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11.

Am 18. oder 19. März hatte der Schnee zu schmelzen begonnen. Während der großen Revue bei Aschaffenburg auf einer weiten Ebene, von wo man den Main sieht, so weit das Auge reicht, regnete es, wie ich mich erinnere, ohne Unterbrechung von zehn Uhr Morgens bis drei Uhr Nachmittags. Zur Linken hatten wir ein Schloß, dessen Bewohner recht behaglich aus den hohen Fenstern schauten, während uns das Wasser in die Stiefel lief. Zur Rechten brodelte und schäumte der Fluß, der nur durch eine Nebelwolke zu erblicken war.

Um uns überdies munter zu erhalten, commandirte man alle Augenblicke: »Faßt's Gewehr an! Gewehr ab!«

Der Marschall kam mit seinem Stabe langsam näher. Was Zebede tröstete, war, daß wir den Bravsten der Braven sehen sollten. Ich für mein Theil dachte: »Wenn ich ihn zu Hause sehen könnte, würde es mir mehr Vergnügen machen.«

Endlich kam er vor unsere Front. Ich sehe ihn noch mit seinem großen, vom Regen durchnäßten Hute, seinem blauen, mit Stickereien und Orden bedeckten Rocke und seinen großen Stiefeln. Er war ein schöner Mann mit rothblondem Haar, aufgestülpter Nase und lebhaftem Auge und schien sehr kräftig zu sein. Er war durchaus nicht stolz, denn als er an der Compagnie vorüberritt und der Hauptmann das Gewehr präsentiren ließ, wandte er sich plötzlich auf seinem großen Pferde um und sagte ganz laut:

»Sieh da ... Florentin!«

Der Hauptmann nahm eine straffe Haltung an, ohne zu wissen, was er antworten sollte. Es scheint, daß er und der Marschall zur Zeit der Revolution als einfache Soldaten zusammen gedient hatten. Endlich erwiderte der Hauptmann:

»Ja, Marschall ... Sebastian Florentin.«

»Meiner Treu, Florentin,« entgegnete der Marschall, indem er den Arm in der Richtung ausstreckte, in welcher Rußland liegen mußte, »ich bin froh, daß ich dich wiedersehe. Ich glaubte dich schon da unten begraben.«

Unsere ganze Compagnie war über diese Scene erfreut, und Zebede sagte zu mir:

»Das heißt doch ein Mann! Ich ließe mir den Schädel für ihn einschlagen!«

Ich begriff nicht, warum Zebede sich den Schädel einschlagen lassen wollte, weil der Marschall zu seinem alten Kameraden Guten Tag gesagt hatte.

Das ist Alles, was mir von Aschaffenburg in der Erinnerung geblieben ist.

Am Abend kehrten wir zum Abkochen nach Schweinheim zurück, einem Flecken, der reich an Wein, Hanf und Getreide ist, und wo uns beinahe alle Welt schief ansah.

Wir lagen wie Executionstruppen zu dreien und vieren in den Häusern und hatten alle Tage Fleisch, sei es nun Rindfleisch oder Hammelfleisch oder Speck. Das hausbackene Brot war ausgezeichnet und der Wein ebenfalls. Mehrere von uns aber, welche glaubten, sich durch dieses Mittel als große Herrn geltend machen zu können, stellten sich, als fänden sie Alles schlecht. Sie irrten sich in diesem Mittel, denn ich hörte, wie die Bürger auf deutsch sagten:

»Die sind zu Hause weiter nichts als Bettler! Besuchte man sie in Frankreich, so würde man nur Kartoffeln in ihrer Baracke finden.«

Und sie täuschten sich darin nie, so daß ich seitdem schon oft gedacht habe: wer bei Andern allzu wählerisch ist, ist zu Hause ein armer Teufel!

Kurzum, ich für mein Theil war sehr zufrieden, so gebettet zu sein, und wünschte, das den ganzen Feldzug über dauern zu sehen. Ich lag mit zwei andern Rekruten aus Sangdiedel bei dem Postmeister des Dorfes, dessen Pferde fast sämmtlich für unsere Kavallerie requirirt worden waren. Das konnte ihn natürlich nicht gut gelaunt machen, aber er sagte nichts und rauchte von Morgens bis Abends hinter dem Ofen seine Pfeife. Seine Frau war groß und stark und seine beiden Töchter recht hübsch. Sie fürchteten sich vor uns und flohen, wenn wir vom Exerciren oder von der Wache, die am Ende des Dorfes lag, zurückkamen.

Am Abend des vierten Tages, als wir gerade beim Beenden des Abendbrots waren, kam in einen schwarzen Mantel gehüllt gegen sieben Uhr ein Greis mit weißem Kopfe und ehrwürdigem Gesicht. Er grüßte uns und sagte dann auf deutsch zu dem Postmeister:

»Das sind neue Rekruten?«

»Ja, Herr Stenger,« entgegnete der Postmeister. »Wir werden diese Leute unser Lebtag nicht los werden. Wenn ich sie Alle zusammen vergiften könnte, sollte es wahrhaftig bald gethan sein.«

Ich wandte mich darauf ruhig um und sagte:

»Ich verstehe deutsch ... sagen Sie also nicht dergleichen Dinge.«

Kaum hatte der Postmeister meine Worte vernommen, als ihm beinahe die lange Pfeife aus der Hand fiel.

»Sie sind sehr unvorsichtig mit Ihren Reden, Herr Kalkreuth!« sagte der Greis. »Bedenken Sie, was Ihnen geschehen wäre, wenn ein Anderer als dieser junge Mann Sie verstanden hätte.«

»Es war ja nur eine Redensart,« entgegnete der dicke Postmeister. »Was wollen Sie? Wenn einem Alles genommen, wenn man jahrelang geplündert wird, weiß man am Ende nicht mehr, was man sagen soll, und schwatzt verkehrtes Zeug.«

Der Greis, der kein Anderer als der Pfarrer von Schweinheim war, grüßte mich darauf und sagte:

»Mein Herr, Ihre Handlungsweise ist die eines braven Mannes. Seien Sie auch überzeugt, daß Herr Kalkreuth nicht fähig ist, Böses zu thun, selbst nicht an seinen Feinden.«

»Das glaube ich gern, mein Herr,« erwiderte ich, »sonst würde ich nicht so bereitwillig seine Würstchen essen.«

Bei diesen Worten begann der Postmeister, indem er wie ein Kind seine beiden breiten Hände auf den Bauch legte, laut zu lachen und rief:

»Ich hätte doch nie gedacht, daß ein Franzose mich je zum Lachen bringen würde!«

Meine beiden Kameraden hatten Wache; sie gingen daher fort, und ich blieb allein. Nun holte der Postmeister eine Flasche alten Wein, setzte sich an den Tisch und wollte mit mir trinken, was ich auch herzlich gerne that. Und von diesem Tage an bis zu unserm Abmarsch hatten die Leute viel Vertrauen zu mir. Jeden Abend setzten wir uns um den Ofen und plauderten. Der Pfarrer gesellte sich dabei zu uns, und sogar die jungen Mädchen kamen herunter, um zuzuhören. Sie waren beide blond und hatten blaue Augen; die Eine konnte achtzehn, die Andere zwanzig Jahre alt sein. Ich fand eine Aehnlichkeit zwischen ihnen und Katherine, die mein Herz bewegte.

Man wußte, daß ich in der Heimat eine Geliebte hatte, weil ich nicht umhin gekonnt hatte, es zu sagen, und das rührte sie.

Der Postmeister beklagte sich bitter über die Franzosen, und der Pfarrer behauptete, es wäre eine eitle, wenig sittsame Nation, und aus diesem Grunde würde sich ganz Deutschland gegen uns erheben; man sei der schlechten Sitten unserer Soldaten und der Habsucht ihrer Generale müde und habe den »Tugendbund« gestiftet, um uns zu bekämpfen.

»In der ersten Zeit,« sagte er zu mir, »sprachet ihr mit uns von Freiheit, und wir hörten das gern und beteten lieber für eure Heere als für die des Königs von Preußen und des Kaisers von Oestreich; ihr führtet Krieg mit unsern Soldaten und nicht mit uns; ihr kämpftet für Ideen, die jeder groß und gerecht fand, und darum hattet ihr nicht mit den Völkern, sondern mit ihren Herren zu thun. Heute ist das ganz anders: ganz Deutschland wird marschiren, die ganze Jugend sich erheben, und wir jetzt Frankreich gegenüber von Tugend, Freiheit und Gerechtigkeit reden! Wer im Namen dieser Dinge spricht, ist immer der Stärkere, weil er gegen sich nur die Schurken aller Länder hat, für sich aber die Jugend, den Muth, die großen Ideen, Alles, was die Seele über den Egoismus erhebt und uns unser Leben ohne Bedauern opfern läßt. Lange habt ihr das Alles für euch gehabt, aber ihr habt es nicht mehr gewollt! Ich erinnere mich, als vor Zeiten eure Generale für die Freiheit kämpften, da schliefen sie in den Scheunen, auf dem Stroh wie einfache Soldaten: es waren furchtbare Männer! Heute brauchen sie Polstersitze und sind stolzer als unsere Edelleute, reicher als unsere Banquiers. Das macht, weil der Krieg, sonst das Höchste, eine Kunst, ein Opfer, eine Hingebung an das Vaterland, ein Handwerk geworden ist, das mehr einträgt als ein Geschäft. Er ist noch immer sehr adlig, weil man Epauletten trägt, aber es ist doch ein Unterschied dabei, ob man für unsterbliche Ideen kämpft oder nur, um sein Geschäft einträglicher zu machen.

»Heute ist an uns die Reihe, von Freiheit und Vaterland zu reden, und deshalb glaube ich, daß dieser Krieg euch verderblich werden wird. Alle denkenden Menschen, vom einfachen Studenten an bis zum Professor der Theologie, werden gegen euch marschiren. Ihr habt an eurer Spitze den größten Feldherrn der Welt, wir aber haben die ewige Gerechtigkeit. Ihr glaubt die Sachsen, die Baiern, die Badenser und die Hessen für euch zu haben – kommt zur Einsicht: die Kinder des alten Deutschlands wissen sehr wohl, daß es das größte Verbrechen und die größte Schande ist, gegen seine Brüder zu kämpfen. Mögen die Könige Bündnisse schließen, die Völker werden trotzdem gegen euch sein. Was Gott uns zu lieben zwingt und was man nicht verrathen kann, ohne ein Verbrechen zu begehen: ihr Blut und ihr Vaterland – das werden sie vertheidigen und schützen! Alles wird über euch herfallen. Trotz der Heirath zwischen Marie Luise und eurem Kaiser werden die Oestreicher euch massakriren, wenn sie können. Man beginnt einzusehen, daß die Interessen der Fürsten nicht Alles sind in der Welt, und selbst das größte Genie kann die Natur der Dinge nicht verändern.«

So sprach der Pfarrer in ernstem Tone. Ich verstand damals seine Reden nicht recht und dachte: »Worte sind Worte, und Flintenschüsse sind Flintenschüsse. Wenn wir im Kampfe nur auf Studenten und Professoren der Theologie treffen, wird schon Alles gut gehen. Und was das Uebrige betrifft, so wird die Disciplin die Hessen, Baiern und Sachsen stets am Abfall verhindern, wie sie uns Franzosen zwingt, uns zu schlagen, obgleich mehr als Einer keine Lust dazu hat. Gehorcht nicht der Soldat dem Korporal, der Korporal dem Sergeanten und so fort bis hinauf zum Marschall, der das thut, was der Kaiser will? Man sieht, daß der Pfarrer nie gedient hat, sonst würde er wissen, daß die Idee nichts und der Befehl Alles ist. Aber ich will ihm nicht widersprechen, der Postmeister möchte mir sonst keine Flasche Wein mehr nach dem Abendessen bringen. Mögen sie denken, was sie wollen, ich wünsche nur, daß wir auf nichts Anderes als auf Theologen treffen.«

Unter solchem Gerede kam plötzlich am Morgen des 27. März der Befehl zum Aufbruch. Das Bataillon rastete die erste Nacht in Lauterbach, die folgende in Neu-Kirchen. Das Marschiren ging immerzu. Wer sich da nicht an das Tornistertragen gewöhnte, konnte sich wenigstens nicht über Mangel an Uebung beklagen, denn wir kamen gottlob rasch genug vorwärts. Mir wurde es mit den fünfzig Patronen in der Patrontasche, dem Tornister und dem Gewehr auf der Schulter schon seit Langem nicht mehr sauer – ich weiß nicht einmal, ob ich noch hinkte.

Wir waren übrigens nicht allein in Bewegung. Alles marschirte, überall traf man unterwegs auf Regimenter, Kavallerie-Abtheilungen; Kanonenreihen, Pulver- und Kugelzüge. Und das Alles bewegte sich auf Erfurt zu, wie nach einem starken Platzregen Tausende von kleinen Bächen aller Orten dem Strome zueilen.

Unsere Sergeanten sagten unter sich: »Wir kommen näher ... die Sache wird ernsthaft werden!« Und wir dachten: »Um so besser! Diese vermaledeiten Preußen und Russen sind Ursache, daß man uns genommen hat; wären sie ruhig geblieben, würden wir noch in Frankreich sein!«

Dieser Gedanke erbitterte uns.

Und dann findet man überall Leute, die sich mit Vergnügen schlagen. Klipfel und Zebede sprachen von nichts Anderm, als wie sie über die Preußen herfallen wollten, und damit es nicht aussähe, als hätte ich weniger Muth als die Andern, sagte ich ebenfalls, es würde mir Vergnügen machen.

Am 8. April rückte das Bataillon in die Citadelle von Erfurt ein. Die Stadt ist sehr fest und reich. Ich meinestheils werde immer daran denken, wie in dem Augenblicke, als man uns auf dem Platze vor der Kaserne auseinander gehen hieß, der Wagenmeister dem Sergeanten unserer Compagnie ein Paquet Briefe übergab. Es befand sich einer für mich darunter. Ich erkannte sofort Katherinens Handschrift, und das ergriff mich so, daß mir die Kniee zitterten.

Zebede nahm mein Gewehr und sagte: »Komm!« Er war ebenfalls recht froh, Nachrichten aus Pfalzburg zu erhalten.

Ich hatte den Brief in die Tasche gesteckt, und alle meine Landsleute folgten mir, denn sie wollten ihn vorlesen hören. Ich aber wollte ruhig auf meinem Bett sitzen, ehe ich ihn öffnete, und erst als wir in einen Winkel der Kasematte einquartirt waren und meine Flinte am Gewehrständer lehnte, begann ich. Die Andern lehnten sich dabei auf meinen Rücken. Mir liefen die Thränen die Backen entlang, weil Katherine mir mittheilte, daß sie für mich bete. Die Kameraden, als sie das hörten, sagten: »Wir sind sicher, daß man auch für uns zu Hause betet!« Und der Eine sprach von seiner Mutter, der Andere von seinen Schwestern, der Dritte von seiner Geliebten.

Am Ende hatte Herr Goulden noch einige Zeilen hinzugefügt, in denen er schrieb, daß in der Stadt Alles gut stände, daß ich Muth fassen sollte, und daß dieser Jammer nur kurze Zeit dauern würde. Besonders beauftragte er mich, den Kameraden mitzutheilen, daß man an sie dächte, und daß ihre Eltern sich beklagten, noch kein Sterbenswörtchen Nachricht von ihnen erhalten zu haben. Der Brief war ein großer Trost für uns Alle.

Und wenn ich bedenke, daß das am 8. April war, und daß die Kämpfe bald beginnen sollten, so betrachte ich ihn als das letzte Lebewohl aus der Heimat für die Hälfte von uns: mehrere sollten von ihren Eltern, von ihren Freunden, von Allen, die sie hier auf Erden liebten, nie mehr hören.


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