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18.

Das Bataillon begann den Hügel hinabzumarschiren, der der Stadt gerade gegenüber liegt, um sich der Division anzuschließen, als wir einen Officier vom Generalstabe unten über die große Wiese sprengen und im gestreckten Galopp auf uns zukommen sahen. In zwei Minuten war er bei uns. Oberst Lorain sprengte ihm entgegen, sie wechselten einige Worte, dann sauste der Officier zurück. In dieser Weise brachten hundert andere Officiere ebenfalls Befehle in die Ebene.

»In Reihen rechts um!« commandirte der Oberst, und wir nahmen die Richtung auf ein Gehölz in unserm Rücken, das sich ungefähr eine halbe Stunde weit an der Straße nach Düben hinzieht. Es war ein Buchenwald, doch befanden sich auch Birken und Eichen darunter. Als wir den Saum des Gehölzes erreicht hatten, ließ man uns frisches Zündpulver aufschütten, und dann ward das Bataillon im Holze selbst zum Plänkeln aufgelöst. Wir waren staffelförmig, je fünfundzwanzig Schritt von einander entfernt, aufgestellt und rückten vor, indem wir, wie man sich denken kann, tüchtig die Augen aufsperrten. Pinto sagte alle Augenblicke: »Nehmt Deckung!«

Aber er hatte gar nicht nöthig, uns so viel zu warnen. Jeder spitzte die Ohren und beeilte sich, hinter einen dicken Baum zu kommen, um mit Bequemlichkeit auszulugen, ehe er weiter ging ... Was für Dingen doch friedliche Leute im Leben ausgesetzt sein können!

Kurzum, wir rückten in dieser Weise etwa zehn Minuten vor und begannen, da man nichts sah, schon wieder sicher zu werden, als plötzlich ein Schuß fällt – dann noch einer, dann zwei, drei, sechs auf allen Seiten längs unserer Linie, und im selben Augenblick sehe ich meinen Kameraden zur Linken fallen, indem er sich an einen Baum zu lehnen sucht. Das macht mich munter ... Ich blicke nach der andern Seite – und was entdecke ich da fünfzig oder sechzig Schritt vor mir? Einen alten preußischen Soldaten mit kleinem Tschako, gekrümmtem Ellbogen und großem, rothen Schnurrbart, der über den Pfannendeckel seiner Flinte herabhängt. Er nimmt mich gerade aufs Korn, indem er mit dem Auge blinzelt. Ich bücke mich mit Windeseile. Im selben Augenblick höre ich den Schuß knallen und etwas über meinem Kopfe krachen. Ich hatte meine Ladung: Bürste, Kamm und Taschentuch in meinem Tschako – Alles hatte die Kugel des Halunken durchlöchert. – Ich fühlte, wie es mich eiskalt überlief.

»Da bist du noch mit heiler Haut davongekommen!« rief mir der Sergeant zu, indem er an zu laufen fing, und da ich nicht allein an einer solchen Stelle bleiben wollte, folgte ich ihm in größter Eile.

Lieutenant Bretonville, den Säbel unter dem Arm, commandirte unaufhörlich:

»Vorwärts! ... Vorwärts!« ...

Weiter rechts wurde immerfort geschossen.

Da kommen wir plötzlich an den Rand einer Lichtung, auf der sich fünf oder sechs dicke Eichenstümpfe und ein kleiner, ganz mit hohem Grase bewachsener Tümpel befanden – aber kein Baum, hinter dem wir Deckung nehmen konnten. Trotzdem drangen einige muthig vor, bis der Sergeant uns zurief:

»Halt! ... Die Preußen liegen hier in der Nähe im Hinterhalt ... Sperrt die Augen auf!«

Kaum hatte er ausgesprochen, als ein Dutzend Kugeln durch das Astwerk pfiff, und die Schüsse im Holze wiederhallten. Zu gleicher Zeit stürzte ein Trupp Preußen mit langen Schritten davon und warf sich weiter hinten in das Dickicht.

»Sie sind fort ... Hinterdrein!« rief Pinto.

Aber der Schuß in den Tschako hatte mich vorsichtig gemacht: ich sah gewissermaßen durch die dicksten Bäume. Und als nun der Sergeant die Lichtung überschreiten wollte, hielt ich ihn am Arm zurück und zeigte ihm einen Flintenlauf, der hundert Schritt vor uns, auf der gegenüber liegenden Seite des Tümpels, über einen dichten Dornbusch hervorragte.

Die Kameraden sahen ihn, nachdem sie näher getreten waren, ebenfalls. Der Sergeant befahl daher mit leiser Stimme:

»Du bleibst hier stehen, Bertha ... verliere ihn nicht aus den Augen ... Wir Andern werden die Position umgehen.«

Und sofort gingen sie nach rechts und links davon. Ich stand mit angelegtem Gewehr hinter meinem Baume wie ein Jäger auf dem Anstand. Nach zwei oder drei Minuten richtete sich der Preuße, da er nichts mehr hörte, leise auf. Es war ein blutjunger Mensch mit kleinem, blonden Schnurrbart und schmaler, gut geschnürter Taille. Ich hätte ihn gewiß niederschießen können, aber es machte einen so seltsamen Eindruck auf mich, daß ich diesen frei und offen dastehenden Menschen tödten sollte, daß mich ein Beben überlief. Plötzlich bemerkte er mich und sprang bei Seite. Ich feuerte nun meinen Schuß ab und athmete aus vollem Herzen auf, als ich sah, daß er wie ein Hirsch durch das Dickicht davonsprang.

Zu gleicher Zeit aber fielen rechts und links fünf oder sechs Schüsse. Sergeant Pinto, Zebede, Klipfel und die Uebrigen brachen in einem Zuge hervor, und hundert Schritte weiter fanden wir den jungen Preußen auf dem Boden liegen. Er hatte den Mund voll Blut. Entsetzt starrte er uns an und hob dabei den Arm auf, als ob er die Bajonettstiche abwehren wolle. Der Sergeant redete ihn scherzend an:

»Bah, fürchte nichts! Du hast dein Theil!«

Niemand hatte Lust, ihm den Rest zu geben. Nur nahm Klipfel eine schöne Pfeife, die aus seiner hintern Rocktasche hervorsah, indem er sagte:

»Ich wollte schon längst eine Pfeife haben ... da ist nun eine!«

»Füsilier Klipfel,« rief Pinto tief entrüstet, »wollen Sie wohl augenblicklich diese Pfeife zurückgeben! Die Verwundeten zu plündern, paßt sich für Kosaken! Ein französischer Soldat kennt nur die Ehre als Preis des Kampfes!«

Klipfel warf die Pfeife hin, und wir gingen schließlich weiter, ohne nur den Kopf umzuwenden. So gelangten wir an das Ende des kleinen Forstes, der auf dem letzten Viertel der Anhöhe aufhörte. Ziemlich dichtes Gebüsch zog sich jedoch noch zweihundert Schritte weiter bis zum Gipfel hinauf. Die Preußen, die wir verfolgt hatten, hatten sich darin festgesetzt. Man sah, wie sie sich an allen Orten und Enden aufrichteten, um auf uns zu schießen, und sich dann sofort wieder niederwarfen.

Wir hätten ruhig an jener Stelle Halt machen können, da wir nur Befehl hatten, den Wald zu besetzen, jenes Gesträuch uns also nichts anging. Die Flintenschüsse der Preußen würden uns hinter den Bäumen, wo wir standen, kein Leid gethan haben. Auf dem andern Abhange des Hügels hörten wir einen fürchterlichen Kampf toben, die Kanonenschüsse fielen dicht hinter einander und krachten zuweilen gleichzeitig wie Donnerschläge bei einem Gewittersturm – ein Grund mehr, um in unserm Gehölz zu bleiben. Unsere Officiere aber, die zusammengetreten waren, entschieden, daß das Gebüsch zum Gehölze gehöre, und man die Preußen bis auf die Höhe zurücktreiben müsse. Dieser Entschluß verursachte einen großen Verlust an Menschenleben auf jener Stelle.

Wir erhielten also Befehl, die feindlichen Plänkler zu verjagen, und da sie feuerten, sobald wir näher kamen, und sich dann verbargen, begannen wir auf sie loszustürzen, um sie am abermaligen Laden zu verhindern. Unsere Officiere stürzten ebenfalls hitzig vorwärts. Wir glaubten, oben auf dem Hügel würde das Buschwerk aufhören, und wir dann die Preußen dutzendweise niederschießen können. Aber in dem Augenblicke, wo wir ganz athemlos auf der Höhe anlangten, ruft plötzlich der alte Pinto:

»Die Husaren!«

Ich blicke auf und sehe hinter dieser Art Bergsattel Kolpaks herankommen und größer werden: sie kamen wie der Wind auf uns zu. Kaum hatte ich das gesehen, als ich mich ohne Besinnen umdrehe und zurückzulaufen beginne, wobei ich trotz Ermüdung, Tornister und Allem fünfzehn Fuß lange Sprünge machte. Vor mir sah ich Pinto, Zebede und die Andern laufen und springen, was das Zeug halten wollte. Hinter mir verursachten die Husarenmassen ein solches Getöse, daß einen eine Gänsehaut überlief: die Officiere schrieen deutsche Commandoworte, die Pferde schnaubten, die Säbelscheiden schlugen klirrend gegen die Stiefel, und die Erde bebte!

Ich hatte den kürzesten Weg nach dem Gehölze eingeschlagen, und glaubte schon beinahe drin zu sein, als ich ganz nahe am Saume des Waldes auf eine jener großen Gruben stoße, aus denen die Landleute Lehmerde zum Bauen zu holen pflegen. Sie war mehr als zwanzig Fuß breit und vierzig oder fünfzig Fuß lang. In Folge des Regens, der seit einigen Tagen fiel, waren die Ränder äußerst schlüpfrig geworden, da ich aber die Pferde näher und näher heranschnauben hörte und sich mir die Haare vor Entsetzen sträubten, nehme ich, ohne auf etwas Acht zu geben, einen Anlauf und falle unten in dem Loche auf den Rücken, wobei mir Patrontasche und Mantel über den Kopf fliegen. Ein anderer Füsilier von meiner Compagnie lag schon drin und richtete sich eben auf – er hatte ebenfalls darüber wegspringen wollen. Im selben Augenblicke glitten zwei im tollsten Jagen herangekommene Husaren auf dem Rücken ihrer Pferde den lehmigen Abhang herunter. Der Erste von ihnen, purpurroth im Gesichte, versetzte zuerst meinem armen Kameraden einen Säbelhieb über den Kopf, indem er wie ein Besessener fluchte, und als er den Arm aufhob, um ihm vollends den Garaus zu machen, stieß ich ihm mit Aufbietung aller Kräfte mein Bajonett in die Seite. Gleichzeitig aber versetzte mir der Andere einen Hieb über die Schulter, der mich ohne die Epaulette mitten entzwei gespalten hätte. Er würde mich aber doch mit dem Säbel durchbohrt haben, hätte ihm nicht ein Schuß von oben den Kopf zerschmettert. Ich schaute auf und erblickte einen von unsern Soldaten, der bis an die Waden in den Lehm eingesunken war. Er hatte das Wiehern der Pferde und die Flüche der Husaren gehört und war bis an den Rand der Grube vorgetreten, um nachzusehen, was da unten vorginge.

»Ei, Kamerad!« sagte er lachend, »es war Zeit!« Ich zitterte wie Espenlaub und war nicht im Stande, ihm zu antworten. Er nahm das Bajonett ab und streckte mir dann die Flinte hin, um mir beim Heraufsteigen behilflich zu sein. Oben ergriff ich seine Hand und sagte zu ihm:

»Sie haben mich gerettet ... Wie heißen Sie?« Er erwiderte, er heiße Jean Pierre Vincent. Ich habe seitdem oft daran gedacht, daß ich, wenn ich zufällig wieder mit diesem Manne zusammenträfe, mich sehr glücklich schätzen würde, wenn ich ihm einen Dienst leisten könnte. Aber am zweitfolgenden Tage fand die zweite Schlacht bei Leipzig, dann der Rückzug über Hanau statt, und ich habe ihn nie wiedergesehen.

Der Sergeant Pinto und Zebede kamen einen Augenblick später. Zebede sagte zu mir:

»Wir beide haben dies Mal noch Glück gehabt, Joseph: wir sind jetzt die letzten Pfalzburger beim Bataillon ... Klipfel ist von den Husaren zusammengehauen worden!«

»Du sahst es?« fragte ich entsetzt.

»Ja. Er hat mehr als zwanzig Säbelhiebe erhalten. Er rief mich: Zebede! Zebede.«

Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu:

»Es ist doch schrecklich, einen alten Jugendfreund um Hilfe rufen zu hören, ohne ihm beispringen zu können ... Aber es waren ihrer zu viel! ... sie umringten ihn!«

Der Vorfall stimmte uns traurig, und die Heimat kam uns wieder in den Sinn. Ich stellte mir die Großmutter Klipfel beim Empfang der Todesnachricht vor, und diese Vorstellung ließ mich auch an Katherine denken.

Seit dem Angriffe der Husaren bis zur Nacht blieb das Bataillon in derselben Stellung und plänkelte mit den Preußen. Wir hinderten sie, das Gehölz zu besetzen, aber sie hinderten uns, den Hügel zu ersteigen. Am andern Tage erfuhren wir, warum. Dieser Hügel beherrscht nämlich den ganzen Lauf der Parthe, und die große Kanonade, die wir hörten, rührte von der Division Dombrowski her, welche den linken Flügel der preußischen Armee angriff, und dem General Marmont in Möckern zu Hilfe kommen wollte. Dort bei Möckern hielten zwanzigtausend Franzosen in einer Thalschlucht die achtzigtausend Mann Blüchers auf, und bei Wachau kämpften einhundertundfünfzehntausend Franzosen gegen zweimalhunderttausend Oestreicher und Russen. Ueber fünfzehnhundert Kanonen waren im Feuer. Unser armseliges Kleingewehrfeuer bei Wiederitzsch klang dagegen wie das Summen einer Biene während eines Sturms. Zuweilen stellten wir sogar auf beiden Seiten das Feuer ein, um zu lauschen ... Dieser Kampf schien mir etwas Grauenvolles und so zu sagen Uebernatürliches. Die Luft war voll Pulverdampfs, und die Erde bebte uns unter den Füßen. Die alten Soldaten, wie z. B. Pinto, sagten, sie hätten nie etwas Aehnliches gehört.

Gegen sechs Uhr sprengte ein Stabsofficier auf unserer Linken heran, um dem Obersten Lorain einen Befehl zu überbringen, und gleich darauf blies man zum Rückzug. Das Bataillon hatte durch den Angriff der preußischen Husaren und das Kleingewehrfeuer sechzig Mann verloren.

Es war bereits Nacht, als wir das Gehölz verließen, und am Ufer der Parthe mußten wir zwischen Pulverkarren, allerlei Fuhrwerken, rückkommenden Armee-Corps, einzelnen Detachements und Krankenwagen, die auf zwei Brücken hinüberzogen, noch länger als zwei Stunden warten, ehe die Reihe an uns kam. Der Himmel war düster, in der Ferne rollte noch ab und zu der Donner der Geschütze, aber die drei Schlachten waren beendet. Man hörte wohl davon reden, daß wir die Russen und Oestreicher auf der andern Seite von Leipzig, bei Wachau, geschlagen hätten. Die von Möckern Zurückkehrenden aber waren düster und verstimmt – Niemand rief wie nach einem Siege: »Es lebe der Kaiser!«

Als wir erst auf dem andern Ufer waren, marschirte das Bataillon eine gute halbe Stunde an der Parthe hinunter bis zum Dorfe Schönefeld. Die Nacht war feucht. Vor Müdigkeit fielen uns die Augen zu, und langsamen Schritts zogen wir mit geschultertem Gewehr und gesenkten Köpfen in die Dunkelheit hinein.

Hinter uns dauerte das Defiliren der von Möckern zurückkommenden Kanonen, Pulverkarren, Bagagewagen und Truppen unter dumpfem Getöse noch immer fort, und zuweilen hörte man die Rufe und Flüche der Trainsoldaten und der fahrenden Artilleristen, die sich Platz schaffen wollten, den Lärm übertönen. Allmählich aber verklang dies Geräusch, und wir gelangten endlich zu einem Kirchhof, wo man uns auseinandertreten und die Gewehre zusammenstellen ließ.

Jetzt erst schaute ich auf und erkannte im Mondschein Schönefeld. Wie oft hatte ich dort in der kleinen Schenke zur Goldenen Garbe mit Zimmer unter der Rebenlaube Vater Winters gesessen und guten Braten gegessen und Weißwein getrunken, als die Sonne noch warm schien und um uns das sommerliche Grün glänzte! ... Diese Zeiten waren vorüber!

Die Wachen wurden ausgestellt, und einige Mann gingen in das Dorf, um Holz und Lebensmittel zu holen. Ich lehnte mich gegen die Kirchhofsmauer und schlief ein. Gegen drei Uhr morgens wurde ich geweckt.

»Joseph,« sagte Zebede, »komm doch und wärme dich. Wenn du da hocken bleibst, setzt du dich der Gefahr aus, das Fieber zu bekommen.«

Wie trunken vor Mattigkeit und Schmerz stand ich auf. Ein dichter, feiner Regen fiel vom Himmel herab. Mein Kamerad zog mich an das Feuer, das in Folge des Regens qualmte und dampfte. Dies Feuer war auch nur für das Auge – es wärmte nicht. Nachdem aber Zebede mir einen Schluck Branntwein gegeben, fühlte ich weniger Frost und betrachtete die Bivouacfeuer, die auf dem andern Ufer der Parthe flackerten.

»Die Preußen wärmen sich,« meinte Zebede. »Sie liegen jetzt in unserm Gehölze.«

»Ja,« erwiderte ich, »und der arme Klipfel liegt auch da unten. Ihn friert nicht mehr.«

Mir klapperten die Zähne. Jene Worte stimmten uns wieder traurig. Nach einigen Minuten fragte mich Zebede: »Erinnerst du dich noch des schwarzen Bandes, Joseph, das er am Aushebungstage am Hute trug? – ›Wir sind Alle dem Tode verfallen wie die von der russischen Armee!‹ schrie er ... ›Ich will ein schwarzes Band! ... Wir müssen Trauer für uns anlegen!‹ ... – Und sein kleiner Bruder sagte: ›Nein, Jakob, ich will nicht!‹ Er weinte, aber Klipfel nahm das Band doch: er hatte die Husaren im Traume gesehen!«

Während Zebede sprach, erinnerte ich mich aller dieser Dinge wieder und sah auch den Halunken von Pinacle auf dem Rathhausplatze, wie er ein schwarzes Band über dem Kopfe schwenkte und mir zuschrie: »Heda, Lahmer, du brauchst ein schönes Band! ... das Band der Gewinner! ... Komm!«

Diese Vorstellung in Verbindung mit der Kälte, die mir bis ins Mark drang, jagte mir einen Schauder durch die Adern. – »Du kommst nicht wieder nach Hause,« dachte ich ... »Pinacle hatte Recht ... es ist vorbei!« – Ich dachte an Katherine, an Tante Gredel, an den guten Herrn Goulden und fluchte denen, die mich gezwungen hatten, dahin zu kommen.

Gegen vier Uhr Morgens, als der Tag zu grauen begann, kamen einige Wagen mit Lebensmitteln. Man verteilte Brot unter uns, auch empfing Jeder etwas Fleisch und Branntwein.

Der Regen hatte aufgehört. Wir kochten im Bivouac ab, aber nichts erwärmte mich: ich holte mir an jenem Orte das Fieber. Uebrigens war ich nicht der Einzige im Bataillon, der sich in einem solchen Zustande befand: drei Viertel der Mannschaft kränkelten und siechten dahin. Schon seit einem Monat warfen sich die, welche nicht mehr weiter konnten, weinend auf die Erde und riefen wie kleine Kinder nach ihren Müttern. Das zerriß einem das Herz. Der Hunger, die Eilmärsche, der Regen und der Kummer, daß man weder die Heimat, noch seine Lieben wiedersehen sollte, waren die Ursachen dieser Krankheit. Glücklicherweise sahen die Eltern ihre Kinder nicht längs der Landstraßen verkommen und sterben – dieser Anblick würde zu entsetzlich gewesen sein: viele würden da glauben, daß es weder auf Erden noch im Himmel eine Barmherzigkeit gebe.

Je heller es wurde, desto deutlicher überschauten wir zur Linken – jenseits des Flusses und einer weiten mit Weiden und Espen bewachsenen Schlucht – an den Straßen nach Halle, Lindenthal und Delitzsch die eingeäscherten Dörfer, die Leichenhaufen, die umgestürzten Kanonen und Pulverkarren und den von Kugeln aufgewühlten Boden, so weit das Auge reichte: es war weit schlimmer als bei Lützen. Auch sahen wir die Preußen in dieser Richtung aufmarschiren und zu Tausenden über das Schlachtfeld vorrücken. Sie wollten jetzt den Oestreichern und Russen die Hand geben und so den großen Ring, in welchem wir uns befanden, schließen. Und Niemand konnte sie jetzt daran hindern, um so weniger, da Bernadotte und der russische General Bennigsen, die noch zurückgeblieben waren, mit hundertzwanzigtausend Mann frischer Truppen ankamen. So wurde denn unsere Armee, nachdem sie an einem einzigen Tage drei Schlachten geschlagen hatte und auf hundertunddreißigtausend Kämpfer zusammengeschmolzen war, in einen eisernen Gürtel von dreimalhunderttausend Bajonetten eingeschlossen, die fünfzigtausend Reiter und zwölfhundert Kanonen ungerechnet!

Das Bataillon brach von Schönefeld auf, um sich wieder mit der Division in den Kohlgärten zu vereinigen. Auf der ganzen Straße sah man nichts als Verwundetentransporte hinziehen. Alle Wagen aus der ganzen Umgegend waren zu diesem Dienste requirirt worden, und dazwischen marschirten, den Arm in der Binde, den Kopf verbunden, blaß, niedergeschlagen und halbtodt, noch hunderte von Unglücklichen hin. Wer sich noch fortschleppen konnte, stieg nicht auf die Wagen und suchte doch ein Lazareth zu erreichen. Wir wanden und zwängten uns mit großer Anstrengung durch diese Menge hindurch, als plötzlich unweit der Kohlgärten einige zwanzig Husaren, die mit schußfertig gehaltenen Pistolen im gestreckten Galopp heransausten, die Menge rechts und links auf die Felder drängten und mit schmetternder Stimme: »der Kaiser! der Kaiser!« riefen.

Das Bataillon bog sofort aus dem Wege und stellte sich mit präsentirtem Gewehr am Fuße des Fahrdamms auf. Einige Minuten später sprengten die reitenden Garde-Grenadiere, wahre Riesen mit kolossalen Stiefeln und ungeheuren Bärenmützen, die bis zu den Schultern herabreichten und nur die Nase, den Schnurrbart und die Augen sehen ließen, im Galopp mit auf die Hüften gestemmter Faust vorüber. Bei diesem Anblick sagte Jeder mit Befriedigung zu sich selbst:

»Die sind auf unserer Seite ... und es sind harte Burschen!«

Kaum waren sie vorüber, als der Generalstab erschien ... Stellt euch hundertundfünfzig bis zweihundert Generäle, Marschälle, Ordonnanz- und höhere Officiere vor, die auf wahren Hirschen ritten und so mit Goldstickereien und Orden behängt waren, daß man kaum die Farbe ihrer Uniformen erkannte. Einige waren lang und mager und zeigten eine stolze Miene, andere kurz und stämmig mit rothem Gesicht, noch andere mit blitzenden Augen und Adlernasen saßen gerade wie Steinbilder auf ihren Pferden – es war ein zugleich schöner und schrecklicher Anblick.

Unter allen diesen Heerführern, vor denen seit zwanzig Jahren Europa zitterte, machte jedoch Napoleon mit seinem alten Hute und seinem grauen Ueberrock den tiefsten Eindruck auf mich. Ich sehe ihn noch vor meinen Augen vorüberziehen mit seinem breiten, kräftigen Kinn und dem in den Schultern steckenden Halse. Alle Welt schrie: »Es lebe der Kaiser!« – Aber er vernahm nichts ... er beachtete uns nicht mehr als den leichten, feinen Regen, der herabsprühte, und beobachtete mit gerunzelter Stirn die preußische Armee, die längs der Parthe aufmarschirte, um die Oestreicher zu unterstützen. So wie ich ihn an jenem Tage gesehen habe, ist er mir für immer im Gedächtniß geblieben.

Das Bataillon hatte sich bereits seit einer Viertelstunde wieder in Marsch gesetzt, als Zebede zu mir sagte:

»Hast du ihn gesehen, Joseph?«

»Gewiß,« erwiderte ich. »Ich habe ihn gesehen und werde mich dessen Zeit meines Lebens erinnern.«

»Es ist seltsam,« bemerkte mein Kamerad, »man sollte meinen, er sei nicht zufrieden ... Am Tage nach der Schlacht bei Wurschen war er so heiter, als er uns »Es lebe der Kaiser!« rufen hörte, und auch die Generäle machten lachende Gesichter. Heute schneiden sie alle verteufelte Fratzen ... Der Hauptmann sagte doch heut Morgen, wir hätten auf der andern Seite von Leipzig gesiegt.«

Viele Andere dachten dasselbe, ohne es zu sagen. Unruhe und Besorgniß bemächtigten sich unser ...

Wir fanden das Regiment zwei Flintenschüsse weit von den Kohlgärten im Bivouac liegen. Das Bataillon nahm auf einem Hügel rechts von der Straße Stellung.

Auf allen Seiten sah man die unzähligen Kochfeuer der Armeen ihren Rauch zum Himmel emporwirbeln. Noch immer sprühte ein feiner, kalter Regen herab, und die Mannschaft, die mit gekreuzten Armen auf ihren Tornistern um die kleinen Feuer saß, schien ganz in Gedanken verloren. Die Officiere traten in Gruppen zusammen und plauderten. Von allen Seiten hörte man die Bemerkung wiederholen, daß man einen solchen Krieg noch nie erlebt habe ... daß es ein Vernichtungskampf sei ... daß es dem Feinde gar nichts thäte, wenn er geschlagen sei, und daß er uns nur Leute tödten wolle, da er wohl wisse, daß ihm am Ende doch vier oder fünf Mal mehr Mannschaft und er auf diese Weise Herr bleiben würde.

Man sagte auch, der Kaiser habe die Schlacht bei Wachau gegen die Russen und Oestreicher gewonnen, das nütze jedoch nichts, da die Gegner nicht abzögen, sondern auf große Verstärkungen warteten. In Bezug auf Möckern wußte man, daß wir trotz der schönen Verteidigung Marmonts verloren hatten: der Feind hatte uns unter seiner Ueberzahl erdrückt. Wir hatten an diesem Tage nur einen einzigen Vortheil errungen, nämlich uns die Rückzugslinie auf Erfurt offen erhalten, denn Giulay hatte sich trotz aller Anstrengungen der Brücken über die Elster und Pleiße nicht bemächtigen können. Die ganze Armee vom einfachen Soldaten an bis herauf zum Marschall war der Ansicht, unsere Lage sei eine sehr mißliche, und man müsse sobald als möglich den Rückzug antreten. Unglücklicher Weise aber dachte der Kaiser das Gegentheil: wir mußten bleiben!

Den ganzen 17. Oktober über blieben wir, ohne einen Schuß abzugeben, in unserer Stellung. – Einige sprachen von der Ankunft des Generals Reynier mit sechzehntausend Sachsen, der Abfall der Baiern aber hatte uns belehrt, welches Vertrauen man in unsere Bundesgenossen setzen konnte.

Gegen Abend wurde bekannt, daß man die Nordarmee auf dem Breitenfelder Plateau herankommen sähe – das waren sechzigtausend Mann mehr für den Feind. Ich glaube noch die Verwünschungen, die gegen Bernadotte ausgestoßen wurden, und die entrüsteten Rufe derer zu hören, die ihn gekannt hatten, als er noch einfacher Offizier der Republik war, und die jetzt sagten: »Er verdankt uns Alles ... Mit unserm eigenen Blute haben wir ihn zum König gemacht – und jetzt kommt er, um uns den Gnadenstoß zu geben!«

In der Nacht fand eine allgemeine rückgängige Bewegung statt: unsere Armee drängte sich mehr und mehr um Leipzig zusammen. Dann wurde Alles wieder still. Aber das hinderte einen nicht am Ueberlegen, im Gegentheil, jeder dachte im Stillen: »Was wird morgen geschehen? Werde ich da den Mond auch zwischen den Wolken hervorkommen sehen, wie jetzt? Werden dann die Sterne auch noch für meine Augen blitzen?«

Und wenn man im Dunkel der Nacht jenen ungeheuern Kreis von Feuern betrachtete, der uns in einer Ausdehnung von nahezu sechs Stunden umgab, sagte man zu sich selbst:

»Jetzt ist das Weltall gegen uns in Waffen ... alle Völker fordern unsere Vernichtung ... sie wollen von unserm Ruhm nichts mehr wissen!«

Dann bedachte man, daß man doch die Ehre habe, ein Franzose zu sein, und daß man siegen oder sterben müsse.


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