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21.

Bis jetzt habe ich die großen Begebenheiten des Krieges berichtet – Schlachten, die trotz unserer Fehler und unseres Mißgeschicks für Frankreich glorreich sind. Wenn man allein – immer einer gegen zwei und zuweilen gegen drei – gegen alle Völker Europas gekämpft hat und endlich nicht ihrem Muthe und ihrem Genie, sondern dem Verrathe und der Anzahl unterlegen ist, thäte man Unrecht, wenn man über eine solche Niederlage erröthete, und die Sieger thäten noch unrechter, wenn sie stolz darauf wären. Nicht die Zahl macht die Größe eines Volkes oder eines Heeres aus, sondern die Tapferkeit. So denke ich in der Einfalt meines Herzens, und ich glaube, daß die Menschen von Herz und Verstand in allen Ländern der Welt eben so denken werden.

Jetzt aber muß ich das Elend und die Beschwerden des Rückzugs berichten, und das eben scheint mir das Peinlichste.

Man sagt, Vertrauen gebe Kraft, und das ist wahr, besonders in Bezug auf die Franzosen. So lange sie vorwärts marschiren, so lange sie auf Sieg hoffen, sind sie einig wie die Finger einer Hand, ist der Wille der Führer das Gesetz Aller. Sie fühlen, daß nur die Disciplin den Erfolg sichern kann. Sobald sie aber zum Weichen gezwungen sind, baut Jeder nur auf sich selbst und achtet auf kein Commando mehr. Dann stieben diese stolzen Männer, diese Männer, die lachend dem Feind und dem Kampfe entgegen zogen, bald einzeln, bald in kleinen Trupps nach rechts und nach links auseinander. Und die, welche sonst bei ihrem Nahen zitterten, fassen sich jetzt ein Herz. Anfangs rücken sie furchtsam vor, dann aber, wenn sie sehen, daß ihnen nichts geschieht, werden sie frech und übermüthig. Zu dreien und vieren fallen sie über die Nachzügler her, um sie aufzuheben, wie man die Raben im Winter über ein armes, gestürztes Pferd herfallen sieht, dem sie in halbstundenweiter Entfernung nicht ins Auge zu blicken gewagt hätten, so lange es noch auf den Beinen war.

Ich habe das Alles erlebt ... Ich sah elende Kosaken, wahre Bettler, in Lumpen gekleidet und mit einer alten, abgeschabten Pelzmütze auf dem Kopfe, Lumpenkerle, die voll Ungeziefer saßen, die sich nie den Bart gekämmt hatten, die ohne Sattel und einen Strick als Steigbügel brauchend auf alten, magern Mähren ritten und eine alte, verrostete Pistole als Feuerwaffe, einen Lattnagel an einer Stange als Lanze handhabten – solches Lumpengesindel, das alten, gelbhäutigen, verwitterten Juden glich, sah ich zehn, fünfzehn, zwanzig Soldaten anhalten und sie wie eine Heerde Schafe forttreiben!

Und die Bauern, diese langen Schlafmützen, die einige Monate vorher schon zitterten, wenn man sie nur von der Seite ansah ... nun, ich habe gesehen, wie sie alte Soldaten, Kürassiere, Kanoniere, spanische Dragoner, Leute, die sie mit einem einzigen Faustschlage zu Boden gestreckt hätten, in übermüthigem und anmaßendem Tone behandelten. Ich habe gehört, wie sie, während man doch in der ganzen Umgegend den Duft des Backofens spürte, behaupteten, sie hätten kein Brot zu verkaufen, und eben so, sie hätten weder Wein noch Bier noch sonst etwas, wenn man gleichwohl rechts und links die Gläser klingen hörte wie die Glocken in ihrem Dorfe. Und man wagte nicht, sie beim Kragen zu nehmen, man wagte nicht, sie zur Raison zu bringen, sie, diese Halunken, die über unsern Rückzug lachten, weil wir keine Masse mehr bildeten, weil jeder auf eigene Faust marschirte, weil man keine Führer mehr anerkannte und keine Disciplin mehr hatte.

Und dann der Hunger, die Noth, die Strapazen und die Krankheiten – Alles stürmte gleichzeitig auf uns ein. Der Himmel war bleifarben, unaufhörlich strömten Regengüsse herab, und der Herbstwind machte uns erstarren. Wie viele von den armen Rekruten, die noch ohne Bart und so abgemagert waren, daß man durch ihren Körper das Licht durchschimmern sah wie durch eine Laterne, wie viele von diesen armen Wesen konnten solchen Beschwerden widerstehen? Sie kamen zu Tausenden um – man sah auf den Wegen nur noch Leichen. Eine schreckliche Krankheit, die man Typhus nannte, folgte uns auf Schritt und Tritt. Einige sagen, es wäre eine Art Pest, die durch die Leichen entstehe, welche man nicht tief genug einscharre, andere, sie rühre von allzu großen Leiden und Entbehrungen her, welche die menschlichen Kräfte übersteigen – ich verstehe nichts davon, die elsässischen und lothringischen Dörfer aber, in welche wir den Typhus einschleppten, werden ewig daran denken: von hundert Kranken genasen höchstens zehn oder zwölf!

Kurz und gut, da ich nun einmal in dieser traurigen Geschichte fortfahren muß, am Abend des 19. Octobers bivouakirten wir in Lützen, wo die Regimenter sich wieder ordneten, so gut sie konnten. Am andern Tage mußten wir schon früh Morgens auf dem Marsche nach Weißenfels gegen die Westphalen tirailliren, die uns bis zum Dorfe Oeglitsch verfolgten. Am 22. bivouakirten wir in den Erfurter Glacis, wo man uns neue Schuhe und Kleidungsstücke gab. Dort schlossen sich fünf oder sechs versprengte Compagnien wieder unserm Bataillon an. Sie bestanden fast ganz aus Rekruten, die weiter nichts als eben nur das Leben hatten. Die neuen Kleidungsstücke waren uns viel zu weit, wir steckten darin wie in Schilderhäusern, aber die wohlthuende Wärme dieser Anzüge empfanden wir doch: wir glaubten von Neuem aufzuleben.

Noch am 22. mußten wir wieder aufbrechen und zogen in den folgenden Tagen an Gotha, Teutleben, Eisenach und Salmünster vorüber. Die Kosaken auf ihren kleinen, magern Mähren umlauerten uns. Einige Husaren scheuchten sie auf, sie stoben wie Diebe davon und kamen gleich darauf wieder zurück.

Viele von unsern Kameraden hatten die üble Angewohnheit, Abends, wenn wir im Bivouac lagen, auf Plünderung auszugehen. Zuweilen erwischten sie auch etwas, am nächsten Tage aber fehlten immer einige beim Appell. Die Wachen erhielten daher Befehl, auf Jeden zu feuern, der sich vom Lager entfernte.

Ich hatte seit unserm Abmarsche von Leipzig das Fieber. Es nahm immerfort zu und schüttelte mich Tag und Nacht. Schon war ich so schwach geworden, daß ich mich am Morgen kaum erheben konnte, um den Marsch wieder anzutreten. Zebede sah mich mit trüber Miene an und sagte zuweilen:

»Muth, Joseph, Muth! Wir werden doch noch wieder nach Hause kommen!«

Diese Worte feuerten mich an. Ich fühlte, wie ein warmer Blutstrom mir ins Gesicht schoß.

»Ja, ja, wir werden wieder nach Hause kommen,« rief ich. »Ich muß die Heimat wiedersehen!« ...

Und ich fing an zu weinen. Zebede trug meinen Tornister, und wenn ich zu ermüdet war, sagte er:

»Stütze dich auf meinen Arm ... Wir kommen ja jetzt mit jedem Tage näher, Joseph ... Noch fünfzehn Tagemärsche, was ist denn das?« ...

Er belebte meinen Muth wieder, aber ich hatte nicht mehr die Kraft, mein Gewehr zu tragen – es schien mir schwer wie Blei. Auch essen konnte ich nicht mehr, und meine Kniee zitterten unter mir. Trotzdem aber verzweifelte ich noch nicht und sagte zu mir selbst:

»Es ist nichts ... Wenn du erst den Kirchthurm von Pfalzburg siehst, wird das Fieber vergehen. Da wirst du gesunde Luft athmen, und Katherine wird dich pflegen ... ihr werdet euch heirathen« ...

Allerdings sah ich Andere, die wie ich krank waren, unterwegs liegen bleiben, war aber weit davon entfernt, mich für eben so krank zu halten wie sie.

Ich war also immer noch guten Muths, bis wir während einer Rast, drei Meilen hinter Fulda auf der Straße nach Salmünster, erfuhren, daß fünfzigtausend Baiern uns den Rückzug abschneiden wollten und bereits in großen Wäldern, die wir passiren mußten, aufgestellt wären. Diese Nachricht gab mir den Rest, weil ich fühlte, daß ich zum Vorstürmen, Schießen und Bajonettkampf keine Kraft mehr hatte, und nun alle meine Mühe, mich aus so weiter Ferne heranzuschleppen, verloren war. Ich machte jedoch noch eine Anstrengung, als man uns weiter zu marschiren befahl und versuchte aufzustehen.

»Auf, Joseph,« sagte Zebede, »laß uns zusehen ... Muth!« Aber ich konnte nicht und begann zu schluchzen. »Ich kann nicht!« rief ich. »Steh doch auf,« sagte er. »Ich kann nicht ... mein Gott ... ich kann nicht!«

Dabei klammerte ich mich an seinen Arm ... Ihm liefen dicke Thränen an der großen Nase entlang ... Er versuchte mich zu tragen, war aber ebenfalls zu schwach. Nun hielt ich ihn fest und schrie:

»Zebede, verlaß mich nicht!«

Hauptmann Vidal trat darauf näher und sah mich traurig an.

»Laß gut sein, mein Junge,« sagte er, »in einer halben Stunde werden die Krankenwagen vorüberkommen ... da wird man dich aufnehmen.« Ich wußte aber, was das bedeutete, und zog Zebede zu mir heran, um ihn in meine Arme zu schließen. Dabei flüsterte ich ihm ins Ohr:

»Höre, du wirst Katherine an meiner Stelle umarmen ... versprich mir das! ... Du wirst ihr sagen, daß ich mit einem Kusse für sie auf den Lippen gestorben wäre, und daß du ihr diesen Abschiedskuß brächtest!«

»Ja!« ...sagte er mit unterdrücktem Schluchzen ... »ja ... ich werde es ihr sagen! ... O mein armer Joseph!«

Ich konnte ihn nicht aus meinen Armen lassen. Er legte mich daher selbst auf die Erde und eilte schnell davon, ohne sich umzusehen. Die Kolonne entfernte sich ... ich schaute ihr lange nach, wie man der letzten Lebenshoffnung nachschaut, wenn sie entschwindet ... Jetzt tauchten die letzten Nachzügler des Bataillons in einer Terrainfalte unter ... Da schloß ich die Augen, und erst eine Stunde nachher, vielleicht sogar noch später, weckte mich Kanonendonner aus meiner Betäubung, und ich sah eine Division der Garde im Laufschritt mit Wagen und Artillerie auf der Straße vorübereilen. Auf den Wagen erblickte ich einige Kranke und rief daher:

»Nehmt mich mit! ... Nehmt mich mit!« ...

Aber Niemand gab Acht auf mein Geschrei ... man stürmte vorüber ... der Kanonendonner wurde immer stärker. So zogen mehr als zehntausend Mann, Kavallerie und Infanterie, vorüber. Ich hatte nicht mehr die Kraft, zu rufen.

Endlich kam der Nachtrab dieser Masse. Ich sah die Tschakos und Tornister sich entfernen, dann an dem Abhang verschwinden, und wollte mich eben für immer niederstrecken, als ich abermals ein großes Getöse auf der Straße hörte. Es waren fünf oder sechs Geschütze, die, mit tüchtigen Pferden bespannt, heranjagten. Rechts und links saßen Kanoniere, den blanken Säbel in der Hand. Dahinter kamen die Munitionswagen. Ich setzte auf diese hier nicht mehr Hoffnung als auf die Uebrigen, sah aber doch hin, bis ich plötzlich neben einem der Geschütze einen langen, hagern, rothhaarigen, decorirten Unterofficier heransprengen sah und Zimmer, meinen alten Leipziger Kameraden, erkannte. Er ritt vorüber, ohne mich zu sehen. Jetzt aber schrie ich aus Leibeskräften:

»Christian! ... Christian!«

Und trotz des Rasselns und Rollens der Kanonen machte er Halt, blickte sich um und sah mich unter einem Baume liegen. Er machte große Augen.

»Christian,« schrie ich, »erbarme dich meiner!«

Darauf ritt er eine Strecke zurück, betrachtete mich und erbleichte.

»Wie? ... du bist's, lieber Joseph!« rief er, indem er schnell vom Pferde sprang.

Er hob mich nun auf wie ein kleines Kind und schrie den Leuten, die den letzten Munitionswagen führten, zu:

»Heda! ... Stillgehalten!«

Und indem er mich umarmte, legte er mich in den Wagen und schob einen Tornister unter meinen Kopf. Auch sah ich, wie er einen dicken Reitermantel über meine Füße und Schenkel breitete und dabei sagte:

»Nun vorwärts! ... Die Geschichte da vor uns hat Eile!«

Das ist Alles, dessen ich mich erinnere, denn gleich darauf verlor ich das Bewußtsein. Es ist mir allerdings, als hätte ich später das Rollen eines Sturms, Geschrei und Commandorufe gehört und in der Nacht die Wipfel großer Tannen über mir hinschweben sehen – aber das ist für mich wie ein verworrener Traum. Nur soviel steht fest, daß an jenem Tage hinter Salmünster in den Hanauer Gehölzen eine große Schlacht gegen die Baiern geliefert wurde, und daß man sie über den Haufen warf.


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