Gustaf af Geijerstam
Das ewige Rätsel
Gustaf af Geijerstam

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Siebentes Kapitel

Später hat mir ja Harry alles erzählt. Er hat es mir erzählt mit seinen eigenen seltsamen Wendungen und Ausdrücken, und ich weiß jetzt genau, wie ihm während jener Zeit zumute war.

»Erst als ich alles von Mama wußte,« sagte er, »fing ich an, zu merken, daß du da warst. Vorher hatte ich dich nicht entdeckt.«

Ganz ruhig sagte er mir das einmal. Es war lang nachher. Und wir waren damals schon längst Freunde.

»Vorher glaubte ich nicht, daß ich mit dir reden könnte,« fügte er hinzu.

Und als ich ihn um die Ursache befragte, sagte er nur:

»Du warst ja auf deinem Zimmer. Und wenn du mit Mama sprechen wolltest, mußte ich hinausgehen.«

Besonders unglücklich war Harry nicht. Er hatte nur hauptsächlich Angst vor dem, was geschehen würde. Abends lag er und dachte daran, ob ich nicht eines Tages aus meiner Blindheit erwachen und etwas merken würde. Dann – dachte er sich – würde ich eine Waffe ergreifen und der Mutter etwas zuleide tun. Und dann würde er, Harry, gezwungen sein, ihr zu helfen. Denn er ängstigte sich, wie es mir ergehen würde, wenn ich verhaftet und vor Gericht gestellt würde. Und er konnte nicht begreifen, daß ich nichts sah. Sobald es draußen klingelte, erschrak er. Er ängstigte sich, wenn die Mutter lange ausblieb, ängstigte sich, wenn sie lang allein mit mir zusammen war, ängstigte sich, wenn er sie weinen sah.

Jetzt weiß Papa alles, dachte er dann.

Am allermeisten erschreckte es den Knaben, als er merkte, daß ich mich mit ihm zu beschäftigen begann. Ich tat das damals, weil er mir leid tat und weil ich glaubte, ihm eine Freude damit zu machen.

Aber Harry glaubte, ich ahne das Ganze und sei nur darum freundlich, weil ich durch ihn die Mutter ausspionieren wolle.

An wie viele sonderbare kleine Szenen erinnere ich mich noch! Das Herz krampft sich mir in der Brust zusammen, wenn ich daran denke.

Zum Beispiel eines Abends, als ich unerwartet in Harrys Zimmer trat und ihn allein fand. Er saß im Dunkeln, und ich glaubte, er sähe zum Fenster hinaus. Wie ein dunkler Schatten zeichnete sich der Kopf des Knaben gegen die schwache Helle der Scheibe ab. Ich hatte keine Ahnung von dem, was ihn beschäftigte. Und doch lag über seiner ganzen kleinen Persönlichkeit etwas, was mich stutzig machte. Vorsichtig näherte ich mich ihm. Aber gerade diese Vorsicht erschreckte ihn noch mehr. Er war so tief in seine eigenen Gedanken versunken, daß er meine Anwesenheit nicht bemerkte, bis ich ihm die Hand auf die Schulter legte.

Bei dieser leichten Berührung kroch er förmlich in sich zusammen vor Schreck.

»Wie dunkel es hier ist!« war das einzige, was ich sagen konnte. Ich zündete die Lampe an und wollte auf einem Stuhl neben ihm Platz nehmen. Da bemerkte ich etwas, was mich stutzig machte. Er hatte meine Photographie auf dem Schreibtisch gerade vor sich hingestellt. Die der Mutter aber hatte er nach dem Fenster zugekehrt, mit der Rückseite nach dem Zimmer.

»Was machst du hier im Dunkeln?« entschlüpfte es mir.

Die Worte kamen mir über die Lippen, noch ehe ich es hindern konnte. Harry stellte mechanisch die Photographien an ihren gewohnten Platz zurück; aber sein Gesicht wurde blutrot und seine Hände zitterten. Er wagte ganz augenscheinlich nicht, sich umzudrehen und mir ins Gesicht zu sehen. Später hat er mir gesagt, daß er damals ganz überzeugt gewesen sei, ich wisse alles, und schweige nur, weil ich glaube, er sei ein Kind, das nichts von der Sache verstehe.

Das war gerade das Entsetzliche, daß ich nichts wußte und nichts verstand. Ich ahnte ja damals überhaupt nichts, und wenn ich etwas ahnte, so wollte ich es nicht einmal mir selbst eingestehen.

Und doch hatte schon damals ein anderer meine Stelle bei Maud eingenommen. Sein Name wird in meinem Hause nicht mehr genannt. Wie einen Bruder habe ich ihn geliebt. Er ging bei mir ein und aus. Wenn ich fort war, so war er wie der Herr im Hause. Wenn ich daheim war, hieß ich ihn willkommen. Harry wußte es, das Dienstmädchen dachte es sich. Alle wußten es, außer mir. Darum konnten auch Dinge geschehen, wie daß Harry eines Tages zu mir hereinstürzte mit der Frage, die er geradezu herausschrie:

»Wo ist Mama?«

»Ich weiß nicht,« antwortete ich. »Warum bist du so außer dir?«

Es dauerte eine lange Weile, eh er eine Antwort herauszupressen vermochte:

»Sie ist den ganzen Tag fortgewesen,« sagte er endlich. »Ich habe solche Angst, es könnte ihr etwas zugestoßen sein.«

Und nachdem er dies gesagt hatte, brach der Knabe in ein lautloses, unheimliches Weinen aus, das ihn von Kopf bis zu Fuß schüttelte.

Ich konnte diese namenlose Angst einer Bagatelle wegen nicht verstehen. Jetzt verstehe ich sie. Er wußte, wo sie war, oder dachte es sich. Er hatte auf seinem Zimmer gesessen und auf sie gewartet. Zu mir herein getraute er sich nicht. Er saß und saß, steigerte sich selber immer mehr in seine Angst hinein und stürzte schließlich wie wahnsinnig zu mir.

Als es dann endlich klingelte und Maud kam, klammerte er sich krampfhaft an mich an und bettelte und bat:

»Erzähl' es nicht Mama! Sag nicht, daß ich so dumm war und solche Angst hatte.«

Jetzt weiß ich es ja so gut. Maud hatte ihn durch Drohungen zum Schweigen gebracht, ihn zu ihrem Mitschuldigen gemacht. Sie erklärte es mir einmal später – auf ihre Art.

Es war eine gefährliche Zeit damals. Jaja. Aber die Natur hat viele Wege, uns Menschen zu erziehen. Oder ist es vielleicht Gott, der in uns spricht und uns richtig leitet? Diese Zeit reifte Harry zum Mann. Zuletzt hörte seine Angst auf. Ich kann mir denken, daß es über ihn kam wie ein Zwang. Er mußte sich aufraffen, um nicht ganz unterzugehen. Der Instinkt leitete ihn, wie er uns alle leitet. Er dachte und dachte und dachte. Sich einen Vertrauten zu suchen, das verachtete er. Gerade diese Worte gebrauchte er selbst, als er es mir erzählte. Er stand allein, und allein kämpfte er sich durch.

Ein kleiner Held in der Kinderstube.

Und vielleicht ist das alles gar nicht so seltsam. Viele Kinder haben dasselbe erlebt. Und Erfahrung ist nicht immer Verdorbenheit.

Darum glaube ich, was das Leben mich gelehrt hat – nämlich, daß die Kinder ihre eigene Methode haben, mit uns umzugehen. Nicht nur wir entscheiden, welche Gesprächsgegenstände sich zur Verhandlung zwischen uns und ihnen eignen, was zu wissen sie ein Recht haben und was nicht. Nicht wir Erwachsenen entscheiden, wo die Grenze der Vertraulichkeit zwischen Eltern und Kindern ist. Wenn ich jetzt mit Kindern oder jungen Menschen umgehe, frage ich mich nie: wieviel oder wie wenig wissen sie? Sondern: wie weit reicht die Lust des Betreffenden, mich in seine jugendliche Seele blicken zu lassen? Ich stelle mir vor, die Kinder denken ungefähr so: »Die Großen sehen ihre Welt auf ihre Weise und wollen uns den Eintritt verwehren. Die Großen bilden sich ein, sie könnten nicht über alles mit uns reden, weil wir ihren verwickelten Gedanken nicht zu folgen vermögen. Das sind Dummheiten. Wir vermögen dem Gedankengang der Großen so gut zu folgen, daß wir es sogleich merken, wenn diese Großen in ihrer Klugheit etwas sagen, was darauf berechnet ist, daß wir es nicht verstehen sollen. Da lügen die Großen ganz einfach, oder auch sagen sie nur die halbe Wahrheit. Aber von dieser Art und Weise, uns zu behandeln, läßt sich kein vernünftiges Kind hinters Licht führen. Wir wiederum verstehen ganz gut, daß die Erwachsenen uns nicht teilhaben lassen wollen an ihrer Erfahrung; es ist etwas sehr Wichtiges, worüber sie uns etwas vortäuschen wollen. So viel lernen wir früh genug. Und wir hüten uns wohl, die Großen in ihrer Einbildung, daß wir nichts verstehen, zu stören. Sondern wir verschaffen uns das Wissen, das wir brauchen, auf eigene Faust. Was für Wege wir einschlagen, das ist unser Geheimnis. Aber von der Stunde an, in der wir merken, daß die Großen uns unwissend haben wollen, stellen wir uns auch so. Den Großen gelingt es nie, uns hinters Licht zu führen, wenn sie eines der Geheimnisse des Lebens vor uns verbergen wollen. Aber uns gelingt es immer, den Großen weißzumachen, daß wir nichts wissen. Wer von uns beiden ist also der Klügere? Mit klopfendem Herzen und Bitterkeit in der Seele folgen wir ihrem durchsichtigen Spiel mit uns, sobald etwas geschieht oder gesprochen wird, das wir nicht verstehen sollen. Aber wir verraten uns nicht. Und das tun wir, weil uns die Großen vielleicht einmal, wenn sie selbst es am wenigsten ahnten, von sich gestoßen und uns das Schweigen frühreifer Verachtung gelehrt haben. Darum nehmen wir die Rolle an, die man uns zugeteilt hat und spielen überlegen mit in dem grausamen Spiel. Aber wir tun es nicht aus Notwehr, sondern aus Verachtung. Denn wir fühlen uns überlegen und wissen, daß auch unser Tag kommen wird. Nur ab und zu – ausnahmsweise, strahlt unser Inneres auf und wir werden, so wie wir wirklich sind, auch Erwachsenen gegenüber. Das ist, wenn wir einen Menschen begegnen, der nicht vergessen hat, wie er selber als Kind oder junger Mensch war. Es kommt selten vor. Und darum sind selbst die Kindlichsten unter uns auf der Hut, auch wenn wir ahnen, daß es nicht nötig ist. Das Mißtrauen des Alters gegen die Jugend hat auch uns angesteckt.«

Die Jungen vor dem Leben schützen, das können wir nicht. Wir versuchen es zwar. Aber es ist, als errichtete man Schutzwälle aus Pappe gegen die Sturzwellen der See. Die Wogen spülen die Dämme unserer zahmen Vorsicht fort, und unser Fehler ist es, wenn den Jungen schwindlig wird, sobald die Flut kommt. Denn Erzieher – wie andere Menschen – sind feige, und Feigheit ist eine Todsünde. Die Jugend dankt sie uns nicht.

Lief ich nicht herum und glaubte Harry davor behüten zu müssen, daß er auch nur ahnte, daß es zwischen mir und meiner Frau Mißhelligkeiten gab? Und was alles wußte er! Darüber schäme ich mich, wenn ich daran denke – nicht über meine Blindheit. Meine Blindheit war in jener Zeit die einzige gute Eigenschaft, die mir noch blieb. Aber daß Harry begriff, daß es zwischen mir und Maud nicht so war, wie es hätte sein sollen, das wußte ich doch schon.

Darum sprach ich eines Tages mit meiner Frau darüber, und sie hörte mich auch an. Aber ich merkte wohl, daß meine Worte nicht den Eindruck auf sie machten, den ich beabsichtigte. Ich wußte ja auch nicht, was für einen Kampf Maud damals mit mir kämpfte.

Ruhig sah sie mir ins Gesicht und fragte nur: »Was willst du, daß ich tun soll, um hierin eine Änderung herbeizuführen? Kann ich das Verhältnis zwischen dir und mir wieder zu dem machen, was es einmal war?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Nein. Aber könntest du nicht mehr zu Hause sein? Könntest du dich nicht des Jungen annehmen ...«

»Nein, nein!« unterbrach sie mich hastig. »Ich lebe bloß einmal. Ich habe bloß dies eine arme Leben. Ich kann es nicht opfern für eine Einbildung.«

»Glaubst du so sicher, daß es eine Einbildung ist?«

»Ich weiß es,« unterbrach sie mich. »Du läufst hier herum und argwöhnst und beobachtest und fürchtest ... Sieh doch die Sache, wie sie ist. Wir erleben, was tausend Menschen vor uns erlebt haben. Ich kann nicht untergehen, um Harrys willen. Und er, glaube mir, geht auch nicht unter um meinetwillen.«

Dann fügte sie ruhiger hinzu:

»Du weißt ja, daß ich den Jungen trotzdem lieb habe. Und er mich.«

Da schoß es in mir empor, und ohne Besinnen antwortete ich: »Nein, das weiß ich wirklich nicht.«

Sie blickte zur Seite und schloß die Augen. Ich wußte, ich hatte sie verwundet. Um meine eigene Schwachheit zu übertäuben, schlug ich noch einmal zu:

»Nein,« wiederholte ich. »Dazu bist du nicht genug Weib.«

Da fuhr sie gegen mich los, und mit einer Stimme, wie ich sie noch nie an ihr gehört hatte, sagte sie:

»Du weißt nicht, was du sagst. Wär' es nicht um seinetwillen, so säße ich jetzt nicht hier!«

Auch mich erbitterte die Leidenschaft, wie sie, und ohne auch nur einen Moment zu zögern, antwortete ich:

»Bist du so sicher, daß er dir deine Aufopferung dankt?«

Meine Frau hob zwei zitternde Hände gegen mich auf, als wolle sie mir ins Gesicht schlagen. Im nächsten Augenblick lag sie mit dem Oberkörper über dem Tisch und weinte, maßlos, wie ich sie noch nie hatte weinen sehen. Aber das Weinen war gedämpft und still, wie bei einem Menschen, der nicht gewöhnt ist, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, und der sich einem Ausbruch überläßt, dessen er sich, mitten in seiner übermenschlichen Qual, schämt.

»Geh!« murmelte sie. »Geh! Nicht weiter jetzt!«

Die Komödie ward ihr zu ekelhaft. Sie war nahe daran, sich zu verraten.


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