Gustaf af Geijerstam
Das ewige Rätsel
Gustaf af Geijerstam

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Zwanzigstes Kapitel

Über dem Himmel zittern heut Nacht die Streifen des Nordlichts. Mit tiefem Dunkel fällt der Schatten des Bergs über das Tal. Und über dem Schatten schimmert der Gipfel.

Vor der kleinen Bahnstation erstreckt sich der Perron, frisch geschaufelt und frei von Schnee. Und langsam gehe ich auf und ab. Unter meinen Füßen knirscht das Holzwerk in der scharfen Kälte. Es ist noch nicht lange her, daß all dies geschah, wovon ich mich in den dunkeln Wintermonaten frei zu schreiben versuchte. Kaum ein Jahr seit dem Tag, da ich mit einem Kind allein zurückblieb. Und doch erscheint mir diese Zeit langer als sonst zehn Jahre. Kein Tag ist vergangen, an dem ich nicht etwas Neues erlebt hätte.

Als ich mich um diesen anspruchslosen Posten bewarb und ihn auch erhielt, zuckten die Menschen die Achseln über den Beamten, der sich seine Karriere selbst verdarb. Gesegnet seien die Stimmen, die mich forttrieben. Gesegnet die Stunde, in der ich ihnen gehorchte.

Durch die Einöde hier oben kommt der Zug. So still ist es, daß man den Lärm weit umher hört. Aus dem Tannenwald, der das Tal beschattet, schnaubt er hervor, und wenn er vorüber ist, liegt der Rauch wie eine schwere Wolke über dem Tal. Zweimal im Tag kommt der Zug. Jetzt ist es Nacht, und ich erwarte ihn mit angezündeter Laterne. Morgen bei Tageslicht werde ich ihn mit meiner roten Fahne grüßen. Die Züge, die kommen und gehen, sind das einzige, was mir noch geblieben ist aus der Welt, die ich hinter mir gelassen habe. Mehr brauche ich auch nicht.

Lang sind die Monate gewesen, in denen ich die Sonne nicht gesehen habe. Sie verschwindet nämlich hier oben manchmal, und wenn man ihr Lebewohl sagt, ahnt man nicht, wie lang einem die Zeit wird, in der man auf das Wiedersehen wartet.

Aber morgen kommt sie wieder. Im Kalender steht die Stunde verzeichnet, und ich werde auf meinem Posten sein, um sie zu sehen. Da steigt sie wie ein schmaler Goldrand über den Kamm des Gebirgs empor, und über das Tal fällt zum ersten Mal ein Strahl von Licht. Da will ich sie willkommen heißen; und wenn ich daran denke, zittere ich vor Freude.

Aber auch wenn sie wieder da ist, wenn die Tage lang sind und die Sonne die Erde erneut, auch dann werde ich mit Wehmut zurückdenken an die lange Dämmerung der Winternächte.

Sie hat mir das düstere Gebirge und den tiefen Schatten des Tals, die schwarze Wand des Walds hinter dem weißen Schnee und den unendlichen Sternenhimmel darüber geschenkt. Keine Sonne kann mich vergessen machen, was ich in all dieser Einsamkeit suchte und fand.


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