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Zwölftes Kapitel

Fortsetzung der Jagd

Zwei Tage nach der Dinnergesellschaft bei James versah Mr. Polteed Soames mit Stoff zum Nachdenken.

»Ein Herr,« sagte er, indem er den Schlüssel in seiner linken Hand zu Rate zog, »47, wie wir ihn nennen, hat während des letzten Monats in Paris lebhaftes Interesse für 17 bezeigt. Augenblicklich aber scheint nichts Entscheidendes vorgefallen zu sein. Die Zusammenkünfte waren immer an öffentlichen Orten, ohne Heimlichkeiten – in Restaurants, der Oper, dem Louvre, in den Luxembourg-Gärten, in der Halle des Hotels und so weiter. Sie hat noch nicht seine Zimmer betreten, noch er ihre. Sie fuhren nach Fontainebleau – aber nichts von Wichtigkeit. Kurz, die Lage ist vielversprechend, fordert aber Geduld.« Und plötzlich aufblickend, fügte er hinzu:

»Da ist ein ziemlich merkwürdiger Punkt – 47 hat denselben Namen wie – 31!«

›Der Kerl weiß, daß ich ihr Mann bin,‹ dachte Soames.

»Der Vorname – sehr sonderbar – Jolyon,« fuhr Polteed fort. »Wir kennen seine Adresse in Paris und seine Wohnung hier. Wir möchten natürlich nicht auf einen falschen Hasen Jagd machen.«

»Fahren Sie fort damit, aber vorsichtig,« sagte Soames mürrisch.

Die instinktive Gewißheit, daß dieser Detektiv sein Geheimnis ergründet hatte, machte ihn noch einsilbiger.

»Entschuldigen Sie,« sagte Mr. Polteed, »ich will nur sehen, ob etwas Neues eingelaufen ist.«

Er kam mit einigen Briefen zurück. Nachdem er die Tür wieder zugeschlossen hatte, sah er sich die Umschläge an.

»Ja, hier ist ein an mich persönlich geschriebener von 19.«

»Nun?« fragte Soames.

»Hm!« sagte Polteed, »sie schreibt: ›47 reiste heute nach England ab. Die Adresse auf seinem Gepäck: Robin Hill. Trennte sich um 3.30 im Louvre von 17, nichts Bemerkenswertes daran. Hielt es für das beste, zu bleiben und 17 weiter zu beobachten. Sie werden sicherlich mit 47 in England zu tun haben, wenn Sie es für richtig halten.‹ Und Mr. Polteed warf einen nicht ›beruflichen‹ Blick auf Soames, als sammle er Material für ein Buch über die menschliche Natur, das er zu schreiben gedachte, wenn er das Geschäft aufgab. »Eine sehr intelligente Frau, diese 19, und macht sich ausgezeichnet unkenntlich. Nicht billig, leistet aber etwas für das Geld. So hat 17 keine Ahnung davon, überwacht zu werden. Nach einiger Zeit jedoch, wissen Sie, schöpfen sensitive Menschen leicht Verdacht, ohne daß etwas Bestimmtes vorliegt. Ich würde raten, 17 jetzt in Ruhe zu lassen und 47 im Auge zu behalten. Wir können ohne großes Risiko die Korrespondenz nicht antasten. Ich möchte bei diesem Stand der Dinge kaum dazu raten. Aber Sie können Ihrem Klienten sagen, daß die Aussichten sehr gut seien.« Und wieder funkelten seine wachsamen Augen seinen wortkargen Kunden an.

»Nein,« sagte Soames plötzlich, »ich ziehe vor, daß Sie die Beobachtung in Paris diskret weiterführen lassen und sich um den Fall in London nicht kümmern.«

»Sehr wohl,« erwiderte Mr. Polteed, »das können wir tun.«

»Wie – wie ist das Benehmen zwischen ihnen?«

»Ich will Ihnen vorlesen, was sie schreibt,« sagte Mr. Polteed und schloß ein Schreibtischschubfach auf, aus dem er eine Rolle Papier nahm, »sie faßt es irgendwo vertraulich zusammen. Ja, hier ist es! ›17 sehr anziehend – vermute 47 ›ist länger in den Zähnen‹ (unsere Bezeichnung für Alter, wissen Sie) – offenbar verliebt – wartet ab – 17 weigert sich, vielleicht noch der Bedingungen wegen. Unmöglich etwas zu sagen, ohne mehr zu wissen. Möchte aber sagen, daß sie sich noch nicht im klaren über sich ist; wahrscheinlich könnte sie eines Tages ganz impulsiv handeln. Beide haben Stil‹.«

»Was bedeutet das?« fragte Soames zwischen seinen geschlossenen Lippen.

»Das ist ein Ausdruck, den wir gebrauchen,« erwiderte Mr. Polteed mit einem Lächeln, bei dem er viele weiße Zähne sehen ließ. »Mit andern Worten, es ist anzunehmen, daß es keine Eintagsgeschichte ist – sie werden einander im Ernst angehören oder garnicht.«

»Hm!« murmelte Soames, »das ist alles, nicht wahr?«

»Ja,« sagte Mr. Polteed, »aber es ist vielversprechend.«

›Spinne!‹ dachte Soames. »Guten Tag!«

Er ging durch den Greenpark, um die Victoriastation zu erreichen und die Untergrundbahn nach der City zu nehmen. Für so spät im Januar war es warm; Sonnenlicht funkelte durch den Nebel auf dem gefrorenen Gras – ein leuchtend Spinngewebe von Tag!

Kleine Spinnen – und große Spinnen! Und die größte von allen seine Hartnäckigkeit, die die Fäden ihrer Netze immer um jeden klaren Ausweg spannte. Was mußte der Mann sich um Irene zu schaffen machen? War es wirklich, wie Polteed vermutete? Oder hatte Jolyon nur Mitleid mit ihrer Einsamkeit, wie er es nennen würde – dieser sentimentale, radikale Geselle, der er immer gewesen war? Wenn es tatsächlich wäre, wie Polteed angedeutet hatte! Soames stand still. Es konnte nicht sein! Der Mann war sieben Jahre älter als er selbst und sah nicht besser aus! War auch nicht reicher! Welche Anziehungskraft besaß er denn?

›Überdies, er ist zurückgekommen,‹ dachte er; ›das sieht nicht aus – ich werde ihn aufsuchen!‹ Und er nahm eine Karte heraus und schrieb:

›Wenn Du an einem Nachmittag dieser Woche eine halbe Stunde übrig hast, werde ich an irgend einem Tage zwischen 5.30 und 6 im ›Connoisseurs‹ sein, oder ich könnte auch in den ›Hotch Potch‹ kommen, wenn Du es vorziehst. Ich möchte Dich gern sehen. – S. F.‹

Er ging die St. James Street hinauf und vertraute sie dem Portier im ›Hotch Potch‹ an.

»Geben Sie dies Mr. Jolyon Forsyte, sobald er kommt,« sagte er und nahm dann eine der neuen Motordroschken, um in die City zu fahren ...

Jolyon erhielt die Karte am selben Nachmittag und machte sich auf, in seinen Klub zu gehen. Was wollte Soames nur? Hatte er Wind von Paris bekommen? Und als er St. James' Street kreuzte, beschloß er, kein Geheimnis aus seinem Besuch zu machen. ›Aber er darf nicht wissen, daß sie dort ist,‹ dachte er, ›wenn er es nicht schon weiß.‹ In diesem verwickelten Gemütszustand traf er Soames beim Tee an einem kleinen Bogenfenster.

»Keinen Tee, danke,« sagte Jolyon, »aber ich möchte weiter rauchen, wenn ich darf.«

Die Vorhänge waren noch nicht vorgezogen, obwohl die Laternen draußen schon brannten; die beiden Vettern saßen einander schweigend gegenüber.

»Du bist in Paris gewesen, wie ich höre,« sagte Soames endlich.

»Ja, eben zurückgekehrt.«

»Val erzählte es mir; er und dein Junge gehen also fort?« Jolyon nickte.

»Du hast Irene wohl nicht zufällig gesehen, vermute ich. Sie scheint irgendwo im Ausland zu sein.«

Jolyon hüllte sich in Rauch ein, bevor er antwortete:

»Ja, ich habe sie gesehen.«

»Wie geht es ihr?«

»Sehr gut.«

Wieder entstand eine Pause; dann erhob Soames sich in seinem Stuhl.

»Als ich dich zuletzt sah,« sagte er, »war ich unentschieden. Wir sprachen darüber und du sagtest deine Meinung. Ich möchte diese Diskussion nicht erneuern. Ich wollte nur dieses sagen: Meine Lage ihr gegenüber ist außerordentlich schwierig. Ich möchte nicht, daß du deinen Einfluß gegen mich geltend machst. Was geschah, liegt eine sehr lange Zeit zurück. Ich werde sie bitten, Vergangenes vergangen sein zu lassen.«

»Du hast sie ja schon darum gebeten,« erwiderte Jolyon.

»Der Gedanke war ihr damals neu; er kam zu überraschend. Aber je mehr sie darüber nachdenkt, desto mehr muß sie einsehen, daß es der einzige Weg für uns beide ist.«

»Den Eindruck habe ich nicht von ihrem Gemütszustand,« sagte Jolyon mit ganz besonderer Ruhe. »Und verzeih, daß ich sage, du mißverstehst die Sache, wenn du denkst, daß Vernunft hier überhaupt in Betracht kommt.«

Er sah das bleiche Gesicht seines Vetters noch bleicher werden – ohne es zu wissen, hatte er Irenens eigene Worte gebraucht.

»Danke,« sagte Soames, »aber ich sehe die Dinge vielleicht klarer als du denkst. Ich möchte nur sicher sein, daß du nicht versuchen wirst, sie gegen mich zu beeinflussen.«

»Ich weiß nicht, wie du darauf kommst, daß ich irgend einen Einfluß auf sie habe,« sagte Jolyon; »wenn ich ihn aber habe, so bin ich verpflichtet, ihn in der Richtung zu benutzen, die ich als ihr Glück betrachte. Ich bin, was man einen ›Feministen‹ nennt, glaube ich.«

»Feminist!« wiederholte Soames, als suche er Zeit zu gewinnen. »Bedeutet das, daß du gegen mich bist?«

»Ich bin dagegen, daß irgendeine Frau mit einem Manne lebt, der ihr entschieden verhaßt ist. Ich finde das frevelhaft!«

»Und ich vermute, du flößtest ihr jedes Mal, wenn du sie siehst, deine Meinungen ein.«

»Ich werde sie wahrscheinlich nicht mehr sehen.«

»Du gehst nicht zurück nach Paris?«

»Nein, soviel ich weiß,« sagte Jolyon, der die intensive Wachsamkeit in Soames' Gesicht bemerkte.

»Na, das ist alles, was ich zu sagen hatte. Jeder, der sich zwischen Mann und Frau stellt, weißt du, nimmt schwere Verantwortung auf sich.«

Jolyon erhob sich und verneigte sich leicht vor ihm.

»Lebewohl,« sagte er, ohne ihm die Hand zu reichen, ging fort und ließ Soames, der ihm nachstarrte, allein zurück. ›Wir Forsytes,‹ dachte Jolyon, als er eine Droschke heranrief, ›sind sehr zivilisiert. Bei einfachen Leuten wäre es hier wohl zu einer Rauferei gekommen. Wenn es nicht um meines Jungen willen wäre, der in den Krieg soll – – –‹ Der Krieg! Mit Ungestüm meldeten seine alten Bedenken sich wieder. Ein köstlicher Krieg! Tyrannei gegenüber Völkern oder Frauen! Versuche, diejenigen zu beherrschen und zu besitzen, die einen nicht wollten! Die Verneinung guten Anstands! Besitzergreifung, gesetzlich feststehende Rechte; und jeder, der gegen sie ist – ein Ausgestoßener! ›Dem Himmel sei Dank!‹ dachte er, › ich war immer gegen sie!‹ Ja! Er erinnerte sich, wie er selbst vor seiner ersten unglückseligen Heirat empört über die Maßreglung Irlands oder über Scheidungsprozesse von Frauen gewesen, die versuchten, sich von Männern zu befreien, die sie verabscheuten. Die Kleriker behaupten, daß Freiheit der Seele und des Körpers ganz verschiedene Dinge seien! Eine schädliche Lehre! Körper und Seele konnten nicht so getrennt werden. Freier Wille ist die Kraft jedes Bundes, nicht seine Schwäche. ›Ich hätte Soames sagen sollen,‹ dachte er, ›daß ich ihn komisch finde. Ach! aber er ist auch tragisch!‹

Gab es in der Tat etwas Tragischeres in der Welt, als einen Mann, der Sklave seines eigenen Verlangens nach Besitz ist, dem dadurch der Weitblick fehlte, und der nicht einmal begreifen konnte, was andere fühlen! ›Ich muß schreiben und sie warnen,‹ dachte er; ›er ist im Begriff, einen neuen Versuch zu machen.‹ Und den ganzen Heimweg nach Robin Hill war er in Aufruhr über die Härte der Pflicht seinem Sohne gegenüber, die ihn hinderte, nach Paris zurückzureisen ...

Soames aber saß lange in seinem Stuhl, ebenfalls Beute eines nicht weniger nagenden Schmerzes – eines eifersüchtigen Schmerzes, als wäre ihm enthüllt worden, daß dieser Mann den Vortritt vor ihm habe und neue Fäden des Widerstandes gegen ihn gesponnen hatte. ›Heißt das, daß du gegen mich bist?‹ Seine hinterlistige Frage hatte ihm nichts genützt. Feminist! Dieser Phrasenheld! ›Ich darf die Dinge nicht überstürzen,‹ dachte er. ›Ich habe eine Atempause; er geht nicht nach Paris zurück, wenn er nicht gelogen hat. Ich werde auf den Frühling warten!‹ Doch wozu der Frühling ihm dienen sollte, außer seinen Schmerz zu erhöhen, konnte er nicht sagen. Er starrte auf die Straße hinunter, wo Gestalten von Lichtkreis zu Lichtkreis der hohen Laternen vorübergingen, und dachte: ›Nichts hat einen Zweck – nichts scheint der Mühe wert. Ich bin einsam – das ist das Unglück!‹

Er schloß die Augen; und auf einmal glaubte er Irene zu sehen, in einer dunkeln Straße neben einer Kirche – sah sie vorübergehen, sich umwenden, so daß er einen Schimmer ihrer Augen und der weißen Stirn unter einem kleinen Hut mit Goldflittern auffing, von dem hinten ein Schleier herabhing. Er öffnete die Augen – so lebhaft hatte er sie gesehen! Eine Frau ging unten vorüber, aber nicht sie! Ach nein, nicht sie!


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