Friedrich Gerstäcker
Unter den Pehuenchen
Friedrich Gerstäcker

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19. Kapitel

Der Sammelplatz war des Kaziken eigenes Zelt. Wie erstaunten aber die Deutschen, als sie den Platz, auf welchem dieses gestanden, vollständig geräumt fanden. Nicht die Spur von einem Zelt war mehr zu sehen, aber einige vierzig Pferde hielten dort, fertig gepackt oder mit ihren Reitern, und beinahe unheimlich kam es Reiwald vor, daß keiner von allen ein Wort sprach, ja daß überhaupt nicht ein Laut gehört wurde.

Das war nicht wie ein fröhlicher Jagdzug, der hinaus in die offene Pampas flog, das sah aus, als ob sich eine Schar dunkler, dämonischer Gestalten zu irgendeinem Hinterhalt oder Überfall rüstete. Und selbst die Pferde schienen die nämliche Vorsicht zu gebrauchen wie ihre Herren, denn keins wieherte oder schnaubte, und nur ungeduldig stampften sie, des langen Harrens müde, den Boden. Jetzt, nachdem der kleine, noch erwartete Trupp kaum zehn Minuten dort gehalten, schien der Aufbruch befohlen zu sein, aber kein Kommandowort wurde gehört; die vordersten Tiere setzten sich nur in Bewegung, und die anderen folgten langsam und im Schritt zwischen den noch stehengebliebenen Zelten hin und hinaus in die offene dunkle Pampas. Der Boden war dabei noch so weich, daß man nicht einmal den Schritt der Tiere hörte, und zu sehen war ebenfalls nichts, als links gegen den Horizont jene abgelegene Zeltgruppe, in welcher Don Enrique seinen Aufenthalt hatte. Diese wurde aber vermieden, und weiter und weiter ließen sie das Lager hinter sich, aber immer noch im Schritt, immer noch langsam wie ein Geisterzug.

»Donnerwetter, Reiwald!« sagte der Doktor zu dem neben ihm reitenden Freund, aber auch mit unwillkürlich unterdrückter Stimme, »das ist ja eine merkwürdige Geschichte, und wir stehlen uns hier nachts aus dem Lager fort, als ob wir jemandem was schuldig wären und nicht erwischt sein wollten. Ich möchte nur wissen, weshalb wir Schritt reiten. Meier, haben Sie keine Ahnung?«

Meier hatte den ganzen Morgen noch kein Wort gesprochen, denn die gestrige Überraschung lag ihm noch in den Gliedern und andere Dinge gingen ihm im Kopf herum. Drüben über den Kordilleren lag eine kleine Hütte, in der ein armes, unglückliches Mädchen seiner Rückkehr mit klopfendem Herzen harrte, und hier?

»Es ist rein, um sich eine Kugel über den Kopf wegzuschießen!« brummte er vor sich hin.

»Wie sagen Sie?« fragte Reiwald, der die Worte nicht verstanden hatte.

»Wunderhübscher Morgen!« brummte Meier – »fehlt nur ein kleiner Regenschauer, um den Staub zu löschen.«

»Sie sind wohl toll!« sagte der Doktor; »es quatscht jedesmal, wenn ein Pferd den Huf wieder vom Boden nimmt; aber ich glaube, da drüben kommt der Tag, sehen Sie den hellen Streifen da gerade vor uns, Reiwald?«

»Wird wohl so sein,« nickte dieser, und wieder ritten sie, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, schweigend dahin. Der Tag dämmerte aber in der Tat. Über die Pampas strich ein leichter Luftzug von Osten her, und heller und heller wurde es dort drüben, lichter auch umher, bis sich plötzlich und wie mit einem Schlag die Wolken färbten; ein rosenroter Schimmer ergoß sich über den ganzen östlichen Horizont, und nicht zehn Minuten später erschien auch schon der glühende Rand der Sonnenscheibe über der dunklen Erde.

Unsere beiden Freunde achteten aber fast gar nicht auf den wirklich wundervollen Anblick des erwachenden Tages, denn die Umgebung nahm für den Augenblick ihre Aufmerksamkeit weit mehr in Anspruch.

Voran ritt Jenkitruss, der Kazike, wie immer im bloßen Kopf, mit dem langen, wehenden Haar, die Lanze in der Hand, sein Pferd prachtvoll aufgezäumt und Zaum und Sattel mit Silber und silbernen Zierraten dicht bedeckt, den blauen gestreiften Poncho über die Schultern hängend, daß er ihm bis tief über die Knie niederreichte. Dicht hinter ihm aber drei wahrhaft reizende Wesen, wunderhübsche Frauen in jugendlicher Schönheit und Frische – gleich gekleidet wohl in ihrer blauen, geschmackvollen Tracht, aber doch wie verschieden in ihrem Äußern.

Zwei davon gehörten jedenfalls dem eigenen Stamme an; ihre Haut war, wenn auch nicht braun, doch von lichter Bronzefarbe, und ein reicher Schmuck von kleinen bunten Perlen hing ihnen über die Brust und von den Ohren nieder. – Um so mehr aber stach die dritte gegen sie ab, denn ihre Haut war von blendender Weiße, und das lange schwarze Haar, das bei den Indianerinnen glatt niederfiel, wallte ihr in langen, wundervollen Locken um die Schläfe und über den Nacken nieder. – Und wie bleich sie aussah, wie von Kummer niedergedrückt, während die anderen beiden miteinander plauderten und lachten.

Die indianischen Frauen kennen natürlich keinen Damensattel und sitzen wie die Männer zu Pferde; auch das schien ihr noch ungewohnt; die beiden andern saßen keck und zuversichtlich auf ihren Tieren, unbekümmert, daß das etwas heraufgepreßte Gewand die drallen braunen Waden zeigte; die weiße junge Frau hatte noch einen Poncho um sich her geschlagen, der an beiden Seiten fast bis zum Boden niederhing, und das Köpfchen gesenkt, ritt sie schweigend und traurig neben ihren Begleiterinnen her.

»Beim Himmel,« flüsterte Reiwald dem Doktor zu, »das ist des alten Enrique geraubtes Kind; oh wie schön ist sie und wie lieb!«

»Jetzt weiß ich auch, weshalb wir so heimlich wie die Diebe in der Nacht weggeritten sind,« nickte der Doktor; »sehen Sie einmal diese Unzahl Packtiere – Jenkitruss hat, um dem Alten aus dem Weg zu gehen, seinen ganzen Lagerplatz verändert und wird sich jetzt irgendwo anders mitten in der Pampas niedersetzen, wo ihn, wenn der nächste Regen die Spuren verwischt hat, kein Teufel wiederfinden kann. Soviel ist gewiß, unser Ritt hierher, soweit er das arme Mädchen betraf, war umsonst, denn daß der rote Lump die nicht wieder herausgibt, darauf können Sie Gift nehmen – und ich täts auch nicht an seiner Stelle.«

»Armes Kind,« seufzte Reiwald, »ob sie wohl ahnen mag, daß ihr Vater tagelang in demselben Dorf mit ihr gelagert hat?«

»Ich glaube kaum, sie säße sonst nicht so ruhig und resigniert auf ihrem Tier, und was könnte es ihr auch helfen; sie wäre doch nicht imstande, etwas an der Sache zu ändern, und es würde ihren Schmerz nur verstärken, ja sie vielleicht zur Verzweiflung treiben.«

»Wie wunderschön sie ist und wie bleich – Herr Gott, ich möchte nicht gern eines Menschen Blut vergießen, aber dem kupferfarbenen Kaziken da vorn könnt' ich, glaube ich, mein Messer mit Vergnügen zwischen die Rippen stoßen.«

»Daß sie Ihnen nachher einfach den Hals abschnitten; weiter würden Sie doch nichts damit bezwecken«, sagte der Doktor. – »Aber da fängt Jenkitruss an zu galoppieren; jetzt wird wohl Leben in die Sache kommen.«

Er hatte recht. Der Tag war vollständig angebrochen, und die Sonne warf ihr Licht über einen milchigen dünnen Nebel, der sich jetzt durch die aufsteigenden feuchten Dämpfe auf die Steppe legte und bald den ganzen weiten Plan wie mit durchsichtigen luftigen Kräuselwolken füllte. Der Kazike drückte seinem Rappen die schweren silbernen Sporen in die Seite, daß er mit jähem Satz voranflog, ihm nach folgten die Frauen, und die Pferde richteten sich von selber nach dem Führer, denn um sie her schwärmten die mitgenommenen Begleiter, vielleicht zwanzig an der Zahl, ihre Lassos alle hinten am Sattel aufgerollt, ihre Bolas um die Hüften gebunden, die lange Lanze in der Hand, mit flatternden Ponchos und Haaren, die lange Zügeltroddel, die von rechts hinter dem Reiter über den Sattel geworfen war, an der linken Seite auf der Erde nachschleppend. Ja selbst die Packtiere, vielleicht fünfzig an der Zahl, mit ihren Zeltbündeln auf dem Rücken, die leichten Stangen schleifend, folgten dem Tempo und hielten wacker Schritt mit den Übrigen.

Jenkitruss indessen hatte sich ein paarmal nach seiner Schar umgesehen und augenscheinlich auch die Deutschen mit den Augen gesucht. Eine von seinen indianischen Frauen indessen, die einen mutigen Rappen ritt, war vorangesprengt und führte den Zug an, während der Kazike etwas zur Seite lenkte und sein Pferd einzügelte, bis die Deutschen an seiner Seite waren.

»Ah, los Alemanes«, nickte er hier ihnen freundlich zu, und zwar in einem Gemisch der spanischen und Pehuenchensprache, von der die beiden Freunde keine Silbe, als nur das eine, oft gehörte Wort Alemanes verstanden. »Habt ihr euch richtig eingefunden? Das ist recht. Nun wollen wir sehen, was ihr mit euren Flinten ausrichten könnt, und ob ihr mehr erlegt, als ich mit meiner Bola.«

»Jawohl!« sagte der Doktor, mit keiner Ahnung, was er gesprochen hatte, »wunderschöner Morgen heute, nur ein bißchen frisch.«

Der Kazike schüttelte lächelnd mit dem Kopf und winkte seinen Escribano heran, der sich indessen mit Meier unterhalten und ihn über Chile, besonders aber über des Kaziken Kajuante Dorf, wo er bekannt schien, gefragt hatte. Dieser sollte zwischen ihnen vermitteln, aber selbst das genügte nicht, denn Doktor Pfeifel kam mit seinem Spanisch auf einem galoppierenden, und heute besonders unruhigen Pferde noch viel weniger zustande, wie auf fester Erde. Meier mußte noch ebenfalls herzu, und jetzt erklärte ihnen Jenkitruss, daß er beabsichtige, einige Monate dort zu lagern, wohin sie heute gingen, und daß er später vielleicht noch weiter nach Osten ziehen würde. Sie, die Alemanes, könnten bei ihm bleiben, so lange sie wollten, und Guanakos, Strauße und Pumas jagen nach Herzenslust.

»Und wohin gehen wir eigentlich?« fragte der Doktor in etwas unüberlegter Weise; denn welcher fremde Name ihm auch genannt worden wäre, er hätte doch keine Ahnung gehabt, wo der Platz läge. Der Kazike aber lachte, und mit dem Arm vorausdeutend – und sie nahmen jetzt eine ziemlich südöstliche Richtung – sagte er: »Dorthin«, gab dann seinem Pferde die Sporen und sprengte wieder vorn an die Spitze des Zuges, zu seinen Frauen.

Wieder galoppierten sie eine Strecke Weges.

»Ha, Guanako!« rief da plötzlich Jenkitruss selber, dessen Adlerblick die Ebene fortwährend überflogen hatte, wenn er auch die fliehenden Kasuare nicht beachtete. In demselben Moment auch fühlte sein Brauner den Schenkeldruck, und es sah prachtvoll aus, wie der Wilde über die Ebene flog. Ohne dabei nur den Kopf zu wenden, hatte er dem ihm nächsten Indianer seine Lanze zugeworfen, und während sein Roß kaum den Boden zu berühren schien, hob er sich leicht im Sattel und knüpfte die Bolas los, die er, wie alle übrigen, um den Leib gewunden trug. Er schnitt quer durch die Pampas, als ob er dem Rudel vorüberjagen wollte; dadurch aber rückte er ihnen, ehe sie sich völlig klar über die Gefahr wurden, merklich näher, und jetzt erst, als er wußte, daß er sich in ihren Bereich gebracht, änderte er plötzlich seinen Kurs, und wie der Pfeil vom Bogen schnellte das Roß gerade auf sie zu. So rasch geschah das alles, daß die scheuen Tiere nicht gleich einen Entschluß fassen konnten, nach welcher Richtung sie fliehen sollten; rechts und links stoben sie auseinander, und stutzten und hielten wieder, bis endlich der Führer des Rudels die Leitung übernahm und, von den übrigen gefolgt, mit langen Sätzen durch die Pampas floh. – Aber es war zu spät – wenigstens für die Nachzügler. Hinter ihnen drein flog des Indianers wackerer Renner, und der Wilde, mehr in den Steigbügeln stehend, als im Sattel ruhend, den rechten Arm hochgehoben und die Bolas in schwirrenden Kreisen um seinen Kopf schwingend, folgte ihnen auf den Fersen.

Jetzt wandten sich die Tiere in ihrer Angst, da sie sahen, daß ihnen der Verfolger nahe kam, nach links ab, so daß sie den Weg zurückflohen, den der Reitertrupp eben gekommen war, und dadurch konnten die Deutschen die Jagd vollkommen übersehen. Der Kazike mochte noch etwa hundert Schritt hinter ihnen sein, da richtete er sich hoch und voll empor, noch einmal schwangen sich die Bolas um den Kopf – jetzt flogen sie aus; wie wirbelnde Punkte ließen sie sich in der Luft erkennen; nun verschwanden sie, und in demselben Moment auch fast brach eins der flüchtigen Tiere zusammen und überschlug sich, durch das Gewicht des eigenen Körpers getrieben.

Der Kazike aber kümmerte sich nicht weiter darum, er wandte sein Tier und galoppierte langsam zu dem Zug zurück, während die beiden Indianer nun in voller Karriere auf das sich noch am Boden windende Stück zuflogen, aber ebenfalls nicht von ihren Pferden stiegen. Nur der Lasso wirbelte um den Kopf und flog aus, erst von dem einen, dann von dem andern. Beide hatten ihn um den Kopf des gestürzten Tieres geworfen, und in demselben Moment auch wandten sie ihre Pferde und jagten, das erlegte, aber noch lebende Wild hinter sich herschleifend, so rasch als ihre Pferde rennen konnten, zu den Ihrigen zurück. Als sie hier ankamen, war das Guanako, dem sie den Halswirbel gesprengt hatten, natürlich verendet, und eins der leeren Pferde blieb nur zurück, um die Beute auf seinen Packsattel geschnürt zu bekommen.

Bis gegen Abend begegnete ihnen auch weiter nichts Merkwürdiges. Sie trafen wohl noch einige Male Strauße, Guanakos und zweimal selbst eine kleine, aber sehr zierliche Art Rotwild, doch hielten sich die Indianer nicht mehr mit deren Verfolgung auf. Ihre stete Antwort war, es gäbe deren noch mehr, und erst als sich die Sonne schon rasch gegen den Horizont neigte, wurde gehalten und das Lager aufgeschlagen.

Das große Zelt des Kaziken, das sie ebenfalls bei sich führten, benutzte man hier allerdings nicht, aber eine Anzahl von kleinen schlug man in unglaublich kurzer Zeit und mit merkwürdiger Geschicklichkeit auf. Von diesen waren für den Kaziken und seine Frauen zwei bestimmt, eins für die Deutschen und den Dolmetscher und in den übrigen mochten sich die Indianer, so gut es eben gehen wollte, einrichten. – Alle hatten aber nicht Platz darunter, was jedoch nichts schadete, da diese Nacht kein Regen drohte, und bei trockenem Wetter schlief es sich ebensogut unter freiem Himmel.

Ihre nächste Tagesreise war eine sehr kurze, denn schon um zehn Uhr hatten sie den Platz erreicht, den sich Jenkitruss ausersehen, um dort einige Zeit zu verbringen und von der Jagd zu leben. Es war in der Tat ein so freundlicher Platz, wie man ihn nur irgendwo in der weiten Steppe hätte finden können, und wirklich malerisch gelegen. Ein kleiner Bach, der im Sommer wahrscheinlich ganz eintrocknete, mündete hier in eine, vielleicht zweihundert Schritt im Durchmesser haltende Lagune, die allerdings nicht von Bergen, aber doch von dem ringsumher liegenden, etwas höheren, wellenförmigen Land eingeschlossen und vollständig gegen den Wind geschützt lag.

Und wie bald war das Lager hergestellt, ja selbst des Kaziken großes Zelt fast so rasch aufgeschlagen, als man es neulich nachts abgebrochen hatte.

»So!« sagte Meier, als ihre vorläufige Wohnung ebenfalls errichtet worden und wirklich nichts zu wünschen übrig ließ; »wenn Sie nun meinem Rat folgen wollen, so geht einer von Ihnen, der der beste Schütze ist, auf die Jagd und schafft uns entweder einen Hirsch oder ein Guanako in die Küche; sonst können wir uns darauf verlassen, daß wir wieder Pferdefleisch zu essen bekommen. Ich will indessen das Zelt in Ordnung bringen und einen Kaffee kochen.«

»Dann geh ich,« erwiderte Reiwald, »aber am liebsten zu Fuß; wenn ich nur wüßte, ob Wild hier in der Nähe steht?«

»Ach, Wild gibts genug,« meinte Meier; »können Sie's aber auf dem Buckel hereintragen? – Warten Sie einmal – was haben denn die Indianer vor? Die satteln ja noch gar nicht ab – heh, Tymaco, was gibts denn – weshalb steigt denn der Kazike nicht vom Pferd?«

»Große Jagd!« sagte dieser. »Die vorausgeschickten Indianer haben ein tüchtiges Rudel Guanakos und Hirsche vorn in den Pampas gesehen, gar nicht weit von hier über jener Höhe, und jetzt sollen sie umritten werden. Sag deinen Deutschen, daß sie sich fertighalten. Sobald die Zelte stehen, reiten wir ab.«

»Nun,« beruhigte sich Meier, »dann kriegen wir Fleisch genug und dürfen mit dem Kaffee noch warten.«

Dem Doktor war es nicht ganz recht; er hätte sich lieber erst ein wenig von der Strapaze ausgeruht. Da aber ein großes Terrain umritten werden sollte, so durfte sich niemand ausschließen. Selbst die Frauen sollten mit im Zug reiten, und Reiwald bemerkte, wie die beiden jungen indianischen Frauen vor Lust aufjauchzten und toll und mutig ihre Tiere umhertummelten. Stumm und in alles ergeben, saß dagegen Irene auf ihrem Pferd, einem kleinen, aber prachtvollen Paßgänger, der schon Reiwalds Bewunderung erweckt hatte, als er neben den scharf galoppierenden Tieren der anderen nie aus seiner eigentümlichen Gangart gebracht werden konnte und trotzdem immer Schritt mit ihnen hielt, ja zurückgehalten werden mußte, um nicht vorauszueilen.

Und keine Wache blieb bei dem Lager zurück, denn kein Feuer war noch entzündet worden; aber ihre Lanzen legten die Krieger ab, ja die Ponchos sogar warfen sie von den braunen Schultern, um vollständig frei und Herr jeder Bewegung zu sein, und nun erst übernahm der Kazike die Leitung und ordnete das Treiben.

Er wußte genau, wo das Wild stand, denn er kannte hier jeden Fußbreit des Terrains, ebenso aber auch die Richtung, die es, wenn aufgescheucht, gewöhnlich nahm, und danach verteilte er die Seinen, und zwar in zwei gleiche Trupps, wenigstens an Zahl, wenn auch in ihrer Zusammensetzung sehr ungleich. Er selber nahm die Frauen und die Deutschen, also die bunteste Truppe, dazu seinen Escribano und noch fünf oder sechs Indianer; die übrige Schar schwenkte links ab, zuerst in einem leichten Trab den Hang hinauf, dann, als sie dort schon in Sicht von einem Rudel Guanakos kamen, langsam in Schritt darüber hin, bis sie wieder eine Senkung des Bodens erreicht hatten und nun im Galopp, was die Pferde laufen konnten, in einem Bogen voraus, wobei in gewissen Entfernungen immer ein Reiter zurück und halten blieb.

Jenkitruss gebrauchte auf seiner Seite die nämliche Vorsicht, und in außerordentlich kurzer Zeit war das vorher entdeckte Wild umzingelt, so daß es schon jetzt kaum mehr fliehen konnte, ohne in den Bereich von Bola oder Lasso der Jäger zu kommen. Mit einer Ordnung und Umsicht wurde dabei das Ganze ausgeführt, von der besonders Reiwald, ein passionierter Jäger, entzückt war. Kaum zeigten sich übrigens die Reiter auf dem höheren Lande oder mußten sich vielmehr zeigen, weil ihnen das Terrain keinen Schutz mehr bot, als sich das Wild auch beunruhigt fühlte. Ein ganzer Schwarm langbeiniger Strauße gab zuerst den Alarm und suchte nach Süden zu auszubrechen. Dabei nahmen sie genau die Richtung, in welcher der Doktor jetzt, seine Reihe haltend, langsam angeritten kam. Als sie seiner ansichtig wurden, stutzten sie allerdings und wollten sich rechts wenden, aber dort bemerkten sie ebenfalls die aufsteigenden Gestalten neuer Feinde, und nun war kein Halten mehr. In toller Flucht brachen sie hindurch, und der Doktor, um den es ein paar Sekunden lang von Straußen ordentlich schwärmte, geriet dadurch so in Aufregung, daß er gar nicht wußte, auf welchen der großen, langbeinigen Vögel er zuerst zielen sollte. Er bemerkte dabei gar nicht, daß eine der jungen indianischen Frauen ihr Pferd ebenfalls aus der Linie gelenkt hatte und gerade auf ihn zuflog. – Ein sehr großes Tier schob jetzt, mit den kurzen Flügeln auf das ungeschickteste dabei arbeitend, dicht an ihm vorüber; sollte er mit Schrot oder mit der Kugel schießen? – Erst mit der Kugel; wenn er dann fehlte, traf er mit Schrot gewiß. Der Schuß dröhnte über die Ebene; aber, lieber Gott, wie hätte er an einen zweiten denken können! Der Strauß floh unbeschädigt davon, aber sein eigenes Pferd, an nichts weniger als Schießen gewöhnt, bäumte empor und fing an, hinten auszuschlagen, während der Doktor die größte Mühe hatte, sich nur selber im Sattel zu halten.

Es war gut für ihn, daß er das fröhliche Lachen des jungen mutwilligen Geschöpfes nicht hörte, das jetzt an ihm vorüberflog und dabei so sicher wie einer der Indianer selber die Bola um ihren Kopf schwang. Diese flog auch im nächsten Augenblick aus, und der Strauß, dem sie im Nu die langen Beine umschlang, stürzte in das Gras nieder und zuckte und zappelte vergebens, um sich davon freizumachen.

Jenkitruss, der Zeuge des Ganzen gewesen war, stieß einen gellenden Jubelruf aus, aber die eigentliche Jagd nahm auch für den Moment seine Aufmerksamkeit zu sehr in Anspruch, um sich mit diesem kleinen Intermezzo länger abzugeben.

Ein Rudel Hirsche – die kleinere Pampasart, alle mit sechsendigem und ziemlich spärlichem Geweih, hatte sich nach Osten wenden wollen, war aber dort die auftauchenden Feinde innegeworden und fand, als sie nach Süden hinüberbogen, dort ebenfalls die Bahn verstellt. Wieder zogen sie zurück und sammelten sich in einem starken Trupp fast in der Mitte des Treibens, wo sich ihnen auch einige zwanzig Guanakos anschlossen, die von Norden herunterkamen und, ebenfalls geängstigt und irregemacht, bei dem Rotwild anhielten. Oben waren auch noch ein paar einzelne Strauße durchgegangen; einer der Indianer hatte den letzten mit dem Lasso gefangen und schleifte ihn, ohne es der Mühe wert zu achten, deshalb anzuhalten, hinter sich her.

Enger und enger rückten die Pehuenchen jetzt zusammen, schon war der äußere Kreis in Büchsenschußweite an die scheu und zitternd zusammendrängenden Tiere gelangt, und Reiwald wußte, daß er, wenn er in den Haufen schoß, vielleicht drei oder vier auf einmal erlegen konnte. Aber er schämte sich, dies zu tun, und doch fühlte er sich nicht ganz sicher, später eins von ihnen auf der Flucht mit der Kugel zu treffen. Sein verwünschtes Pferd war auch dabei so unruhig geworden, daß er es kaum mehr bändigen konnte. Da plötzlich gab der Kazike ein Zeichen, und von allen Seiten zugleich brachen die Indianer auf das Wild ein, das diesem Anprall aber nicht mehr standhielt.

Kurz vorher hatte Reiwald ein Stück Wild, wie er zuerst glaubte, im Lager bemerkt. Der dunkle Körper lag wenigstens dicht auf den Boden geschmiegt, und trotzdem bewegte er sich langsam fort, wie eine Schlange im hohen Gras, aber ohne Windungen, sondern in gerader Linie, und zwar in einer Richtung, die zwischen ihm und seiner Nachbarin, der jungen weißen Frau, lag. Was war das nur eigentlich? – Er warf einen Blick zu Irene hinüber und bemerkte bald, daß auch sie sich nicht ganz dem Interesse der Jagd hatte verschließen können. Nicht mehr still und in sich gekehrt saß sie auf ihrem kleinen muntern Tiere, das unter ihr sprang und tanzte, sondern ihr ganzer Körper hatte sich gehoben, und in der Erregung des Augenblicks – denn sie erkannte, was da vor ihr im Grase schlich, wandte sie den Kopf dem Häuptling zu und deutete mit dem weißen Arm nach vorn.

Jenkitruss, dessen Blicke nie auf lange von ihr abschweiften, bemerkte im Nu die Bewegung und folgte der angedeuteten Richtung mit dem Auge. In demselben Moment aber zog er die gehobenen Bolas zurück und ergriff sie mit der linken Hand, die den Zügel hielt; dann sich im Sattel zurückbiegend, löste er rasch den Lasso – im Nu hielt er ihn geordnet zwischen den Fingern, und jetzt, einen gellenden Schrei ausstoßend, fühlte sein Tier den Schenkeldruck und flog seitab, dem im Gras halbversteckten Tiere zu.

Das schien allerdings die Bewegung zu bemerken, und einen Moment lag es still und regungslos, aber das Pferd war schon dicht heran, der Lasso wirbelte um den Kopf des Reiters, und nun erst, sich plötzlich aus dem Gras emporschnellend, sprang ein mächtiger PumaPuma, der amerikanische Löwe, Kuguar, Felis concolor – von den Pehuenchen Pangi genannt. auf und floh, den langen Schweif gerade hinaushaltend, in weiten Sätzen dicht an Irenes Pferd vorüber, aus dem Kreis.

»Pangi! Pangi! Ein Löwe!« schrien die ihm nächsten Indianer, aber Jenkitruss war schon dicht hinter ihm, und das Wild selber nahm ihre Aufmerksamkeit in Anspruch. Nach allen Seiten stob es jetzt in wilder Flucht auseinander, und jauchzend und schreiend, mit wirbelnden Bolas und Lassos folgten ihm die Indianer. Dort schlug ein Guanako, von den Schlingkugeln getroffen, auf den Boden nieder, hier sprang ein Hirsch, der rettungslos im Lasso hing, und sträubte sich vergebens gegen die Gewalt, die ihn zu Boden riß, und Reiwald, der sich an dem Doktor ein Beispiel genommen und nicht vom Sattel aus schießen wollte, sprang ab, fehlte ein Guanako und schoß dann einem an ihm vorüberflüchtenden Alttier eine Ladung Schrot aufs Blatt, daß es in seinen Fährten zusammenbrach.

So sehr ihn aber das erlegte Stück auch freute, so wandte er doch fast keinen Blick darauf, denn gar nicht weit von ihm entfernt flog der Lasso des Kaziken aus, und der Puma wurde von dem sich im Nu herumwerfenden Pferd in seinen nächsten Satz zurück und auf die Seite gerissen. Jenkitruss übrigens, der die Natur dieser Bestien genau kannte, spornte sein Pferd aus allen Kräften, um dem »Pangi« keine Möglichkeit zu geben, wieder auf die Füße zu kommen. – Der Kuguar aber war rascher und gewandter als der Rappe, der nicht so schnell dem Befehl Folge leisten konnte. Wie vom Boden emporgeschnellt, fuhr er in die Höhe, und sein scharfer Biß traf im Nu den Lasso – doch umsonst – das zähe, trocken elastische Leder konnte er nicht so rasch durchbeißen, und ohne auch nur einen zweiten Biß zu versuchen, warf er sich schon im nächsten Augenblick direkt auf seinen Feind.

Jenkitruss selber hatte ihn aber nicht eine Sekunde aus den Augen verloren und schien gar nicht gesonnen, sich in zu großer Nähe mit ihm einzulassen. Wohl sprengten jetzt noch zwei andere Indianer herbei; ehe diese aber herankommen konnten, wollte er selber mit seiner Beute fertigwerden. Auch das Pferd hatte jetzt wohl bemerkt, um was es sich hier handele, denn nun griff es plötzlich mit allen Kräften aus – der Kuguar ihm nach, aber der schleifende Lasso hinderte diesen im Sprung; er verwickelte sich mit einer Vordertatze darin und war im Nu wieder geworfen und im Schlepptau. Jetzt aber kümmerte sich der Häuptling nicht mehr um den Lasso, der auch gut genug an seinem Sattelgurt befestigt hing. – Die Bolas, die er bis dahin in der linken Hand gehalten, griff er wieder auf, und wie er sie nur in Schwung gebracht, zügelte er sein Pferd ein, warf es herum und hielt, dem Feinde die Stirn bietend.

Der Kuguar, durch den Lasso über den Boden geschleift, hatte bis jetzt keinen Fußhalt fassen können, kaum aber ließ die Kraft nach, die ihn über die Erde riß, als er auch wieder mit ungeschwächter Wut auf die Tatzen sprang; stolz richtete er sich auf und schaute seinem Gegner ins Auge – aber er sprang nicht.

»Oho!« lachte da der Indianer, »glaubst du, mein Bursche, daß ich dich freigegeben habe?« – und ohne mit dem Wirbeln der Bolas einzuhalten, griff er nach dem Lasso herunter, der jetzt angespannt über seinem linken Knie lag, und riß daran. Kaum aber fühlte der Kuguar den Ruck, als auch der alte Grimm erwachte, er wußte, er war gefangen, und mit einem heisern Ton, mehr Röcheln als Schrei, sprang er gegen das Pferd an.

Dieses wollte sich allerdings zitternd zur Seite wenden, aber fest im Zügel hielt es der Häuptling, und in demselben Moment auch flog die in der Hand des Pehuenchen furchtbare Waffe ihrem Ziel entgegen und traf den Kuguar mitten vor die Stirn, daß er tot zusammenbrach.

Rasch – nur zu rasch ging diese Szene vorüber, aber Reiwald gestand später, daß er in seinem ganzen Leben nichts Prachtvolleres, nichts Entzückenderes gesehen habe, als diesen jungen, kräftigen Indianer, wie er den Löwen der Pampas fing, und nicht feige zu Tode schleifte, sondern ihm männlich und keck begegnete und ihn erlegte. Ja, selbst Irenes Augen hingen – alles andere darüber vergessend, mit zitterndem Interesse an der Gestalt des Kaziken, und ein Lächeln flog über ihre bleichen Züge, als das gefährliche Tier im Todeskampf zusammenzuckte.

Jetzt aber brach auch ein wildes, dröhnendes Jubelgeschrei aus, das die Luft erfüllte, da und dort sprengte wohl noch ein einzelner Indianer hinter dem jetzt ausgebrochenen Wild her, um eins der Guanakos einzuholen, die lange nicht so flüchtig sind als die Hirsche, aber die Übrigen sammelten sich wieder nicht weit von dort, wo sich der Kazike befand, und schleppten ihre Beute zusammen.

Und wie reichlich war die Jagd ausgefallen. Sieben Guanakos, zwei Hirsche, zwei Alttiere, drei Strauße und der Puma lagen auf der Decke, und die Jäger hatten jetzt Vorräte genug, um schon eine kurze Zeit damit auszuhalten, wenn selbst nichts anderes in den nächsten Tagen erlegt werden sollte.

Und welch ein buntes Bild erst der Moment bot, als das erlegte Wild aufgeladen wurde und die Indianer lachend und plaudernd umher standen und sich gegenseitig erzählten, was sie gesehen und wie sie ihre Beute sich gesichert hatten, und wie wurde dabei über den Aleman mit doppelten Augen (der Doktor trug eine Brille) gelacht, daß er sein Wild gefehlt und dann auch noch um ein Haar vom Pferd gefallen wäre, indessen Entunjal, des Kaziken zweiten Frau, mit ihrer leichten Bola den flüchtigen Strauß so rasch erlegt. Es war gut, daß der Doktor das nicht verstand, was sie alles von ihm erzählten und wie [sie] sich über ihn lustig machten.

Überhaupt hatten sich die Deutschen bei dieser Jagd nicht zu ihrem Vorteil ausgezeichnet, den Pehuenchen wenigstens keinen höheren Begriff von der Furchtbarkeit der Schießwaffe beigebracht, da sie mit drei abgefeuerten Schüssen nur ein einziges Stück Wild erlegt. Aber Jenkitruss, dessen Antlitz heute vor Vergnügen strahlte, ritt zu ihnen und ließ ihnen durch seinen Dolmetscher sagen, er freue sich, daß sie heute Zeugen einer so guten Jagd gewesen, und morgen könnten sie nun mit ihren Gewehren einzeln ausreiten, um zu sehen, was sie erlegten, denn zu einem solchen »Treiben« passe allerdings die Flinte nicht, und man komme da weit besser mit Bolas und Lasso aus.

Das Aufladen des erlegten Wildes ging übrigens weit rascher, als die Deutschen gedacht, denn der Doktor war noch emsig beschäftigt, den Kuguar zu betrachten und zu untersuchen, als auch an diesen die Reihe kam. Packtiere hatten sie allerdings gar nicht mitgenommen, aber ihre Pferde konnten auch für die kurze Strecke recht gut das doppelte Gewicht von Mann und Wild laden. So stieg denn ein Indianer einfach in den Sattel und ließ sich eins der nachgeworfenen Stücke heraufgeben, das er vor sich festhielt, die andern folgten nach, und kaum eine halbe Stunde später, während die Sonne noch hoch am Himmel stand, war der Zug schon wieder gerüstet und trat den Heimweg zu den Zelten an.

 


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