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Vierzehntes Kapitel

Sein

Er hatte viel zu tun in dieser Nacht und den ganzen nächsten Tag. Ein Telegramm, beim Frühstück, beruhigte ihn über Annette, und er erreichte nur noch den letzten Zug nach Reading, Emilys Kuß auf der Stirn, und in seinen Ohren ihre Worte:

»Ich weiß nicht, was ich ohne dich angefangen hätte, mein lieber Junge.«

Er langte um Mitternacht zu Haus an. Das Wetter hatte sich geändert, war wieder mild, als könne es ausruhen, nachdem es sein Werk vollendet und einen Forsyte zu seiner letzten Rechenschaftsablegung gesandt. Ein zweites Telegramm, zur Essenszeit, hatte die guten Nachrichten über Annette bestätigt, und Soames ging, anstatt hineinzugehen, im Mondschein durch den Garten, zu seinem Hausboot hinunter. Er konnte ganz gut dort schlafen. Todmüde legte er sich in seinem Pelz aufs Sofa, und schlief ein. Bald nach der Morgendämmerung erwachte er und ging auf das Deck. Er stand an der Reeling und schaute nach Westen, wo der Fluß in großem Bogen in den Wäldern verschwand. Soames' Würdigung der Schönheit der Natur glich, merkwürdigerweise, der seiner Farmervorfahren, und wurde ohne Zweifel durch seine Forschungen auf dem Gebiet der Landschaftsmalerei verschärft und durchgebildet. Dämmerung aber hat die Macht, befruchtend auf den nüchternsten Sinn zu wirken, und er war bewegt. Es war eine andere Welt, als er sie kannte, hier am Fluß, unter dem blassen, kühlen Licht; eine Welt, die noch kein Mensch betreten, eine unwirkliche Welt, wie ein fremdes Ufer, das man sichtet. Ihre Farbe war nicht die übliche, war überhaupt kaum Farbe; ihre Formen waren verhüllt, doch deutlich; ihre Stille befremdend; sie hatte keinen Duft. Weshalb sie ihn so bewegte, konnte er nicht sagen, wenn es nicht daher kam, daß er sich so einsam darin fühlte, jeder Beziehung, jeden Besitzes bar. In solch eine Welt mochte sein Vater jetzt eingegangen sein, trotz aller Ähnlichkeit, die sie mit der Welt hatte, die er verlassen. Und Soames suchte Zuflucht in dem Gedanken, welcher Maler ihr wohl hätte gerecht werden können. Das grauweiße Wasser war wie – wie der Bauch eines Fisches! War es möglich, daß diese Welt, auf die er schaute, völlig privates Eigentum war, außer dem Wasser – und selbst das war abgegraben! Kein Baum, kein Strauch, nicht ein Grashalm, kein Vogel oder Tier, selbst kein Fisch, der nicht jemandem gehörte. Und einst war alles dies Wildnis und Marschland und Wasser gewesen, und freie Geschöpfe streiften und jagten hier umher, ohne von Menschen gekannt zu sein, die ihnen Namen geben konnten; geile Üppigkeit hatte dort geherrscht, wo jene hohen, sorgsam gepflanzten Wälder bis ans Wasser unten reichten, und sumpffeuchtes Schilf hatte drüben das ganze Weideland bedeckt. Ja! Sie hatten es untergekriegt, es aufgeteilt, etikettiert und es in Anwaltsbüros aufgestapelt. Und das war gut so! Dereinst aber würde, wie jetzt, der Geist der Vergangenheit kommen, würde spuken, brüten, und jedem menschlichen Wesen, das zufällig wach war, zuflüstern: ›Aus meiner freien Einsamkeit kamt ihr alle, und dahin werdet ihr alle einst zurückkehren!‹

Und Soames, der die Kälte und Unheimlichkeit dieser Welt fühlte – die so neu für ihn war, und doch so alt – dieser Welt, die niemand gehörte – ging hinunter und machte sich Tee auf einem Spirituskocher. Nachdem er ihn getrunken, nahm er Schreibmaterial heraus, und schrieb zwei Anzeigen:

›Am 20. dieses Monats starb James Forsyte, in seinem neunzigsten Jahr, in seiner Wohnung in Park Lane. Beisetzung am Nachmittag des 24. auf dem Highgate-Friedhof. Blumen dankend verbeten.‹

›Am 20. dieses Monats gebar in ›Haus Zuflucht‹, Mapledurham, Annette, die Frau von Soames Forsyte, eine Tochter.‹ Darunter auf das Löschblatt kritzelte er das Wort: Sohn.

Es war acht Uhr, an einem Tag wie eben im Herbst, als er ins Haus hinüber ging. Die Büsche um den Fluß ragten rund und farbig aus einem milchigen Nebel; der Waldrauch stieg blau und gerade in die Höhe; und seine Tauben gurrten und putzten ihr Gefieder im Sonnenschein.

Er stahl sich in sein Ankleidezimmer hinauf, badete, rasierte sich, und zog frische Wäsche und dunkle Kleider an.

Madame Lamotte begann gerade ihr Frühstück, als er herunterkam.

Sie sah auf seinen Anzug, sagte: »Sagen Sie mir nichts,« und drückte ihm die Hand. »Annette geht es ganz gut. Aber der Doktor meint, sie könne nie mehr Kinder haben. Wußten Sie das?« Soames nickte. »Sehr schade. Mais la petite est adorable. Du café?«

Soames verließ sie sobald er konnte. Ihr Anblick verletzte ihn – sie war so kraftvoll, so sachlich, rasch, klar – und so französisch. Er konnte ihre Vokale nicht vertragen und ihre ›r‹; ihn ärgerte die Art, wie sie ihn angesehen hatte, als wäre es seine Schuld, daß Annette ihm nie einen Sohn gebären konnte! Seine Schuld! Ihn ärgerte sogar ihr billiges Entzücken über die Tochter, die er noch nicht gesehen hatte.

Merkwürdig, wie er den Anblick seiner Frau und des Kindes hinausschob!

Man hätte meinen sollen, daß er im ersten Augenblick hinaufgestürzt sein müßte. Allein er hatte im Gegenteil förmlich eine physische Scheu davor – der stolze Besitzer. Er fürchtete sich davor, was Annette von ihm als Urheber ihrer Todesqualen dachte, fürchtete sich vor dem Aussehen des Kindes, fürchtete seine Enttäuschung über Gegenwart und – Zukunft zu zeigen.

Er wanderte eine Stunde im Wohnzimmer auf und nieder, ehe er Mut fassen konnte, die Treppe hinaufzusteigen und an die Tür ihres Zimmers zu klopfen.

Madame Lamotte öffnete ihm.

»Ah! Endlich kommen Sie! Elle vous attend!« Sie ließ ihn vorbei.

Soames ging, die Lippen zusammengepreßt und verstohlen um sich blickend, mit seinem lautlosen Schritt hinein.

Annette lag sehr bleich und sehr hübsch da. Das Kind war irgendwo verborgen, er konnte es nicht sehen. Er trat an das Bett, und in plötzlicher Bewegung bückte er sich und küßte sie auf die Stirn.

»Da bist du ja, Soames,« sagte sie. »Mir geht es jetzt nicht so schlecht. Aber ich habe furchtbar gelitten, furchtbar. Ich bin froh, daß ich keine Kinder mehr haben kann. O! Wie ich gelitten habe!«

Soames stand still da und streichelte ihre Hand; Worte der Zärtlichkeit, des Mitgefühls wollten durchaus nicht kommen. ›Ein englisches Mädchen hätte das nicht gesagt!‹ dachte er sich. In diesem Augenblick wußte er, daß er ihr geistig niemals wirklich näher kommen würde, noch sie ihm. Er hatte sie zu sich genommen – das war alles! Und Jolyons Worte: ›Ich kann mir denken, daß du froh sein wirst, den Hals aus der Schlinge zu bekommen,‹ fielen ihm ein. Nun, er hatte ihn herausbekommen! War er wieder hineingeraten?

»Wir müssen dich gut pflegen,« sagte er, »du wirst dich bald wieder kräftigen.«

»Willst du das Kind nicht sehen, Soames? Es schläft.«

»Natürlich,« erwiderte Soames, »sehr gern.«

Er ging um das Fußende des Bettes auf die andere Seite und stand mit starrem Blick da. Im ersten Augenblick war, was er sah, genau, was zu sehen er erwartet hatte – ein Säugling. Doch als er hinschaute und das Kind atmete und er kleine Schlafbewegungen in den winzigen Zügen sah, schien es eine individuelle Gestalt anzunehmen, wie ein Bild zu werden, etwas, das er wiedererkennen würde; es stieß ihn nicht ab, war sonderbar knospenhaft und rührend. Es hatte dunkles Haar. Er berührte es mit den Fingern, wünschte seine Augen zu sehen. Sie öffneten sich, waren dunkel – ob blau oder braun, konnte er nicht sagen. Die Augen blinzelten, starrten, es war eine verschlafene Tiefe darin. Und plötzlich quoll ein sonderbares, warmes Gefühl in seinem Herzen auf, etwas wie stolze Freude.

»Ma petite fleur!« sagte Annette sanft.

»Fleur,« wiederholte Soames; »Fleur! so wollen wir sie nennen.«

Ein Gefühl von Triumph und erneuten Besitzes schwoll in ihm.

Bei Gott! dies – dies Wesen war sein!


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