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1.

Wer nicht Augenzeuge der Herrlichkeit des Kaisers Napoleon in den Jahren 1810, 1811 und 1812 gewesen ist, der wird sich nie eine Vorstellung davon machen können, bis zu welcher Stufe der Macht ein Mensch emporsteigen kann.

Als er durch die Champagne, Lothringen und den Elsaß kam, ließen die Leute mitten in der Ernte oder der Weinlese Alles stehen und liegen, um ihm entgegen zu laufen. Acht, zehn Meilen weit kamen einige herbei. Die Weiber, Kinder und Greise stürzten mit erhobenen Händen auf die Heerstraße und riefen: »Es lebe der Kaiser! Es lebe der Kaiser!« Man hätte meinen sollen, er wäre Gott, er hauche der Welt den Lebensodem ein, und wenn er unglücklicher Weise stürbe, müsse Alles ein Ende haben. Einige alte Republikaner, die den Kopf schüttelten und sich beim Glase Wein die Bemerkung erlaubten, der Kaiser könne fallen, galten für Verrückte. Das schien gegen die Natur, und man dachte nicht einmal daran.

Ich war seit dem Jahre 1804 bei dem alten Uhrmacher Melchior Goulden in Pfalzburg in der Lehre. Da ich nämlich schwach gebaut schien und etwas hinkte, hatte meine Mutter mich für ein leichteres Handwerk bestimmt, als in unserm Dorfe üblich war, denn in Dagsburg findet man nur Holzhauer, Kohlenbrenner und Baumschlitter. Herr Goulden liebte mich sehr. Wir wohnten im ersten Stockwerk des großen Eckhauses am Französischen Thore, dem »Rothen Ochsen« gegenüber.

Ihr hättet da die Fürsten, Gesandten und Generäle, die einen zu Pferde, die andern in Kaleschen, noch andere in Berlinen, mit tressenbesetzten Röcken, Federbüschen, Pelzmänteln und Orden aus aller Herren Länder ankommen, und auf der Straße die Couriere, die Stafetten, die Pulver- und Kugeltransporte, die Kanonen, die Proviantwagen, die Kavallerie- und Infanteriemassen vorüberziehen sehen müssen! Welche Zeit! welch' Leben und Treiben!

Der Gastwirth Georges wurde in Zeit von fünf oder sechs Jahren zum reichen Manne. Er besaß Wiesen, Obstgärten, Häuser und Geld in Hülle und Fülle, denn all diese Leute, die aus Deutschland, aus der Schweiz, aus Rußland, aus Polen oder anderswo herkamen, legten auf ein paar Hände voll verschleuderten Geldes kein Gewicht – es waren alles Edelleute, die es sich gewissermaßen zur Ehre anrechneten, nichts zu sparen.

Von Morgen bis zum Abend und sogar während der Nacht hielt das Gasthaus zum Rothen Ochsen offene Tafel. Längs der hohen Fenster des Erdgeschosses sah man nichts als die großen, weißgedeckten, mit glänzendem Silbergeschirr beladenen Tische voll Wildpret, Fisch und andern auserlesenen Gerichte, vor denen jene Reisenden einer neben dem andern Platz nahmen. In dem großen Hofe hinten hörte man nur das Wiehern der Pferde, das Geschrei der Postillone, das Gelächter der Dienstmägde, das Rollen der ankommenden oder abfahrenden Wagen unter den hohen Thorwegen. Ach, eine solche Zeit des Glücks und des Gedeihens wird dem Gasthaus zum Rothen Ochsen nie wieder blühen!

Man sah auch Leute aus der Stadt selbst dort absteigen, Leute, die man gekannt hatte, als sie ihrer Zeit noch trockenes Holz im Walde suchten oder den Pferdedünger auf den Straßen zusammenlasen. Sie waren, einer unter Tausend, in Folge der vielen Kriege in allen Ländern der Welt Commandeure, Hauptleute, Generäle geworden.

Auch der alte Melchior mit der über die breiten, haarigen Ohren herabgezogenen, schwarzseidenen Mütze, den schlaffen Augenlidern, der in die große Hornbrille eingeklemmten Nase und den zusammengekniffenen Lippen konnte nicht umhin, zuweilen Lupe und Stecheisen auf den Arbeitstisch zu legen und einen Blick nach dem Gasthause hinüber zu werfen, besonders, wenn die schallenden Peitschenschläge der Postillone mit den schweren Stiefeln, dem kurzen Rocke und der im Nacken zum Zopf zusammengeflochtenen Hanfperrücke das Echo der Wälle wachriefen und einen neuen, vornehmen Gast verkündeten. Dann wurde er aufmerksam, und dann und wann hörte ich ihn ausrufen:

»Sieh da! das ist ja der Sohn des Dachdeckers Jakob, der alten Flickfrau Marianne oder des Faßbinders Franz Seppel! Der hat sein Glück gemacht ... Oberst und Baron des Kaiserreiches obendrein! Warum steigt er denn nicht bei seinem Vater ab, der da unten in der Kapuzinerstraße wohnt?«

Wenn er sie aber auf die Straße treten und rechts und links den Leuten, die sie wiedererkannten, die Hände drücken sah, dann veränderte sich sein Gesicht. Er trocknete sich mit dem großen, carrirten Taschentuche die Augen und murmelte:

»Was wird die arme alte Annette für eine Freude haben! Alle bonnör, das lasse ich mir gefallen! der ist nicht stolz, das ist ein braver Mann. Wenn ihn nur nicht eine Kugel gar zu bald wegreißt!«

Einige zogen vorüber, als ob sie sich ihres Heimatsortes schämten, andere schritten stolz durch die Straßen, um eine Schwester oder eine Cousine zu besuchen. Von den letztern sprach die ganze Stadt, ganz Pfalzburg schmückte sich so zu sagen mit ihren Orden und Epaulettes; die ersten aber verachtete man eben so sehr und sogar noch mehr als zu der Zeit, wo sie die Straße fegten.

Fast allmonatlich wurde wegen irgend eines neuen Sieges ein Tedeum gesungen und gab die Kanone vor dem Arsenale ihre einundzwanzig Schüsse ab, die uns das Herz im Leibe erbeben machten. Während der nächsten acht Tage schwebten dann alle Familien in Angst und Unruhe; besonders die armen alten Frauen harrten auf einen Brief. Sobald der erste eintraf, wußte die ganze Stadt: – »die und die hat Nachricht von Jacques oder Claude empfangen!« – und Alle liefen hin, um zu erfahren, ob er nichts über ihren Joseph oder ihren Jean-Baptiste mittheile. Von den Beförderungen und den Todtenscheinen will ich gar nicht reden. An die Beförderungen glaubte Jeder – die Todten mußten ja ersetzt werden; auf die Todtenscheine aber warteten die Eltern unter heißen Thränen, denn sie kamen ihnen nicht sogleich, manchmal sogar niemals zu, und die armen Alten trösteten sich dann mit dem Gedanken: – »Vielleicht ist unser Junge gefangen ... Wenn erst Friede geschlossen ist, wird er zurückkehren ... Wie viele sind zurückgekommen, die man für todt hielt!« – Aber Friede wurde niemals – war ein Krieg zu Ende, so fing man einen andern an. Es fehlte uns immer etwas, bald von Seiten Rußlands, bald von Seiten Spaniens, bald anderswo – der Kaiser war nie zufrieden.

Beim Durchzuge der Regimenter, welche, den großen Mantel um die Hüften geschlagen, den Tornister auf dem Rücken, das Gewehr nach Belieben auf der Schulter oder im Arm mit den langen, bis zum Knie reichenden Kamaschen, bald kothbespritzt, bald staubbedeckt, schnellen Schritts die Stadt passirten, fragte mich Vater Melchior, nachdem er dem Vorübermarsche zugesehen hatte, oft ganz nachdenklich:

»Sag doch, Joseph, wieviel, meinst du, haben wir seit 1804 hier durchkommen sehen?«

»O, ich weiß nicht, Herr Goulden,« erwiderte ich. »Mindestens doch vier- bis fünfmal Hunderttausend.«

»Ja ... mindestens!« entgegnete er. »Und wieviel hast du zurückkommen sehen?«

Nun begriff ich, was er sagen wollte, und erwiderte: »Vielleicht kehren sie über Mainz oder auf einer andern Heerstraße zurück ... Es ist nicht anders denkbar!«

Er aber schüttelte den Kopf und sagte:

»Diejenigen, die du nicht hast zurückkommen sehen, sind gefallen, wie hundert und abermals Hunderttausend andere fallen werden, wenn der liebe Gott nicht Erbarmen mit uns hat, denn der Kaiser liebt nur den Krieg! Um seinen Brüdern Kronen zu verschaffen, hat er schon mehr Blut vergossen, als unsere große Revolution gethan, um die Menschenrechte zu erringen.«

Wir machten uns wieder an die Arbeit, die Betrachtungen Herrn Goulden's aber gaben mir schrecklich viel zu denken.

Ich hinkte allerdings ein wenig auf dem linken Fuße, aber wie viele Andere, die ebenfalls mit Körpergebrechen behaftet waren, hatten dessenungeachtet ihre Marsch-Route erhalten!

Alle solche Vorstellungen gingen mir im Kopf herum, und wenn ich lange daran dachte, wurde ich recht bekümmert darüber. Dergleichen schien mir schrecklich, nicht allein, weil ich den Krieg nicht liebte, sondern mehr noch, weil ich mich mit meiner Cousine Katherine aus Vier-Winden verheirathen wollte. Wir waren gewissermaßen zusammen erzogen worden, und man konnte sich kein frischeres, muthwilligeres Mädchen denken. Sie war eine Blondine mit blauen Augen, rosigen Wangen und milchweißen Zähnen und nahezu achtzehn Jahre alt. Ich selbst zählte neunzehn, und die Tante Margredel schien sehr zufrieden, wenn sie mich jeden Sonntag Morgen ankommen sah, um bei ihnen zu frühstücken und zu Mittag zu essen.

Nachher gingen Katherine und ich in den Obstgarten hinter dem Hause. Wir aßen von demselben Apfel und derselben Birne und waren die glücklichsten Menschen von der Welt.

Nur ich führte Katherine zur Hauptmesse und zur Vesper, und während der Kirchweih hing sie immer an meinem Arme und schlug es ab, mit den andern Burschen aus dem Dorfe zu tanzen. Jeder wußte, daß wir uns eines Tages heirathen sollten, wenn ich aber das Unglück hatte, ausgehoben zu werden, war Alles zu Ende. Ich wünschte, noch tausendmal lahmer zu sein, als ich war, denn man hatte damals zuerst die ledigen Burschen, dann die verheiratheten Männer ohne Kinder, und endlich die mit einem Kinde genommen, und ich dachte daher unwillkürlich: – »Sind die Lahmen besser als die Familienväter? Sollte man dich nicht unter die Kavallerie stecken können?« – Diese Vorstellung machte mich traurig; ich hätte schon flüchten mögen.

Meine Angst wuchs aber besonders im Jahre 1812, beim Beginn des Krieges gegen die Russen. Vom Februar an bis Ende Mai sahen wir nur Regimenter über Regimenter durch die Stadt ziehen: Dragoner, Kürassiere, Karabiniers, Husaren, Ulanen von allen Farben, Artillerie, Munitionswagen, Krankenwagen, Gepäckwagen, Proviantwagen, immer fort und fort wie ein endlos vorüberrollender Strom.

Ich erinnere mich noch, daß dieser Zug von Grenadieren eröffnet wurde, die große, mit Ochsen bespannte Wagen bei sich führten. Die Ochsen vertraten die Stelle der Pferde, um später, wenn die Vorräthe aufgezehrt sein würden, zur Nahrung zu dienen. – »Welche gute Idee!« sagte Jeder. »Wenn die Grenadiere nicht mehr die Ochsen ernähren können, werden die Ochsen die Grenadiere ernähren.« – Unglücklicher Weise wußten diejenigen, die das sagten, nicht, daß die Ochsen nur sieben bis acht Meilen täglich zurücklegen können und auf acht Marschtage zum Mindesten eines Ruhetages bedürfen, so daß den armen Thieren bereits die Hufe fehlten, der Geifer aus dem Maule floß, die Augen aus dem Kopfe standen, der Hals in den Schultern steckte und ihnen nur noch Haut und Knochen blieb. Drei Wochen lang sah man Reihen dieser Thiere, ganz von Bajonettstichen zerfetzt, durch die Stadt traben. Das Fleisch wurde sehr wohlfeil, denn man schlug viele von diesen Ochsen nieder, aber nur wenige Personen wollten es, da krankes Fleisch ungesund ist. Sie gelangten nicht einmal zwanzig Meilen über den Rhein hinaus.

Später sahen wir nur noch ein Meer von Lanzen, Säbeln und Helmen vorüberziehen. Das Alles verfing sich unter dem Französischen Thore, zog der Heerstraße nach über den Paradeplatz und zum Deutschen Thore wieder hinaus.

Am frühen Morgen des 10. Mai 1812 endlich verkündeten die Kanonen des Arsenals den Herrn des Ganzen. Ich schlief noch, als der erste Schuß fiel und die kleinen Scheiben meines Fensters wie eine Trommel erklirren ließ, und beinahe im selben Augenblick öffnete Herr Goulden, ein brennendes Licht in der Hand, meine Thür und sagte:

»Steh auf ... er ist da!«

Wir öffneten das Fenster. In der Dunkelheit der Nacht sah ich etwa hundert Dragoner, von denen mehrere brennende Fackeln trugen, in scharfem Trabe unter dem Französischen Thore hervorkommen. Der Fackelzug glitt wie der Wiederschein einer Feuersbrunst über die Façade der Häuser hin, und aus allen Fenstern hörte man endlose Rufe: »Es lebe der Kaiser! es lebe der Kaiser!«

Ich betrachtete gerade den Wagen, als ein Pferd gegen den Pfahl, an den der Schlächter Klein die Ochsen festzubinden pflegte, anrannte und stürzte. Wie eine todte Masse schlug der Dragoner mit ausgespreizten Beinen zu Boden, der Helm rollte in den Rinnstein, und im selben Augenblicke beugte sich ein Kopf aus dem Wagen, um zu sehen, was es gäbe, ein dicker, bleicher, breiter Kopf mit einem Haarbüschel auf der Stirn – das war Napoleon. Er hatte die Hand erhoben, als ob er eine Prise nehmen wolle, und sprach einige Worte. Der Officier, der neben dem Kutschenschlage ritt, beugte sich herab, um ihm Antwort zu geben. Er nahm seine Prise und bog um die Ecke, während die Rufe sich verdoppelten und die Kanonen donnerten.

Das war Alles, was ich sah.

Der Kaiser hielt nicht in Pfalzburg an. Während er bereits auf der Straße nach Zabern weiterfuhr, gab die Artillerie ihre letzten Schüsse ab. Dann wurde es wieder still. Die Wachtmannschaften am Französischen Thore zogen die Brücke wieder auf, und der alte Uhrmacher fragte mich:

»Du hast ihn gesehen?«

»Ja, Herr Goulden.«

»Schön!« sagte er. »Dieser Mann hält unser Aller Leben in der Hand, er brauchte nur über uns hinzuhauchen, und es würde aus mit uns sein. Danken wir dem Himmel, daß er nicht böswillig ist, denn sonst würde die Welt entsetzliche Dinge sehen wie zu den Zeiten der Barbaren-Könige und der Türken.«

Er schien ganz in Gedanken versunken. Nach einer Minute fügte er dann hinzu:

»Du kannst wieder zu Bett gehen. Da schlägt's eben erst drei Uhr.«

Er kehrte in sein Zimmer zurück, und ich legte mich wieder zu Bett. Nach dem Tumulte schien mir die Stille draußen ungewöhnlich tief, und bis zum Morgengrauen dachte ich unablässig an den Kaiser. Auch der Dragoner lag mir im Sinn, und ich wünschte zu wissen, ob er an dem Sturze gestorben wäre. Am andern Tage erfuhren wir, daß man ihn in das Hospital geschafft hatte, und daß er davonkommen würde.

Von jenem Tage ab bis Ende September sang man viele Tedeum in der Kirche und feuerte auch jedes Mal einundzwanzig Kanonenschüsse ab für jeden neuen Sieg. Das geschah fast immer morgens, und Herr Goulden rief dann sofort:

»He, Joseph! noch eine gewonnene Schlacht! fünfzigtausend Todte, fünfundzwanzig Fahnen, hundert Kanonen! ... Alles geht gut ... die Sache macht sich. – Es bleibt jetzt nur noch eine neue Aushebung vorzunehmen, um die Gefallenen zu ersetzen!«

Dabei stieß er die Thür auf und ich sah, wie er ganz griesgrämlich, ganz kahlköpfig, in Hemdsärmeln und mit entblößtem Halse sich im Waschbecken das Gesicht wusch.

»Glauben Sie, daß mau auch die Lahmen nehmen wird, Herr Goulden?« fragte ich ängstlich.

»Nein, nein,« entgegnete er gutherzig, »fürchte nichts, mein Kind. Du würdest in aller Wirklichkeit nicht dienen können. Wir werden das schon einrichten. Arbeite nur tüchtig und mach dir wegen des Uebrigen keine Sorgen.«

Er sah meine Unruhe, und das schmerzte ihn. Ich habe mein Lebtag keinen bessern Menschen kennen gelernt. Später kleidete er sich an, um die Uhren in der Stadt, bei dem Herrn Platzcommandanten, dem Herrn Bürgermeister und andern angesehenen Personen, aufzuziehen. Ich blieb zu Hause. Herr Goulden kehrte erst nach dem Tedeum zurück. Er zog seinen weiten, nußbraunen Rock aus, legte die Perücke wieder in die Schachtel, zog seine seidene Mütze über die Ohren und sagte dabei:

»Die Armee ist in Wilna – oder auch in Smolensk – ich habe es eben beim Herrn Commandanten gehört. Gebe Gott, daß wir nur noch diesmal die Oberhand behalten, und daß es endlich zum Frieden kommt ... je eher je besser, denn der Krieg ist etwas Entsetzliches.«

Ich bedachte noch dabei, daß man, wenn wir Frieden bekämen, nicht mehr soviel Menschen brauchen würde, und daß ich mich dann mit Katherine würde verheirathen können. Jeder kann sich daher denken, wie inbrünstig ich für den Waffenruhm des Kaisers betete.


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