Gustav Freytag
Bilder aus der deutschen Vergangenheit
Gustav Freytag

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XXIII
Aus dem Leben des niedern Adels

Überreste der alten Raublust um 1600. – Duelle. – Reiselust. – Zunahme der höfischen Bedeutung. – Schilderung eines wohlhabenden Edelmanns von 1650–1700. – Der Briefadel. Der Stadtadel. Neugeadelte Kaufleute von 1650–1700. Beschreibung ihres Lebens. – Die Masse des Landadels. Die Krippenreiter von 1650–1700. Schilderung derselben nach dem »Edelmann« von Paul Winckler. – Bessere Zustände seit 1700. Das Ritterrecht. Größere Sorge um die Wirtschaft. Vorrechte des Adels. Hoffähigkeit und Hofämter. – Eindringen neuer Bildung. – Gellert. – Fall der Privilegien. – Vereinigung des Adels mit dem Bürgertum

Der niedere deutsche Adel hatte vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges gerade in wichtigem Übergang gelebt, er war auf dem Wege, einige Traditionen des Mittelalters zu vergessen, und er war im Begriff, an den Höfen eine neue Bedeutung zu erwerben. Aus den raublustigen Junkern vom Stegreif waren trunkliebende händelsüchtige Grundbesitzer geworden.

Immer noch wurde den Söhnen der alten Raubgesellen im Beginn des 17. Jahrhunderts schwer, den Landfrieden zu halten. Während sie mit Streitschriften und am Kammergericht intrigierten, kamen sie in Versuchung, durch Gewalt Rache zu nehmen; nicht nur die unruhigen Reichsritter in Franken, Schwaben und am Rhein, auch die Lehnträger der mächtigen Reichsfürsten unter kräftigem Landesgesetz. Selbst wo sie ihr Recht übten, taten sie das gern gewalttätig, in dem Stolz eigener Machtherrlichkeit. So warb Georg Behr von Düvelsdorf in Pommern, kurz bevor der Sturm des Dreißigjährigen Krieges in seine Landschaft brach, einen bewaffneten Haufen, um sich in einer Privatfehde Faustrecht zu suchen, und derselbe, der auf seinen Gütern die hohe Gerichtsbarkeit beanspruchte, ließ 1628 einen früheren Schreiber seiner Familie, der das Siegel des Herrn nachgeahmt und falsche Obligationen ausgestellt hatte, ohne weiteres an einen Obergalgen henken und seinem Herzog gelegentlich eine lakonische Mitteilung davon zugehen.

Auch im Tagesverkehr blieb den Landedelleuten nach 1600 viel von der alten Rauflust, noch immer waren sie eilig, wie einst im Mittelalter, unter der Dorflinde und in den Wirtshäusern Händel zu erregen. Die jüngeren trugen ausgenähte Kleider, darin verborgene Brustwehren, in den Hüten eiserne Reifen und niedrige Pickelhauben, dazu überlange Rapiere und Stilette, in den östlichen Grenzländern auch ungarische Äxte. So zogen sie in Haufen den Volksfesten und Hochzeiten zu, zumal wenn diese von den verhaßten Bürgern in Wirtschaften gehalten wurden. Dort fingen sie mit dem Volk und den geladenen Gästen Streit an, übten schnöden Mutwillen, zuweilen arge Untat, sie sprengten die Haustüren, brachen den Frauen, die sich zur Ruhe gelegt, die Kammertür auf, den Wirten die Keller. Es war nicht immer leicht, gegen die Frevler Recht zu finden, aber in einzelnen Landschaften wurde die Klage so laut und heftig, daß z. B. für die kaiserlichen Erblande zahlreiche Verordnungen erschienen, welche die Anzeige solcher Bübereien zur Pflicht machten. Am meisten wurde darin gegen die Unangesessenen geklagt, welche sich »hin und wieder« auf dem Land aufhielten, sie sollten im schlimmsten Fall gezwungen werden, auf eigene Kosten gegen den Erbfeind zu dienen. So schwer gingen die alten Unarten aus dem Blut. Aber auch die Händel, welche der Landadel untereinander hatten, waren endlos. Vergebens klagten die Verordnungen der Landesherren darüber, vergebens erklärten sie, daß der Ausgeforderte nicht nötig habe, sich zu stellen. Die Sprache der Junker war reich an überkräftigen Ausdrücken, und die Sitte hatte einige davon zu unverzeihlichen Beleidigungen gestempelt. Gerade jetzt seit dem Aufhören der Turniere hatten Wappen und Ahnen große Bedeutung erhalten, seltener wurden die Heiraten mit nichtadligen Frauen, eifrig malte man Schilde und Stammbäume und suchte die reine Herkunft durch mehrere Generationen der Vorfahren zu beweisen, was häufig Schwierigkeiten hatte, die nicht nur in dem Mangel von Kirchenbüchern und Urkunden lagen. Wer deshalb Händel suchte, tadelte des andern Abkunft, rittermäßigen Stand, Namen und Wappen, bezweifelte seine vier Ahnen. Solche Kränkung mußte durch Blut gesühnt werden. Zur Verminderung dieser Raufereien wurden kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg hier und da die Ehrengerichte eingeführt. Vorsitzender war der Landesfürst oder Lehnsherr, die Beisitzer, ansehnliche Edelleute, bildeten die Ehrentafel. Die Parteien wählten drei Genossen, durch sie wurden die Anforderungs- und Entschuldigungsbriefe besorgt; um denen, welche im Schreiben wenig Übung hatten, diese Feinheiten zu erleichtern, wurde auch die Form solcher Vorladungsbriefe genau vorgeschrieben.

Während so die Ärmeren vom Lande in der Heimat gegen die neue Zeit kämpften, wurden die Strebsamen durch die alte deutsche Reiselust in die Fremde geführt. Noch zog die adlige Jugend gern der Kriegstrommel nach, und vor 1618 ist eine häufige Klage, daß die Junker vom Adel bei den Heeren überall bevorzugt werden, und wie schwer es für einen tüchtigen Mann aus dem Volk sei, von der Pike heraufzukommen. Wie im 15. und 16. Jahrhundert, reisten die Erben der reichen und anspruchsvollen Häuser nach Frankreich hinüber, dort Sprache, Bildung, das Kriegshandwerk zu erlernen. Nicht nur in Paris, auch in andern großen Städten Frankreichs saßen sie so zahlreich, wie etwa jetzt müßige Russen und Engländer, nur zu oft suchten sie es den Franzosen in Liederlichkeit und Duellen gleichzutun und waren als ungeschickte Nachahmer des fremden Brauches schon vor dem großen Krieg berüchtigt. Lebten doch selbst mehrere der westlichen deutschen Höfe schon vor 1618 in so großer Abhängigkeit von französischer Sitte, daß ihnen das Französische bereits die elegante Sprache für Rede und Schrift geworden war. Neben anderen der Hofstaat des unglücklichen Friedrich von der Pfalz, des Winterkönigs von Böhmen.

Im ganzen hatte vor dem Krieg die höfische Bedeutung des Adels sehr zugenommen, und ebenso der Druck, welchen sie auf die abhängigen Landleute ausübten, aber neben, ja über ihnen war die freie Kraft der Nation in unaufhaltsamer Entwicklung. Die neue Bildung der Reformationszeit, durch die bürgerlichen Theologen und Schulmänner getragen, verachtete auch die Roheiten der Landjunker. Und die Geschäfte der Fürsten und ihrer Territorien, die Stellen am Kammergericht, die Spruchkollegien an den Universitäten, fast die gesamte Justiz und Administration war nicht in den Händen des Adels; der größte Wohlstand, das beste Behagen war durch Handel und Handwerk in die Städte geleitet. So war bis zum Jahre 1618 die Nation auf gutem Weg, das egoistische Junkertum des Mittelalters zu überwinden und Ansprüche, welche mit dem neuen Leben unvereinbar geworden waren, zur Ruhe zu bringen.

Es war eine verderbliche Folge des großen Krieges, daß auch dies anders wurde. Die Kraft des Bürgertums war durch den Krieg vollständig gebrochen, die Schwächen des Adels entwickelten sich unter der Gunst, welche ihm in den meisten Landschaften das neue Soldatenregiment der Fürsten, vor allem der Kaiserhof gewährte, zum Nachteil des Ganzen. Wie sehr die Einnahmen des Grundbesitzers verringert waren, er lernte doch zuerst aus der Arbeit der geknechteten Bauern Vorteil ziehen. Auch die Familien des Landadels waren dezimiert, dafür war man am Kaiserhof sehr bereit, für Geld neuen Adel zu schaffen. Im Krieg hatte sich der Hauptmann oder Oberst von seiner Beute gern einen Adelsbrief und verwüstete Güter gekauft. Nach dem Frieden wurde der Briefadel eine häßliche Erweiterung des Standes. Eine kindische, widerwärtige Großmannssucht, Devotion, Kriecherei, Sucht nach Titeln und äußeren Auszeichnungen wurden nun in den Städten allgemein. Am wenigsten litten darunter die Handelsstädte an der Nordsee, am meisten die Länder, welche unmittelbar von dem Kaiserhof abhingen. Damals wurde in Wien gebräuchlich, jeden, welcher gesellschaftliche Ansprüche zu machen berechtigt schien, als Edelmann anzureden.

Unter der Masse der Privilegierten, welche sich jetzt als besonderer herrschender Stand im Gegensatz zum Volk empfanden, war allerdings die größte Verschiedenheit der Bildung und Tüchtigkeit, aber man tut dem Andenken an viele ehrenwerte und einige bedeutende Männer nicht unrecht, wenn die Tatsache hervorgehoben wird, daß die Zeit von 1650–1750, in welcher der Adel am meisten galt und regierte, die allerschlechteste Periode der ganzen neuern Geschichte Deutschlands ist.

Ohne Zweifel führte in der schwachen Zeit seit 1647 das behaglichste Leben der wohlhabende Sproß einer alten Familie, welcher größere Güter sein Eigentum nannte und durch alte Verbindungen mit Einflußreichen und Regierenden geschützt war. Seine Söhne erwarben einträgliche Hofämter oder höhere Offizierstellen, auch die Töchter, gut ausgestattet, vergrößerten den Kreis seiner »Freunde«. Der Gutsherr hatte wohl selbst im Heere gedient, eine Reise nach Frankreich oder Holland gemacht und von dort eine Anzahl von Kuriositäten mitgebracht, Waffen und gemaltes Gerät asiatischer Völker, ein ausgeblasenes Straußenei, polierte Muscheln, künstlich geschnittene Kirschkerne und gemalte Töpfe, oder marmorne Gliedmaßen, die in Italien aus der Erde gegraben waren. Er hat vielleicht irgendwo einem Gelehrten seine Bekanntschaft gegönnt und erhält von Zeit zu Zeit eine dickleibige juristische Abhandlung oder gar einen Band Gedichte mit respektvollem Schreiben zugesandt. Ja, er hat auf seinen Reisen die Höfe von Anhalt oder Weimar besucht und ist von dort durch gnädiges Patent zum Dichter und Schriftsteller ernannt worden; er ist Mitglied der »Fruchtbringenden Gesellschaft«, bewahrt an seidenem Band ein schönes Medaillon, auf welchem sein Kraut, Salbei oder Krauseminze, oder wenn er bei Hof boshaft war, vielleicht gar ein Rettich abgebildet ist, er führt den Beinamen »der Auflockernde« und tröstet sich mit dem Spruch: »im Beißen nahrhaft«Dietrich von Kracht, der brandenburgische Oberst, hieß im Orden »der Beißende«, sein Kraut war Meerrettich.; in diesem Fall schreibt er zuweilen auch wohl Briefe über Verbesserung der deutschen Muttersprache, leider mit vielen französischen Redensarten. Zu seiner Belehrung hält er mit einigen andern Kavalieren von Edukation um gutes Geld eine geschriebene Zeitung, welche ein wohlunterrichteter Mann in der Hauptstadt unter der Hand an zahlungsfähige Abnehmer sendet; denn es widersteht ihm, nur die »gewöhnliche, ungründliche Schmiererei« der gedruckten Zeitungen zu lesen. Er spricht etwas Französisch, vielleicht auch Italienisch, und wenn er auf Universitäten gewesen ist, was nicht zu häufig geschah, vermag er auch ein lateinische Elaborat herzusagen. In diesem Fall ist er wahrscheinlich Kommissarius des Landesherrn, ein Würdenträger seiner Landschaft, dann fehlen ihm nicht Geschäftsreisen und gelegentliche Verhandlungen, und er besorgt schlecht und recht das Anvertraute mit Hilfe seiner Schreiber. Er ist höflich, auch gegen solche, welche unter ihm stehen, und kommt mit dem Bürgersmann vortrefflich zurecht. In sicherem Selbstgefühl sieht er auf das Volk, er ist in der Tat vornehm erzogen und weiß recht gut, daß sein Adel nicht auf den vielen Titeln und nicht auf den Ritterzeichen des Wappens beruht, und er lächelt über die Löwen, Bären, Türkenköpfe und wilden Männer, welche in die Wappen gemalt und von dem Heroldsamt zu Wien ausgeteilt worden. Mit Stolz blickt er auf den Adel der Franzosen, der durch Pariser Kaufleute und italienische Abenteurer zu viel fremdes Blut eingenommen hat, auf die Ungarn, die ihren Adel gefällig um eine Reverenz bei dem Palatin und eine Kanzleitaxe erteilen, auf die Dänen, deren Edelleute aus dem Viehhandel ein Monopol machen, und auf die Italiener, welche in unaufhörlichen Mesalliancen leben. Auch bei der Mehrzahl seiner deutschen Standesgenossen ärgert ihn das Vornehmtun. Denn selbst bei den Zusammenkünften seiner Landschaft wird häufig um den Vorrang gestritten, zumal gegen landesherrliche Räte, welche nicht von Adel sind, aber die Privilegien ihres Ranges geltend machen wollen. Sind bürgerliche und adlige Räte in demselben Kollegium, so gilt in den Sitzungen selbst die höhere Stellung und Anciennität, bei Mahlzeiten und allen Repräsentationen aber hat nach kaiserlichen Entscheidungen, wie er wohl weiß, der Edelmann den Vorrang. Es ist eine gewöhnliche Klage, daß auch die Adligen sich selbst Titel, Wappen, Prädikate beilegen oder in der Fremde nachsuchen; wer von der kaiserlichen Reichskanzlei das Diplom eines Grafen oder Freiherrn erhalten habe, wolle Reichsgräfliche oder Reichsfreiherrliche Gnaden genannt sein und spreche von sich selbst in majestätischer Mehrzahl. Noch ist dem würdigen Herrn einiges von den Traditionen des Rittertums geblieben: ein tapferer Offizier wird von ihm mit Achtung behandelt, er hält viel auf Waffen und Pferde. In den Zimmern seines festgemauerten Hauses sind der beste Schmuck der Wände neben den großen Familienbildern schöne Gewehre, Pistolen, Hirschfänger und jede Art von Jagdgerät. Seitwärts von den Gärten für Blumen, Gemüse und Obst liegt ein Reitplatz, dort sind auch Vorrichtungen, nach dem Ring zu rennen und leichte Lanzen an dem Faquin oder der Quintana, einer geschnitzten Holzfigur, zu brechen. Seine Pferde haben noch italienische und französische Namen, Furiosa, Bellarina, Stella, Lisette, Amormio; denn noch ist das englische Blut nicht eingeführt, mit Neapolitanern und Ungarn wird gezüchtet, türkische Klepper werden, wie jetzt die Ponys, gesucht, edle Pferde aber verhältnismäßig höher bezahlt als jetzt, denn der lange Krieg hat die Pferdezucht in ganz Europa schmählich heruntergebracht. Sein Hundestall ist wohl versehen, denn außer den Bullenbeißern braucht er auch Hetzhunde, Vorstehhunde und Dachshunde. Auch diese einflußreichen Begleiter seines Lebens schmückt er mit wohlklingenden Namen, Favor, Rumor, Rero, Delphin, Passanda, Moserta, Primerl, Bisperl. Zwar die hohe Jagd ist das Recht seines Landesherrn, aber aus Frankreich ist schon vor längerer Zeit der häßliche Gebrauch, das Wild zu hetzen, ins Land gekommen. So reitet er eifrig mit seinen Hunden nach Hasen und Füchsen, oder er begleitet, eingeladen, einen großen Herrn auf die Hirschjagd und empfängt Besuche eines befreundeten Hofbeamten, der noch eine Falknerei unter sich hat, dann läßt man auf Krähen stoßen. Im Oktober verschmäht er auch nicht auf den Lerchenstrich zu gehen und die Garne zu beaufsichtigen. In der Regel beginnen seine Tage mit Würde und endigen mit Behagen; regelmäßig wird purgiert, zur Ader gelassen und zur Kirche gegangen; allwöchentlich hält der Gutsherr seinen Verhör- und Gerichtstag ab; nach dem Gutenmorgenwunsch der Familie läßt er an freien Tagen die Rosse reiten, in den Erntewochen reitet er auch wohl auf das Feld und sieht nach den Schnittern und dem Verwalter. Ein großer Teil seiner Zeit vergeht mit Besuchen, die er in der Nachbarschaft abstattet oder empfängt. Bei der Mahlzeit, die noch kurz nach zwölf Uhr stattfindet, spielt das Wild die Hauptrolle; hat er Gäste, so werden sieben bis acht Gerichte aufgesetzt, immer mehrere zusammen. Wenn die Unterhaltung einen höheren Flug nimmt, so berührt sie vorsichtig die Politik, sehr ungern Glaubenssachen; noch gelten viel schöne Sentenzen und Maximen auch bei Leuten von Welt; eine Feinheit ist, Schriftsteller des Altertums oder elegante Franzosen ohne Pedanterie zu zitieren; das Eigentümliche fremder Völker, auch Kuriositäten der Naturgeschichte, wie sie Beobachtung und Lektüre nahelegt, werden gern erörtert. Es ist dabei guter Ton, die einzelnen der Reihe nach um ihre Ansicht zu fragen. Uns würde solche Unterhaltung, auch wenn die Kavaliere von den besten Qualitäten wären, zuweilen noch unbehilflicher und pedantischer erscheinen als jetzt in einer Gesellschaft armer Schulmeister; aber auch aus dieser Konversation, von der uns einige zuverlässige Proben geblieben sind, ist trotz des engen Gesichtskreises und zahlreicher Vorurteile das Ringen der Zeit nach Aufklärung und Verständnis der Welt zu entnehmen. In der Regel freilich läuft die Unterhaltung in Familiengeschichten, Komplimenten, bedenklichen Anekdoten und Scherzen von derber Natur. Es wird stark getrunken, und nur die Feinsten entziehen sich dem Gelage.

Zuweilen wird auch eine gesellige Zusammenkunft mit Damen an einem dritten Orte arrangiert, im Gasthof oder Posthaus, dann besorgt jede Dame einige Speisen, die Herren aber Wein und Musik; ist ein Bad in der Nähe, so wird die Badefahrt ungern versäumt; auch Schießfeste werden eingerichtet mit ausgesetzten Preisen, das »Beste« ist dann wohl ein Ochs oder Widder, die Herren schießen entweder mit dem Volk oder untereinander. – Auch in der Tracht ist der Gutsherr stattlich, sein Stand schon von weitem erkennbar. Denn noch bestehen die alten Kleiderordnungen, und auf die Garderobe wird von Männern und Frauen ein Wert gelegt, den wir jetzt kaum begreifen. Vor dem Kriege war ein nicht unbedeutender Teil des Vermögens in Samt und Goldstickereien, in Ringen und Juwelen angelegt gewesen; das war größtenteils verloren, aber die Freude an solchem Besitztum war geblieben, und der Schmuck der Töchter blieb noch lange ein wesentlicher Teil ihrer Ausstattung.

Zahlreich sind die Mitglieder des Haushaltes und die Dienerschaft, darunter originelle Gestalten. Außer dem Hauslehrer lebt im Hause vielleicht noch ein alter, dem Trunk ergebener Söldner des großen Krieges, der viel von Torstenson oder Jean de Werth zu lügen weiß; er lehrt die Söhne des Edelmanns fechten, die Pike gebrauchen und mit der Fahne »spielen«. Selten fehlt ein heruntergekommener Seitenverwandter der Familie, Gebieter des Hundestalls, der den Titel »Jagdmeister« erhalten hat, der Bewahrer finsterer Weidmannsgebräuche; er weiß das Rohr zu »versprechen«, das Wild durch »Charaktere« zusammenzubringen und hat größere Bekanntschaft mit dem höllischen Nachtjäger, als dem Ortspfarrer nützlich erscheint. Er gilt als altes Hausmöbel für treu und würde sich sicher bei rittermäßiger Veranlassung für seinen Herrn Vetter ohne Bedenken totschlagen lassen, aber er macht sich wohl auch kein Gewissen daraus, den Bauern, mit welchen er in der Schenke zecht, mehr Holz zuzuschlagen, als recht ist, und der Gutsherr muß durch die Finger sehen, wenn der alte Junker einmal seinen Hirschfänger mit Silber beschlägt, dessen Ursprung zweifelhaft ist.

So vergeht das Leben eines wohlhabenden Grundbesitzers zwischen 1650 und 1700. Es ist vielleicht nicht ganz so tüchtig, als es sein sollte, aber es vermag wohl Familiensinn und Gutherzigkeit der nächsten Generation zu überliefern. Doch wohlgemerkt, es war eine kleine Minderzahl des deutschen Adels, welche im 17. Jahrhundert in so bevorzugter Stellung saß.

Wer fern von seiner Familie in fremdem Land Fortune machen wollte, dem drohten andere Gefahren, denen sich nur die Kräftigsten entzogen. Die Kriege in Ungarn und Polen, die schmählichen Kämpfe gegen Frankreich, vollends ein längerer Aufenthalt in Paris waren nicht angetan, gute Sitte zu erhalten. Die Laster des Orients und des verdorbenen Hofes von Frankreich wurden durch sie in Deutschland umhergetragen. Die alte Rauflust wurde nicht besser durch das neue Kavalierkartell, der liederliche Verkehr mit Bauerndirnen und leichtfertigen Edelfrauen wurde nur schlimmer durch die nächtlichen Orgien der alamodischen Kavaliere, bei denen sie die mythologischen Figuren festlicher Aufzüge darstellten und sich als Waldgötter, ihre Damen als Venus und Nymphen drapierten. Auch das alte Landsknecht- und Würfelspiel war nur gerade so schlimm gewesen als das neue Hasard, das jetzt in den Bädern und an den Höfen überhandnahm und außer den einheimischen Abenteurern auch noch fremde im Land umhertrieb.

Seltsamer aber und grotesker erscheinen uns zwei Klassen von Adligen jener Zeit, beide zahlreich, beide in starkem Gegensatz zueinander. Sie wurden damals kurzweg als Stadtadel und Landadel bezeichnet und drückten ihre gegenseitige Antipathie in den sehr gebräuchlichen Schmähworten Pfeffersäcke und Krippenreiter aus.

Wer in den Städten eitel war und unruhig nach der Höhe rang, der erwarb sich des Kaisers Brief. Diese Adelsbriefe waren seit alter Zeit eine beliebte Einnahmequelle für bedürftige deutsche Kaiser. Schon Wenzel und Sigismund hatten schonungslos geadelt, Krämer und zweideutige Leute, jeden, der bereit war, einige Goldgulden zu zahlen. Dagegen hatten schon 1416 auf dem Konzilium zu Konstanz Fürsten und Adel von Rhein, Sachsen, Schwaben und Bayern den Kamm gesträubt, eine Revision in ihren Kreisen vorgenommen und die Eindringlinge ausgemustert. Aber die Briefe der Kaiser hörten deshalb nicht auf; selbst Karl V., der auf die deutschen Herren zuweilen mit unbehaglicher Ironie herabsah und seinem Kanzler und den Schreibern gern eine Einnahme gönnte, stand in dem traurigen Ruf, »jeden Salzsieder um wenige Dukaten tapfer in den Adelstand zu erheben«. Noch geschäftsmäßiger wurde das Verfahren unter Ferdinand II. und seinem Nachfolger. Denn seit dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges wurden nicht nur die Lebenden, auch die Gebeine ihrer Vorfahren in der Gruft geadelt, ja die toten Vorfahren für stifts- und turnierfähig erklärt. Nach 1648 endlich ward dies Geschäft vom Kaiserhof so massenhaft betrieben, daß die Fürsten und Stände im Reichstagsabschied von 1654 und hundert Jahre später bei der Wahlkapitulation Karls VII. gegen die Nachteile protestierten, welche durch solche Privilegien ihren eigenen Hoheitsrechten und Einnahmen zugefügt würden. Der Neugeadelte in den Städten sollte deshalb nicht von bürgerlichen Lasten gelöst, der Besitzer eines dienstpflichtigen Gutes nicht mit den Privilegien eines Rittergutes versehen werden. Vergebens drohte der kaiserliche Hof denen mit Strafen, welche seinem Briefadel nicht die erkauften Privilegien einräumen wollten. Auch wer für stifts- und turnierfähig erklärt war, wurde deshalb in keinen Ritterorden, kein adliges Stift, nicht in alte adlige Landgenossenschaften aufgenommen. Die Stifter nahmen überhaupt keine Adelsbriefe als Beweise adliger Herkunft an, nur Mitglieder aus alten adligen Familien, welche gar keine Briefe besaßen, galten für stiftsfähig. Nur ausnahmsweise gaben diese Korporationen einer hohen Fürsprache nach. Selbst die Hofämter, Kammerherren, Kammerjunker, Hof- und Jagdjunker, sogar Edelknaben, waren Privilegien des alten Adels. Nie vergaßen die Adelsbriefe die Tugenden und Verdienste des Neugeadelten und seiner Vorfahren zu rühmen, welche dem Fürsten und gemeinen Wesen geleistet worden wären; aber es war, wie ein eifriger Verteidiger des alten Adels klagt, gar zu bekannt, daß man insgemein nur um »das Macherlohn« zu adeln pflegte.

In den größeren Städten, welche nicht fürstliche Residenzen waren, war die Stellung des Adels verschieden. In Hamburg, Lübeck, Bremen hatte der Adel keine politische Geltung mehr, dagegen lebten in Nürnberg, Frankfurt am Main, Augsburg und Ulm die alten adligen Geschlechter in stolzem Abschluß gegen die übrige Bürgerschaft. Am ärgsten waren die zu Nürnberg, sie hielten es bereits für unehrenhaft, Handel zu treiben. Von den beiden adligen Gesellschaften in Frankfurt am Main verlangten die im Hause Alten-Limpurg bei jedem Mitglied, welches sich zur Aufnahme meldete, acht Ahnen und daß es sich der Handlung enthalte, die zweite Gesellschaft auf dem Hause Frauenstein bestand meist aus neugeadelten »vornehmen« Kaufleuten. In Augsburg war das alte Patriziat gegen den Kaufmannsstand ein wenig nachsichtiger, wer dort ein adliges Kind aus der Geschlechterstube geheiratet hatte, konnte in den adligen Verein aufgenommen werden. Von den übrigen namhaften Handelsstädten waren Prag und Breslau am reichsten mit neugeadelten Kaufleuten versehen. Bitterlich wurde geklagt, daß unter Kaiser Leopold sogar einem Schornsteinfeger, dessen Handwerk damals noch in besonders geringer Ehre stand, für wenig Geld der Adel verliehen sei, und daß man so häufig Krämer finde, welche mit einem kaiserlichen Adelsbrief in der Tasche ihren Kunden die Heringe in altes Papier packten.

Zu dem Briefadel drängten sich nach dem Dreißigjährigen Kriege außer den Offizieren, denen er oft für ihre Dienste verliehen wurde, zunächst die höheren Beamten und die Mitglieder der städtischen Verwaltung in größeren Städten.

Durch solche Familien, welche an der gelehrten und poetischen Bildung der Zeit teilhatten, kam in diesem und dem nächsten Jahrhundert der Briefadel auch in unsere Literatur. Mehrere Dichter der schlesischen Dichterschulen, ja Leibniz, Wolff, Haller wurden durch Adelsbriefe, die sie selbst oder ihre Väter erworben hatten, unter die Privilegierten ihrer Zeit gestellt. Außer ihnen vorzugsweise reiche Handelsleute.

Noch immer war in Deutschland der Großhändler bei den Privilegierten und beim Volk nicht eben beliebt und durchaus nicht so angesehen, wie die großen Interessen verdienten, die er nicht selten vertrat. Mißtrauen und Abneigung waren uralt, sie stammen vielleicht noch aus der Zeit, wo schlaue Römer unter den einfachen Kindern Tuiskos die fremden Silbermünzen gegen die ersten Produkte des Landes verhandelten. Das ganze feudale System des Mittelalters förderte diese Zurücksetzung, nicht weniger der Glaube des Gekreuzigten, welcher die Güter dieser Welt zu verachten befahl und den Reichen so geringe Aussicht auf das Himmelreich gewährte. Seit der Hohenstaufenzeit, seit der Adel als privilegierter Stand konstituiert war, bildete sich der Gegensatz zwischen den reichen Erwerbenden der Städte und den begehrenden Kriegern der Landschaft immer stärker aus. Freilich in den Hansestädten des Nordens erzwang sich der kriegerische Kaufmann durch seine bewaffneten Schiffe Furcht und Herrschaft bis in entlegene Länder. Aber selbst die reichen und hochgebildeten Herren zu Nürnberg und Augsburg waren dem Volke kaum weniger unbehaglich als den Fürsten und Edlen, welche raublustig an den Grenzen ihres Gebietes saßen; es waren nicht die Fugger allein, denen von den Reformatoren Wucher und undeutsche Gesinnung schuld gegeben ward. Nach dem Dreißigjährigen Krieg schoß die Feindschaft in neue Blüte, und es ist leicht zu begreifen, daß der große Kaufmann nicht wenig Veranlassung gab, solche Antipathien rege zu erhalten. Keine menschliche Tätigkeit bedarf so sehr eine freie Konkurrenz und ungehinderten Verkehr als der Handel. Die ganze Richtung der alten Zeit aber war, nach außen abzuschließen und den einzelnen durch Privilegien zu schützen. Solche Richtung der Zeit mußte den Egoismus des Kaufmanns vorzugsweise hart und rücksichtslos machen, sein Bestreben Monopole zu erwerben, unsinnige Gesetze gegen den Geldzins zu umgehen gab dem Volke häufig mit Recht die Empfindung, daß der Gewinn des Kaufmanns durch den Druck hervorgebracht sei, den er auf die Verzehrenden ausübte. Diese Empfindung wurde nach dem Dreißigjährigen Krieg besonders lebendig. Während in Holland und England das moderne Bürgertum vorzugsweise durch großartigen Handelsverkehr erstarkte, war in dem deutschen Binnenhandel – die größeren Seestädte immer ausgenommen – durch die zahllosen Territorien, die Willkür der Zölle, die Unsicherheit der Valuten und zuletzt durch die Armseligkeit des Volkes eine gesunde Entwicklung verhindert, dagegen Versuchung zu jeder Art von Wuchergeschäften nahegelegt. Die Verschiedenheit der deutschen Münzen und die Gewissenlosigkeit der prägenden Landesherren begünstigten eine endlose Kipperei: gute Münzen mit Vorteil aufkaufen, vollwichtiges Gold beschneiden, leichtes Geld in Umsatz bringen, wurde die gewinnbringendste Tätigkeit. Wie jetzt die Zeitkäufe und der Aktienschacher, so war damals ein großenteils ungesetzlicher Handel mit gemünztem Metall das Leiden der Handelsplätze. Es war nicht auszurotten. Wurde einmal der Skandal zu groß, dann traten wohl die Landesregierungen unbehilflich dazwischen, aber ihre Gerichte wurden blind gemacht. So war in Frankfurt a. M. das Beschneiden der Dukaten so massenhaft betrieben worden, daß von Wien eine Spezialkommission in die freie Reichsstadt gesandt wurde; Juden waren die Kolporteure gewesen, christliche Handelshäuser, darunter mehrere große Firmen, deren Namen noch jetzt bestehen, die Hauptschuldigen. Es kam weiter nichts dabei heraus, als daß die kaiserlichen Kommissare einen großen Teil des unsauberen Gewinnes in ihre Taschen bargen.

Solcher Reichtum, schnell und gegen das Gesetz erworben, hatte, wie noch jetzt, alle Eigenschaften eines unsoliden Erwerbes; er dauerte selten bis auf die dritte Generation. Er machte die Schuldigen leicht zu Verschwendern und Genußsüchtigen, ihr Hochmut, ihr Mangel an Bildung, ihre Prunksucht wurde den eigenen Mitbürgern besonders auffällig. Solche Individuen waren es vorzugsweise, welche sich Adelsbriefe kauften, und es ist wohl kein Zufall, daß von den zahlreichen Adelsfamilien dieser Art verhältnismäßig viele wieder untergegangen sind.

Ein Neugeadelter aus solchem Kreise behielt in der Firma seinen wirklichen Namen, aber unter seinen Mitbürgern hielt er eifersüchtig auf die Privilegien des neuen Standes. Gern ließ er sein Wappen in Stein auf die Außenseite des großen Hauses meißeln und reichlich vergolden, aber der Stein verbürgte nicht die lange Dauer des Hausbesitzes. Es erschien z. B. in Breslau auffallend, wie schnell die Häuser auf dem großen Ring, die damals fast sämtlich dem neuen Briefadel gehörten, ihre Bewohner wechselten. Im Innern des Hauses wurde ein auffallender Luxus zur Schau gestellt, in dieser armseligen Zeit dem Volk doppelt unheimlich. Die Zimmer waren mit kostbaren Tapeten geschmückt, mit fenstergroßen venezianischen Spiegeln, mit seidenen Spaglieren und Wandteppichen, welche man bei festlicher Gelegenheit an der Wand oder auf besonderem Gestell aufhing, dann wohl wieder abnahm. Die Frauen nähten diamantene Schlösser auf die Schuhe; es wird geklagt, daß sie keine Spitzen tragen, wenn sie nicht von Venedig oder Paris waren und die Elle nicht wenigstens zwanzig Taler kostete, ja es wurde ihnen nachgesagt, daß ihre Nachtgeschirre von Silber wären. Groß war die Zahl ihrer Lakaien, die Karossen wurden reich vergoldet, der Kutscher lenkte vom hohen Bock zuweilen vier Pferde, die dann nebeneinander gespannt waren; aber wenn die glänzende Equipage durch die Straßen rasselte, riefen die Leute doch höhnend, daß »der Topf immer noch nach der ersten Suppe schmecke«. Die schönen Pferde konnte der reiche Mann wohl halten, weil er nebenbei einen Pferdehandel trieb, und zu Lakaien wurden die Arbeiter aus dem Geschäft kostümiert, Hausknecht, Holzraspler, Handelslehrling, der Page aber, welcher hinter der Dame herging, war wohl gar ein Kind aus der Armenschule. In solchen Häusern herrschte auch der größte Tafelluxus jener Zeit. Der geladene Gast wurde mit einer Förmlichkeit empfangen, welche damals Kennzeichen des Gebildeten war, der Wirt ging ihm bis an die Treppe, dem vornehmsten bis an die Haustür entgegen; weitschweifig waren die Komplimente über den Vortritt oder über den höheren Platz bei Tisch, und doch wurde der größte Wert darauf gelegt, dabei nicht zu niedrig geschätzt zu werden. Sobald man sich zur Tafel setzte, wurde der Schenktisch geöffnet, auf dem eine Masse des kostbarsten Silberwerks glänzte. Die Schüsseln mußten groß sein, ebenso umfangreich die Gerichte, außer Verhältnis zu der Zahl der Geladenen, das Teuerste wurde mit einem Raffinement herbeigesucht, das uns noch jetzt befremdet: mächtige Pasteten mit verschiedenem Geflügel gefüllt, Haselhühner, Hechtleber, welscher Salat. Die Fasanen und Rebhühner wurden kaponiert und gemästet, das Paar davon bis zu einem Dukaten bezahlt. Man fand greulich, daß diese Verschwender neue Heringe mit einem Gulden erkauften, das Hundert Austern mit acht bis zehn Talern. Dazu kamen die kostbarsten Weine des 17. Jahrhunderts: Tokaier, Canarisekt, Marzenin, Frontignac, Muskat, zuletzt gar Wein vom Libanon; zum Dessert war nicht mehr Marzipan, sondern Zitronat die modische Ergötzlichkeit. Die Frauen saßen stumm und geziert. Ihre Hauptsorge war, so klagte man, schon bei der Wahl des Gatten, ob ihr künftiger Eheliebster vornehm sei, damit sie bei Begräbnissen desto näher hinter der Leiche her treten und bei Hochzeiten obenan sitzen könnten. Bei solchen Gelegenheiten fehlte wenig, daß sie nicht mit Ohrfeigen um den Vortritt fochten. Soweit ging die Adelssucht dieser Kreise, daß sich der für bedeutend besser hielt, dessen neuer Adelsbrief nur zehn Jahre früher ausgestellt war als der eines andern; auch diese Stadtedelleute schätzten den ganz neu Geadelten keineswegs für ihresgleichen. Wer frisch geadelt war, wurde nur »wohledel« genannt; wer einige Zeit in Besitz seines Briefes war, ließ sich »hoch- und edelgeborne Gestrengigkeit« nennen. Alles wurde angewendet, um noch außerdem eine Stadtwürde oder irgendeinen Titel zu erlangen.

Mit den unreifen Söhnen solcher Familien wurden häufig auch die militärischen Würden der Städte besetzt; dann lief ein Wicht, der niemals ein Schlachtfeld gesehen hatte, mit einem Stab, der dick mit Silber beschlagen war, bewaffnete Leibschützen hinter sich, bei Tage von Tor zu Tor, um sich den Leuten zu zeigen und den Salut der Wache in Empfang zu nehmen.

Nur eins wurde von ihm verlangt, er mußte mit dem Degen umgehen können, denn Duelle gehörten zum Wesen des Edelmanns. Und es war gut für ihn, wenn er wenigstens einmal durch ein »Kartell« in Anspruch genommen war. Dann ritt er mit seinem Sekundanten auf das nächste Dorf, zog hinter einem Zaun die Reitstiefeln aus, leichte Fechtschuhe an, steckte die langen gekräuselten Haare unter die Nachthaube, entblößte den Oberleib bis auf das Hemd und mußte eine von den Schlagklingen wählen, welche ihm präsentiert wurden. Man focht in Gängen auf Hieb und Stich, auf das glücklich abgemachte Duell folgte unfehlbar ein Versöhnungsgelage. Mit vollbrachten Heldentaten wurde gern renommiert.

So etwa sahen die Pfeffersäcke aus, welche vom groben Landadel auch Heringsnasen genannt wurden. Ein ganz anderer Schlag Leute war die Masse des Landadels.

Diese Familien saßen vor zweihundert Jahren noch zahlreicher als jetzt in den Dörfern. Außer den Rittersitzen waren auch Häuser des Dorfes und kleine Ackerwirtschaften in ihren Händen; zuweilen hatte ein Geschlecht so stark gewuchert, daß in der Nähe eines alten Stammsitzes viele Dörfer mit Geschlechtsgenossen besetzt waren; noch häufiger saßen in einem Dorf Familien von verschiedenen Geschlechtern durcheinander, in jedem Grade von Autorität. Noch im 19. Jahrhundert hat es mäßige Dörfer gegeben, welche zehn, zwölf und mehr Rittersitze umschlossen; an solchen Ortschaften hatte jeder der kleinen Despoten die Herrschaft über wenige elende Dorfleute und ritterliche Herrenrechte an einem Teil der Flur, die ärmsten aber wohnten ohne Grundrecht, zuweilen nur zur Miete. So war es fast in allen Landschaften Deutschlands, am meisten östlich der Elbe auf dem kolonisierten Slawengrund, aber auch in Franken, Schwaben und Thüringen. Viele Junker unterschieden sich von den anderen Landleuten nur durch ihre Ansprüche und durch ihre Verachtung der Feldarbeit. Sie waren schon vor dem Krieg in der Mehrzahl verarmt gewesen, der spätere Friede fand sie in noch schlechterem Glück. Das Eisen und die Seuchen hatten auch unter ihnen aufgeräumt, die Überlebenden waren nicht besser geworden. Die Stärkeren hatten sich als Soldaten und Parteigänger im Krieg versucht, zuweilen wenig verschieden von Straßenräubern. Die erworbene Beute hatten sie noch im Krieg wieder in einem kleinen Gut angelegt, auf dem sie friedlos und lauernd saßen. Solche Glückliche erhielten häufigen Zuspruch von alten Spießgesellen und wagten dann wohl vom Gut aus einen Ritt auf eigene Hand, bei dem es ohne Blut nicht abging. Nach dem Krieg hörten sie zwar auf, Raub zu wagen und zu gestatten, aber auch den nächsten Generationen blieb die Verwilderung, das Bedürfnis nach Aufregung, das unruhige Umherreiten, die Neigung zu wüstem Trunk und Händeln. Sie bildeten zusammen eine große Genossenschaft, die trotz endloser Raufereien doch fest zusammenhielt wie eine verfilzte Pflanzendecke auf Sumpfgrund, und dieser Familienzusammenhang wurde für die besseren unter ihnen eine unendliche Plage, ein Unglück des ganzen Standes, der mehr als ein anderer Übelstand die Bildung und den Wohlstand der ritterlichen Grundbesitzer in dem nächsten Jahrhundert zurückhielt. Denn auch solchen, welche nicht ganz ohne Mittel waren, verging das Leben wie in einem Bann, von dem sie sich schwer lösen konnten.

Reiten, Tanzen und Fechten lernten die Söhne eines solchen Landbesitzes von mäßigem Wohlstand in der Verwandtschaft, vielleicht die ersten Anfänge des Lateins bei einem armen Kandidaten; dann dienten sie wohl, wenn der Vater Verbindungen hatte, bei einem kleinen Hof oder vornehmen Edelmann als Pagen, dort lernten sie etwas von den guten Manieren, sicherer die Schwächen und Laster der Vornehmen kennen. Hatten sie einige Jahre in adligem Dienst ausgehalten, so wurden sie wohl nach altem Herkommen von ihrem Herrn wehrhaft gemacht und mit einem gnädigen Backenstreich als Junker entlassen. Dann kehrten sie auf das väterliche Gut zurück, oder die Eltern verkauften, was sie entbehren konnten, um ihnen eine rittermäßige Ausstattung zu verschaffen oder sie als Aspiranten für eine Subalternstelle zum kaiserlichen Heer zu senden. Nur wenigen glückte es in den ruhmlosen Kriegen jener Zeit; die meisten kehrten nach einigen Feldzügen verdorben, arm an Ehren und Beute in die Heimat zurück, mit den Geschwistern das Vatererbe zu teilen. Bald unterschieden sie sich wenig von den Vettern, die in der Heimat zurückgeblieben waren.

Der Gutsherr hauste in einem Gebäude von Fachwerk mit Stroh oder Schindeln gedeckt – es sind uns gelegentliche Beschreibungen und Abbildungen in genügender Zahl erhalten – über das Dach lehnte die große Feuerleiter, die Vorder- und Hintertür des Flurs war mit hölzernen Sperrbalken zum nächtlichen Verschluß versehen; im Unterstock lag die große Stube, in der Nähe die weite Küche, zugleich ein warmer Aufenthalt für die Dienenden, neben der Stube ein gemauertes Gewölbe, mit Eisengittern am Fenster und womöglich mit eisernen Türen gegen Diebe und Feuersgefahr, dort wurde aufbewahrt, was der Gutsherr von wertvoller Habe besaß; war einmal eine Summe Geldes darin verschlossen, so wurde gern ein besonderer Wächter vor das Haus gesetzt. Über diesem Gewölbe lag im Oberstock die Schlafstube des Hausherrn, dort stand das Ehebett, auch dort war in der Wand oder in den Dielen ein verborgenes Behältnis, worin einiges Silbergerät und der Schmuck der Frauen aufbewahrt wurde. Die Kinder, der Hauslehrer und die Ausgeberin schliefen wohl noch in Gitterverschlägen, welche nicht heizbar waren. Zuweilen war an den Oberstock eine hölzerne Galerie angebaut, das »Lustgänglein«, dort wurde Wäsche getrocknet, der Hof beobachtet, Frauenarbeit getan. Das Haus stand unter besonderer Aufsicht eines alten Reisigen oder eines armen Vetters, der als Wächter innerhalb schlief; im Hof und um das Haus liefen zur Nachtzeit wilde Hunde, welche auf Bettler und fremde Fußläufer besonders abgerichtet wurden. Alle diese Vorsichtsmaßregeln vermochten aber die Einbrüche bewaffneter Banden nicht ganz zu verhindern. – Selbst ein mäßiges Rittergut war ein freudearmer Besitz. Die Mehrzahl der Gutsherren war tief verschuldet, unförmliche Prozesse, oft noch von dem Krieg her, schwebten um Schornstein und Grenzhügel. Die Wirtschaft bewegte sich kümmerlich unter der Aufsicht eines armen Vetters oder eines unsichern Verwalters, die Hofgebäude waren schlecht und zerfallen, es fehlte an Geld, sie neu zu bauen, oft auch an gutem Holz. Denn die Wälder hatten sehr durch den Krieg gelitten; wo Gelegenheit zum Verkauf war, hatten die fremden Befehlshaber große Forsten niedergeschlagen und verhandelt; in der Nähe befestigter Orte waren die Stämme zu Festungsarbeiten verwandt, welche damals ungeheure Holzmassen erforderten, nach dem Frieden war wieder vieles zum notdürftigen Aufbau der Dörfer und Vorstädte gefällt worden. Auch die Ackerwirtschaft bot geringen Ertrag. Zur völligen Bestellung fehlten nicht nur Gespanne, weit länger die Menschenhände der fronenden Dorfleute, auch waren die Getreidepreise nach dem Krieg im Durchschnitt so niedrig, daß kaum das Verfahren der Frucht lohnte; so blieb der Viehstand unvollständig; neue Kapitalien waren noch schwer zu erhalten. Denn das Geld war teuer, und die Hypotheken auf adligen Gütern galten für keine vorteilhafte Anlage. Zwar gaben sie einige Realsicherheit, aber schon die Zinsen wurden zu oft unregelmäßig berichtigt und vollends das gekündigte Kapital konnte nicht leicht zurückgezahlt werden, die Erwerbung des verpfändeten Gutes durch den Gläubiger aber war – bei sehr verschiedener Gesetzgebung – nur in einzelnen Fällen nach umständlichem Verfahren möglich, sie wurde zuweilen gefährlich, denn den neuen Erwerber bedrohten die Freunde und Nachbarn des Schuldners mit ihrem Haß. In den östlichen Grenzländern suchten sich zuletzt mißvergnügte Gläubiger dadurch zu helfen, daß sie ihre Schuldscheine an polnische Adlige verkauften. Diese verschafften sich das Geld, indem sie Repressalien gegen Reisende aus der Landschaft des Schuldners gebrauchten und dem ersten besten die Summe abnahmen. Das war schon vor dem großen Krieg geschehen, und wiederholte Verbote beweisen, wie sehr der Verkehr unter solchen Gewalttaten litt. Durch solche Leiden kam auch ein verständiger Grundbesitzer leicht in verzweifelte Lage. Eine Mißernte, ein Viehsterben mochten ihn wahrscheinlich ruinieren. Aber was das Hauptleiden war, eine große Menge hatte nicht den mäßigen Sinn, sich dauernd um die Wirtschaft zu kümmern und die Ausgaben nach den sicheren Einnahmen des Gutes zu beschränken. So gedieh den wenigsten ihr Leben. Die Mehrzahl erhielt sich unter häufigen Verlegenheiten, Prozessen und ewigen Schulden; auch von denen, welche mit besserer Hoffnung ihre Güter übernommen hatten, wurden manche zuletzt, was eine große Zahl ihrer Standesgenossen war, Mitglieder der großen Innung, welche das Volk Krippenreiter, Wurstreiter, Matzraufer, Schlackenläufer, Misthammel schalt.

Solche Verarmte ritten in »Koppeln« von Hof zu Hof, als lästige Schmarotzer fielen sie in der Nachbarschaft ein, wo auf einem Gut ein Fest gefeiert wurde, wo sie Vorräte in Küche und Keller witterten. Wehe dem neuen Bekannten, den sie am dritten Ort kennengelernt hatten; sie waren sogleich bei der Hand, ihn auf einen oder acht Tage zu begleiten. Wo sie eingefallen waren, kostete es die größte Mühe sie fortzubringen. In ihrem Umgang nicht wählerisch, tranken und rauften sie sich wohl mit den Bauern in der Schenke, sie erwiesen in der Trunkenheit auch einem Bürger mit gefülltem Beutel die Ehre, ihn in ihre Brüderschaft aufzunehmen, dann wurde unter zerschlagenen Gläsern und Flaschen auf den Knien die Brüderschaft geschlossen, Leib und Seele zu ewiger Treue verschworen und gemeinschaftlich der für den ärgsten Kujon erklärt, der nicht unverbrüchliche Freundschaft halten würde. Solche Brüderschaft schützte allerdings nicht vor einer großen Schlägerei in der nächsten Stunde. Aber wie gemein sie sich bei solcher Gelegenheit machten, nie vergaßen sie, daß sie »uralte, wilde Edelleute« waren. Der Bürger oder wer vom Kaiser einen Adelsbrief hatte, konnte zwar ihr Bruder werden, diese Vertraulichkeit brachte der Lauf der Welt mit sich, aber die Prädikate der Familiengenossenschaft, »Oheim« und »Vetter«, erhielt er nicht, auch wenn er durch Heirat mit ihnen verschwägert war; in ihre »Freundschaft« wurde nur aufgenommen, wer von altem Geschlecht war. Ihre Kinder gingen in Lumpen, ihre Frauen sammelten zuweilen Lebensmittel bei den Verwandten ein, sie selbst trabten auf zottigen Pferden in alten Regenröcken über die Stoppel, wohl gar statt der zweiten Pistole ein geschnitztes Holz in den alten Holftern. Ihre Niederlage hatten sie in Dorfschenken; wenn sie einmal nach der Stadt kamen, lagen sie in den schlechtesten Herbergen, ihre Sprache war roh, voll Stallausdrücke und Flüche; von den Gebräuchen der Gauner war ihnen Bedenkliches in Rede und Gewohnheiten übergegangen, sie rochen mehr nach ihrem »Finkeljochem«, als für andere angenehm war; sie selbst waren Lumpen, bei aller Raufsucht ohne festen Mut, sie wurden allgemein für eine Landplage gehalten und von solchen, welche etwas zu verlieren hatten, mit Schmeißfliegen verglichen; mehr als einmal wurden sie von den Landesherren, sogar vom Kaiserhof durch scharfe Dekrete verfolgt, aber sie waren bei alledem hochmütige, durchaus aristokratisch gesinnte Gesellen. Ihr Stammbaum, ihr Wappen, ihr Familienzusammenhang war ihnen das Höchste auf Erden. Unendlich waren Haß und Verachtung, womit sie auf den reichen Städter sahen, sie waren immer bereit, mit einem Neugeadelten Händel anzufangen, wenn er ihnen nicht vollen Titel gab oder sich gar anmaßte, ein Wappen zu führen, welches dem ihrigen ähnlich war.

Mit diesen Gesellen und ihrem Verkehr soll die folgende Mitteilung näher bekannt machen. Sie führt in eine Ecke des deutschen Landes, wo die Krippenreiterei besonders arg war, an das rechte Oderufer Schlesiens. [...]

Die folgende Schilderung ist aus der Erzählung »Der Edelmann« genommen, welche der Schlesier Paul Winckler, politischer Agent und Rat des Großen Kurfürsten zu Breslau, wenige Jahre vor seinem Tode (er starb 1676) verfaßte. Die Erzählung wurde erst nach seinem Tode in zwei Auflagen (zuletzt Nürnberg, 1697, 8°) gedruckt. Kunst und Erfindung darin sind nicht bedeutend, aber gerade deshalb wird sie hier brauchbar. Winckler war ein gebildeter, welterfahrener Mann, ein angesehener Jurist, durch seine zahlreichen Reisen und Verbindungen und durch genaue Bekanntschaft mit den Verhältnissen des deutschen Landbesitzes vorzugsweise befähigt, ein sicheres Urteil abzugeben. Dazu besaß er Eigenschaften, welche dem Schlesier nicht selten sind: er wußte sich leicht in die Welt zu schicken, war ein lustiger Gesellschafter, beobachtete unbefangen und verstand lebendig zu erzählen. Daß er Mitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft war, hat wahrscheinlich dazu beigetragen, sein Interesse an der deutschen Literatur rege zu erhalten und ihn selbst zu anspruchsloser Schriftstellern zu ermutigen, aber der kluge Mann sah doch mit einiger Verachtung auf die puristische Pedanterie, womit Genossen seines Ordens der deutschen Poesie aufzuhelfen versuchten. »Sie sitzen hinter der Küche des Parnaß und sättigen sich am Geruch des Bratens.« Als er seine Erzählung schrieb, etwa fünfzig Jahre alt, durch die Gicht an sein Zimmer gefesselt, war seine Absicht, in einem Bild zu zeigen, wie ein rechter Edelmann sein solle. Denn es war sein Schicksal gewesen, das ganze Leben hindurch in geschäftlicher Verbindung und persönlichem Verkehr mit dem Adel verschiedener Landschaften zu stehen, seine eigene Frau war aus dem Geschlecht des Dichters von Logau, wie er selbst ein Schwestersohn des Andreas Gryphius. Zuverlässig war durch manche eigene Erfahrung sein Blick für die Lächerlichkeiten der Privilegierten besonders geschärft, aber er war doch ein Sohn seiner Zeit und bewahrte im Herzen einen tiefen Respekt vor echt adligem Wesen. Seine Erzählung ist deshalb durchaus keine Satire, wie sie wohl genannt worden ist, und die Schilderungen, welche hier mitgeteilt werden, machen den Eindruck besonders genauer Porträts. Freilich ist ihm begegnet, was auch neue Erzähler mit moralischer Tendenz hindert, er hat recht anschaulich geschildert, wie Edelleute nicht sein sollen, für seine guten Gestalten fehlten ihm scharfe Umrisse und Farben, ja sie werden langweilig, weil er dieselben Bildung und Grundsätze in langen Unterredungen an den Tag bringen läßt. Seine Erzählung ist mit den Romanen des Simplizissimus verglichen worden. Produktive Kraft, Phantasie, Reichtum an Detail sind bei dem Schlesier unvergleichlich geringer. Aber mit dem größeren Dichtertalent ist bei Grimmelshausen zuweilen eine Neigung zum Seltsamen und Phantastischen verbunden, welche an die Methode der Romantiker erinnert und das Dargestellte nicht durchweg als ein treues Bild der Zeit erscheinen läßt. Davon hat der Schlesier allerdings nichts, er erzählt lebendig und mit innerer Freiheit, was er etwa selbst geschaut hat, nicht vieles, nichts Besonderes, glatt und geradezu.


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