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Achtes Kapitel

James in Erwartung

Durch das Dampfbad beruhigt, speiste Soames im ›Remove‹ und begab sich darauf nach Park Lane. Sein Vater war in letzter Zeit nicht wohl gewesen. Dies mußte ihm verschwiegen werden! Nie bis zu diesem Augenblick hatte er sich vergegenwärtigt, wie schwer die Furcht, James mit seinem grauen Haar durch Kummer ins Grab zu bringen, bei ihm ins Gewicht fiel, wie innig sie mit seinem eigenen Schauder vor Skandal verbunden war. Seine Liebe für seinen Vater, die immer tief gewesen, hatte sich in den letzten Jahren durch das Bewußtsein gesteigert, daß James auf ihn als einzigen Halt in seinem hohen Alter blickte. Es dünkte ihn traurig, daß jemand, der sein ganzes Leben so vorsichtig gewesen und soviel für den Familiennamen getan, daß sein solider Reichtum und sein Ansehen beinah sprichwörtlich geworden waren, dies vor seinem nahen Ende in allen Zeitungen lesen sollte. Es war wie dem Tode, diesem unentrinnbaren Feind aller Forsytes, eine hilfreiche Hand zu reichen. ›Ich muß es Mutter sagen,‹ dachte er, ›und wenn es so weit ist, müssen wir ihm die Zeitungen vorenthalten. Er sieht kaum jemand.‹ Mit seinem Drücker schloß er die Haustür auf und wollte eben die Treppe hinaufgehen, als er eine unruhige Bewegung im Treppenflur des zweiten Stockes bemerkte. Die Stimme seiner Mutter sagte:

»Aber, James, du wirst dich erkälten. Weshalb kannst du nicht ruhig warten?«

Sein Vater antwortete:

»Warten? Ich warte immer. Warum kommt er nicht?«

»Du kannst ja morgen früh mit ihm sprechen, anstatt hier im Flur wie eine Vogelscheuche dazustehen.«

»Er wird gewiß gleich nach oben und zu Bett gehen. Ich kann nicht schlafen.«

»Komm nun zurück ins Bett, James.«

»Ach! Ich könnte sterben vor morgen früh, wer kann es wissen.«

»Du wirst nicht bis morgen früh zu warten brauchen; ich werde hinuntergehen und ihn heraufbringen. Rege dich nicht auf!«

»Du bist immer – immer so obenauf. Vielleicht kommt er überhaupt nicht.«

»Nun, wenn er nicht kommt, kannst du ihn durch dein Draußenstehen hier im Schlafrock auch nicht abfangen.«

Soames kam den letzten Absatz herauf und erblickte die hohe Gestalt seines Vaters in einem braunen wattierten Seidenschlafrock über das Geländer oben gebeugt. Das Licht fiel auf sein silbriges Haar und seinen Bart und umgab seinen Kopf wie ein Glorienschein.

»Da ist er!« hörte er ihn mit gekränkter Stimme sagen, und darauf die gleichmütige Antwort seiner Mutter von der Schlafzimmertür aus:

»Das ist schön. Komm herein, dann will ich dir das Haar bürsten.« James streckte einen dünnen, gebogenen Finger aus, es war unheimlich wie das Winken eines Skeletts, und verschwand durch die Tür seines Schlafzimmers.

›Was bedeutet das?‹ dachte Soames. ›Was hat er nur wieder?‹

Sein Vater saß vor dem Toilettetisch neben dem Spiegel, während Emily langsam mit zwei silbernen Bürsten über sein Haar strich. Sie pflegte das mehrmals am Tage zu tun, denn die Wirkung auf ihn war ungefähr wie bei einer Katze, die man zwischen den Ohren kraut.

»Da bist du ja!« sagte er. »Ich habe auf dich gewartet.«

Soames streichelte seine Schulter, dann nahm er einen silbernen Knöpfer auf und prüfte die Marke darauf.

»Du siehst besser aus,« sagte er.

James schüttelte den Kopf.

»Ich möchte dir etwas sagen. Deine Mutter weiß nichts davon.«

Er sprach in einem Ton über Emilys Unkenntnis der Sache, von der er ihr nichts gesagt hatte, als wäre es eine Kränkung für ihn.

»Dein Vater ist den ganzen Abend in großer Aufregung. Ich weiß wahrhaftig nicht worüber.« Das leise Wisch-Wisch der Bürsten war wie eine Fortsetzung ihrer besänftigenden Stimme.

»Nein! du weißt nichts,« sagte James. »Soames kann es mir sagen.« Und er heftete seine grauen Augen mit einem angespannten Blick, der hilflos anmutete, auf seinen Sohn und murmelte:

»Es geht abwärts mit mir, Soames. In meinem Alter kann man nicht wissen. Ich kann jeden Augenblick sterben. Es wird eine Menge Geld da sein. Rachel und Cicely haben keine Kinder; und Val ist da draußen – sein Vater, dieser Geselle, wird sich aneignen, soviel er kann. Und irgend wer wird Imogen auflesen, mich würde es nicht wundern.«

Soames hörte kaum hin – er hatte alles das schon so oft gehört. ›Wisch-wisch‹ machten die Bürsten.

»Wenn das alles ist –!« sagte Emily.

»Alles!« rief James; »das ist noch gar nichts. Es kommt schon noch.« Und wieder heftete er die Augen mit hilflos gespanntem Blick auf Soames.

»Es handelt sich um dich, mein Junge,« sagte er plötzlich; »du solltest dich scheiden lassen.«

Dieses Wort, gerade von diesen Lippen, war fast zuviel für Soames' Fassung. Sein Blick richtete sich rasch wieder auf den Knöpfer, und wie um sich zu rechtfertigen, fuhr James eilig fort:

»Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist – sie sagen, daß sie im Ausland sei. Dein Onkel Swithin pflegte sie zu bewundern – er war ein närrischer Kauz.« (So spielte er immer auf seinen toten Zwillingsbruder an. ›Der Dicke und der Dünne‹ wurden sie genannt.) »Sie wird nicht allein sein, sollt' ich meinen.« Und nachdem er in diesem Satz die Wirkung der Schönheit auf die menschliche Natur zusammengefaßt hatte, verstummte er und beobachtete seinen Sohn mit argwöhnischem Blick, der dem eines Vogels glich.

Soames schwieg ebenfalls. Wisch-wisch! machten die Bürsten weiter.

»Laß doch, James! Soames weiß es am besten. Es ist seine Sache!«

»Ach!« sagte James, und das Wort kam aus tiefster Tiefe; »aber da ist all mein Geld, und das seine – an wen soll es kommen? Und wenn er stirbt, erlischt der Name.«

Soames legte den Knöpfer wieder auf die Spitzen und die rosa Seide des Toilettentischbezugs.

»Der Name?« sagte Emily, »da sind doch noch all die andern Forsytes.«

»Als wenn das mir helfen könnte,« murmelte James. »Ich werde in meinem Grabe liegen, und es wird niemand da sein, wenn er nicht wieder heiratet.«

»Du hast ganz recht,« sagte Soames ruhig, »ich lasse mich scheiden.«

James' Augen sprangen fast aus dem Kopf.

»Wie?« rief er. »Da! Niemand sagt mir was.«

»Ja,« sagte Emily, »wer hätte geglaubt, daß du es wünscht? Mein lieber Junge, das ist aber eine Überraschung nach all diesen Jahren.«

»Es wird einen Skandal geben,« murmelte James wie zu sich selbst, »aber dagegen ist nichts zu machen. Bürste nicht so stark. Wann wird es sein?«

»Vor den großen Ferien; der Beklagte ist nicht vertreten.«

James' Lippen bewegten sich, als rechnete er heimlich nach, und murmelte: »Ich werde nicht leben, um meinen Enkel zu sehen.«

Emily hörte mit dem Bürsten auf. »Natürlich wirst du ihn sehen, James. Soames wird sich beeilen, so sehr er kann.«

Es entstand eine lange Pause, bis James den Arm ausstreckte.

»So! Gib mir etwas Eau de Cologne,« und die Flasche an die Nase haltend, wandte er sich nach seinem Sohn um. Soames beugte sich über ihn und küßte ihn auf die Stirn, wo das Haar begann. Ein Zucken der Erlösung ging über James' Gesicht, als kämen die Räder der Angst in ihm zum Stillstand.

»Ich werde zu Bett gehen,« sagte er; »die Zeitungen möchte ich nicht mehr sehen, wenn das kommt. Es ist eine verrottete Gesellschaft; aber ich kann mich darum nicht kümmern, ich bin zu alt.«

Sonderbar berührt, ging Soames zur Tür; er hörte seinen Vater sagen:

»Ich bin müde, ich werde im Bett ein Gebet verrichten.« Und seine Mutter erwidern:

»Das ist recht, James, das wird dir um so mehr Trost geben.«


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