Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Erster Teil

Brechtle

1. Wolken und Vögel

Hinter dem Schulhaus zu Ochsenwang auf der Rauhen Alb, das früher eine Scheuer des herzoglich württembergischen Kammerschreibereiamtes Neidlingen gewesen war, hatte der Schulmeister Berblinger in einem Bretterschuppen, der noch vor wenigen Jahren als Holzstall gedient hatte, sein Allerheiligstes eingerichtet. Das Holz lag jetzt sorgfältig aufgebeugt unter dem vorstehenden Strohdach der nicht unfreundlichen, wenn auch halb zerfallenen Wohnung, welche in dem Hauptraum der Scheuer die etwas düstere Schulstube barg. Schule und Schulmeister auf der Rauhen Alb hausten in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts nicht in Palästen, und die pausbackigen, strohköpfigen Buben und Mädchen, die dem Jahrhundert der Aufklärung ihr Dasein und ihr Wissen verdankten, hatten sich mit einer Kubikmenge Luft zu begnügen, in der ein Fisch unserer Tage aus Sauerstoffmangel eingegangen wäre. Sie hielten's aus; aber ein Wunder war es nicht, daß sich Berblinger in seinen Schuppen flüchtete, sobald die Schulstunden vorüber waren, um dort in einer anderen Luft und in einer anderen Welt weiterzuleben.

Selbst für eine solche sah es hier wunderlich genug aus. Luft drang allerdings genügend durch die Spalten der halbverfaulten Bretterwände, und die Nachmittagssonne eines milden Frühlings schien warm genug durch zwei Fensteröffnungen, welche die fehlenden Glasscheiben kaum vermissen ließen. Aber an Raum war auch hier kein Überfluß. In der Mitte des Gemaches stand eine alte, übel zugerichtete Hobelbank, in einer Ecke eine halbfertige Drehbank, die sichtlich der Schulmeister selbst zu bauen versucht hatte. An den Wänden waren in Tischhöhe schmale ungehobelte Bretter angebracht, auf welchen ein erschreckendes Gewirr von Werkzeugen, Nägeln, Stanzen und Brettchen lag, zwischen denen sich Papierrollen und drei oder vier Bücher umhertrieben. Eines war aufgeschlagen: ein lateinischer Aufsatz von Leibniz in einem Band der fast hundert Jahre alten Zeitschrift der Acta eruditorum. Neben demselben stand ein kleines, aufgespanntes Reißbrett, das die ziemlich rohe und völlig unverständliche Zeichnung einer Maschine zeigte, vor der, den Kopf in beiden Händen, das spärliche, wirre Haar von Zeit zu Zeit nach oben streichend, der Schulmeister auf einem Kistchen saß. In der entgegengesetzten Ecke hantierte ein kleiner, dem Aussehen nach sechsjähriger blondlockiger Junge in Hemdsärmeln und Lederhöschen vor einem wohlzerhackten Holzblock und war eifrig und zielbewußt beschäftigt, mit der einen Hand ein altes Brettstück in Späne zu verwandeln, mit der anderen ein großes Stück mit Butter und Honig bestrichenes Schwarzbrot ins Mäulchen zu stecken. Butter und Honig hatten ihre Bedeutung. Es war heute Brechtles achter Geburtstag.

Die tiefeingeschnittene Gedankenfalte auf der Stirn des Schulmeisters und die etwas abgehärmten Züge seines noch jugendlichen Gesichtes wollten nicht recht zu der Umgebung stimmen, auf der trotz aller Ärmlichkeit der Sonnenschein des Sonntagnachmittags und der tiefe Friede eines weltverlorenen Dörfchens lag. In dem Gärtchen zwischen Haus und Schuppen blühten, wohl etwas später als anderwärts, in niedlichen, geradlinig ausgelegten Beeten Blumen, die auf der Alb anderwärts kaum zu finden waren. Der bunte Fleck bildete einen auffallenden Gegensatz zu der Einförmigkeit des ärmlichen Dörfchens, das in der öden Mulde der Hochebene versteckt lag. Zwischen den Blumen stand eine noch junge, halb städtisch gekleidete Frau, richtete dort eine Knospe in die Höhe, brach hier ein welkes Blatt von einem überhängenden Zweig. Unter den fast noch kahlen Obstbäumen hinter dem Gärtchen prangte ein Grasteppich in frischem Grün. Von jenseits der kleinen Wiese hörte man das Summen der Bienen, die in geschäftiger Erregung zwei Strohkörbe unter einem rohgezimmerten Holzdach umschwärmten. Hinter der dichten Hecke, die das kleine Anwesen abschloß, ragte das Dach eines kleinen Bauernhofes hervor. Von dorther schallte das unablässige, triumphierende Gackern einer Henne, das einzige laute Geräusch, das mit Brechtles kindlichen Beilschlägen wetteiferte.

»Vater, ich baue ein Schiff«, sagte der Kleine, dem die Stille zu lange gedauert hatte, denn er war gewohnt, seinem Vater ›zu helfen‹, wie er es nannte, und ihn dabei über alles in Himmel und Erde auszufragen. Es war der einzige Unterricht, den er zur Zeit erhielt. Des Schulehaltens war der müde Mann satt, wenn die Dorfkinder davongestürmt waren. Dabei lernte Brechtle manches, das die wilde Schar ihr Leben lang nicht erfuhr.

»Vater, ich baue ein Donauschiff«, begann er wieder. »Ein Ordinarischiff für den Onkel Schwarzmann. Damit kann ich nach Wien fahren und weiter, weiter in die weite Welt. Über den Hohenstaufen hinaus, wo alles blau ist, wie der Himmel. Aber ich nehm' euch mit. Alle, dich und die Mutter und den Aßor. Nur die toten Schwesterlein müssen wir hier lassen. Aber des Stadelbauers Fritzle kann mitfahren. Der wird Augen machen, wenn wir nach Wien kommen. Und auf den Ulmer Münsterturm steigen wir auch.«

Dabei schlug Brechtle in seinem Eifer dermaßen auf das Brett los, daß es in zwei Stücke sprang. Etwas erschreckt über die unerwartete Wirkung seiner Tätigkeit sah er sich nach dem Vater um, faßte sich aber rasch und meinte: »Jetzt gibt es zwei Schiffe. Dafür zeigt mir Onkel Schwarzmann, wie man steuert, denn« – er näherte sich hierbei mit wichtiger Miene seinem Vater – »das kannst du mir nicht zeigen. Wir haben kein Wasser. Im Randecker Maar ist nur Dreck.«

In diesem Augenblick wurde die Tür des Schuppens aufgerissen. Die Schulmeisterin, sichtlich erregt, streckte ihren blonden Kopf herein und rief hastig: »Franz! Franz! Ich glaube, der Pfarrer von Neidlingen kommt. Er ist am Pfarrhaus vorbei, ohne hinaufzusehen. Und wir haben schon Kaffee getrunken!«

Der Mann raffte sich auf. Man sah an der Art, wie er aufstand, daß er aus einer andern Welt zurückkam.

»Der Fischer!« sagte er dann, sich besinnend. »Ungeschickt, aber – um so besser. Es wird mir guttun. So mach noch einmal Kaffee. Du brauchst dich nicht zu schämen, Rosel. Sie wissen in Neidlingen auch, was Eichelkaffee ist.«

»Das will ich meinen!« lachte es hinter dem Rücken der Schulmeisterin. Der Pfarrer von Neidlingen mußte auf den Zehen stehen, um über die Schultern der stattlichen Frau hinweg seinen Freund begrüßen zu können. Er war ein kleines rotwangiges Männchen, dem man's ansah, daß er mit Gott und der Welt auf dem besten Fuß stand, auf so gutem Fuß, daß er sogar beim Predigen seine Witzchen nicht lassen konnte. Schon zweimal hatte er sich deshalb eine ernstliche Rüge eines hohen Consistorii zugezogen, eine dritte, ernsthaftere wegen übereilten Kopulierens eines nicht mit den gesetzlich vorgeschriebenen Papieren versehenen, überdies nicht zuständigen Brautpaares, obgleich bei besagtem Brautpaar eine dringende Notwendigkeit, in den heiligen Stand der Ehe zu treten, nicht nachweislich gewesen. Diese drei Dokumente bewahrte er in einer Mappe mit der Überschrift: ›Anerkennungen, ehrenvolle Erwähnungen, Ehrenzeichen respektive -gaben‹, die im übrigen leer war.

Mit einem Jubelschrei warf Brechtle sein Beil weg.

»Der Döte! Hurra, der Döte!« rief er und schlang beide Ärmchen leidenschaftlich um den linken Oberschenkel seines ›besten Freundes‹. In dem kleinen Gesichtchen aber tauchte eine stürmische Frage auf, die er trotz des strafenden Blicks der Mutter nicht zu unterdrücken vermochte. »Was hast du mir mitgebracht? Heute ist mein Geburtstag, Döte!«

»Schon wieder!« sagte dieser lachend. »Büble! Büble! pressier nicht so!« Dabei zog er eine Pfeife aus der Rocktasche, die er auf dem Weg von Neidlingen nach Ochsenwang aus einer Weidengerte fabriziert und aufs Geratewohl mit zwei Löchern versehen hatte, so daß sie neben dem Grundton eine entsetzlich falsche Terze und Quinte von sich gab. Hochbeglückt und laut musizierend zog Brechtle in den Garten hinaus.

Den Kaffee lehnte der Pfarrer ab. Er habe ihn schon bei seinem Kollegen in Schopfloch getrunken, dem er einen Taufschein habe bringen müssen, da noch immer kein Postbote nach Schopfloch gehe. Das sei ja auch eines der unbilligen Verlangen dieser umstürzlerischen, aufgeregten Neuzeit. Bei dem herrlichen Frühlingsabend sei ihm der kleine Umweg in die Füße gefahren; auch habe er schon längst nach seinen lieben Gevattersleuten in Ochsenwang sehen wollen. Das könne er in keiner besseren Weise tun, als wenn er eine Zeitlang auf der Hobelbank Platz nehme. Ein bequemeres Sofa nach einem guten Marsch habe er sich nie gewünscht.

Damit setzte er sich, ließ das linke Bein in der Luft baumeln, schraubte das rechte zur Probe zwischen die Backen der Bank fest und sah seinem Freund vergnügt lachend ins Gesicht.

Nachdem die Frau Schulmeisterin sich angelegentlich nach den sechs Kindern des Pfarrers und nach dem Keuchhusten des Kleinsten erkundigt, dann trotz aller Abwehr einen Krug Apfelmost, Butter und Brot und einen Teller mit Nüssen herbeigebracht hatte, ließ sie die Männer allein. »Aufs Wohl aller Ulmerinnen!« rief ihr der Pfarrer nach und tat einen kräftigen Zug aus seinem Glas. Dann wandte er sich an den Schulmeister.

»Na, wie steht's, alter Freund? An einem solchen Nachmittag solltest du nicht in deiner Bude sitzen! Dein Breitenstein und die ganze Welt liegt dir vor der Nase. Ich wollte, ich wohnte hier oben. Du siehst bleich aus.«

»Ich bin's auch!« versetzte der andere, indem er sich dem Pfarrer gegenüber auf den Tisch setzte.

»Ich bin's auch und kein Wunder. Es geht noch immer nicht.«

Er wies mit dem Daumen über die Schulter nach der Ecke des Schuppens, wo ein wunderliches Machwerk aus Stäbchen, Gabeln, Schwarzwälder Uhrketten, Rädchen aus Holz, kleinen Schöpfkübeln aus Pappe und einer reichlichen Menge von Siegellack stand.

»Das also ist das neueste Perpetuum mobile«, lachte der Pfarrer, gleichzeitig die Stirne runzelnd, was dem freundlichen Gesicht ein überaus komisches Aussehen gab. »Das vorige ging drei Stunden lang.«

»Ja. Dann aber erfand ich eine Verbesserung, die – ich hätte Gift darauf genommen –, die mich zum Ziel führen mußte. Es hat zwei Monate gekostet, die Änderungen auszuführen. Mit meinen Werkzeugen richtige Zahnräder zu schnitzen, hol der Kuckuck! Vorigen Mittwoch habe ich das Ganze wieder zusammengestellt, und nun geht's gar nicht mehr; steht still wie ein Stock.«

Der Pfarrer sprang auf.

»Du bist ein großer Erfinder, Berblinger! Ein echtes Kind deiner verrückten Zeit! Schon in Tübingen prophezeite ich – einer gegen alle Stimmen im ganzen stimmberechtigten Stift –, aus dir werde noch etwas werden. Aber komm heraus aus deinem Loch! Draußen läuft ein Perpetuum mobile seit sechstausend Jahren oder länger, das unser Herrgott alle Jahre aufzieht, man weiß nicht wie. Er ist gerade dran. Sehen wir uns die Geschichte an!«

»Man sieht, du hast keine Ahnung von dem Grundbegriff der Sache«, lachte der Schulmeister gezwungen. »So seid ihr Pfarrer. Predigt über alles, das ihr nicht versteht. Müßt es ja, von Amts wegen. Aufziehen! Das ist's ja gerade, was nicht nötig sein sollte.«

»Es ist's auch nicht«, versetzte der Pfarrer, ohne eine Spur von Empfindlichkeit zu zeigen. »Ich sprach in Gleichnissen, um deines Unverstandes willen. Komm heraus! Du hast keinen Begriff mehr von unserer Gotteswelt, mit der Nase unter deinen Rädchen. Ich muß heim zu meinem Kinderpack. Das ist auch ein Perpetuum mobile, das kein Aufziehen braucht und vom Morgen bis in die späte Nacht läuft und rasselt und vor Vergnügen kreischt, daß dir der Kopf wirbelt. Dann legt sich die Bande ein paar Stunden aufs Ohr und ist wieder aufgezogen, daß sie keine Bremse und kein Radschuh zum Stehen bringt. Ganz von selbst und trotz aller Reibung, an der es bei mir zu Haus auch nicht fehlt. Komm, Alter! Du begleitest mich bis übers Randecker Maar.«

Sie gingen durchs Dorf, der Schulmeister schweigend, mit gesenktem Kopf, der Pfarrer munter plaudernd, selbst von der Not der Zeit, die etwas leichter zu werden beginne, seitdem der Herzog von den Kanzeln herunter seine Sünden habe bekennen lassen und in seiner Karlsakademie ein regelrechter Schulmeister geworden sei. – »Du siehst, Berblinger, das passiert auch besseren Leuten als dir!« – Dabei helfe mit, daß die schöne Franziska zu Hohenheim das Regiment im Lande führe und das Gottesgericht in Frankreich hereingebrochen sei. Es möge zwar beides nicht ganz korrekt sein, aber auch hierfür müsse man einer gütigen Vorsehung dankbar sein, schloß der Pfarrer.

Fast mußte man ihm recht geben. War es nicht zwischen den niederen strohgedeckten Häuschen so friedlich wie im Paradies? Selbst die mächtigen Düngerhaufen, den Stolz der Bauern auf diesem armen Boden, vergoldete die Frühlingssonne. Am Ende eines Seitengäßchens schlich ein gebücktes Weibchen über den Weg. Zwei Kinder standen unter einer Haustür. Das Mädchen kam heran, um dem Schulmeister die Hand zu geben. Der Junge steckte die Finger in den Mund und sah der Begrüßung mit großen Augen zu. Er war nicht schulpflichtig und trotzte noch dem Verhängnis. Auch eine Geiß lief herbei und beschnupperte die Rocktaschen des Pfarrers, bis Brechtle, der in des Dötes Fußstapfen gefolgt war wie ein Hündchen und mit mehr als kindlicher Aufmerksamkeit auf das Gespräch der Männer horchte, ihr mit seiner Pfeife auf den Kopf schlug.

Sie hatten jetzt das letzte Haus des in einer sanften Einsenkung gelegenen Dörfchens hinter sich. Stiller noch als dieses und fast schattenlos dehnte sich die hügelige Hochebene vor ihnen, deren helles Gelbbraun da und dort unter dem jungen Grün der Saat verschwand, die sich nicht allzu üppig zwischen den zahllosen Steinchen des seichten Bodens emporrang. Die Rauhe Alb war nie ein Paradies für die armen Bauern gewesen, die der mageren Scholle mühsam ihr tägliches Brot abrangen. Doch spannte sich auch über dieses Stückchen Erde zeitweise ein blauer Himmel, und ein frischer, kraftbringender Luftzug strich über die Kante des Horizonts, welchen die dunkle Linie eines da und dort unterbrochenen Waldsaumes bildete. Wo am Rand der sanft ansteigenden Fläche die dunkle Linie fehlte, verlor sich das Auge im weißlichen Dunst einer unabsehbaren Ferne.

»Du solltest den alten Hahn in Echterdingen besuchen, Berblinger!« begann der Pfarrer wieder, nachdem er eine Zeitlang schweigend durch eine dieser Lichtungen gesehen und dabei behaglich die frische Albluft eingezogen hatte. »Das ist ein Pfarrherr nach deinem Herzen, der unserem Herrgott scharf auf die Finger sieht und ihm – es heißt: mit Erfolg – sein astronomisches Uhrwerk abgeguckt hat. Damit tröstet er sich, wenn ihn das Konsistorium mit seiner Dogmatik ärgert, wie dich deine Schulmeisterei. Wen ärgert sein tägliches Brot nicht, wenn's ihm der Herr nicht umsonst gibt? Frag deine Bauern. Da begann der Hahn seine Studierstube mit Planetenuhren zu füllen und archimedische Wasserschrauben anzufertigen und ist seitdem ein glücklicher Mann. Es gibt halt allerhand Manieren, glücklich zu sein, wie auch verschiedene Wege, selig zu werden, obgleich dies unserem Consistorio heute noch nicht einleuchten will.«

»Hat er sich auch schon an das Problem aller Probleme gemacht – der Hahn?« fragte der Schulmeister mit erwachender Neugier.

»An dein verdammtes – verzeih, Berblinger – Perpetuum mobile?« Dabei wackelte des Pfarrers niedliches Zöpfchen heftig hin und her. »Solch ein Esel ist der Hahn nicht. Er will unserem Herrgott nicht ins Handwerk pfuschen und sich dabei die Finger verbrennen. Seitdem du diese Geschichte aufgegriffen hast, bist du ein unglücklicher Mensch, der nirgends Ruhe findet, nicht ißt, nicht schläft wie ein vernünftiges Wesen, sein Weib vernachlässigt, seinen Jungen vergißt. Von seinem bescheidenen Amt will ich nicht reden. Wie lange her ist's wohl schon?«

»Du weißt, in Tübingen hat mich der Gedanke gepackt«, versetzte der Schulmeister düster. »Ein Stiftler braucht sich nicht zu schämen, ein Problem zu verfolgen, das einem Leonardo da Vinci zu schaffen gemacht hat. Ich bin außerstande, einzusehen, weshalb von Unmöglichkeit die Rede sein kann, bloß weil noch niemand die Aufgabe gelöst hat. Die französische Akademie hat nicht umsonst einen Preis von einer halben Million für ihre Lösung geboten. Sie wäre das Zehnfache wert.«

»Und ihr Ochsenwanger wißt noch nicht, daß deine famose Akademie die Prämie schon seit etlichen Jahren zurückgezogen hat?« rief der Pfarrer entrüstet.

»Wahr?« fragte Berblinger gleichgültig. »Um so besser. Nun werden uns wenigstens die Geldschwindler in Ruhe lassen.« Dann fuhr er wie aufflammend fort: »Ich glaubte damals, im Stift in Tübingen, das Prinzip in der Tasche zu haben. Bedenke nur, Fischer, was daraus werden müßte, wenn es gelänge: Selbstbewegung! Du begreifst natürlich nicht, was das heißen will. Eine unversiegliche Kraftquelle, wo immer der Mensch sie schaffen und gebrauchen wollte!«

»Eritis sicut deus!« spottete Fischer. »Ich ließe mir's gefallen, wenn du beim Dampf geblieben wärest, an dem du dir damals doch nur die Nase verbrannt hast. Damit kann man wenigstens etwas kochen, wie dein seliger Freund Papinius entdeckt haben soll, und ich lese in der Zeitung: sie bauen jetzt Feuermaschinen, die Wasser schöpfen, wie das liebe Vieh in einem Tretrad. Erstaunlich, was der Mensch in diesen Tagen nicht alles fertigbringt: schlägt der geheiligten Person eines Königs mit einer Maschine den Kopf ab und läßt das Feuer mit einer anderen Wasser pumpen, zum Segen der Menschheit. Wer weiß, sie pumpen dir die Lindach noch vom Fuß der Alb herauf in dein verdurstetes Dörflein, so daß Mensch und Getier hier oben aus meinem Flüßchen drunten saufen, das Gott den Neidlingern allein zur Nutznießung geschaffen hat! Ich hab's aufgegeben, den Menschen eine Grenze zu ziehen.«

»Siehst du! Warum willst du sie mir ziehen?« fragte Berblinger.

»Weil ich nicht an den Turm zu Babel glaube. Weil du zufrieden und glücklich sein könntest, wenn du wolltest. Es ist wahr, die Schulmeisterei dauert länger, als wir dachten. Du hast den Karren eben gründlich verfahren. Aber du hast ein Dach über dem Kopf, einen Gemüsegarten hinter dem Haus, Most im Keller, gelegentlich ein Stück Fleisch auf dem Tisch; dabei ein braves Weib, die dich glücklich machen würde, wenn du genügend Verstand hättest, und einen prächtigen kleinen Buben, dem du die tollste Erziehung gibst, die mir je vorgekommen ist. Ich glaube, das Bürschchen weiß noch nichts von mensa und zimmert dir einen vierbeinigen Tisch im Handumdrehen. Lang kann es so nicht weitergehen.«

Sichtlich hörte Berblinger seinem wohlmeinenden Freund nur halb zu und blieb plötzlich stehen. Sie durchquerten soeben die Versenkung, in der das sogenannte Randecker Maar liegt. Über demselben entspringen drei kleine Quellen, welche dem eine Viertelstunde entfernten Ochsenwang das nötige Trinkwasser liefern müssen. In einem Graben neben dem Feldweg, auf dem sie hinschritten, rieselte ein kristallheller Bach, der etwas weiter unten ein kleines Rädchen trieb. Brechtle hatte seine Pfeife weggeworfen und war schon eifrig mit dem Bau eines neuen Steindamms beschäftigt, der seinem Rädchen eine vorteilhaftere Verwendung der Wasserkraft sichern sollte.

»Siehst du, Fischer«, begann der Schulmeister nachdenklich, »hier ist eigentlich alles, was wir suchen. Der kleine Bach, der einzige in der Gegend, läuft Tag und Nacht, Sommer und Winter und ist noch nie versiegt. Ehe er das Dorf erreicht, dort bei den zwei Apfelbäumen, verschwindet er in einem Erdtrichter und kommt vermutlich unten am Fuß der Alb wieder zum Vorschein. Dort verdampft das Wasser, das nicht dem Meer zufließt, kommt als Regen auf unsere durstigen Felder und speist wieder das Bächlein. Das geht so fort, trotz aller Reibung oder was sonst an Hindernissen im Weg liegt; jahraus, jahrein, bis an der Welt Ende, wie man so sagt, und ist so verzweifelt einfach. Das sollte ich in irgendwelchen Form wirklich nicht nachmachen können?«

»Du kannst es auch, Vater«, rief der Kleine, sich plötzlich aufrichtend, mit unerschütterlicher Zuversicht in Stimme und Gebärde, »wenn du das Wasser verdampfst.«

»Bravo, Berblinger secundus!« sagte sein Pate, ihm wohlwollend auf den Kopf klopfend. »Du hast's erraten. Mit dem Dampf geht nächstens alles. Fange nur auch an, dein Perpetuum mobile zu bauen.«

»Das tut die liebe Sonne für uns, das Verdampfen. Du hast mir's selbst gesagt. Tut's für nichts, ganz umsonst!« fuhr Brechtle eifrig fort, die zwei Alten belehrend.

»Bravo, noch einmal!« rief der Pfarrer. »Da hast du's, Berblinger. Ein Chirurg aus Marbach, ein gewisser Schiller, von dem sie neuerdings viel Aufhebens machen, soll kürzlich irgendwo gesagt haben: Was kein Verstand der Verständigen sieht, das ahnet in Einfalt ein kindlich Gemüt. Die Sonne macht's. Natürlich; alle Kraft, der wir in diesem Jammertal begegnen, kommt von oben. Laß dir das gesagt sein, Schulmeister. Ich bin nicht umsonst Pfarrer in Neidlingen.«

»Etwas Wahres liegt drin«, murmelte Berblinger in tiefem Nachdenken. »Schon die alten Perser verehrten den Vater des Lichtes, den Spender aller Kraft.«

»Mit unterlaufenden Mißverständnissen«, versetzte Fischer, etwas scharf. »Komm, komm! für einen Perser bist du mir noch zu gut! Du mußt deinen Gedanken gelegentlich eine andere Richtung geben. Es bewegt sich zur Zeit mancherlei in der Welt außer deinem Perpetuum mobile, das einen vernünftigen Menschen interessieren sollte. Ihr habt natürlich keine Zeitung in eurem Ochsenwang, und auch ich lebe von den Brosamen, die vom Kirchheimer Dekanatstisch fallen. Weißt du, wie es drüben bei den Franzosen aussieht? Zum reinen Tollwerden. Und ob unser gutes altes Deutsches Reich die verrückte Neuzeit wieder einrenken wird, ist mehr als fraglich. Sie sind zwar ausgezogen mit Schwertern und Stangen, sind aber, teilweise ohne die Mordwerkzeuge, wieder nach Hause gekommen, sehr magenkrank und ohne etwas ausgerichtet zu haben. Und nun scheint's, als ob die drüben den Stiel umdrehen wollten. Wer weiß, was wir noch erleben müssen. Das kommt daher, daß auch bei uns die Unbotmäßigkeit überhandnimmt und die Leute keinen Respekt mehr haben vor der Obrigkeit, die Gewalt über sie hat. Ein Wunder ist's nicht, aber es straft sich an Gerechten und Ungerechten. Ich will nicht davon reden, was der Pfarrer von Neidlingen von seinem Consistorio denkt. Aber grausig, einfach grausig ist, wie sich die zwei Ältesten meines Schulzen in der Kinderlehre aufführen. Die reinsten Jakobiner. Sie verlangen Aufklärung, die frechen Bengel. Ich habe sie aufgeklärt, daß ihnen die Ohren brummen, aber geholfen hat's nichts. Du wirst sehen, Berblinger, die Franzosen kommen uns über den Hals in einer Kürze. Der Herzog war schlimm genug in seinen jungen Jahren; aber dann gnade uns Gott! Man hat die Pfalz noch nicht vergessen. Mit deinem Perpetuum mobile! Ich wollt', wir hätten Ruhe in diesem Jammertal in perpetuo. Es ist mir und meinen Neidlingern wohl genug auch ohne die ewige weltgeschichtliche Mobilität, wenn auch unser gnädigster Landesfürst noch jetzt viel zu wünschen übrigläßt. Es ist in eurer freien Reichsstadt Ulm auch nicht besser. Im Himmel sind wir alle noch nicht. Übrigens geht's hier den Berg hinunter. Weiter darfst du mich nicht begleiten, deiner Frau und deines Nachtessens wegen. Leb wohl, Berblinger! Tu mir den einzigen Gefallen und schlag dein Perpetuum mobile kurz und klein. Halte Schule, so gut du kannst. Vielleicht schenkt dir Gott doch noch eine Pfarrei. Dann magst du ja wieder von vorn anfangen und als zweiter Hahn mit mir vereint das Konsistorium ärgern. So würde die Sache doch noch zu einem guten Ende führen können. Adieu! Adieu Brechtle! Grüß deine Mutter und pfeif ihr die Ohren nicht zu voll. Adieu!«

Sie trennten sich unter den ersten Bäumen des Buchenwaldes, von wo der Weg dachsteil ins Tal hinabführt. Das letzte Adieu des Pfarrers kam schon aus dem dichten Buschwerk, hinter dem er verschwunden war. Langsam und schweigend drehte sich Berblinger um. Der fröhlich sprudelnde Redestrom seines Freundes hatte ihn von jeher schweigsam gemacht. Er nahm Brechtle bei der Hand und schlug einen am Waldsaum hinlaufenden Seitenpfad ein, der, sich sanft nach oben ziehend, zu einem jener dem Rand der Schwäbischen Alb eignen vorspringenden Felsen führte, von dem aus ein überwältigendes Bild voll lieblicher Einzelzüge das entzückte Auge überrascht.

Rechts und links, nah und fern stürzten die bewaldeten Berghänge von der scharfgezeichneten, fast waagerechten Kante des Gebirgsstocks zu Tal. Noch waren die Buchen kahl und nur da und dort zitterte ein lichtgrüner Schimmer durch die fast violette Färbung der gewaltigen, geradlinig abfallenden Halden. Weißgraue Felszacken überragten an vielen Stellen das Meer von Baumgipfeln. Da und dort krönte eine stolze Burgruine oder ein einsamer Wachtturm die Felsengruppe, die über die waagerechte Schichtung des Gebirges hervorsprang. Der Hohe Neuffen und die Teck erhoben in nächster Nähe ihre kecken Häupter. In weiter dämmernder Ferne schloß gegen Südwesten der Hohenzollern die Reihe der stolzen Berge. Nach rechts, gegen Osten hin, war der Gebirgsabsturz zerklüfteter und bog sich in großem Bogen nach Norden, von tief einschneidenden Seitentälern durchbrochen. Dort, scharf getrennt von der kompakten Masse des Gebirgszuges, erhob sich über einem lieblichen Hügelland einsam und kahl, aber noch immer der alte stolze Kaiserberg, der Hohenstaufen, hinter dem der burggekrönte Rechberg aufstieg; der Große, welchen die gewaltigen Stürme der Vergangenheit jedes Schmuckes beraubt, der Kleine, über den sie achtlos hinweggeblasen hatten. Unten, über die Hügel und Tälchen des Vorlandes hin zerstreut lagen in bläulichem Grün gebettet zahllose Dörfchen und Städtchen, freundlich heraufschielend mit dem Weiß ihrer Häuschen und dem lustigen Rot von Ziegeldächern, die das braungelbe Stroh zu ersetzen begannen. Um den Fuß der Berge aber, im nahen Neidlinger und Lenninger Tal wogte ein schneeweißes Blütenmeer. Soweit das Auge reichte, bedeckte die Sohle der Täler und Tälchen, die in den Gebirgsstock einschnitten, ein Garten von Kirschbäumen. Sie schienen dem Sommer entgegenzujauchzen, dessen warmer Hauch, Leben und Liebe weckend, über das wundervolle Bild hinzog. Die Sonne war dem Untergehen nahe und tauchte scheidend den Gipfel der Achalm in einen Heiligenschein von Purpur und Gold.

Vater und Sohn setzten sich auf den weit vorspringenden Felsen und blickten schweigend in die Ferne. Es liegt in der Natur des Schwaben, daß ihn ein solches Bild, das andere zu lauter Freude stimmt, mit stiller Sehnsucht und Wehmut erfüllt. So packte es auch die beiden Berblinger, ohne daß sie sich dessen klar bewußt wurden, selbst den Kleinen, der aufgehört hatte, auf des Dötes Pfeife greulich klingende Molltöne in die Luft zu blasen. Grund genug war dazu da. Über dem goldstrahlenden Bild lag düstern Elends genug. Nicht das des Perpetuum mobile, das sich nicht rühren wollte, oder der Schulmeisterei, welche Berblinger mit jedem Tag unerträglicher fand, nicht die kleine Not der einzelnen. Es war der stumme Jammer eines in tiefer, selbstgeschaffener Not erkrankten Volkes, die dumpfe Erinnerung an die qualvollen Zeiten eines versinkenden Jahrhunderts, das Vorgefühl des Untergangs eines Vaterlands, dessen herrlichste Zeiten gerade auf diesen Bergen ihren Anfang genommen hatten. ›Fort! Hinaus in die blaue Ferne!‹ Berblinger der Ältere dachte es nicht, aber sein ganzes Wesen durchdrang diese Empfindung, und Berblinger des Jüngeren kleines Herz schlug unwillkürlich im Einklang mit der Stimmung seines Vaters und der traumverlorenen Umgebung. Kinder sind ja weit mehr ein Stück Natur als wir Alten. Schweigend saßen sie da. Die Sonne war jetzt untergegangen; noch aber schwebten im dunkelnden Blau des Himmels rosige Wölkchen. Unter sich sahen sie einen Weih ruhig über dem Tal hängen, das ein gespenstisches Weiß angenommen hatte, und in nächster Nähe ein paar Waldtauben, die ihrem Nest zuflogen. Der Kleine fand jetzt wieder Worte.

»Vater, ich möchte fort«, sagte er, »weit fort, über den Staufen hinaus, ins Blaue.«

»Ich auch!« seufzte der Vater, kaum als Antwort auf Brechtles Geplauder. »Hinaus aus dieser kleinen Welt. Siehst du, wie die Wölkchen dort oben ziehen? Mit denen möchtest du wohl fliegen?«

»Sie fliegen, wohin sie der Wind treibt«, sagte Brechtle sehr nachdenklich. »Ich möchte fliegen, wohin ich will, wie der Weih dort drüben. Siehst du, er kommt näher; er steigt und regt die Flügel kaum. So möchte ich fliegen können.«

»Wer weiß, ob wir's nicht dazu bringen, wenn einmal ein Perpetuum mobile läuft, das die Kraft in sich selbst trägt«, sagte der Vater, der die nicht empfehlenswerte Gewohnheit hatte, seine Selbstgespräche an das Kind zu richten. »Nur wollen muß man, wollen! Und wie der Weih, ohne die Flügel zu rühren, wird's nicht gehen, Brechtle!«

»Warum geht es nicht?« fragte der Kleine unzufrieden. »Die Engel haben Flügel, bei denen geht's. Jedermann kann es in der Mutter Bilderbibel sehen, und sie sagt, in der Bibel stehen keine Märchen. Es geht ganz gut.«

»Ja, bei den Engeln!« rief der Vater und sprang auf. »Komm, Brechtle, wir müssen heimfliegen. Der Weih ist auch schon fort und die Mutter wartet mit dem Essen.«


 << zurück weiter >>