Autorenseite

 << zurück weiter >> 

2.

Am 15. September 1812 erhielt man die Nachricht von unserm großen Siege an der Moskwa. Alle Welt jubelte und rief: »Jetzt werden wir Frieden bekommen! ... jetzt ist der Krieg zu Ende!« ...

Einige böswillige Halunken behaupteten, noch bliebe China zu erobern. Es finden sich immer dergleichen Subjecte, die die Leute entmuthigen und quälen.

Acht Tage später erfuhr man, daß wir in Moskau, die größte und reichste Stadt Rußlands, eingezogen wären. Jeder stellte sich die Beute vor, die uns zufallen mußte, und man bedachte, daß das die Kriegssteuern vermindern würde. Bald aber lief das Gerücht um, daß die Russen ihre Stadt in Brand gesteckt hätten und die Armee sich nach Polen zurückziehen müsse, wolle sie nicht Hungers sterben. In den Gasthöfen, den Schenken, den Getreidehallen, überall war davon die Rede, und man konnte sich nicht begegnen, ohne sogleich zu fragen: »Nun ... ja, ja ...die Sache geht schief ... der Rückzug hat begonnen!«

Die Leute waren niedergeschlagen, und vor dem Posthause warteten Hunderte von Landleuten vom Morgen bis zum Abend, es trafen aber keine Briefe mehr ein. Ich meinestheils ging durch diese Menge hindurch, ohne viel darauf zu achten – hatte ich doch schon so viele Menschenmassen gesehen! Und dann hatte ich auch eine Idee, die mich erheiterte und mich Alles in rosigem Lichte sehen ließ.

Ihr müßt nämlich wissen, daß ich Katherinen zu ihrem Geburtstage, der auf den 18. December fiel, schon seit fünf Monaten, ein prächtiges Geschenk zugedacht hatte. Unter den Uhren, die im Schaufenster Herrn Gouldens hingen, befand sich eine ganz kleine, ein reizendes Ding mit silbernem Deckel, auf dem kleine Kreise eingravirt waren, so daß er wie ein Stern strahlte und glänzte. Unter dem Glase lief um das Zifferblatt ein Kranz aus Kupfer, und auf das Zifferblatt war ein Liebespaar gemalt, das sich in gewisser Weise eine Erklärung machte, denn der kleine Bursche überreichte dem Mädchen ein großes Rosenbouquet, während sie sittsam die Augen niederschlug und die Hand ausstreckte.

Als ich die Uhr zum ersten Male gesehen, hatte ich bei mir selbst gesagt: »Die wirst du dir nicht entgehen lassen – sie soll für Katherine sein. Und wenn du alle Tage bis Mitternacht arbeiten solltest, du mußt sie haben.« Nach sieben Uhr ließ mich nämlich Herr Goulden für meine eigene Rechnung arbeiten. Wir hatten alte Uhren zu reinigen, zu repariren und wieder in Gang zu bringen. Das machte viel Mühe, und wenn ich eine solche Arbeit vollendet hatte, bezahlte Vater Melchior mich auch anständig. Aber die kleine Uhr kostete fünfunddreißig Francs. Man kann sich also vorstellen, wieviel Stunden ich verwachen mußte, um sie zu erwerben. Ich bin zwar sicher, hätte Herr Goulden gewußt, daß ich sie zu haben wünschte, so würde er sie mir geschenkt haben, aber ich wollte mir keinen Heller vom Preise schenken lassen, ich würde das als schmählich betrachtet haben. Ich sagte mir: »Du mußt sie verdient haben ... Niemand darf ein Anrecht daran haben.« Nur aus Furcht, daß ein Anderer auf den Gedanken käme, sie zu kaufen, hatte ich sie in eine Schachtel und bei Seite gelegt, indem ich dem Vater Melchior sagte, ich wüßte einen Käufer für diese Uhr.

Jetzt wird Jeder begreifen, daß all die Kriegsgeschichten bei mir zum einen Ohr hinein und zum andern wieder hinausgingen. Bei der Arbeit stellte ich mir immer Katherinens Freude vor. Fünf Monate lang hatte ich nur dies Bild vor Augen. Ich vergegenwärtigte mir das Gesicht, das sie beim Empfang meines Geschenkes machen würde, und fragte mich: »Was wird sie sagen?« Bald stellte ich mir vor, sie würde ausrufen: »Aber Joseph, was denkst du denn? Das ist viel zu schön für mich ... Nein, nein ... solche schöne Uhr kann ich nicht annehmen!« Dann zwang ich sie dazu, steckte die Uhr in die Tasche an ihrer Schürze und sagte: »Warum nicht gar, Katherine, warum nicht gar ... willst du mich kränken?« Ich sah wohl, daß sie die Uhr wünschte, und daß sie das Alles nur sagte, um sich den Anschein zu geben, als ob sie das Geschenk ausschlüge. – Dann wieder stellte ich mir ihr erröthendes Gesicht vor. Sie hob die Hände auf und rief: »O Gott! jetzt, Joseph, sehe ich wohl, daß du mich liebst!« Und sie küßte mich mit Thränen in den Augen. Ich war recht zufrieden. Tante Gredel billigte Alles. Kurzum, tausend und aber tausend solcher Bilder zogen mir durch den Sinn, und abends, wenn ich mich zu Bett legte, dachte ich: »Es gibt doch keinen glücklichern Menschen als dich, Joseph! Da kannst du nun Katherinen für dein selbst erworbenes Geld ein seltenes Geschenk machen. Und sicherlich bereitet auch sie etwas zu deinem Geburtstage vor, denn sie denkt nur an dich. Ihr seid beide sehr glücklich, und wenn ihr erst verheirathet seid, wird Alles gut gehen.« Diese Gedanken stimmten mich weich; nie hatte ich eine so große Genugthuung empfunden.

Während ich so fortarbeitete und nur an meine Freuden dachte, trat der Winter ein – eher als gewöhnlich, schon gegen Anfang November. Er begann nicht mit Schneefällen, sondern mit trockener Kälte und starkem Reif. In wenig Tagen fielen alle Blätter von den Bäumen, die Erde wurde hart wie Stein, und Alles, die Dachziegel, das Pflaster, die Fensterscheiben, bedeckte sich mit Reifblättchen. Man mußte in diesem Jahre heizen, um die Kälte am Eindringen durch die Ritzen und Spalten zu hindern! Wenn die Thür nur eine Secunde lang offen stand, war alle Hitze verflogen. Das Holz knisterte und prasselte im Ofen, es brannte und flackerte wie Stroh, und die Schornsteine hatten guten Zug.

Jeden Morgen wusch ich die Scheiben des Schaufensters eiligst mit warmem Wasser ab, aber kaum hatte ich das Fenster wieder geschlossen, als eine Reifschicht sie schon von Neuem bedeckte. Draußen hörte man die Leute mit den Händen in der Tasche und der Nase im Rockkragen schnaubend und hustend vorübereilen. Niemand hielt sich auf, und die Hausthüren wurden immer schnell wieder geschlossen.

Ich weiß nicht, wohin die Sperlinge sich verkrochen hatten, ob sie lebten oder erfroren waren, aber auf den Schornsteinen piepte kein einziger mehr, und außer der Reveille und dem Zapfenstreich in den beiden Kasernen störte kein Geräusch die Stille.

Oft, wenn das Feuer im Ofen tüchtig knisterte, hielt Herr Goulden plötzlich in seiner Arbeit inne, betrachtete einen Augenblick die reifbedeckten Scheiben und rief:

»Unsere armen Soldaten! Unsere armen Soldaten!«

Er sagte das mit so trauriger Stimme, daß sich mir das Herz zusammenschnürte, und ich ihm erwiderte:

»Aber, Herr Goulden, sie müssen doch jetzt in Polen, in guten Kasernen sein. Denn zu denken, daß menschliche Wesen eine solche Kälte ertragen könnten, ist unmöglich.«

»Solche Kälte!« entgegnete er. »Ja, es ist hier zu Lande kalt, sehr kalt, in Folge der Luftströmungen aus dem Gebirge – aber was bedeutet diese Kälte gegenüber der des Nordens, in Rußland und in Polen? Gott gebe, daß sie früh genug aufgebrochen sind! ... Mein Gott! mein Gott! welche schwere Verantwortung haben die zu tragen, welche die Menschen leiten!«

Dann schwieg er, und stundenlang dachte ich an das, was er mir gesagt hatte. Ich stellte mir unsere Soldaten auf dem Marsche vor, wie sie Trab liefen, um sich zu erwärmen. Immer aber kehrten meine Gedanken zu Katherine zurück, und ich habe seitdem oft daran gedacht, daß, wenn der Mensch glücklich ist, das Unglück Anderer ihn wenig rührt, namentlich in der Jugend, wo die Leidenschaften heftiger sind und die Erfahrung und damit auch der Glaube an großes Elend fehlt.

Nach dem Frost fiel soviel Schnee, daß die Couriere auf der Straße nach Vier-Winden stecken blieben. Ich befürchtete schon, am Geburtstage nicht zu Katherinen gehen zu können, aber zwei Compagnien Infanterie marschirten mit Hacken hinaus und bahnten durch den gefrorenen Schnee eine Fahrstraße für die Wagen, die bis Anfang April 1813 bestand.

Katherinens Geburtstag kam inzwischen von Tag zu Tag näher, und in demselben Maße wuchs auch mein Glück. Die fünfunddreißig Francs hatte ich bereits beisammen, aber ich wußte nicht, wie ich es Herrn Goulden beibringen sollte, daß ich selbst der Käufer für die Uhr wäre. Ich hätte Alles geheim halten mögen: es verdroß mich, darüber zu reden.

Am Vortage des Geburtstages endlich, abends zwischen sechs und sieben Uhr, während wir schweigend bei der Lampe arbeiteten, faßte ich plötzlich meinen Entschluß und sagte:

»Sie erinnern sich, Herr Goulden, daß ich mit Ihnen von einem Käufer für die kleine silberne Uhr gesprochen habe?« ...

»Ja, Joseph,« antwortete er, ohne sich stören zu lassen, »aber bis jetzt ist er noch nicht gekommen.«

»Ich selbst bin der Käufer, Herr Goulden.«

Er richtete sich ganz erstaunt auf. Ich zog die fünfunddreißig Francs aus der Tasche und legte sie auf den Werktisch. Er sah mich an.

»Aber das ist gar keine Uhr für dich, Joseph,« bemerkte er. »Du brauchst eine starke Uhr, die die Tasche ausfüllt – eine Uhr mit einem Secundenzeiger. Diese kleinen Dinger da sind nur für Frauen.«

Ich wußte nicht, was ich antworten sollte.

Doch nachdem er einige Augenblicke nachgedacht hatte, begann Herr Goulden zu lächeln.

»Aha! Gut, gut,« sagte er, »jetzt begreife ich – morgen ist Katherinens Geburtstag! Darum also arbeitetest du Tag und Nacht! Hier nimm das Geld zurück, ich will es nicht.« Ich war ganz verwirrt.

»Herr Goulden,« sagte ich endlich, »ich bin Ihnen sehr dankbar, aber die Uhr ist für Katherine, und meine Selbstzufriedenheit besteht darin, daß ich sie redlich verdient habe. Sie wurden mich kränken, wenn Sie das Geld zurückwiesen – lieber würde ich die Uhr fahren lassen.«

Er sagte nichts mehr und nahm die fünfunddreißig Francs. Dann öffnete er sein Schubfach, wählte eine schöne Stahlkette mit zwei Schlüsseln aus vergoldetem Silber aus und befestigte sie an der Uhr. Alsdann legte er selbst das Ganze in eine Schachtel mit rothseidenen Bändern. Er that das langsam, wie in tiefer Rührung. Endlich reichte er mir die Schachtel hin.

»Das ist ein hübsches Geschenk, Joseph,« sagte er. »Katherine muß sich glücklich schätzen, einen Geliebten zu haben wie dich. Sie ist ein braves Mädchen. Jetzt können wir Abendbrot essen. Decke den Tisch, während ich den Topf vom Feuer hebe.«

Das thaten wir denn auch. Dann nahm Herr Goulden aus dem Schranke eine Flasche seines Metzer Weins, den er für festliche Gelegenheiten aufsparte, und wir aßen gewissermaßen wie zwei Kameraden zusammen, denn den ganzen Abend über hörte er nicht auf, mir die schöne Zeit seiner Jugend zu schildern. Er erzählte mir, daß er ehemals ebenfalls eine Geliebte gehabt hätte, daß er aber im Jahre 92 bei dem Massenaufgebot wegen des Einfalls der Preußen mit ausmarschirt wäre und bei seiner Rückkehr nach Finstingen jenes Mädchen verheirathet gefunden habe – eine natürliche Sache, da er sich nie erkühnt hatte, ihr seine Liebe zu erklären. Das hinderte ihn aber nicht, jener süßen Erinnerung treu zu bleiben: er sprach davon mit ernster Miene. Ich hörte ihm zu und dachte dabei an Katherine, und erst Schlag zehn Uhr, als die Ronden vorüberzogen, die wegen der großen Kälte alle zwanzig Minuten die Posten ablösten, legten wir uns endlich zu Bett, nachdem wir vorher noch zwei tüchtige Scheite in den Ofen gesteckt hatten.


 << zurück weiter >>