Gustaf af Geijerstam
Das ewige Rätsel
Gustaf af Geijerstam

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Zehntes Kapitel

Abend für Abend verbringe ich in dem kleinen Café. Sobald es dunkel wird, existiert mein Heim nicht mehr für mich. Ich wage nicht mehr mit Maud allein zu sein. Ich will es nicht ...

Abend für Abend lese ich die Zeitungen, die spaltenlange Berichte über den seltsamen Mord enthalten. Der Verbrecher hat dem Untersuchungsrichter gar keine Schwierigkeiten gemacht. Ohne Umschweife bekannte er sich als Mörder. Und er wiederholte die Erklärung, die er auch mir gegenüber abgegeben hatte – daß er die Tat begangen hatte, weil sein Weib ihm untreu gewesen sei. Die Polizei hat inzwischen in jener Gegend Nachforschungen angestellt, und auch Zeitungsmenschen haben Erkundigungen eingezogen. Alle, die man befragt hat, stimmen dann überein, daß die Frau ein fügsames, sanftes Geschöpf war, das sich für Mann und Kinder abrackerte. Der Mann galt allgemein als ein verschlossener, menschenscheuer Kerl, dem nah zu kommen keineswegs ratsam war, und mehr als einer schüttelte den Kopf und sagte grade heraus, dem möchte er auch nicht gern im Dunkeln begegnen. Man argwöhnte, daß die Behauptung des Missetäters, seine Frau sei ihm untreu gewesen, nur eine ungeschickte Lüge sei, die eine Milderung der Strafe herbeiführen sollte. Die Zeitungen schmückten alle diese Einzelheiten mit allerhand Kommentaren aus. Und man betonte schließlich die Möglichkeit, daß dieser Arbeiter ein für die Gesellschaft ganz besonders gefährliches Subjekt sei, das wahrscheinlich noch mehr Verbrechen auf dem Gewissen habe.

Ich war wie behext von dem Schicksal des Unglücklichen, der da so unvermutet meinen Weg gekreuzt hatte. Wenn ich abends heimkam, schlich ich mich aus einem Zimmer ins andere und horchte wie ein Irrsinniger an den Türen. Wenn ich im Bett lag, wagte ich nicht einzuschlafen, und wenn mir schließlich die Augen vor Müdigkeit zufielen, konnte ich aus dem Schlaf auffahren und hellwach ins Dunkel starren, als erwartete ich, ein Gesicht zu sehen. Wenn ich auf der Kanzlei saß oder die Straßen entlang ging, redete ich laut mit mir selbst ...

Es war nicht das Schicksal des Mannes, das mich aufregte. Auch nicht sein Verbrechen. Sondern die Art, wie er seine Tat erklärte, regte mich auf und quälte mich. Das heißt, ganz einfach das, daß er sich überhaupt nicht erklären konnte.

Konnte ich denn mich selbst erklären? Wußte ich, besser als er, was mich ins Dunkel trieb? Es war, als spiegelte sich mein Schicksal in dem seinen und würde darin zu Stein.

So grauenhaft war mein Zustand, daß ich, so oft ich an die tote Frau des Arbeiters dachte, Maud vor mir, und wenn ich an den Arbeiter dachte, mich selbst sah.

Was geht die Geschichte die Menschen an? sagte ich mir immer wieder. Was geht die Ursache sie an? Was wissen sie von solchen Dingen? Ist es denn notwendig, daß überhaupt eine Ursache da ist? Der Mann hat gemordet; und sofort verlangen die Menschen, daß er klar und deutlich wissen soll, weshalb. Als ob nicht täglich und stündlich die entsetzlichsten Dinge unter uns geschähen, ohne daß irgend etwas passiert, ohne daß sich irgend etwas ereignet, was die Aufmerksamkeit erregt. Da verlangt niemand eine Erklärung. Da darf alles zusammenbrechen. Und wenn das Unglück endlich geschehen ist, zucken die Menschen die Achseln. Aber hier! Hier nimmt man von vornherein an, daß es eine Erklärung geben muß. Ich weiß ja, besser als alle andern, daß es keine gibt. Ich weiß ja, daß der Mann lügt, wenn er sagt, er habe seine Frau getötet, weil sie ihm untreu sei. Hat er nicht diese Erklärung auch mir gegeben? Schon damals wollte er sich erklären. Und aus allem, was er vorher gesagt hatte, merkte ich gleich, daß er log. Er versuchte, aus dem Dunkel seiner eigenen Seele die Wahrheit hervorzuholen und den Menschen näher zu kommen. Er wollte die Wahrheit sagen. Er wollte nicht lügen. In ihm flammte das Bedürfnis, zu bekennen. Ach, groß, gewaltig ist dies Bedürfnis! Nichts reinigt so, wie ein Bekennen. Aber als er es versucht, geschieht das Furchtbare: die Menschen wollen ihm nicht glauben. Eben darum, weil er die Wahrheit sagt, wollen sie ihm nicht glauben. Er sieht es auch ein. Und plötzlich schlägt alles um in seiner Seele. Er entschließt sich zu einer Rolle – und fängt an zu lügen. Greift nach der ersten einfachsten Lüge, die er finden kann und bedient sich ihrer als Erklärung. Und da glauben ihm die Menschen; weil ihnen die Lüge so glaubhaft und einfach erscheint. Und der überreizte Mann wird ruhig. Er wird verschont mit weiteren Fragen. Niemand zerrt mehr an seinem Innern herum. Gleichgültig steht er dem Verhör, den Vorwürfen, den Ermahnungen, dem Urteil gegenüber. Und er ist glücklicher als ich. Denn er hat überwunden.

So redete ich in meiner Einsamkeit und so waren die Gedanken, die zu jener Zeit in mir brannten. Und dabei blieb es nicht.

Alles, was du da gedacht hast, fuhr ich in meinem Selbstgespräch fort, alles das weißt du. Alles das hast du gehört und mit eigenen Augen gesehen. Du allein hast diesem Mann in der bösesten Stunde des Lebens nah gestanden. Stelle dich selber dem Gericht, melde dich als Zeuge, sprich für ihn. Ihn retten, das kannst du nicht. Der menschlichen Gerechtigkeit kann er nicht entgehen. Aber du kannst seiner Seele Linderung verschaffen. Du kannst ihm das Gefühl geben, daß ein Bruder sein Schicksal miterlebt und verstanden hat. Solch ein Gefühl – das ist mehr als Rettung.

Natürlich stellte ich mich nicht dem Gericht – natürlich sprach ich nicht für den Mann. Gefangen in meinem eigenen Schicksal vergaß ich das seine.

Aber wenn ich Maud vor mir sah, dachte ich am die Frau des Arbeiters. Ich bildete mir ein, die beiden – der Arbeiter und sein Weib – hätten miteinander gelebt wie wir, hätten gekämpft wie wir und geredet wie wir. Meine Phantasie vermischte unsere Geschicke, bis sie eins wurden. Und viele Male beging ich in der Phantasie das Verbrechen, bei dessen Nachspiel ich zugegen gewesen war.

Da träumte mir eines Nachts, ich ginge einsam im Dunkeln. Es konnte ein Kellergewölbe sein oder eine verfallene Scheune. Beide Eindrücke mischten sich auf seltsame Art in meinem Traum, und überall, wo ich ging, schimmerten Lichtflecken, als dränge die Sonne durch Ritzen in den verwitternden Wänden. Aber dies Licht minderte die Dunkelheit um mich her nicht. Es bewirkte bloß, daß die Schatten um so dichter fielen, ungefähr wie ein Blitzlicht auf dem Theater die Dämmerung nachher um so dunkler erscheinen läßt. Die ganze Zeit über führte mein Weg abwärts, und ich setzte meine Füße sehr vorsichtig, um nicht über die Stufen zu stolpern, die ich ahnte. Ich fand jedoch keine Stufen. Dagegen schien es mir, als gehe ich auf einem schlüpfrigen Waldpfad, auf dem ich mich vor Baumwurzeln und Steinen in Acht nehmen mußte, die meinen Weg hinderten. Und weiter ging der Weg, immer weiter. Es war, als befände ich mich in einem Labyrinth von Kellern, Schloßgewölben oder unterirdischen Gängen. Aber das Bewußtsein von den Wänden, die sich rings um mich erhoben, beklemmte mich, und fortwährend verfolgte mich das glimmende Licht, das das Gefühl des dichten Dunkels noch verstärkte.

Ich trug ein sonderbares Kostüm. Ein Mantel flatterte um mich herum. Mein Anzug irritierte mich unbeschreiblich, aber ich konnte nie einen vollständigen Überblick über mich selbst gewinnen. Denn der Lichtschein, der mir entgegenflammte, erleuchtete mich nie so, daß ich mich ganz hätte sehen können. Und auch stehen bleiben konnte ich nicht. Ich mußte gehen, immer weiter und weiter, immer tiefer und tiefer abwärts. Soviel konnte ich sehen, daß die fatale Tracht aus einem früheren Jahrhundert stammte, und während ich weiterging, merkte ich, daß der Weg sich wand wie in einer Spirale. Er führte nicht mehr ins Reich des Unterirdischen – er führte ins Reich der Vorzeit...

Ins Reich der Vorzeit! Zurück durch Jahrhunderte! Auf seltsame Weise prägte der Traum mir diesen Gedanken ein. »Der Weg zur Vorzeit führt also abwärts,« dachte ich. Und als ich, wie das im Traum oft zu sein pflegt, mich daran erinnerte, daß ich erwachen mußte, fand ich, daß ich eine recht lächerliche Figur machte. »Was ist das für ein Narrenspiel!« dachte ich. »Und in was für ein Narrenkostüm bin ich gekleidet!« Es war mir ganz besonders angenehm, daß niemand mich sehen konnte.

Da merke ich auf einmal, daß ich nicht allein bin. Grade auf mich zu kommt eine Gestalt, ebenfalls in einen flatternden Mantel gekleidet, und bei ihrem Anblick werde ich plötzlich feige. Ich sehe ein, ich muß stehen bleiben vor ihr. Warum, das weiß ich nicht. Ich mache eine Verbeugung und versuche, freundlich zu sein. Ich sehe auch ihre Tracht. Wie das möglich ist, darüber denke ich nicht nach. Aber zu meiner unangenehmen Überraschung merke ich, daß sie einen Mantel aus schwarzem Tuch trägt und daß unter diesem Mantel ein paar schwarze Seidenstrümpfe und Schnallenschuhe hervorblicken. Den übrigen Anzug verhüllt der Mantel, der in einer Kapuze endet, und unter der Kapuze guckt ein Dreispitz hervor. Es kann ein Napoleonshut sein oder ein Lakaienhut ... Aber jedenfalls ist der Mann, dem ich da begegne, ein Lakai und kein Napoleon. Nichtsdestoweniger fürchte ich mich vor ihm. Denn daß er mich überfallen will, ist ganz sicher. Seine Hand, die im Mantel versteckt ist, hält ein Messer, und ich weiß nur zu gut, – im selben Augenblick, da ich mich umwende, habe ich auch das Messer im Rücken...

Darum will ich ihm imponieren, ihm womöglich einen Schreck einjagen. In dieser Absicht sage ich zu ihm:

»Wissen Sie, wer ich bin?«

Ich kann sein Gesicht nicht sehen. Aber ich weiß doch, daß er lächelt – wie man im Traum so etwas weiß.

Im gleichen Augenblick höre ich Harrys Stimme, der weit in der Ferne nach mir ruft ...

Außer mir wende ich mich zu dem Mann und schreie:

»Gib Antwort, Mensch! Weißt du, wen du vor dir siehst? Ich bin verkleidet jetzt. Aber das Kleid macht nicht den Mann. Ich bin Beamter. Kein hoher Beamter. Aber jedenfalls mehr als du!«

Er antwortet nicht, sondern versperrt mir nur dauernd den Weg. Im selben Augenblick fällt mein Blick auf meine eigene Tracht. Ich sehe, daß sie bis auf die kleinste Kleinigkeit der des Mannes vor mir gleicht. »Gehorsamer Diener!« sage ich laut. »Gehorsamer Diener!« Es ist, als wäre ich von teilweiser Stummheit befallen. Es ist mir rein unmöglich, irgendwelche andern Worte zu finden, als dies lächerliche: »Gehorsamer Diener.« Ich fühle geradezu, daß mein eigener Hut, den ich nicht sehe, der gleiche dreieckige Lakaienhut mit seiner lächerlichen Kokarde auf der Seite ist. Und gleichzeitig steigt mir im Schlaf die Erinnerung auf, daß der, der sich selbst sieht, verrückt wird oder stirbt. Ganz bewußt ringe ich darnach, aufzuwachen. Ein unheimliches Ringen, das mir den kalten Schweiß aus jeder Pore meines Körpers treibt.

»Harry,« murmle ich, »Harry!«

Später glaube ich, daß ich jetzt einen Augenblick wach war, und daß ich nur so unmittelbar darauf wieder einschlief, daß die Träume in eins verflossen.

»Es ist eine Lakaienrolle, die Du spielst,« klingt es plötzlich in meinen Ohren.

Ich höre diese Worte so deutlich, als ob jemand sie mir wirklich zugerufen hätte, und im selben Augenblick verändert sich die Szene. Wieder stehe ich auf der Straße vor meinem Haus; und vor mir sehe ich im dunkeln, zitternden Schein der Gaslaternen den Arbeiter, der, sobald ich den Rücken wende, seinen Fuß zwischen meine Tür schieben und mich hindern wird, zu schließen. Verwünschter Lakai! sage ich zu ihm, was willst du denn von mir? Der Regen strömt um mich nieder, und ich höre seine Stimme flüstern:

»Ich bin kein Lakai. Ich bin ein freier Arbeiter. Aber komm mit, so sollst du etwas sehen! Komm, so sollst du den neurasthenischen Arbeiter sehen. Das ist etwas für dich!«

Da stürze ich mich auf ihn und packe ihn an der Gurgel.

»Jesus! Jesus!« rufe ich. »Bist du ich oder bin ich du?«

Fest halte ich ihn umklammert, und wir verschwinden beide in einem Dunkel, aus dem Blitze ihre blauweißen Kreuze um mich schlagen. Im nächsten Augenblick sitze ich wieder wach im Bett. Ich höre meine eigene Stimme, die »Jesus!« ruft und ich sage zu mir selbst: »Du glaubst doch gar nicht! Hast du den Verstand verloren?«

Dann erinnere ich mich, wie ich als Kind manchmal etwas wie einen entsetzlichen Lärm hörte. Es war wie Stromesbrausen oder wie Windesseufzen im Wald. Aber es war quälender, stärker als alles, was ich je derart vernommen hatte. Es kam nicht von außen. Sondern innen in meinem Gehirn war es, und wenn es kam, war es so stark, daß ich glaubte, mein Gehirn müßte mir zerspringen. Vor nichts hatte ich als Kind mehr Angst, als daß dies Geräusch sich einstellen könnte. Jetzt hatte ich es viele Jahre lang nicht gehört. Und hatte fast vergessen, daß es einmal gewesen war.

Nun hörte ich es wieder. Es klang, als poche der Wahnsinn an meine Hirnschale und wolle sich den Eintritt erzwingen. Und wie eine unerhörte Kraftanstrengung erschien es mir, als ich endlich die Hand nach den Streichhölzern auszustrecken und Licht anzuzünden vermochte.

Zitternd kroch ich aus dem Bett und schlich ins Harrys Zimmer. Ich war ganz überzeugt, daß mein Traum eine Warnung gewesen sei und daß dem Jungen etwas passiert sein müsse. Als ich zurückkam, packte mich ein sonderbares Schwindelgefühl. Das Fenster zog mich wie mit Gewalt an. Mir war, als müßte, sobald ich das Licht löschte, der Todestrieb übermächtig werden in mir, so daß ich vom Bett aufstehen und mich aus dem Fenster stürzen müßte. Ich wagte nicht einzuschlafen. Ganz fest war ich davon überzeugt, daß ich im Schlaf aufstehen und mich hinausstürzen würde.


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