Gustaf af Geijerstam
Das ewige Rätsel
Gustaf af Geijerstam

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Drittes Kapitel

War es vielleicht mein Grübeln, das zwischen uns beiden das Glück zerschlug? Maud hat es mir ja selbst gesagt an dem Abend, als wir für immer Abschied von einander nahmen. Was ich ihr zu tragen gegeben hätte, sagte sie, sei zu schwer gewesen. Kein Mensch kann eines andern Lasten tragen.

Sie sehnte sich, als sie mich fand, nach dem Leben. Ich sehnte mich, als ich sie fand, fort von meinem schwermütigen Traumleben und begehrte das Leben von ihr. Mein Inneres glich einem Gespensterhaus, das alle Geister bewohnten, die krankes Grübeln heraufbeschwört und am Leben erhält. Maud sagte mir ja, von der ersten Stunde an, in der sie mich sah, hätte ich sie mit dieser meiner Schwermut gequält. Also hätte sie nie eine glückliche Stunde gehabt an meiner Seite? Kann das wahr sein?

Ja, ja. Es muß wahr sein. Das Grübeln ist eine entsetzliche Krankheit. Es streckt seine giftigen Wurzeln ins Erdreich der Seele, es vergiftet den Boden rings umher. Alles andere, was da wächst, welkt und stirbt in dem verpesteten Erdreich. Darum starb auch die Liebe, von der ich glaubte, sie sollte mich retten.

Denn ich weiß es wohl. Ich bin ein Grübler gewesen. Darum ist auch kein Mensch mir nah gekommen, ohne daß ich ihm weh getan hätte. In mir lag das Grübeln auf der Lauer und peinigte und peinigte. Die Jugendfreude hat es mir verdorben; und als die Liebe kam, währte das Glück nur kurz. Ich vermochte nicht glücklich zu sein. Mir fehlte die Kraft dazu. Mitten in den Tagen unseres Glücks begann ich zu forschen, zu fragen, zu zweifeln und zu mißtrauen. Ich zog meine Frau mit in die kranke Sphäre meines eigenen Herzens, und wenn sie mich nicht verstand, mich nicht verstehen konnte, ward ich erbittert auf sie und schleuderte ihr böse Worte ins Gesicht, die mich tausendmal mehr quälten als sie. Und gleichzeitig hafteten diese Worte in mir und erzeugten Gedanken, Gedanken, die mich lähmten und mich kränker machten als zuvor – – Ja, ja. So muß es gewesen sein. Ich war ein Grübler, und kein Mensch konnte es mit mir aushalten.

Und dennoch scheint mir, als wäre mit diesen Worten nicht die volle Erklärung gegeben – ja, als ob sie mir eigentlich nichts sagten.

Denn das Seltsamste von allem war: längst, nachdem das Unglück angefangen hatte, bildete ich mir noch ein, ich sei glücklich mit meiner Frau und sie mit mir – glücklich, wie es nur Auserwählten vergönnt ist.

Wieder und wieder kehre ich zum Anfang zurück. Es ist, als müßte ich ihn hier finden. Und wenn ich an Maud denke, sehe ich sie am deutlichsten, am besten und klarsten so, wie ich sie zuerst sah.

Unbeschreiblich klein und zart war sie. Und als ich sie fragte, ob sie mein Weib werden wolle, fürchtete sie sich. Wenn sie mit mir allein war, wagte sie kaum zu sprechen. Aber ihr ganzes Gesicht lächelte, und ihr Gang war geschmeidig und weich, als tanze sie fortwährend nach einer Melodie, die nur sie allein hörte. »Ich kann nicht so viel reden, wie du,« sagte sie. »Ich kann dich nur küssen.«

Fügsam war sie – fügsam und weich. Keinen Wunsch hatte ich, den sie nicht erriet. Erst später verstand ich das. Ich lebte in jenen ersten Jahren gleichsam in einer Atmosphäre meines eigenen Willens. Ja, ja, so war es. Mein Wille war es, der sie, mich, unsere ganze kleine Welt beherrschte. Hat sie mir das nicht später selbst gesagt? Ich glaubte, sie wäre glücklich dabei. Denn es ist ja so: man kann einen andern vollständig beherrschen, und man sieht nichts, als daß man selbst glücklich ist. So etwas kann jahrelang fortgehen. Man merkt nichts. Alles hat sich von selbst so gemacht. Man ahnt nicht einmal, daß es auch anders sein könnte. Und plötzlich merkt man, daß das Glück fort ist. Während man darnach ruft und darnach sucht – überall – fängt man an, zu glauben, daß es nie gewesen ist. Wie Kinder, die jemand suchen sollen, der sich versteckt hat. Sie zittern am ganzen Körper vor Bangen. Aber tief innerlichst wissen sie doch, daß der Versteckte irgend wo ist. Man muß ihn finden. Was wäre sonst das ganze Spiel?

Aber bei dem Spiel, bei dem die Erwachsenen sich vor einander verstecken, kommt es vor, daß der, der sucht, das Versteck leer findet. Niemand ist da. Niemand antwortet auf seinen Ruf. Es ist kein Spiel mehr, es ist auch nicht Ernst. Das Spiel war ja der Ernst. Und jetzt ist es leer.

Wann war es, daß ich zum ersten Mal Mauds Gesicht starr werden und ihre Augen kalt auf mir ruhen sah? Ich suche und suche in der Erinnerung. Sie selbst sehe ich noch. Den Anlaß habe ich vergessen.

Sie stand mitten in ihrem Zimmer. Ihr Gesicht war von mir abgewandt. Es war Dämmerung. Aber ich fühlte, daß wir in diesem Augenblick auf irgend eine unerklärliche Weise so weit von einander waren, wie noch nie. Unerträglich war mir dies Gefühl; hilfesuchend näherte ich mich ihr und fragte:

»Was ist das, Maud – ?«

Auch nicht ein Wort wußte sie mir zu erwidern. Sie wußte eben so wenig, wie ich. Vereint standen wir da in dem gemeinsamen Gefühl, daß in uns etwas auszubrechen im Begriff war, das alles, was wir dereinst in Liebe aufgebaut hatten, in Stücke schlagen würde. Ich wiederholte meine Frage; aber auf alles, was ich sagte, antwortete sie nur: »Nicht jetzt. Nicht jetzt.« »Kannst du nicht zu mir reden?« »Nicht jetzt,« wiederholte sie. Und zuletzt – als könne sie die Worte nicht zurückhalten: »Ich bin nicht wie du.«

Warum mußte sie gerade diese Worte sagen? Sie brauchte das ja gar nicht – Ich ging von ihr fort und in mein Zimmer, das Zimmer, in dem ich schlief, arbeitete und allein war. Zum ersten Mal kam mir der Gedanke, daß ich in letzter Zeit mehr als früher allein gewesen war. Wie lang waren wir damals verheiratet? Zehn Jahre, elf Jahre, zwölf Jahre. Ich weiß nicht mehr. Die Jahre haben sich in meinem Gedächtnis verwischt. Sind verglitten in ein dunkles Einerlei, von dem ich nur noch weiß, daß wir miteinander stritten, wie wir es nie getan hatten.

Denn der Friede zwischen uns war gestört, und wir fingen an, miteinander zu rechnen, zurückzudenken, von Mein und Dein zu reden. Das erste Mal, wenn zwischen zwei Gatten eine Mißstimmung erwacht, verheimlicht man sie. Ohne Worte gleitet sie vorüber. Aber die Erinnerung an diese kurzen Augenblicke stirbt nicht. Die liegt tief und wächst und wächst. Das nächste Mal ist sie schon mächtig und wird zu bösen Worten. Die Worte beißen sich fest und erzeugen neue. So ähnlich wie das, was die Wissenschaft Selbsterzeugung nennt. Und nach und nach geschieht das Seltsame: das ganze Verhältnis zwischen zwei Menschen wird ein anderes. Ich bin nicht länger ich – sie ist nicht länger sie. Beide merken wir es. Und voll Angst suchen wir es zu verbergen. Wir verdoppeln unsere Zärtlichkeiten und unsere Wachsamkeit. Wir sind nämlich wachsam jetzt. Wir sind auf unserer Hut. Wir hüten uns ängstlich, einem der empfindlichen Punkte zu nahe zu kommen, die zwischen uns nicht mehr berührt werden dürfen. Es gibt viele solche Punkte jetzt. Sie schießen auf wie Pilze aus feuchter Erde. Gestern noch war der Rasen rein. Heut leuchtet er von giftigen Farben – Punkt an Punkt. Und das Seltsame ist – je mehr wir uns in acht nehmen, desto leichter stellen sich die Zwistigkeiten ein. Ah, diese entsetzlichen Zwiste! Diese Auftritte, bei denen der eine blind zuschlägt und der andere den Hieb hinnimmt oder verzweifelt wieder schlägt! Es ist wie ein Gewitter. Aber das Gewitter reinigt nicht. Nur um so dumpfer ist nachher die Luft. Die Vernünftigen sagen von solchen Ausbrüchen, sie gehörten zur Liebe. Denn, sagen sie, nachher kommt die Versöhnung mit Küssen und Kosen. Eine tierische Lehre ist das. Solche Ausbrüche töten die Liebe in der Seele und verweisen sie auf den Körper. Gewaltig ist die Liebe. Sie nimmt uns in ihre Gewalt, zeigt uns unsere Ohnmacht und ihre eigene Allmacht. Ich ertrage es nicht, daran zu denken. Widerlicher als alles ist die Erinnerung an den Tod der Liebe. Kann sie nicht unsere Seele beherrschen, so schlägt sie ihre Krallen in unser Fleisch. Widerlich ist der Kampf, wenn die Liebe das Ihre sucht und mit Gewalt nehmen will, was sie im Guten nicht haben kann.

Das habe ich erlebt. Da liegt die Antwort auf das Rätsel. Den Tod der Liebe habe ich erlebt. Es ist, als atme ich auf, seit ich das Wort gefunden habe. Warum verstand ich das nicht damals, verstand nicht, ehe es zu spät war?

Die Liebe starb zwischen Maud und mir, und mit ihr starb alles andere in uns, welkte hin, wie das Gras im Wald welkt, wo der Waldbrand darüber hinfährt. Wir verstanden es nicht, ahnten es nicht einmal. Nein, das ist zuviel gesagt. Maud ahnte es. Sie hat es mir selbst gesagt. Ich allein war blind. Ich ahnte nichts. Mit Gewalt wollte ich sie wieder ins Leben zurückrufen. Wie ein Wahnsinniger kämpfte ich gegen unser Schicksal, ihres und meines, an. Und als alles zusammenbrach, brauchte ich Jahre, ehe ich entdeckte, woher das Unglück kam. Wie auf spitzen Nadeln ging ich in jener Zeit. Jeder Schritt schmerzte. Und wie ich litt! Das Entsetzliche ist, daß ich es jetzt verstehe. Während der ganzen Zeit habe ich Maud überhaupt nicht gesehen, habe sie nicht gesehen als den Menschen, der sie war, sondern als den Menschen, den ich aus meinen eigenen Träumen herauszwingen wollte. Es war eine einzige, große Verzweiflung! Und doch waren alle meine Gedanken besessen von ihr.

Ah – – wenn ich an unsere Nächte denke! Nächte sind da, die in mir ein solches Grauen hinterlassen haben, daß ich nicht daran denken kann, nicht daran denken will. Denn ich will Klarheit haben, die Erklärung – – um jeden Preis! Und die Erinnerung ist so unheimlich, daß sie mich stört. Aber der Gedanke daran ward zum Grübeln, und das Grübeln zerstörte alles – alles, bis zum letzten Rest der Möglichkeit einer Umkehr, die eine Zeitlang vielleicht doch noch da war. Ich lag eines Nachts in ihren Armen und sie liebkoste mich. Tot war ich innerlich, leblos war mein Gefühl. Unter der bloßen Berührung ihres Körpers erlosch meine Leidenschaft. Nichts als Widerwille erfüllte mich mehr. Einsam lag ich später in dieser Nacht auf meinem Zimmer wach, und zum ersten Mal fühlte ich, daß ich ein Weib hassen konnte.

Schwer gingen die Tage.

Des Morgens vermied ich es, mit meiner Frau zusammenzutreffen, damit nicht ihr bloßer Anblick mich zu einem Ausbruch sinnlosen Zorns reizen sollte. Und des Abends, damit nicht aufs neue die Leidenschaft aufglühen und mich narren sollte mit der Lüge, daß alles wieder werden könnte wie zuvor.

Worte gibt es nicht für so etwas. Es gibt nur Schweigen, das Schweigen, das Ruhe verleiht.


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