Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Elftes Kapitel

Und sucht die Vergangenheit auf

An einem Dienstag abend nach dem Essen in seinem Klub machte Soames sich auf, um zu tun, was mehr Mut und vielleicht weniger Zartgefühl erforderte, als irgend etwas, das er in seinem Leben unternommen hatte – ausgenommen vielleicht seine Geburt, und eine andere Handlung. Er wählte den Abend teils, weil Irene wahrscheinlich leichter anzutreffen war, hauptsächlich aber weil er, da es ihm bei Tageslicht an genügender Entschlossenheit gefehlt, Wein gebraucht hatte, ihm den nötigen Mut zu geben.

Er verließ seine Droschke am Ufer, und ungewiß, in welchem der Häuser sie wohnte, ging er zu der alten Kirche hinauf. Er fand es versteckt hinter einem viel größeren Gebäude, und als er den Namen ›Mrs. Irene Heron‹ gelesen hatte – Heron, in der Tat! Ihr Mädchennamen: also führte sie den wieder, wirklich? – ging er zurück auf die Straße, um zu den Fenstern des ersten Stockwerks hinaufzusehen. Die Eckwohnung war erleuchtet, und er konnte Klavierspiel hören. Er hatte nie Musik geliebt, hatte in alten Tagen einen geheimen Groll dagegen gehegt, wenn sie häufig das Klavier zu ihrer Zuflucht gemacht hatte, zu der er, wie sie wußte, nicht gelangen konnte. Abwehr! Die lange Abwehr, erst unterdrückt und heimlich, schließlich offen. Bittere Erinnerungen kamen mit den Tönen. Sie mußte es sein, die da spielte, und fast gewiß, sie treffen zu können, stand er unentschlossener da denn je. Schauer überrieselten ihn im Vorgefühl des Kommenden, seine Zunge war trocken, und das Herz schlug heftig. ›Ich habe keinen Grund mich zu fürchten,‹ dachte er. Und alsbald regte sich der Jurist in ihm. War er im Begriff, eine Torheit zu begehen? Hätte er nicht lieber eine formelle Begegnung in Gegenwart ihres Beraters vorschlagen sollen? Nein! Nicht vor diesem Jolyon, der mit ihr sympathisierte! Niemals! Er ging zurück zu der Haustür drüben, stieg langsam, um das Herzklopfen niederzuhalten, die eine Treppe hinauf und klingelte. Als ihm die Tür geöffnet wurde, gab ein Duft, der ihm entgegenströmte, das Parfüm jener fernen Vergangenheit, seinen Gefühlen eine andere Richtung und brachte vage Erinnerungen an den Wohlgeruch eines Wohnzimmers, in das er einzutreten pflegte, an ein Haus, das ihm einst gehörte, an den Duft von getrockneten Rosenblättern und Honig.

»Melden Sie Mr. Forsyte,« sagte er, »Ihre Herrin erwartet mich.« Er hatte sich das ausgedacht; sie würde denken, es sei Jolyon!

Als das Mädchen gegangen war und er in dem winzigen Vorzimmer blieb, das von einer Ampel mit Perlenschirm dämmrig erleuchtet war, und durch den silbrigen Ton der Wände, des Teppichs und alles andern in dem engen Raum etwas Geisterhaftes erhielt, kam ihm nur der eine lächerliche Gedanke, ob er in seinem Überrock hineingehen oder ablegen sollte. Die Musik verstummte und das Mädchen sagte von der Tür aus:

»Bitte einzutreten, Sir.«

Soames ging hinein. Mechanisch nahm er wahr, daß auch hier alles silbrig wirkte und daß das Pianino aus Atlasholz war. Sie war aufgestanden und stand daran gelehnt; ihre Hand, die, wie eine Stütze suchend, auf den Tasten ruhte, hatte plötzlich eine Dissonanz angeschlagen, hielt sie eine Weile und ließ sie dann verklingen. Das Licht der verhüllten Klavierkerze fiel auf ihren Hals und ließ ihr Gesicht fast im Schatten. Sie war in einem schwarzen Abendkleid mit einer Art Mantille um die Schultern – er erinnerte sich nicht, sie jemals in Schwarz gesehen zu haben, und war erstaunt, zu sehen, daß sie sogar Toilette machte, wenn sie allein war.

»Du!« hörte er sie flüstern.

Oftmals hatte Soames sich in Gedanken diese Szene vorgestellt. Aber es half ihm nicht. Er konnte einfach nicht sprechen. Er hätte nie gedacht, daß der Anblick dieser Frau, die er einst so leidenschaftlich begehrt, so vollständig besessen und die er zwölf Jahre nicht gesehen hatte, dergestalt auf ihn wirken würde. Er hatte geglaubt, halb als Geschäftsmann, halb als Richter sprechen und handeln zu können. Und nun war es, als stehe er nicht einer Frau, einem irregeleiteten Weibe gegenüber, sondern einer Macht, unfaßbar und flüchtig wie die Atmosphäre in ihm und um ihn. Ein Gefühl höhnischer Auflehnung wallte in ihm auf.

»Ja, es ist ein sonderbarer Besuch! Ich hoffe, es geht dir gut!«

»Danke! Willst du dich setzen?«

Sie war von dem Klavier fort ans Fenster gegangen, wo sie, die Hände im Schoß gefaltet, auf einen Stuhl sank. Dort fiel das Licht auf sie, so daß Soames ihr Gesicht, die Augen sehen konnte und ihr Haar – die ganze Erscheinung von eigenster Schönheit, genau wie er sie noch im Gedächtnis hatte.

Er setzte sich auf den Rand eines Sessels, der mit einem silberfarbenen Stoff gepolstert war und dicht neben ihm stand.

»Du hast dich nicht verändert,« sagte er.

»Nein? Wozu bist du gekommen?«

»Einiges zu erörtern.«

»Ich hörte von deinem Vetter, was du wünschest.«

»Nun?«

»Ich bin bereit. Ich war es immer.«

Der feste, reservierte Ton ihrer Stimme, das Beobachtende, Abwehrende in ihrer Haltung halfen ihm jetzt. Tausend Erinnerungen an sie, die immer auf der Hut vor ihm gewesen, erwachten in ihm und er sagte bitter:

»Vielleicht hast du dann die Güte, mir Auskunft zu geben, damit ich danach handeln kann. Man muß sich an die Gesetze halten.«

»Ich habe dir nichts zu berichten, das du nicht schon weißt.«

»Zwölf Jahre! Bist du der Meinung, daß ich das glauben kann?«

»Ich bin der Meinung, daß du nichts glauben würdest, was ich sage; aber es ist wahr.«

Soames blickte sie fest an. Er hatte geglaubt, daß sie sich nicht verändert hatte, jetzt bemerkte er, daß es doch der Fall war. Nicht ihr Gesicht, außer daß es noch schöner war, nicht ihre Gestalt, außer daß sie ein wenig voller war – nein! Sie hatte sich innerlich verändert. Es wollte ihn bedünken, als sei mehr Tatkraft und Unerschrockenheit, wo früher nur passiver Widerstand gewesen. ›Ah!‹ dachte er, ›das kommt von ihrer Unabhängigkeit! Der Teufel hole Onkel Jolyon!‹

»Ich vermute, es geht dir jetzt ganz gut?« sagte er.

»Danke, ja.«

»Weshalb ließest du mich nicht für dich sorgen? Ich hätte es getan, trotz allem.«

Ein leises Lächeln kam auf ihre Lippen, doch sie erwiderte nichts.

»Du bist noch immer meine Frau,« sagte Soames. Weshalb er das sagte, was er damit meinte, wußte er weder während er es aussprach, noch später. Es war unerhört, diese unleugbare Wahrheit auszusprechen, doch die Wirkung war erstaunlich. Mit einem Blick auf ihn erhob sie sich von ihrem Platz am Fenster und stand einen Augenblick vollständig still da. Er konnte ihren Busen sich heben und senken sehen. Dann wandte sie sich zum Fenster um und riß es auf.

»Wozu tust du das?« sagte er scharf. »Du wirst dich erkälten in dem Kleid. Ich bin nicht gefährlich.« Und er lachte wehmütig auf.

Auch sie lachte leise – ein bitteres Lachen.

»Ich tue es – aus Gewohnheit.«

»Eine merkwürdige Gewohnheit,« sagte Soames ebenso bitter. »Schließe das Fenster!«

Sie schloß es und setzte sich wieder. Eine Kraft ging von ihr aus, von – dieser – seiner Frau! Er fühlte es, als sie dort wie gewappnet saß. Und beinah unbewußt stand er auf und ging näher an sie heran; er wollte den Ausdruck ihres Gesichtes sehen. Sie wich seinem Blick nicht aus. Himmel! wie klar die Augen waren, und von wie dunkelm Braun gegen die weiße Haut, und das bernsteinfarbene Haar! Und wie weiß die Schultern! Es war ein merkwürdiges Gefühl! Er hätte sie hassen müssen.

»Du solltest es mir lieber sagen,« fuhr er fort, »es wäre dein Vorteil, frei zu sein, wie es der meine ist. Die alte Geschichte liegt zu weit zurück.«

»Ich habe es dir gesagt.«

»Willst du mir einreden, daß nichts gewesen ist – niemand?«

»Niemand. Du scheinst nach deinem eigenen Leben zu urteilen.«

Verletzt über diese Erwiderung ging Soames hin und her zwischen Klavier und Kamin, wie er es in alten Tagen in ihrem Wohnzimmer zu tun gepflegt, wenn seine Gefühle ihn zu übermannen drohten.

»Das genügt nicht,« sagte er. »Du hast mich verlassen. Nach dem Gesetz bist du –«

Er sah sie mit den weißen Schultern zucken, hörte sie murmeln:

»Ja. Weshalb ließest du dich damals nicht von mir scheiden! Hätte ich mich dagegen gewehrt?«

Er hielt inne und sah sie mit einer Art von Neugierde an. Was in aller Welt fing sie nur mit sich an, wenn sie wirklich ganz allein lebte? Und weshalb hatte er sich nicht von ihr scheiden lassen? Das alte Gefühl, daß sie ihn nie verstanden, ihm nie hatte Gerechtigkeit widerfahren lassen, brannte in ihm, während er sie anstarrte.

»Weshalb konntest du mir keine gute Frau sein?« sagte er.

»Ja, es war ein Verbrechen, dich zu heiraten. Ich habe dafür gebüßt. Vielleicht findest du einen Ausweg. Um meinen Namen brauchst du dich nicht zu kümmern, ich habe keinen zu verlieren. Und nun, denke ich, ist es besser, wenn du gehst.«

Ein Gefühl der Niederlage – ein Gefühl, um seine Selbstrechtfertigung gebracht zu sein und um etwas, das sich zu erklären über seine Kraft ging, überkam ihn wie ein kalter Nebelhauch. Mechanisch streckte er die Hand aus, nahm vom Kamin eine kleine Porzellanschale, drehte sie um und sagte:

»Lowestoft. Woher hast du das? Ich kaufte eine ähnliche bei Jobson.«

Und in der plötzlichen Erinnerung daran, wie sie beide vor vielen Jahren zusammen Porzellane gekauft hatten, starrte er weiter auf die kleine Schale, als enthalte sie die ganze Vergangenheit. Ihre Stimme weckte ihn.

»Nimm sie. Ich brauche sie nicht.«

Soames stellte sie zurück auf den Kaminsims.

»Willst du mir die Hand geben?« fragte er.

Ein leises Lächeln schürzte ihre Lippen. Sie hielt ihm die Hand hin. Sie war kalt bei seiner fast fieberhaften Berührung. ›Sie ist eiskalt,‹ dachte er – ›sie war immer eiskalt!‹ Doch selbst als dieser Gedanke ihn durchzuckte, erregte der Duft ihrer Kleider und ihres Körpers seine Sinne; als strebe die Wärme in ihr, die niemals ihm gegolten hatte, sich zu entfalten. Schnell wandte er sich, ging hinaus und fort, als wäre jemand mit der Peitsche hinter ihm her, sah sich nicht einmal nach einer Droschke um und war froh über die einsame Straße am Ufer und den kalten Fluß mit den dicht verstreuten Schatten der Platanenblätter – war verwirrt, beunruhigt, wund im Herzen und fast verstört, als habe er einen schweren Fehler gemacht, dessen Folgen er nicht übersehen konnte. Und plötzlich kam ihm der phantastische Gedanke, wie es gewesen wäre, wenn sie anstatt ›Ich denke, es ist besser, wenn du gehst,‹ gesagt hätte ›Ich denke, es ist besser, du bleibst!‹ Was hätte er gefühlt, was getan? Selbst jetzt nach all diesen Jahren der Entfremdung und bitterer Gedanken übte sie diesen verwünschten Reiz auf ihn aus, der ihm bei dem geringsten Zeichen, einer Berührung, zu Kopf zu steigen drohte. ›Ich war ein Tor, hinzugehen!‹ murmelte er. ›Ich habe nichts erreicht. Wer hätte das gedacht? Ich wäre nie –!‹ Erinnerungen aus den ersten Jahren seiner Ehe quälten ihn. Sie hatte nicht verdient ihre Schönheit zu bewahren – diese Schönheit, die er besessen und so gut gekannt hatte. Und eine förmliche Bitterkeit über die Hartnäckigkeit seiner eigenen Bewunderung wallte in ihm auf. Die meisten Männer hätten ihren Anblick gehaßt, wie sie es verdiente. Sie hatte ihm sein Leben verdorben, seinen Stolz tödlich verletzt, ihn um einen Sohn gebracht. Und doch hatte ihr bloßer Anblick, obwohl sie kalt und abweisend war, wie immer diese Macht, ihn völlig aus der Fassung zu bringen! Es mußte ein verwünschter Magnetismus von ihr ausstrahlen. Und kein Wunder, wenn sie, wie sie versicherte, diese zwölf Jahre unberührt gelebt hatte. So hatte sie also Bosinney – verflucht sei sein Andenken! – die ganze Zeit hindurch die Treue bewahrt! Soames wußte selber nicht, ob er sich darüber freuen sollte oder nicht.

Als er endlich in die Nähe seines Klubs kam, kaufte er eine Zeitung. Die Überschrift lautete: ›Die Buren lehnen die Oberhoheit ab!‹ Oberhoheit! ›Ganz wie sie!‹ dachte er, ›sie tat es immer. Oberhoheit! Ich habe noch ein Recht darauf. Sie muß schrecklich einsam sein in der elenden kleinen Wohnung!‹


 << zurück weiter >>