Gustaf af Geijerstam
Das ewige Rätsel
Gustaf af Geijerstam

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Vierzehntes Kapitel

Maud weinte noch immer. Ein stilles, herzzerreißendes Weinen. Es war, als weine sie über uns beide. Stumm saß ich daneben und wünschte mir, ich könnte weinen wie sie. Ich sagte ihr das auch, und sie blickte zu mir auf. Zum ersten Mal seit langer Zeit lag etwas wie Dankbarkeit in ihrem Blick.

»Es ist noch mehr, Karsten,« sagte sie. »Es ist noch viel mehr. Alles ist nicht so ... natürlich und ... so einfach. Es hängt damit zusammen, daß ich so unberührt vom Leben war, als du mich fandest. Weißt du noch, wie dich das erschreckte? Ich verstehe es jetzt so gut. Alles ist mir so klar geworden, so qualvoll klar. Ich, – – überhaupt alles. Es ist, als hätte das Leben mir die Gabe geschenkt, die Dinge zu durchschauen. Und die Gabe ist nicht immer vom Guten.

Ach Karsten! Ich lief ja herum wie im Schlaf, als du mich trafst. Viele Jahre lang war ich wie im Schlaf herumgelaufen. Meine lange Unwissenheit war daran schuld. Ich werde dir das nie erklären können. Aber es war so. Langsam wachte ich auf. Deine Liebe weckte mich. Und zuletzt war ich wach.«

Sie verstummte plötzlich, und ich sah ihr an, daß sie nicht fortfahren wollte.

Da sprach ich an ihrer Stelle. Es kam mir vor, als wäre jedes Wort mir unmittelbar von ihr selbst eingegeben:

»Und als du dir dann über dich selbst klar warst – oder wach, wie du es nennst – da merktest du, daß du mich nicht mehr liebtest.«

Ohne Besinnen erwiderte Maud:

»So war es.«

»Du brauchst keine Angst mehr zu haben, du könntest mich verletzen,« fuhr ich fort. »Du mußt doch einsehen, daß ich es jetzt als Erleichterung empfinde, daß du mich nicht mehr geliebt hast.«

»Ich verstehe,« antwortete Maud tonlos.

Gleich darauf fuhr sie fort:

»Es ist nicht schwer für mich zu erzählen. Es ist schlimmer für dich zum Anhören. Auch wenn du mir das Gegenteil sagst, vergesse ich das doch nicht. An etwas mußt du dich erinnern, Karsten, wenn du an mich denkst. Ich habe nie Freunde gehabt. Kannst du dir so etwas vorstellen? Oft habe ich dir das schon gesagt. Aber ich habe immer gemerkt, ich sagte dir etwas, was du zwar anhörtest, was aber für dich nichts war als ein leeres Wort. Einsam war ich zwischen meinen Geschwistern, einsam, nachdem ich die Heimat verlassen hatte. Ich weiß, daß die Menschen selten etwas gegen mich haben. Aber dabei bleibt es auch. Die Fähigkeit, mich andern zu nähern, fehlt mir.

Und doch habe ich mich im stillen immer darnach gesehnt, daß jemand kommen möchte, der auch auf mich hörte. Auch ich hatte ja etwas in mir und sehnte mich darnach, daß jemand auch auf mich und das, was mich anging, hören sollte. Weißt du noch, wie oft du mir vorgeworfen hast, ich rede nie von mir selber? Aber es war ja unmöglich, Karsten, so ganz unmöglich, wie ich es mit Worten gar nicht sagen kann. Am unmöglichsten war es mir dir gegenüber. Vielleicht ist darum mein Glück mit dir immer nur ein halbes gewesen. Vielleicht lag darin der Keim dazu, daß wir einmal voneinander gleiten mußten. Ich glaube es wenigstens. Und ich weiß, daß die Schuld von Anfang an mein war.

Zwischen uns hat es nie einen Bruch gegeben, Karsten. Es sieht nur so aus. Langsam glitten wir voneinander. Alles was wir gelitten, alles, womit wir einander später gequält haben, kam nur daher, daß wir beide dagegen ankämpften, es zu glauben.

Weißt du noch, wie ich eines Tages – es ist jetzt über zwei Jahre her – zu dir kam und dich bat, wir wollten eine andere Wohnung nehmen, damit wir nicht länger ein Schlafzimmer zu haben brauchten, sondern jeder sein eigenes hätte? Ich sah, daß dich das quälte. Und ich begreife wohl, daß du später diese Sache mit dem in Zusammenhang gebracht hast, was du jetzt weißt. Aber jetzt weißt du, Karsten, daß es nicht so war. Damals hatte ich noch keine Ahnung davon, daß der Mann, der dein und mein Freund war, für mich etwas anderes werden könnte, als er damals war. Sondern ich bat dich darum, weil ich fühlte, daß etwas in meinem Empfinden dir gegenüber eine Wandlung erfahren hatte. Ich gehörte dir nicht mehr so ganz, wie ich es dereinst gehofft und geglaubt hatte. Und vielleicht war es auch noch mehr. Damals kämpfte ich noch. Damals konnte ich noch hoffen, unser Glück könnte wiederkehren. Ich suchte etwas Neues, etwas Neues, das mir das Alte wiederschenken sollte. So war es, Karsten. Und ich weiß, auch darin mußt du mir glauben. Warum sollte ich etwas ableugnen, jetzt, da du alles weißt?

Aber daß ich jetzt reden kann, wie ich es tue, das kommt daher, daß ich alles, was ich nun sage, für mich selbst wiederholt habe. Wort für Wort, oder auch mit andern Worten – ich weiß nicht mehr – aber wiederholt habe ich es viele Male. Als wir einander nicht mehr so oft sahen, wie früher, da wurde ich auch einsam, wie du. Und der Stunden des Glücks, die ich mir stahl, waren es weniger als der Stunden, in denen ich einsam war. Aber wenn ich daheim saß, Karsten, da dachte ich weniger an ihn, als an dich. Ein paarmal fing ich an, all das niederzuschreiben, was ich dir jetzt sage. Ich wollte es dir später geben und du solltest es einmal lesen, wenn so viel Zeit vergangen war, daß du ohne Groll an mich denken konntest.

Aber du weißt ja – schreiben kann ich nicht. Was ich auf dem Papier festhalte, wird nie das, was ich im innersten fühle. Das Schreiben ist mir noch viel unmöglicher als das Reden. Darum hörte ich auch auf. Statt dessen ging ich hier in meinem Zimmer, wo wir jetzt sitzen, auf und ab, stundenlang, oder ich saß im Sofa, wie jetzt. Deutlich, als hätte ich sie laut ausgesprochen, dachte ich bei mir selbst die Worte, die ich dir sagen wollte. Ich glaubte, ich redete mit dir. Und da hattest du Zeit, mich zu verstehen. Darum kann ich so sprechen, wie ich jetzt spreche, und darum sage ich alles auch so, wie ich es sagte, als ich allein war und mir einbildete, du hörtest mich.«

Sie verstummte einen Augenblick und ich fragte:

»Sag mir, Maud, wenn ... ich nie ... erfahren hätte, was du jetzt sagst, ... was hättest du dann getan?«

Maud blickte auf, als würde sie unsanft aus dem Schlafe geweckt. Und ihr Blick hatte etwas, das an den Blick einer Schlafwandlerin erinnerte.

»Ich weiß nicht,« antwortete sie zögernd. »Daran hab ich nie gedacht.«

Aber gleich darauf fügte sie hinzu:

»Ich glaube, dann hätte ich nie etwas gesagt. Was ich in diesen Jahren erlebte, empfand ich als mein persönliches Eigentum. Nein! Ich hätte nichts gesagt. Nicht, eh du und ich ganz alt gewesen wären. Und vielleicht hätte ich auch dann noch geschwiegen.«

»Und nun?«

Maud zuckte zusammen. Ein ganz neuer Ernst lag auf ihren Zügen.

»Das ist sehr einfach,« sagte sie. »Ich werde als einsame Frau leben, wie damals, eh ich dich traf. Frag mich nicht weiter. Du kannst mich doch nicht verstehen. Beklage mich nicht. Komm mir nicht mit den Worten, wie man sie sonst sagt. Sie passen nicht hierher. Ich habe etwas erlebt, für das es keinen Namen gibt, etwas, das – mit mißbrauchten Worten – in den Büchern erzählt wird. Rolf kennst du nicht. Du glaubst, ich gehe jetzt von dir zu ihm, und er wird mich heiraten. Und alles wird, wie es sein soll. Aber so wird es nicht. Rolf heiratet mich nicht. Ich will es nicht. Was eines Tages aus mir werden wird? Das weiß ich nicht. Aber ich fürchte mich nicht vor dem, was kommt. Ich weiß nur, ich will den Tag nicht erleben, an dem er mich verschmäht. Und das würde er eines Tages, wenn ich seine Frau wäre. So ist er und so bin ich. So hellsichtig hat mich das Leben gemacht.

Es würde der Tag kommen, an dem er merken müßte, wie alt ich bin.«


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