem es Wild im Überfluß gab, eine junge Stute schlachteten, so zwang sie niemand, davon zu essen. Es wurde ihnen allerdings angeboten, aber die Pehuenchen lachten nur gutmütig, als sie es verweigerten. – Die Alemanes verstanden es eben nicht besser, und man ließ sie von da ab unbehelligt. Übrigens gingen beide in den nächsten Tagen selber pürschen, und da sie dabei ziemlich glücklich waren und in der Tat einige Stück Wild erlegten, und noch dazu zu Fuß, was den Indianern unbegreiflich schien, stiegen sie wieder in deren Achtung.

Die weiße junge Frau bekamen sie dabei nur sehr selten zu sehen und konnten auch, da sie nicht einmal ihre Sprache redeten, gar nicht mit ihr verkehren. Übrigens schien es, als ob Jenkitruss gar nicht beabsichtige, je wieder zu seinem alten Lagerplatz am Limaï zurückzukehren; er fragte wenigstens die Deutschen einmal, ob sie gedächten, den Winter in der Pampas zuzubringen, dann könnten sie in nächster Zeit mit ihm nach Osten reiten und noch andere, dort wohnende Kaziken besuchen. Er war auch immer freundlich mit ihnen, und zeichnete sich besonders vor allen bis jetzt getroffenen Indianern dadurch aus, daß er sie nie um irgend etwas, was es auch gewesen sei, bat, nicht einmal um Tabak. Gaben sie ihm davon, denn sie führten den größten Teil ihres Vorrats bei sich, so nahm er es lächelnd und mit freundlichem Dank an und rauchte dann mit großem Behagen. Auch über einige Glaskorallenschnüre mit blauen und roten Perlen freute er sich augenscheinlich ungemein, verlangte aber nie, wie es alle andern gemacht, noch nach dem und jenem, und zeigte nicht einmal eine Neigung für Reiwalds Mantel oder irgend etwas anderes, was er an den Deutschen sah.

So hatten sie hier drei volle Wochen verlebt, auch dazwischen wieder, besonders im Anfang ihres Aufenthalts, gewaltige Regenschauer gehabt und ein paarmal Stürme, bei denen sie sich, wenn gerade draußen in der Pampas, kaum auf ihren Pferden halten konnten. Ihr Lagerplatz selber lag aber so geschützt und sicher, daß sie wenig oder gar nichts davon spürten, und gegen Ende der Zeit setzte auch wieder mehr ruhiges und trockenes Wetter ein, bei dem dann Wind und Sonne die Feuchtigkeit in der Steppe rasch an sich sog.

Meier schien sich hier besonders wohl zu befinden und merkwürdigerweise nicht die geringste Sehnsucht nach seiner Frau zu fühlen. Er sprach auch einmal davon, mit dem Kaziken nach Osten zu gehen und das dort liegende Fort Carmen zu besuchen, von wo aus man vortreffliche Gelegenheit haben sollte, die argentinische Republik zu besuchen. Reiwald hatte ihn in vielleicht zu begründetem Verdacht, daß er mit Plänen umging, jetzt seinerseits der neugefundenen Frau durchzubrennen, noch dazu da er vermutete, daß seiner Rückkehr nach Chile ebenfalls erhebliche Schwierigkeiten im Wege ständen. Eine bessere Gelegenheit fand sich dazu dann freilich nicht, als von hier aus. Meier schien aber schon zu bereuen, nur soviel angedeutet zu haben, wich wenigstens allen weiteren Fragen und Anspielungen sehr geschickt aus und zeigte sich nach wie vor trefflicher Laune.

Da überraschte sie plötzlich eine Aufforderung des Kaziken, ihn auf einige Tage nach dem Hauptlager zu begleiten. Spät am vorigen Abend war ein Bote von dort eingetroffen, der ihm wichtige Nachrichten gebracht haben mußte, denn der Kazike sah finster und in sich gekehrt aus. Die Deutschen wären eigentlich am liebsten hiergeblieben, besonders Meier, der allerlei Ausflüchte suchte, aber es half ihm nichts; Tymaco sagte ihm gleich, daß er nie die Erlaubnis dazu erhalten würde, da der Kazike sein Zelt und seine Frauen unter dem Schutz und der Obhut eines alten Häuptlings zurückließ. Auch die übrigen Pehuenchen verließen den Platz nicht, da Jenkitruss schon nach drei oder vier Tagen zurückkehren würde.

Die Vorbereitungen zum Ritt waren rasch getroffen und diesmal nicht mit Gepäck und Lasttieren behelligt, und außerdem mit ausgeruhten Pferden, konnte man den ganzen Weg in einem gestreckten Galopp zurücklegen und erreichte noch an demselben Abend das Hauptlager am Limaï. Hier herrschte am nächsten Morgen schon mit Tagesanbruch reges Leben; Reiter galoppierten zwischen den Zelten hin und her, und der ganze Platz schien in Aufregung.

In dem großen Beratungszelte hatten sich die Häuptlinge unter dem Vorsitz ihres ersten Kaziken versammelt, um über einen Verbrecher Gericht zu halten, der nicht allein beschuldigt war, eine große Anzahl ihrer Pferde gestohlen zu haben, sondern den man auch eines Mordes anklagte. Gerade in jener Zeit war nämlich der alte Pehuenche, der die Fähre zwischen der Nontue- und Huetchun-Lagune hatte, an dem nördlichen Ufer des Seearms erschlagen worden. Als die Indianer damals dem Pferdedieb folgten, dem sie ziemlich dicht auf den Fährten saßen, kam das Boot oder Floß auf all ihr Schreien und Rufen nicht herüber, und einer der Häuptlinge sah sich endlich gezwungen, mit seinem Pferde den breiten Arm zu durchschwimmen – ein gefährlicher Weg, der früher schon manchem Indianer das Leben gekostet hatte. Die Fähre lag dort auch angebunden im Schilf, aber neben ihr ebenfalls der Fährmann, kalt und starr in seinem Blute, und es gab kaum eine andere Möglichkeit, als daß jener Bube, einesteils um keinen Zeugen gegen sich zu haben, andernteils um den Indianern den Weg abzuschneiden und seine Flucht zu sichern, den alten Mann mit kaltem Blut ermordet hatte.

Die Verfolger wurden damals so lange aufgehalten, daß er genügenden Vorsprung gewann, den andern Hang der Kordilleren und die Ansiedlungen zu erreichen. Aber die Pehuenchen hatten ihn nicht vergessen, und Don Pedro hätte es zweimal bedenken sollen, ehe er sich wieder in den Bereich ihrer Lassos wagte. Trotzdem behandelten sie den Gefangenen, bis seine Schuld erwiesen und er von den Kaziken verurteilt worden, gut. Es war ihm die ganze Zeit verstattet gewesen, im Lager frei umherzugehen, nur kein Pferd durfte er besteigen, und selbst damit – wohin hätte er fliehen wollen? An der Fähre des Ranco-Passes lagerte Tchaluak, der durch Boten schon den Befehl erhalten hatte, keinen Weißen passieren zu lassen, wenn ihn nicht ein Bote des Kaziken Jenkitruss begleitete. – Nach Norden hinauf? Wie wollte er ohne Lasso und Bolas die vielen Tagereisen durch die Steppe zurücklegen, und streiften dort nicht eben ihre Horden herum, denen er wieder in die Hände fallen mußte? – Flucht war unmöglich oder doch fast so, und Pedro Alfeira kannte die Pampas selber viel zu gut, um gerade in dieser Jahreszeit einen Versuch zu wagen. Was trieb ihn auch dazu? Seine Gefangenschaft unter den Pehuenchen? Man hatte ihm fast jede Freiheit gelassen, die er begehrte, und reichliche Nahrung gegeben – er bedurfte für den Augenblick nicht mehr, und kam der Sommer heran, so fand er schon wieder Gelegenheit, sich einem ihm lästig werdenden Zwang zu entziehen.

Da traf ihn mitten in seiner geglaubten Sicherheit die Zusammenkunft der Kaziken, und ehe er nur die Gefahr ahnte, in der er sich befand, stand er auch schon vor seinen Richtern – ein fast überführter Verbrecher. Allerdings leugnete er alles; er hatte, wie er behauptete, weder Pferde aus der Pampas geführt, noch selbst den Weg über die Fähre eingeschlagen; alle Pampaswasser waren trocken gewesen, und ohne sich des geringsten Vergehens bewußt zu sein, wollte er damals in kurzen Tagereisen den Weg nach dem Villa Rica-Paß eingeschlagen und denselben passiert haben. Dagegen sprach Tureopans Zeugnis, der ihn damals selber südlich von der Nontue-Lagune gesehen hatte, aber keinen Verdacht schöpfte, bis Paillacan ihn zur Verfolgung aufrief. Diese beiden Kaziken fanden nachher die Leiche des Fährmanns und nicht weit davon eine weiße Schnalle, wie sie kein Indianer, wohl aber der Argentiner an einem der Lederriemen um seine langen Stiefel getragen.

Der Weiße leugnete noch immer, da kochte das Blut der Wilden auf. Sie wußten, daß er das Verbrechen begangen, und Haß und Rache gegen den Übeltäter trieben sie zum Äußersten.

Draußen Wache haltende Indianer wurden hereingerufen, der Gefangene gefaßt und gebunden, und Saman, das untere Ende eines Lassos mit dem Knopf daran in der Hand, peitschte ihm die Schultern, daß er in wilde Schmerzensschreie ausbrach.

»Erbarmen! Erbarmen!« schrie der Unglückliche. – Die Wilden kannten das Wort nicht. Wie sie selber imstande waren, die größten Schmerzen, selbst Todesqualen mit frischem Mut zu ertragen, verachteten sie auch die Klagen eines gequälten Menschen. Saman schlug, so lange er einen Arm regen konnte, und Alfeira, der sich unter den furchtbaren Hieben wand, stöhnte, daß er ein Bekenntnis ablegen wolle. Jetzt erst wurde er freigelassen, und mit einem scheuen Blick, denn Saman blieb mit dem gehobenen Lasso neben ihm steten, bekannte er, die Pferde geraubt und den Fährmann, um nicht von ihm verraten zu werden, ermordet zu haben.

Todesstille herrschte indessen in der Versammlung; schweigend und mit eiserner Ruhe vernahmen sie die Erzählung von der Untat, und als der Unglückliche geendet, starrten sie alle lautlos vor sich nieder.

Es war nichts mehr zu fragen.

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»Führ ihn hinaus, Saman«, sagte Jenkitruss mit ruhiger, leidenschaftsloser Stimme. »Die Häuptlinge werden indessen bestimmen, was mit ihm geschehen soll. Führ ihn hinaus – wir wollen ungestört sein.«

Saman nahm dem Delinquenten die Schlinge, die er ihm um die Füße geworfen hatte, damit er ihn am Boden besser bearbeiten konnte, ab und rief dann ziemlich barsch: »Hinaus mit dir, mein Bursche! Du hast gehört, was der Häuptling gesagt hat. Du wirst hoffentlich nie wieder Pferde stehlen und Pehuenchen erstechen – hinaus mit dir!«

Alfeira trat vor das Zelt, er war nicht gefesselt; wozu auch hier inmitten vom Lager, inmitten der weiten Pampas durch den angeschwollenen Limaï von jeder Verbindung mit den Bergen abgeschnitten; und wäre er in die Pampas hinausgerannt, wie bald hätten ihn die Indianer wieder gehabt und sich noch ein Vergnügen aus der Hetze gemacht. Scheu blickte er umher; ein Gedanke an Flucht zuckte, trotz all der Gefahren, die ihn umgaben, durch seine Seele, denn er ahnte das Furchtbare, das ihn erwartete; war er doch selber schon Zeuge gewesen, wie diese nämlichen Pehuenchen einmal vor längeren Jahren einen Landsmann von ihm, den sie auf einem ähnlichen Vergehen ertappt, unter Jubeln und Lachen zu Tode geschleift und seine Leiche dann draußen in der Pampas für Pumas und Aasgeier gelassen hatten. Aber wie sollte er entfliehen? Kein Pferd war draußen angebunden, als das seines Henkers, das dieser jetzt selber bestieg und langsam die Straße hinunterritt, sich um den Gefangenen wenig genug kümmernd; überall aber standen in kleinen Gruppen einzelne Indianer umher, die ihn mit düsterem Haß betrachteten; und wie rasch hätten sie Alarm gegeben, wenn er nur Miene machte, sich zu entfernen. Dabei flogen die Minuten, und in wie wenigen mußte sein Schicksal entschieden sein.

Welche furchtbare Zeit des Wartens und Harrens hatte indes der alte, unglückliche Chilene durchlebt, wie oft gefragt, wie oft gebeten, daß man ihn nur ein einzig Mal sein Kind möge sehen lassen – umsonst. Die einzige Antwort, die er erhielt, war, daß Jenkitruss mit seinen Frauen hinaus in die Pampas gezogen sei und dort einige Wochen bleiben werde; wenn er zurückkehre, würde er sich vielleicht entscheiden. Vielleicht entscheiden, das blieb der einzige Trost, der einzige Lichtblick in seiner Nacht des Elends.

Aber jetzt war er zurückgekehrt. José, der im Hauptlager gewesen, um Fleisch dort zu holen, womit ihn Mankelav reichlich versah, brachte die Kunde mit zurück. Er hatte selber den Kaziken gesehen, als er in das Beratungszelt ging, und viele Häuptlinge sollten dort, wie man ihm gesagt, beisammen sein.

Er war zurück – das blieb der einzige Gedanke, der die Brust des alten Mannes mit neuer Hoffnung füllte. In zitternder Hast befahl er José, ihm sein Pferd zu fangen und zu satteln und dann Cruzado zu rufen, daß er selber mit dem Kaziken sprechen, sich ihm zu Füßen werfen wolle, wenn es kein anderes Mittel gehe, sein hartes, eisernes Herz zu erweichen. José bat und flehte, er möge es unterlassen, da Jenkitruss ja den strengen, grausamen Befehl gegeben habe, ihn nicht mehr zu belästigen, bis er selber den Weißen rufen lasse. Sollte er sich hier in Jammer und Ungeduld verlieren, nur weil er den Zorn des Häuptlings fürchtete? Nein, was konnte ihm geschehen? Er konnte ihn töten; aber lieber tot, als diesen Jammer, diese furchtbaren Gedanken länger zu tragen.

José mußte endlich gehorchen und das Pferd einfangen; es war aber in der langen Zeit der Ruhe und guten Pflege so wild und übermütig geworden, daß er das gar nicht so leicht fand und es kaum bändigen konnte. José aber wußte mit Pferden vortrefflich umzugehen und – wie alle Chilenen – den Lasso zu gebrauchen. Er bekam es endlich und brachte es zum Zelt, wo Don Enrique schon in zitternder Ungeduld seiner harrte und den Sattel selber auflegte und festschnallte.

»Die Pistolen sind in den Holstern, Señor!« sagte José, während er das Tier am Zügel hielt; »soll ich sie lieber herausnehmen?«

»Nein, Compañero!« erwiderte der alte Mann; »die gehören hinein, und weigern sie mir jetzt mein Kind, so suche ich es, das schwöre ich dir beim ewigen Gott, denn nicht länger lasse ich mich mehr zurückhalten.«

»Señor!« bat der Bursche.

»Es ist gut, packe meine Reisetasche und lege sie zurecht, daß ich nachher nicht aufgehalten werde. Auch dein eigenes Pferd bring herbei, die nächste Stunde muß unser Schicksal entscheiden.«

»Oh, bester Señor,« sagte José, »wenn Sie durch Ihre Hitze nicht alles verderben – Paciencia –«

»Fort mit dir,« rief der alte Mann, »ich will das Wort nicht mehr hören, das mir jetzt seit Monden das Blut vergiftet hat. Paciencia? Fort – tue, was ich dir befohlen; die Folgen auf mich!« Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, schwang er sich mit Jugendfrische in den Sattel und trabte dem andern Lagerplatz zu, wo er die Häuptlinge versammelt wußte.

Dort angelangt, zügelte er sein mutiges Tier aber überrascht ein, denn noch von weitem hatte er ein klägliches Geschrei gehört, während jetzt Totenstille herrschte. Er horchte – nicht ein Laut ließ sich vernehmen, und als er näher kam, sah er, wie einzelne Gruppen von Indianern vor ihren Zelten standen oder auch wohl langsam die Straße hinaufschritten, die nach dem Beratungsplatze führte. Er selber ritt jetzt im Schritt in die Zeltstadt hinein; der Beratungsplatz mußte jenes Zelt sein, vor dem sich die Leute sammelten, dort fand er auch vielleicht Cruzado, der dem Kaziken seine Bitte vortragen sollte. Gerade da, wo er hielt, wuchs einer jener Apfelbäume, die überall zerstreut im Lager umherstanden und wie angepflanzt schienen, um die Zelte daran befestigen zu können. Er stieg ab, hing den Zügel seines Pferdes an einen von dessen Zweigen, und schritt langsam und mit klopfendem Herzen der Stelle zu, die heute sein Schicksal entscheiden sollte.

Aus dem großen Zelt heraus trat der Argentiner Don Pedro, den er von früher kannte; er sah totenbleich und verstört aus und trug Blutspuren im Gesicht; mit scheuem Blick schritt er an ihm vorüber. Aber rasch vergaß der alte Mann alles andere um sich her, denn dort in die Tür des Beratungszeltes trat Jenkitruss, der Kazike selber – er, den er die ganze lange Zeit umsonst gesucht.

Die ihm nächsten Indianer schrien etwas auf ihn ein, er verstand sie nicht. Einige sprangen zurück, andere deuteten auf den Weg, den er eben gekommen – hatte das Bezug auf sein Kind? Irregemacht und erschreckt wandte er den Kopf, als auch in demselben Augenblick sein eigener Schimmel, der Argentiner im Sattel, an ihm vorüberflog.

»Haltet den Schuft!« schrie Jenkitruss, der mit einem Blick das Ganze übersah, »er will entfliehen, reißt ihn vom Pferde!«

Die Indianer sprangen zu, Jenkitruss selber trat in den Weg, um ihn aufzuhalten – ein Blitz – ein Knall, und seitab, mitten zwischen die Zelte hinein, flog das flüchtige Tier mit einem Satz.

In das Lager hinein trieben zwei Indianer gerade einen Trupp eingefangener Pferde, und zwanzig, dreißig Pehuenchen krallten sich im Nu in die Mähnen der erschreckten Tiere und schwangen sich auf ihren Rücken. Nur wenige hatten in der Eile einen Lasso aufgegriffen. Fort – nach! war der einzige Gedanke.

Der Doktor und Reiwald standen, erstaunt über das alles und noch gar nicht begreifend, was vorging, mitten im Weg, und über sie hin ging der Trupp – der Doktor wurde zur Seite geworfen; Reiwald, ehe er nur wußte, wie ihm geschah, stürzte zu Boden und die Indianer mit einem wahrhaft teuflischen Geheul über ihn hinweg.

Jenkitruss stand in der Mitte der Straße, den rechten Arm erhoben, die Linke auf die Brust gedrückt – niemand hatte ihn weiter beachtet, denn aller Blicke suchten nur den Flüchtigen – der Kazike machte einen Schritt nach vorn, taumelte, drehte sich um und schlug dann schwer nach vorn auf sein Gesicht nieder, er war tot.Der erste Häuptling der Pehuenchen, Jenkitruss, wurde auf diese Weise, mitten in seinem Lager, von all' den Seinen umgeben, von einem Argentiner erschossen, und der Mörder entkam glücklich.

Die dem Flüchtigen nachsprengenden Indianer hatten natürlich davon gar nichts gemerkt, und wenn sie auch den Schuß gehört, so wußten sie doch kaum, wer geschossen, und noch viel weniger auf wen. Das Ganze war auch so schnell gegangen, daß kaum Minuten darüber verflossen, und wer sich in dem Moment ein Pferd verschaffen konnte, warf sich auf dessen Rücken und sprengte nach, nur um den Fliehenden einzuholen.

Inzwischen ging aber der Angstschrei durch das Lager: Jenkitruss, der Kazike, ist getötet. Indianer hatten ihn aufheben wollen, weil sie zuerst glaubten, daß er von einem der Pferde niedergeworfen wäre, und dann das Blut – die Wunde gesehen.

Mankelav kniete an seiner Seite, er hielt den Oberkörper des Bruders vor sich und sprach zu ihm und bat ihn, zu antworten. Der Kazike atmete noch – er schlug die Augen zu ihm auf und öffnete den Mund, aber kein Wort kam mehr über seine Lippen – er streckte sich noch einmal, zuckte zusammen und lag, eine Leiche, in des Bruders Armen.

Aus allen Zelten stürzten jetzt die Indianer, Männer und Frauen, und ein Geheul erhob sich, das den mit diesen Sitten nicht bekannten Weißen durch Mark und Bein schnitt.

Cruzado stürmte an Meier vorbei, der eben beschäftigt war, den halb bewußtlosen Reiwald aufzuheben und auf die Seite zu schaffen.

»Wo ist der Doktor?« rief er – »der Kazike ist erschossen!«

»Um Gottes willen! von wem?«

»Von dem argentinischen Schuft!«

»Doktor, Doktor! dort drüben,« schrie Meier, der eben die Gestalt des Davonschleichenden noch bemerkte, »die Pferde haben ihn auf die Seite geworfen – haltet ihn.«

Cruzado war im Nu an Pfeifels Seite, der aber, als er ungefähr verstand, um was es sich handle, rasch genug bereit war, dem Rufe Folge zu leisten. Aber was vermochte seine Kunst hier? Er konnte keinen Toten erwecken. Wohl schlug er den Poncho des Kaziken zurück, um wenigstens zu sehen, wo ihn die Kugel getroffen habe – aber nur ein Blick auf die Wunde überzeugte ihn, wie nutzlos jede Hilfe sein würde. Das tödliche Blei hatte das Herz getroffen, der Puls stand still, und langsam tropfte das Leben aus der Wunde.

Still und regungslos stand Mankelav, der Kazike, neben dem Toten. Er hatte sein Haupt im Poncho verhüllt, daß die Pehuenchen seine Tränen nicht sehen sollten – aber er weinte sie ja um den Bruder. Schweigend und lautlos sammelten sich die Indianer um die Gruppe. – Dadurch, daß der Weiße noch Belebungsversuche machte und sein Ohr an das Herz des Toten legte, war ihnen noch nicht jede Hoffnung entschwunden. In der gespanntesten Erwartung hingen die Blicke aller an ihm. Jetzt richtete er sich auf, es war vorbei, und wie er, traurig mit dem Kopfe schüttelnd, den Poncho wieder über die nackte, durchschossene Brust deckte, da brach das Schmerzgeheul von neuem aus. Das dauerte auch eine ganze Weile; endlich ließ Mankelav den Poncho von seinem Haupt fallen, er sah sich still im Kreise um und winkte dann den Indianern, den Häuptling aufzuheben und in das Zelt zu tragen, was rasch und geräuschlos geschah.

Indessen aber war Cruzado zu Meier getreten, und seine Schulter berührend, flüsterte er ihm zu: »Bringe die Weißen aus dem Weg; laß sie in ihr Zelt gehen und es heute nicht mehr verlassen; die Indianer sind erbittert, ich stehe sonst für nichts; mache rasch – ich bringe den alten Mann fort und will dann Mankelav bitten, daß er euch unter seinen Schutz nimmt – fort!«

Die Warnung war zu gut gemeint, um sie nicht augenblicklich zu befolgen, und des Doktors Arm ergreifend, führte Meier ihn zu dem noch immer halbgelähmten Reiwald hinüber, den sie unterstützten und in ihr Zelt hinüberführten; dort machten sie ihm sein Lager zurecht und Pfeifel untersuchte vor allen Dingen seine Verletzungen, die sich glücklicherweise nur als sehr leicht zeigten. Die Pferde waren alle über ihn hinweggesetzt, und beim Niederwerfen hatte er von dem Knie des einen Wilden einen Stoß an den Kopf bekommen und eins der Tiere dann wohl das Fleisch am rechten Bein mit seinem Huf gequetscht; ein Knochen war nicht verletzt worden, und kalte Umschläge konnten ihn bald wieder herstellen.

Der Tag verging unruhig genug; draußen vor dem Zelt wogte es auf und ab, und oft wurden grollende Stimmen und Verwünschungen laut, die wohl das Herz der Weißen hätten erbeben machen können, wenn sie deren Sinn und Bedeutung verstanden. Aber das Zelt selber betrat kein Indianer – selbst Allumapu ließ sich den ganzen Tag nicht bei ihnen sehen, und der Doktor wollte endlich selber einmal hinausgehen, weil ihm die Einsamkeit unheimlich wurde, was aber Meier unter keiner Bedingung zugab.

Erst spät abends und vor Dunkelwerden erschien Cruzado – es war ganz still im Lager geworden, und selbst das Gestöhn, Heulen und Wimmern der Frauen hatte nachgelassen. Der Halbindianer gab ihnen den Grund an. Die Leiche des Kaziken war nämlich, der dortigen Sitte nach, unverweilt zu seinem Wohnsitz in den Pampas geführt worden, wo sich seine Frauen befanden und wo sie mit allen Feierlichkeiten behandelt und beigesetzt werden sollte. Darüber konnten volle acht Tage, vielleicht noch längere Zeit vergehen. Übrigens sagte er ihnen, daß sie nichts mehr für ihre Sicherheit zu fürchten hätten. Die Indianer seien allerdings in den ersten Stunden wütend gewesen und hätten sogar verlangt, die Weißen für das Verbrechen eines der ihrigen büßen zu lassen. Mankelav habe aber strenge befohlen, ihnen kein Leid zuzufügen, selbst nicht dem alten Manne, auf dessen Pferd der Mörder entflohen sei, da auch dieser keine Schuld an dem Vorfall trage.

Und hatten sie den Mörder eingeholt?

Noch war keiner der Verfolger zurück. Er hatte den Weg nach Norden, zum Kusu-Leufu eingeschlagen, und man hoffte ihn, wenn nicht früher, doch an dessen Ufer zu fassen. Das Ufer desselben, wenn er die einzige Furt nicht traf, war steil, der Strom überdies durch die von Norden kommenden Wasser wild angeschwollen, und er mußte dort in ihre Hände fallen.

In den nächsten Tagen schien das Lager wie ausgestorben, denn nur eine notdürftige Wache war hier zurückgeblieben, während alles hinaus in die Pampas strömte, um dort der Feierlichkeit beizuwohnen, die stets bei dem Tode eines Kaziken beobachtet wurde. Wie man aber auch gehofft hatte, diese noch durch die Qualen und Strafe des Mörders zu erhöhen, so sollte der Wunsch doch nicht in Erfüllung gehen, denn nach und nach kehrten die Verfolger auf todmüden Tieren und selber von Hunger erschöpft und entkräftet zurück, um hier die Schreckenskunde von dem Tode des geliebten Häuptlings zu hören. Der Verbrecher war entkommen – mit der Furt durch den Kusu-Leufu genau vertraut und einen sichern, qualvollen Tod hinter sich, wenn er wieder in die Gewalt der Pehuenchen fiel, hatte er die tobende Flut nicht gescheut und war hindurchgeschwommen, und wenn ihm auch vier oder fünf der Indianer folgten, das weiße Vollblutpferd des Chilenen ließ sie bald zurück. Drüben in den Pampas war er ihren Augen entschwunden und, wenn er nicht den dort umherstreifenden indianischen Horden in die Hände fiel, ehe er die nördlichen Distrikte erreichen konnte, gerettet.

Und in welcher Verzweiflung lebte indessen der alte unglückliche Chilene durch die Zeit, in welcher er aufs neue zu tatenloser Ruhe verdammt war. Er faßte allerdings einmal den tollkühnen Entschluß, die Kaziken – selbst bei ihrer Totenfeier in den Pampas – aufzusuchen, aber Cruzado litt es nicht. Hätte er doch sein Leben der drohendsten Gefahr ausgesetzt, ohne auch nur die Möglichkeit eines Erfolges für sich zu haben. Die Indianer lagerten dort in dem Paroxysmus ihres Schmerzes, denn während die Gebräuche der Pehuenchen erfüllt werden mußten und der Körper des Geschiedenen in seinem Zelt seziert wurde, daß nur sein Gerippe übrigblieb, um dann später in einem offenen Grabe, mit Schmuck und Waffen versehen und von seinen ebenfalls getöteten Pferden umgeben, beigesetzt zu werden, hielten die lauten Wehklagen der Frauen den ganzen Stamm in fortwährender fieberhafter Aufregung. Es wäre der Tod jedes Fremden gewesen, der versucht hätte, sie zu stören oder gar eine der Frauen, die dem Kaziken gehörte, mit sich fortzuführen. Die Trauerzeit mußte ablaufen, dann erst hatte Mankelav über das Weitere zu bestimmen.

 


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