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Dreizehntes Kapitel

»Da bin ich wieder!«

Imogens Kleider für ihre erste Season nahmen das Urteil ihrer Mutter und die Börse ihres Großvaters den ganzen Monat März über in Anspruch. Mit Forsytescher Beharrlichkeit forderte Winifred höchste Vollkommenheit. Es lenkte ihre Gedanken von dem langsam herannahenden Akt ab, der ihr eine Freiheit wiedergeben sollte, die zu wünschen sie noch schwankte; lenkte sie von ihrem Jungen und seiner nahe bevorstehenden Abreise in einen Krieg ab, von dem die Nachrichten beunruhigend blieben. Wie geschäftige Bienen auf Sommerblumen oder leuchtende Fliegen, die sich auf stachlige Herbstblüten stürzen, wanderte sie und ihre ›kleine Tochter‹ die fast so groß war wie sie, und eine Büste hatte, die der ihren an Umfang kaum nachstand, verloren in Betrachtung und Prüfen der Waren durch die Läden der Regent Street und die Etablissements des Hanover Square und der Bond Street. Dutzende junger Mädchen mit auffallenden Bewegungen und sonderbarem Gang paradierten in den neuesten ›Schöpfungen‹ vor Winifred und Imogen. Die Modelle – ›Sehr modern, gnädige Frau, das Allerneueste‹ – die die beiden zögernd musterten, hätten ein Museum füllen können; und die Modelle, die sie nehmen mußten, leerten beinah James' Börse. Es hatte keinen Zweck, die Dinge nur halb zu tun. Winifred fühlte, daß gerade in ihrer Lage diese erste und einzige noch ungetrübte Season ein unbestrittener Erfolg sein mußte. Eine Geduld, mit der sie die Geduld dieser unpersönlichen Geschöpfe, die sich vor ihnen wendeten und drehten, auf die Probe stellten, konnte nur entfalten, wer die Sache ernst nahm wie sie. Für Winifred war es eine lange Andacht vor ihrer Göttin Mode, die vielleicht ebenso inbrünstig war wie die eines Katholiken vor der heiligen Jungfrau; für Imogen eine Erfahrung, die keineswegs unangenehm war – sie sah oft so hübsch aus und es fehlte nicht an Schmeicheleien: mit einem Wort, es war ›amüsant‹.

Am Nachmittag des 20. März, nachdem sie Skywards Kaufhaus beinah ausgeplündert hatten, waren sie zu Caramel und Baker hinübergegangen, sich an Schokolade mit schaumigem Rahm zu erfrischen, und kehrten abends, als schon ein Frühlingshauch zu spüren war, über den Berkley Square nach Haus zurück. Als Winifred die Haustür geöffnet hatte, die Imogen zu Ehren mit einem hellen Olivgrün frisch gestrichen war, ging sie an den Silberkorb, um zu sehen, ob jemand dagewesen war, und spürte plötzlich einen Duft. Was war das nur?

Imogen hatte einen Roman genommen, der aus der Bibliothek geschickt worden war, und stand ganz vertieft damit da. Durch ein sonderbares Gefühl in der Brust erregt, sagte Winifred ziemlich streng:

»Nimm das mit hinauf, Kind, und ruhe dich vor Tisch ein wenig aus.«

Imogen ging, immer noch lesend, die Treppe hinauf. Winifred hörte die Tür ihres Zimmers zuschlagen und atmete tief auf. Kitzelte der Frühling ihre Sinne – peitschte er aller Weisheit und beleidigter Tugend zum Trotz das Heimweh nach ihrem ›Clown‹ in ihr auf? Ein männlicher Duft! Ein leiser Geruch von Zigarettenrauch und Lavendelwasser, den sie seit jenem frühen Herbstabend vor sechs Monaten, als sie ihn ›Lump‹ genannt, nicht mehr gespürt hatte. Woher kam er, oder war es ein eingebildeter Geruch – eine bloße Erinnerung daran? Sie blickte umher. Nichts, nicht das geringste, nicht die winzigste Unordnung in der Diele oder dem Speisezimmer! Ein kleiner Tagtraum dieser Geruch – illusorisch, wehmütig, albern! In dem silbernem Körbchen lagen zwei neue Karten, zwei von ›Mr. und Mrs. Polegate Thom‹, und eine von ›Mr. Polegate Thom‹; sie roch daran, aber sie hatten einen herben Geruch. ›Ich muß müde sein,‹ dachte sie. ›Ich will mich hinlegen.‹ Oben war das Wohnzimmer dunkel, es wartete auf eine Hand, die es erleuchten sollte; und sie ging weiter in ihr Schlafzimmer. Auch dies war halb verhängt und dunkel, denn es war sechs Uhr. Winifred legte ihren Mantel ab – da wieder dieser Geruch! – dann blieb sie wie vom Blitz getroffen festgebannt an der Bettlehne stehen. Etwas Dunkles hatte sich vom Sofa in der fernen Ecke erhoben. Ein Wort: »Gott!« – fürchterlich für ihre Familie – entfuhr ihr.

»Ich bin es – Monty,« sagte eine Stimme.

Winifred umspannte die Bettlehne, streckte den Arm aus und drehte das Licht auf, das über ihrem Toilettentisch hing. Er erschien gerade am Rande des Lichtkreises, sichtbar von der fehlenden Uhrkette bis hinunter zu den Schuhen von einem russigen Braun, die aber – ja! – an der Spitze einen Riß hatten. Brust und Gesicht blieben im Schatten. Wie mager er geworden war – oder lag das an dem Licht? Er kam näher, jetzt von den Schuhspitzen bis zum Scheitel seines dunklen Kopfes beleuchtet, der – wirklich ein wenig ergraut war! Seine Gesichtsfarbe war dunkler, gelblicher geworden und der schwarze Schnurrbart hatte an Keckheit eingebüßt, gab ihm etwas Hämisches; sie sah Linien in seinem Gesicht, die sie nicht kannte. In seiner Krawatte steckte keine Nadel. Sein Anzug – ah! – sie kannte ihn – aber wie ungebügelt und zerdrückt er war! Sie starrte wieder auf die Kappe seiner Schuhe. Das Leben hatte ihn wohl hart und unbarmherzig angefaßt, hatte ihn umgewandelt und durchgerüttelt, verwüstet und zermürbt. Und ohne ein Wort zu sprechen, blieb sie reglos stehen und starrte auf den Riß über den Zehen.

»Ich bekam den Brief,« sagte er. »Da bin ich wieder.«

Winifreds Busen hob sich. Die Sehnsucht nach ihrem Manne, die mit dem Geruch über sie gekommen war, kämpfte mit einer Eifersucht, die tiefer war als sie sie je gefühlt. Nun war er da – ein dunkler, verzerrter Schatten seines gewandten kecken Selbst! Welche Macht hatte ihm das angetan – hatte ihn bis auf die trockene Schale ausgepreßt wie eine Zitrone! Jene Frau!

»Ich bin zurück,« sagte er noch einmal. »Es war eine abscheuliche Zeit für mich. Bei Gott! Ich kam im Zwischendeck. Ich besitze nichts als das, worin ich gehe und stehe, und diese Tasche.«

»Und wer hat das Übrige?« rief Winifred plötzlich lebhaft. »Wie konntest du wagen zu kommen? Du weißt, daß du den Brief mit der Aufforderung zurückzukommen, nur im Hinblick auf die Scheidung bekamst. Rühr' mich nicht an!«

Sie hielten sich beide an der Lehne des großen Bettes, wo sie die Nächte so vieler Jahre zusammen verbracht hatten. Oftmals – ja, oftmals hatte sie ihn zurückgewünscht. Doch jetzt, da er gekommen war, erfüllte sie ein kalter, tödlicher Groll. Er hob die Hand zu seinem Schnurrbart, zupfte und drehte ihn aber nicht in der alten vertrauten Weise, sondern zog ihn nur nach unten.

»Herrgott!« sagte er. »Wenn du wüßtest, wie es mir ergangen ist!«

»Ich bin froh, daß ich es nicht weiß!«

»Geht es den Kindern gut?«

Winifred nickte. »Wie kamst du herein?«

»Mit meinem Schlüssel.«

»Dann wissen die Mädchen es also nicht. Du kannst hier nicht bleiben, Monty.«

Er lachte höhnisch auf.

»Wo denn sonst?«

»Irgendwo.«

»Aber sieh mich doch an! Dies – dies verwünschte –«

»Wenn du sie mit einem Wort erwähnst,« rief Winifred, »gehe ich direkt nach Park Lane hinaus und komme nicht zurück.«

Plötzlich tat er etwas sehr Einfaches, aber so Uncharakteristisches für ihn, daß es sie rührte. Er schloß die Augen. Es war als hätte er gesagt: ›Also gut! Ich bin tot für die Welt!‹

»Du kannst ein Zimmer für die Nacht haben,« sagte sie, »deine Sachen sind noch hier. Nur Imogen ist zu Haus.«

Er lehnte sich an das Bett. »Gut, es liegt in deiner Hand,« und seine eigene bewegte sich zuckend. »Ich habe viel durchgemacht. Du brauchst nicht so hart zu sein – es lohnt die Mühe nicht. Mir wurde angst – mir wurde angst, Freddie!«

Bei diesem alten Kosenamen, den er Jahre und Jahre nicht mehr gebraucht, überlief Winifred ein Schauer.

›Was fange ich mit ihm an?‹ dachte sie. ›Was in Gottes Namen fange ich mit ihm an?‹

»Hast du eine Zigarette?«

Sie gab ihm eine aus der kleinen Schachtel, die sie für den Fall, daß sie nicht schlafen konnte, aufbewahrte, und zündete sie an. Und damit kam die Sachlichkeit ihrer Natur wieder zum Vorschein.

»Geh und nimm ein heißes Bad. Ich werde deine Sachen im Ankleidezimmer für dich bereitlegen. Wir können später mit einander reden.«

Er nickte und heftete seinen Blick auf sie – seine Augen sahen halb erloschen aus, oder schien es nur so, weil die Falten in den Lidern stärker geworden waren?

›Er ist nicht mehr derselbe,‹ dachte sie. ›Er wird nie wieder ganz derselbe werden! Aber wie würde er sein?‹

»Gut!« sagte er und ging zur Tür. Er bewegte sich sogar anders, wie jemand, der seine Illusionen verloren hat, und im Zweifel ist, ob es überhaupt noch der Mühe wert ist, sich zu bewegen.

Als er gegangen war und sie das Wasser im Bade laufen hörte, legte sie einen vollständigen Anzug auf das Bett im Ankleidezimmer, ging darauf hinunter und holte die Keksbüchse und Whisky herauf. Dann zog sie ihren Mantel wieder an, lauschte einen Augenblick an der Badezimmertür und ging hinunter und fort. Auf der Straße zögerte sie. Nach sieben Uhr! Ob Soames im Klub war oder in Park Lane? Sie wandte sich dorthin. Zurück! Soames hatte es immer gefürchtet – und sie zuweilen darauf gehofft. Zurück! Wie ihm das ähnlich sah – diesem Clown – der sie alle, das Gesetz, Soames und sie selbst mit seinem ›Da bin ich wieder!‹ zum Narren machte. Allein dieses Gesetz jetzt los zu sein, diese düstere Wolke nicht mehr über sich und den Kindern hängen zu haben! Welche Erleichterung! Doch wie seine Rückkehr nun aufnehmen? Jenes ›Weib‹ hatte ihn zerrüttet, hatte eine Leidenschaft in ihm entfacht, wie er sie ihr nie gezeigt, wie sie sie ihm nie zugetraut. Das war der Stachel! Dieser selbstsüchtige, prahlerische ›Clown‹, den sie selbst niemals wirklich entflammt hatte, war von einer andern Frau umgarnt und berückt. Eine Schmach! Eine zu große Schmach! Es war nicht recht, ihrer nicht würdig, ihn wieder aufzunehmen! Und doch hatte sie ihn dazu aufgefordert; das Gesetz würde es jetzt vielleicht von ihr verlangen! Er war immer noch ihr Gatte – sie hatte ihre Rechte verscherzt! Und alles was er wollte, war ohne Zweifel Geld – Geld, um sich mit Zigarren und Lavendelwasser zu versorgen! Dieser Geruch! ›Schließlich bin ich nicht alt,‹ dachte sie, ›noch nicht alt!‹ Aber dieses ›Weib‹, das ihn so weit gebracht hatte, zu sagen: ›Ich habe viel durchgemacht. Mir wurde angst – mir wurde angst, Freddie!‹ Unschlüssig hin und hergetrieben, näherte sie sich dem Hause ihres Vaters und kam, ihrer Forsytenatur getreu, zu der tiefen Einsicht, daß er doch schließlich ihr Eigentum war, und einer habsüchtigen Welt gegenüber festgehalten werden mußte. Und mit diesem Vorsatz langte sie bei ihren Eltern an.

»Mr. Soames? In seinem Zimmer? Ich will hinaufgehen; sagen Sie nicht, daß ich hier bin.«

Ihr Bruder war beim Ankleiden. Sie fand ihn vor dem Spiegel, wo er mit einer Miene eine schwarze Schleife knüpfte, als verachte er die Enden daran.

»Hallo!« sagte er, sie im Spiegel betrachtend; »wo fehlt's?«

»Monty!« sagte Winifred steinern.

Soames drehte sich rasch um. »Wie?«

»Zurück!«

»Aufgeflogen,« murmelte Soames, »durch unsern eigenen Sprengstoff. Weshalb, zum Teufel, ließest du mich's nicht mit Brutalität versuchen? Ich wußte, daß wir auf diese Art zu große Gefahr liefen.«

»Ach! Sprich nicht davon! Was soll ich tun?«

Soames antwortete mit einem tiefen Seufzer.

»Nun?« sagte Winifred ungeduldig.

»Was hat er selbst zu seiner Entschuldigung zu sagen?«

»Nichts. Einer seiner Schuhe hat einen Riß über den Zehen.«

Soames starrte sie an.

»Ah!« sagte er, »natürlich! Total fertig. So fängt es also wieder an! Das bringt Vater noch ins Grab!«

»Können wir es ihm nicht verheimlichen?«

»Unmöglich. Er hat einen unglaublichen Riecher für alles, was Ärger verursacht.«

Und er überlegte, die Finger in seine blauseidenen Hosenträger gehakt. »Es muß doch irgend einen gesetzlichen Weg geben,« murmelte er, »ihn sicher zu machen.«

»Nein,« rief Winifred, »ich will mich nicht wieder zum Narren machen lassen; lieber will ich sehen, mit ihm fertig zu werden.«

Die beiden starrten einander an. Ihre Herzen waren voller Mitgefühl, aber als die Forsytes, die sie waren, vermochten sie ihm keinen Ausdruck zu geben.

»Wo hast du ihn gelassen?«

»Im Bade,« Winifred lachte bitter auf. »Das einzige, was er mitgebracht hat, ist Lavendelwasser.«

»Ruhig!« sagte Soames; »du bist ja völlig außer dir. Ich gehe mit dir zurück.«

»Was hat das für einen Zweck?«

»Wir müssen ihm Bedingungen stellen.«

»Bedingungen! Es wird immer dasselbe bleiben. Wenn er sich erholt – werden wieder Karten und Wetten, Trinken und –« Sie schwieg in der Erinnerung an das Gesicht ihres Mannes. Das gebrannte Kind – das gebrannte Kind! Vielleicht –!

»Erholt?« sagte Soames. »Ist er krank?«

»Nein; ausgebrannt; das ist alles.«

Soames nahm seine Weste von einem Stuhl und zog sie an, nahm seinen Rock, besprengte sein Taschentuch mit Eau de Cologne, befestigte seine Uhrkette und sagte: »Wir haben kein Glück.«

Und mitten in ihrer eigenen Bedrängnis tat es ihr leid um ihn, als hätte er mit diesen Worten seinen eigenen tiefen Kummer enthüllt.

»Ich möchte Mutter gern sehen,« sagte sie.

»Sie wird bei Vater in seinem Zimmer sein. Komm leise herunter ins Lesezimmer. Ich werde sie holen.«

Winifred stahl sich in das kleine dunkle Arbeitszimmer, das hauptsächlich durch einen Canaletto, der zu zweifelhaft war, um sonstwo untergebracht zu werden, und eine schöne Sammlung von Gerichtsurteilen, die seit Jahren nicht geöffnet wurde, bemerkenswert war. Hier stand sie mit dem Rücken gegen die dicht geschlossenen kastanienbraunen Vorhänge und starrte in den leeren Kamin, bis ihre Mutter, von Soames begleitet, hereinkam.

»Ach! mein armes Kind!« sagte Emily. »Wie elend du aussiehst! Er treibt es wirklich zu arg!«

In der Familie hatte man sich stets so gehütet, unvornehme Rührung zu zeigen, daß es ihr unmöglich war, zu ihrer Tochter zu gehen und sie liebevoll in die Arme zu schließen. Aber schon ihre gedämpfte Stimme und der Anblick ihrer noch vollen Schultern unter der kostbaren schwarzen Spitze war ein Trost. In dem Bestreben, ihrem Stolz nichts zu vergeben und ihre Mutter nicht zu betrüben, sagte Winifred mit unbefangener Stimme:

»Schon gut, Mutter, es hilft nichts, so viel Wesen davon zu machen.«

»Ich verstehe nicht,« sagte Emily und sah Soames an, »warum Winifred ihm nicht sagen darf, daß sie ihn verklagen wird, wenn er sein Vergehen nicht wieder gut macht. Er nahm ihre Perlen, und wenn er sie nicht wieder zurückgebracht hat, so genügt das vollkommen.«

Winifred lächelte. Sie alle würden nun mit Vorschlägen kommen, aber sie wußte bereits, daß sie nichts, – gar nichts tun würde. Das Gefühl, daß sie schließlich doch einen Sieg davongetragen, ihr Eigentum behalten hatte, gewann immer mehr Boden in ihr. Nein! wenn sie ihn strafte, konnte sie es zu Hause tun, ohne daß die Welt davon erfuhr.

»Komm doch gemütlich ins Speisezimmer,« sagte Emily, »du mußt hierbleiben und mit uns essen. Überlasse mir, es Vater zu sagen.« Und als Winifred zur Tür ging, drehte sie das Licht aus. Erst da im Korridor draußen, sahen sie das Unglück.

Von dem Licht in einem Zimmer angezogen, das nie erleuchtet wurde, stand James in seinen dunkelbraunen Kamelhaarschal gehüllt, so daß die Arme bedeckt waren und sein silberweißer Kopf wie durch eine weite Einöde von seinen Beinen in modischen Beinkleidern abgeschnitten schien. Er stand, in unnachahmlicher Haltung, wie ein Storch anzusehen, mit einem Ausdruck im Gesicht da, als sähe er einen Frosch vor sich, der zu groß zum Verschlingen war.

»Was bedeutet alles dies?« sagte er. »Ihr sagt mir nie was.

Emily fand diesmal keine Antwort. Aber Winifred ging zu ihm hin, legte eine Hand auf jeden seiner eingewickelten, hilflosen Arme und sagte:

»Monty hat nicht Bankrott gemacht, Vater. Er ist nur zurückgekommen.«

Alle drei fürchteten, daß ihm etwas Ernstes zustoßen könnte und waren froh, daß Winifred ihn an den Armen hielt, allein sie wußten nicht, welche Charakterstärke dieser schattenhafte alte Forsyte besaß. Es zuckte um seinen glattrasierten Mund und sein Kinn, die Züge zwischen den langen silbrigen Koteletten hatten etwas Verzerrtes. Plötzlich sagte er mit einer gewissen Würde: »Es wird mein Tod sein, ich wußte, wie es kommen würde.«

»Du darfst dich nicht aufregen, Vater,« sagte Winifred ruhig. »Ich werde dafür sorgen, daß er sich gut aufführt.«

»Ach!« sagte James. »Hier, nimm das Ding fort, mir ist heiß.« Sie wickelte ihn aus dem Schal, und er ging festen Schrittes ins Eßzimmer.

»Ich möchte keine Suppe,« sagte er zu Warmson und setzte sich in seinen Stuhl. Die andern setzten sich ebenfalls, Winifred noch in ihrem Hut, während Warmson das vierte Gedeck auflegte. Als er das Zimmer verließ, sagte James: »Was hat er zurückgebracht?«

»Nichts, Vater!«

James heftete den Blick starr auf sein eigenes Spiegelbild in einem Eßlöffel. »Scheidung!« murmelte er; »Unsinn! Daß ich daran nicht gedacht habe. Ich hätte ihm eine bestimmte Summe aussetzen müssen, ihn von England fern zu halten. Soames! du mußt hingehen und ihm den Vorschlag machen.«

Der Rat schien so richtig und einfach, daß selbst Winifred überrascht war, aber sie sagte: »Nein, ich will ihn behalten, da er nun einmal zurück ist; er muß sich eben danach benehmen.«

Alle schauten nach ihr hin. Sie wußten, daß es Winifred an Mut nie fehlte.

»Wer weiß!« sagte James ganz nebenher, »unter was für einer Mörderbande er da draußen lebte! Sieh ja nach seinem Revolver! Geh nicht ohne ihn zu Bett! Warmson müßte bei dir im Hause schlafen. Ich werde morgen selbst mit ihm reden.«

Sie waren gerührt über diese Erklärung, und Emily sagte zustimmend:

»Das ist recht, James, wir wollen keinen Unfug mehr dulden.«

»Ach!« murmelte James düster, »ich weiß nicht –«

Warmson trug den Fisch auf und unterbrach damit die Unterhaltung.

Als Winifred gleich nach dem Essen zu ihrem Vater ging, um ihm den Gutenachtkuß zu geben, blickten seine Augen sie fragend und so voll Trauer an, daß sie mit tröstender Stimme sagte:

»Es ist alles in Ordnung, Papachen; rege dich nicht auf. Ich brauche niemand – er ist ganz zahm. Es würde mich nur quälen, wenn du dich aufregst. Gute Nacht! Alles Gute!«

James wiederholte die Worte .Alles Gute!', als wisse er nicht recht, was sie bedeuteten, und seine Augen folgten ihr zur Tür.

Sie langte vor neun zu Haus an und ging sogleich nach oben.

Dartie lag, vollständig angekleidet, in einem blauen Sergeanzug und Pumps auf dem Bett in seinem Ankleidezimmer; die Arme waren hinter dem Kopf verschränkt und eine ausgegangene Zigarette hing ihm aus dem Munde.

Er erinnerte Winifred lächerlich an die Blumen in ihren Fensterkästen nach einem versengenden Sommertag; daran, wie sie da lagen oder besser standen – verdorrt und doch erfrischt nach Sonnenuntergang. Beinah, als wäre schon ein wenig Tau auf ihren ausgebrannten Gatten gefallen.

Er sagte apathisch: »Ich vermute, daß du in Park Lane gewesen bist. Wie geht's dem alten Mann?«

Winifred konnte sich's nicht versagen, ihm die bittere Antwort zu geben: »Er ist noch nicht tot.«

Er zuckte zusammen, wahrhaftig, er zuckte zusammen.

»Ich will nicht, daß er beunruhigt wird, verstehst du, Monty,« sagte sie. »Wenn du dich nicht benimmst, wie du sollst, kannst du zurückgehen, irgendwohin. Hast du gegessen?«

»Nein.«

»Möchtest du etwas haben?«

Er zuckte die Achseln.

»Imogen bot mir etwas an. Ich mochte nichts.«

Imogen! Bei all der Aufregung hatte Winifred sie vergessen.

»So hast du sie also gesehen? Was sagte sie?«

»Sie gab mir einen Kuß.«

Gekränkt sah Winifred sein dunkles spöttisches Gesicht sich erhellen. ›Ja,‹ dachte sie, ›sie liebt er, mich ganz und gar nicht.‹

Darties Augen schweiften hin und her.

»Weiß sie das von mir?« fragte er.

Der Gedanke, daß hier die Waffe war, die sie brauchte, durchzuckte Winifred. Er fürchtete ihr Mitwissen!

»Nein. Val weiß es. Die andern nicht; sie wissen nur, daß du fort warst.«

Sie hörte ihn erleichtert aufatmen.

»Aber sie werden es erfahren,« sagte sie fest, »wenn du mir Grund dazu gibst.«

»Gut!« murmelte er, »schlag' zu! Mit mir ist es aus!«

Winifred ging an das Bett. »Sieh, Monty! Ich will dir nichts antun. Ich will dich nicht verletzen. Ich werde keine Anspielung machen. Werde mich auch nicht quälen. Welchen Zweck hätte das?« Sie schwieg einen Augenblick. »Aber ich halte das nicht länger aus, und ich will es nicht! Besser du weißt es. Ich habe gelitten durch dich. Aber ich hatte dich einst lieb. Darum –« Der erstaunte Blick seiner braunen Augen mit den schweren Lidern begegnete dem ihrer grüngrauen; sie berührte plötzlich seine Hand, drehte sich um und ging in ihr Zimmer.

Dort saß sie lange vor ihrem Spiegel, fingerte an ihren Ringen und dachte an diesen geduckten dunklen Mann auf dem Bett im andern Zimmer, der fast ein Fremder für sie war; sie wollte sich nicht quälen, aber Eifersucht auf das, was hinter ihm lag, nagte an ihr, und dann und wann überkam sie ein Gefühl des Mitleids mit ihm.


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