Gustaf af Geijerstam
Das ewige Rätsel
Gustaf af Geijerstam

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Achtes Kapitel

Eines Abend saß ich müder als gewöhnlich, in meinem Stammcafé, wie ich in Gedanken den wenig beneidenswerten Zufluchtsort genannt hatte, den ich in dem früher erwähnten kleinen Restaurant gefunden hatte. Ich blieb länger als sonst sitzen. Weshalb sollte ich auch nach Hause gehen? Wenn ich hier saß, hatte ich Ruhe. Die Gedanken schliefen ein. Wenn ich nach Hause ging, mußte ich es vermeiden, Maud zu sehen, weil sie mich beunruhigte. Allein die Tatsache, daß sie in meiner Nähe war, brachte mein ganzes Nervensystem in Unordnung. Ich reflektierte weiter nicht mehr darüber. Ich wußte bloß, es war so. Und ich richtete mich darnach.

Darum blieb ich sitzen, las eine Zeitung nach der andern und ließ die Stunden verstreichen. Rings um mich her wurde das Gas ausgelöscht. Einsam saß ich bei der letzten Flamme und überflog gedankenlos die Annoncenspalten einer riesigen Zeitung. Es war schon fast ein Uhr, als ich endlich auf die Straße trat.

Und jetzt komme ich zu meinem Abenteuer – einem seltsamen, unheimlichen Abenteuer, das ich in jener Zeit erlebt habe. Noch kann die Erinnerung daran wie ein Gespenst vor mir auftauchen, in den Winternächten, wenn die Kälte ans Fenster pocht und das Nordlicht über den Bergen flammt.

Ich ging direkt nach Hause. Überall lagen die Straßen leer. Es war eine jener Stockholmer Winternächte, in denen die Stadt wie ausgestorben aussehen kann. Ich gehe und gehe, und je näher ich meinem Ziel komme, desto mehr packt mich eine Unlust. Ein ganz eigentümliches Unlustgefühl, als wäre ich nicht allein, oder als erwartete mich etwas Unangenehmes.

Wie ich weitergehe, merke ich auch, daß ein Mensch im Dunkel hinter mir auftaucht und meinen Schritten auf der andern Seite der Straße folgt. Im Anfange achtete ich nicht weiter auf ihn. Aber als ich die Kardellstraße überschritt, um zu meiner Haustür zu gelangen, glaubte ich zu fühlen, daß jemand dicht hinter mir ging. Obgleich ich angestrengt lauschte, konnte ich doch nichts hören. Mit rascheren Schritten, als notwendig war, ging ich weiter, öffnete das Sicherheitsschloß an der Tür und drehte mich um. Die Straße war leer; der Mann schien verschwunden. Beruhigt trat ich in den Flur und wollte eben die Tür schließen, als plötzlich ein Geräusch auf den Steinen erklang, und als ich die Tür zuschieben wollte, ging sie nicht. Ich fühlte augenblicklich, daß jemand den Fuß dazwischen gestemmt hatte, und als ich hinaussah, stand ich dem Mann gegenüber, der mir vorhin gefolgt war.

Ich fühlte, wie mir der Schweiß aus allen Poren brach; und überzeugt, daß ich es mit einem Verbrecher zu tun hatte, sagte ich kurz:

»Nehmen Sie den Fuß weg.«

Der Mann rührte sich nicht vom Fleck, sondern antwortete bloß:

»Ich wußte nicht, daß es der Herr Doktor war.«

»Ich bin kein Doktor,« antwortete ich ärgerlich.

Aber der Mann zog seinen Fuß nicht zurück und die Tür ging nicht zu.

In diesem Augenblick fiel mir etwas ein, was Maud einmal gesagt hatte: Dir passieren doch auch immer die unglaublichsten Dinge.

Im selben Moment hörte ich die Stimme des Mannes sagen:

»Wenn der Herr kein Doktor ist, so ist der Herr doch immerhin ein Mensch.«

Ich trat hinaus aufs Trottoir und langte instinktiv nach meinem Portemonnaie. Aber der Mann machte eine abwehrende Gebärde.

»Ich bin kein Bettler. Und auch kein Räuber,« fügte er höhnisch hinzu. Der Ton, in dem er diese Worte sprach, erregte meine Aufmerksamkeit. Als ich ihn genauer betrachtete, sah ich außerdem, daß sein Gesicht krampfhaft zuckte und daß er am ganzen Körper zitterte. Der matte Schein der Gaslaternen erleuchtete dies blasse Gesicht; es war das Fürchterlichste, was man sehen konnte. Jedoch – ich war müde und gereizt, und aus purer Nervosität sprach ich lauter als notwendig:

»Sie haben mich doch die ganze Zeit verfolgt ...«

Er schüttelte den Kopf.

»Nein, nein,« antwortete er. »Ich habe den Herrn Doktor nicht verfolgt.«

»Nicht? Im übrigen bin ich kein Doktor, wie ich Ihnen schon gesagt habe.«

Er schien mich nicht zu verstehen.

»Nein,« wiederholte er mechanisch. »Ich bin eben erst gekommen.«

Ich wandte mich um und deutete nach der Sturestraße.

»Kommen Sie von dort her?«

Des Mannes Gesicht erstarrte bei meiner Frage.

»Ich weiß nicht,« erwiderte er. »Ich weiß nur, daß ich eben erst gekommen bin.«

»Was wollen Sie denn?« wandte ich ein. »Sie müssen mit mir kommen, Herr, um Gottes Barmherzigkeit willen. Sonst stirbt sie.«

»Von wem sprechen Sie?«

»Von meiner Frau.«

Der Sprechende war ein Arbeiter, und die letzten Worte klangen wie ein Seufzer, der einem bösen Gewissen entschlüpft. Lang, hager, hilflos stand er vor mir; sein Gesicht schimmerte in dem unsichern Laternenschein wie ein Lichtfleck im Dunkel. Seine Stimme klang so flehend und zugleich so verzweifelt, daß ich es nicht einmal übers Herz brachte, noch weitere Fragen zu stellen. Ich ließ die Flurtür wieder zufallen. Sobald der Mann das sah, richtete er sich auf, als habe das Einschnappen des Schlosses ihm seine Spannkraft wieder gegeben.

»Kommen Sie!« sagte er kurz.

Noch einmal versuchte ich ein paar Einwendungen zu machen.

»Wenn Ihre Frau krank ist, müssen wir einen Doktor herausklingeln.«

»Nein,« flüsterte er, »nein, keinen Doktor. Es ist etwas ganz anderes, wissen Sie. Habe ich gesagt, sie stirbt? Nein, sie stirbt nicht. Es ist etwas ganz anderes. Es ist nur das – – ich kann nicht allein sein.« »Und da wenden Sie sich an mich – an einen wildfremden Menschen?«

Der Mann zitterte am ganzen Körper und strich sich über den Bart. Es lag etwas von der Hilflosigkeit eines Kindes in dieser Gebärde.

»Es wird wohl so sein,« antwortete er.

Das völlig Sinnlose dieser Antwort sagte mehr als alle Erklärungen. Ohne zu antworten, nickte ich ihm zu und wir schritten miteinander durch Humlegården. Wie hypnotisiert folgte ich dem Mann. Nicht einmal das Seltsame dieses Abenteuers kam mir zum Bewußtsein. So ganz naturnotwendig war alles gekommen.

Wir bogen in den Teil von Stockholm ein, dem man den Namen Sibirien gegeben hat. Straße um Straße schwand hinter uns im Dunkeln, immer wieder bogen wir in neue Seitengassen ein, und die ganze Zeit über redete mein Begleiter. Er befand sich in einem Aufruhr, der mich auf ganz eigentümliche Weise beunruhigte. Er ging rasch, mich belästigte mein Winterüberzieher, und ich fühlte, wie mir der Schweiß aus allen Poren brach. Die ganze Zeit über tönte mir der Wortschwall des Mannes in den Ohren. Er beugte sich zu mir nieder, als fürchte er sich davor, laut zu sprechen. »Es ist schwer für einen Arbeiter,« sagte er, »wenn der Tod kommt. Sie können sich das nicht vorstellen. Da ist so vieles, was angeschafft werden soll. Der Sarg und der Leichenwagen und die Aufwartung für die Gäste, die zum Begräbnis kommen. Man braucht Geld, und wir haben nie Geld. Im besten Fall haben wir knapp, daß es von einer Woche auf die andere reicht. Und woher sollen wir das übrige nehmen? Dann kommt der Kummer, Herr. Und mitten im bittersten Kummer soll man arbeiten, arbeiten, arbeiten. Man hat keine Zeit, ein bißchen auszusetzen und aufzuatmen. Es geht nicht. Sonst muß man hungern. Und die, die von unserem Wochenlohn abhängen, müssen auch hungern. Andere Menschen machen sich frei, schließen sich mit ihrem Jammer ein, reisen in fremde Länder und zerstreuen sich. Wenn zu ihnen das Leid kommt, ist ihnen alles erlaubt und alles möglich.«

Er blieb stehen und schöpfte tief Atem.

»Sie sagten ja doch, sie sei nicht am Sterben,« unterbrach ich ihn.

»Nein, nein!« entgegnete er. »Das ist sie auch nicht. Aber man denkt an so vieles.«

Er lachte in sich hinein, ein leises unangenehmes Lachen. Darauf schob er seinen linken Zeigefinger unter meinen Rockkragen und lächelte – ein bleiches, müdes Lächeln.

»Ich weiß schon, wie es ist,« fuhr er fort. »Ich bin auf dem Land geboren; mein Vater war Herrschaftskutscher. Ich weiß noch aus meiner Kindheit, wie die Baronin starb und begraben wurde. Ich weiß noch, wie die Leute erzählten von dem Kummer des Barons und wie er es zu Hause nicht mehr aushalten könne. Darum reiste er auch fort, und es dauerte ein ganzes Jahr, eh er zurück kam. Alles das weiß ich noch, aber am deutlichsten weiß ich noch, wie ich ihn damals zum ersten Mal wiedersah. Ich hatte meinem Herrn das Gatter geöffnet und stand nun mit der Mütze in der Hand da und wartete darauf, daß er mir einen Groschen zuwerfen sollte. Das tat er auch. Aber ach – ach – ach! Er sah genau so aus, wie vorher, und trotzdem ich ein Kind war, merkte ich mir das und fand es sonderbar.«

Er ließ seine Hand von meinem Pelz sinken und glitt langsam weiter. Es war, als gehe er immer langsamer, je näher wir seinem Heim kamen oder dem armseligen Winkel, den er so nannte. Mein ganzes Ich war wie verzaubert von diesem seltsamen Mann. So intensiv war seine Trauer und so rührend kam er mir vor in seiner hilflosen Redseligkeit. Es war, als könnte ich ihn nicht stören, sondern müßte meine Nacht für ihn drangeben.

Jetzt schwieg er eine Weile, und es klang wieder, als lache er still vor sich hin – dasselbe leise, tonlose Lachen wie vorhin, das durch seine Stummheit doppelt beklemmend wirkte.

»Gerade ist mir die Szene wieder eingefallen,« begann er wieder. »Sie, der Sie ein studierter Mann sind – denn das sind Sie doch wohl – wissen Sie, wie das kommt, daß so etwas nach vielen, langen Jahren wieder in der Erinnerung auftauchen und umherspuken kann?

Es ist übrigens komisch mit mir. Immer kommen mir so viele Erinnerungen. Ich bin Straßenarbeiter. Und ich habe manchmal gedacht, es kommt alles daher. Ein Straßenarbeiter hat ja nie feste Einnahmen. Denken Sie sich das einmal – nie. Eine Weile verdient man; und da müßte man natürlich sparen. Man denkt auch daran, wissen Sie. Immer und ewig. Es ist, als ob einem jemand in die Ohren tutete: ›Wart nur! Wart nur! Heut hast du dein Brot! Morgen hast du nichts.‹ Und doch wird nie etwas aus dem Sparen. Was man verdient, geht drauf. Da ist die Frau und die Kinder und der Haushalt. Kleider und Möbel und alles, was gekauft werden soll. Immer fehlt etwas. Und dann muß man das, was man verpfändet hat, wieder auslösen. Und die ganze Zeit tutet es: ›Wart nur! Eines schönen Tages ist's aus‹!«

Jetzt blieb der Mann stehen und drückte sich vorsichtig gegen eine Haustür, die offen stand. Wir kamen auf einen tiefen, dunkeln Hof, auf dem völlige Finsternis herrschte. Nur hoch oben auf der andern Seite des brunnenartigen Häuserkomplexes schimmerte ein Lichtschein gegen den Winkel der Mauer.

»Dort oben ist es,« flüsterte er. »Aber es ist besser, wir gehen noch nicht hinauf.«

»Was meinen Sie damit?« unterbrach ich ihn zum zweiten Mal. Des Mannes Benehmen und Aussehen, seine Gebärden und seltsamen Reden erregten in mir ein unerklärliches Gefühl des Grauens. »Wir wollen so schnell als möglich hinauf gehen. Vielleicht ist Ihre Frau noch zu retten, und wenn wir zögern, kommen wir zu spät.«

»Glauben Sie?« erwiderte der Mann zaudernd. »Ich glaube nicht, daß sie zu retten ist. So wenig wie ich. Aber man möchte ja alles tun, um sein Gewissen zu beschwichtigen, wenn einmal alles vorüber ist. Darum wollte ich auch den Doktor holen. Ich habe Geld. Ich kann den Doktor bezahlen.«

»Aber ich bin ja kein Doktor,« unterbrach ich ihn verzweifelt.

Der Mann betrachtete mich wieder – neugierig, wie es mir vorkam. Dann schien es, als falle ihm plötzlich etwas ein. Geheimnisvoll flüsterte er mir ins Ohr:

»Ich habe bei einem Doktor angeläutet. Aber ich wagte nicht zu warten, bis jemand herunterkam. Ich sprang fort und versteckte mich, lief straßauf und straßab. Bis der Herr und ich einander getroffen haben.«

Er nahm den Hut ab, wie um sich abzukühlen, und ich sah im Dämmerlicht, daß er kahl war.

Der Kopf glänzte förmlich im Dunkeln, und die Augen funkelten wie die eines Irrsinnigen.

»Hören Sie, Freund,« sagte ich. »Hier gibt es keinen Doktor. Um Geld handelt es sich nicht, wenn es das ist, was Sie beunruhigt. Lassen Sie mich gehen! Und warten Sie eine Stunde daheim, dann werde ich dafür sorgen, daß ein Arzt zu Ihnen kommt.«

»Nein, nein!« rief er heftig. »Es ist nötig! Geld ist nötig! Aber Sie müssen ein bißchen warten. Ich muß Ihnen so vieles sagen. Und ich habe erst so wenig gesagt.«

Er beugte sich nieder und murmelte mit den Lippen dicht an meinem Ohr:

»Haben Sie je den neurasthenischen Arbeiter gesehen, Herr?«

Ich trat hastig zurück. Ich war einem Blick begegnet, der mich geradezu ins Auge zu stechen schien. Und zu gleicher Zeit wunderte ich mich über das wissenschaftliche Wort im Munde des Arbeiters.

»Ich merke, Sie haben ihn nie gesehen,« fuhr der Mann fort. »Der neurasthenische Arbeiter – das bin ich. Kein anderer als ich. Viele, viele außer mir. Hunderte von Arbeitern. Tausende von Arbeitern. Arbeiter und Nicht-Arbeiter. Vielleicht alle Menschen, wenn man's genau betrachtet. Sie sind ein studierter Mann, wenn Sie auch kein Doktor sind. Nachdem ich Ihnen das gesagt habe, weiß ich, Sie verstehen mich.

»Jetzt kommen Sie!«

Damit ging er langsamen Schritts zu einer schmalen Treppe, die ins Innere der schlafenden Mietskaserne emporführte. Indem er mich mit festem Griff am Arm packte, damit ich ihm nicht entwischen sollte, zog er mich im Dunkeln hinter sich her und hinauf.


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