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5.

Einige Tage später meldete die Zeitung, daß der Kaiser in Paris wäre, und daß man im Begriff stehe, den König von Rom und die Kaiserin Marie Luise zu krönen. Der Herr Bürgermeister, der Herr Adjunct und die Stadträthe redeten nur noch von den Rechten des Throns, und man hielt sogar einen besondern Vortrag im Saale des Rathhauses darüber. Herr Professor Burguet der Aeltere schrieb diese Abhandlung, und der Herr Baron Parmentier las sie vor. Aber die Zuhörer waren nicht sonderlich ergriffen, weil Jeder von der Aushebung betroffen zu werden fürchtete. Man bedachte recht wohl, daß der Kaiser viel Soldaten brauchen würde, und das eben beunruhigte Jeden – ich für mein Theil magerte dabei zusehends ab. Vergebens sagte Herr Goulden: »Fürchte nichts, Joseph, du kannst nicht marschiren. Bedenke doch, mein Kind, ein lahmer Mensch wie du würde ja beim ersten Tagemarsche auf der Straße liegen bleiben!« – das Alles hinderte mich nicht, recht besorgt zu sein.

An die in Rußland Gebliebenen dachte schon Niemand mehr, ausgenommen ihre Familien.

Wenn wir allein bei der Arbeit saßen, sagte Herr Goulden zuweilen zu mir:

»Wenn die, welche unsere Herrn sind, und welche behaupten, Gott habe sie auf die Erde gesendet, um uns glücklich zu machen, sich bei Beginn eines Feldzuges die armen Greise, die unglücklichen Mütter vorstellen könnten, denen sie gewissermaßen das Herz und die Eingeweide aus dem Leibe reißen, um ihrem Stolze genugzuthun; wenn sie die Thränen derselben sehen und ihre Klagen hören könnten in dem Momente, wo man ihnen sagt: »Euer Kind ist todt ... ihr werdet es niemals wiedersehen! Es ist von den Hufen der Pferde zerstampft oder von einer Kugel zerschmettert worden oder auch in einem Hospitale, fern von euch, nachdem ihm ein Glied abgenommen, am Fieber gestorben, ohne Trost, indem es nach euch rief wie zu der Zeit, als es noch klein war!« ... wenn sie sich die Thränen jener Mütter vorstellen könnten – ich glaube, keiner würde ein solcher Barbar sein und fortfahren. Aber sie denken an nichts, sie glauben, die Andern lieben ihre Kinder nicht eben so sehr als sie – sie halten die Menschen für Thiere! Doch sie täuschen sich: all ihr gewaltiges Genie, all ihre großen Ruhmespläne sind nichts, denn nur für eine Sache soll ein Volk, Männer, Frauen, Kinder und Greise, in den Kampf ziehen – wenn man unsere Freiheit antastet wie Anno 92. Dann stirbt man zusammen oder siegt zusammen. Wer da zurückbleibt, ist ein Feigling, er will, daß die Andern für ihn kämpfen ... Denn der Sieg wird nicht für Einige errungen, sondern für Alle – der Sohn und der Vater vertheidigen ihre Familie. Werden sie getödtet, so ist das ein Unglück, aber sie sind für ihr gutes Recht gestorben. Das, Joseph, ist der einzige gerechte Krieg, über den Niemand klagen darf; alle andern sind schmählich, und der Ruhm, den sie eintragen, ist nicht der Ruhm eines Menschen, sondern der eines wilden Thieres!«

So sprach der gute Herr Goulden, und ich dachte ganz wie er.

Plötzlich aber, am 8. Januar, wurde ein großes Placat an der Bürgermeisterei angeschlagen, aus dem zu ersehen war, daß der Kaiser, gestützt auf einen Senats-Consult, wie man damals sagte, zuerst 150,000 Rekruten vom Jahrgang 1813, dann hundert Cohorten des ersten Landwehraufgebots von 1812, die schon durchgeschlüpft zu sein glaubten, ferner 100,000 Rekruten unter den Jahrgängen 1809 bis 1812 und so fort ausheben wolle, so daß am Ende alle Löcher wieder zugestopft, und wir sogar eine noch größere Armee haben würden, als vor dem russischen Feldzuge.

Als Vater Fouze, der Glaser, uns eines Morgens den Inhalt jenes Anschlags mittheilte, wäre ich beigäbe in Ohnmacht gefallen, denn ich sagte dabei zu mir selbst:

»Jetzt nimmt man Alles: die Familienväter bis zurück auf 1809! Ich bin verloren!«

Herr Goulden flößte mir einige Tropfen Wasser ein. Die Arme hingen mir am Leibe herab, und ich war blaß wie ein Todter.

Uebrigens war ich nicht der Einzige, auf den die Bekanntmachung einen solchen Eindruck machte. Es weigerten sich in jenem Jahre viele junge Leute, auszurücken: einige zerschmetterten sich die Zähne, um die Patrone nicht abbeißen zu können, andere schossen sich mit der Pistole den Daumen weg, um zur Handhabung des Gewehrs untauglich zu werden, noch andere flüchteten in die Wälder. Man nannte diese Leute »Refractäre«, und es gab nicht Gendarmen genug, um sie Alle zu verfolgen.

Um diese Zeit faßten sich auch die Familienmütter ein Herz und empörten sich gewissermaßen, indem sie ihre Söhne ermuthigten, den Gendarmen keine Folge zu leisten. Sie halfen ihnen auf jede Art und Weise und schmähten auf den Kaiser. Und die Priester aller Religionsparteien unterstützten sie dabei. Das Maß war endlich voll!

Noch an demselben Tage, an welchem die Bekanntmachung angeschlagen worden war, begab ich mich nach Vier-Winden, aber jetzt nicht voller Freude, sondern wie der Unglücklichste aller Unglücklichen, dem man Liebe und Leben zugleich nimmt. Ich konnte mich nicht mehr auf den Beinen halten, und als ich da unten anlangte, noch unentschlossen, aus welche Weise ich unser Unglück mittheilen sollte, sah ich beim Eintreten, daß man im Hause schon Alles wußte, denn Katherine weinte heiße Thränen, und Tante Gredel war ganz blaß vor Entrüstung.

Wir umarmten uns schweigend, und das erste Wort, das Tante Gredel zu mir sagte, indem sie ihre grauen Haare heftig hinter die Ohren strich, war:

»Du wirst nicht marschiren! ... Was gehen uns seine Kriege an? Sogar der Pfarrer sagt, es wäre doch am Ende zu stark – man müßte Frieden schließen! Du bleibst hier! Weine nicht, Katherine, ich sage dir, er bleibt hier!« Sie war ganz grün vor Aerger und wirthschaftete während des Sprechens zwischen ihren Kochtöpfen herum.

»Dies ewige Gemetzel hat mich schon lange mit Widerwillen erfüllt,« fuhr sie fort. »Schon müssen sich unsere beiden Vettern Kaspar und Jockel in Spanien die Knochen für diesen Kaiser entzweischlagen lassen, und jetzt verlangt er gar noch die jüngern Leute von uns – er ist noch nicht zufrieden, dreimalhunderttausend in Rußland umgebracht zu haben. Anstatt wie ein vernünftiger Mensch an Frieden zu denken, will er auch noch die Übriggebliebenen massakriren lassen ... Man wird ja sehen!« »Um Gotteswillen, Tante Gredel! Sein Sie doch still, sprechen Sie leiser!« rief ich, während ich das Fenster beobachtete. »Man könnte Sie hören, und dann wären wir Alle verloren.«

»Ich spreche eben, damit man mich hört!« schrie sie. »Vor deinem Napoleon ist mir nicht bange! Er fing damit an, uns am Reden zu hindern, um thun zu können, was ihm gerade beliebte – aber das wird ein Ende haben! ... Allein in unserm Dorfe werden vier junge Frauen ihre Männer einbüßen, und zehn arme Jungens sollen Alles verlassen, Vater und Mutter, der Gerechtigkeit, dem lieben Gott, der Religion zum Trotz – ist das nicht himmelschreiend?«

Und als ich antworten wollte, fuhr sie fort:

»Sieh, Joseph, der Mensch hat kein Herz! ... Es wird ein böses Ende mit ihm nehmen! ... Schon diesen Winter hat sich Gott gezeigt. Er sah, daß man mehr Furcht vor einem Menschen hatte als vor ihm, daß selbst die Mütter wie zu den Zeiten des Herodes es nicht wagten, ihr eigen Fleisch und Blut zurückzuhalten, wenn jener es zu seinen Metzeleien verlangte, und deshalb hat er die Kälte kommen lassen, und unsere Armee ist zu Grunde gegangen ... und die, die jetzt ausmarschiren, sind schon im Voraus dem Tode verfallen: Gott ist der Sache müde! – Du aber, du sollst nicht mit ausrücken,« fuhr die halsstarrige Frau fort, »ich will es nicht! Du wirst mit Jean Kraft, Louis Veme und den muthigsten Burschen von hier in die Wälder und über das Gebirge nach der Schweiz gehen, und Katherine und ich, wir kommen bis zum Ende dieser Heimsuchung zu euch.«

Dann schwieg Tante Gredel von selbst. Anstatt aber ein gewöhnliches Mittagbrod zu bereiten, trug sie ein noch besseres auf als am vergangenen Sonntage und sagte mit ruhiger Miene zu uns:

»Eßt, Kinder, und habt keine Furcht ... das wird sich Alles ändern.«

Ein wenig ruhiger als beim Weggehen kehrte ich gegen vier Uhr Nachmittags nach Pfalzburg zurück. Als ich aber die Bäckerstraße hinaufging, da höre ich plötzlich am Gymnasium die Trommel des Stadtsergeanten Hermantier und sehe ihn von einer großen Menge Menschen umringt. Ich laufe ebenfalls hin, um die Bekanntmachungen zu hören, und komme gerade in dem Augenblicke an, wo er zu sprechen beginnt.

Er machte bekannt, daß, laut Senatsbeschluß vom 3. des Monats, am 15. die Rekrutenauslosung stattfinden solle.

Wir hatten an dem Tage den 8., es blieben also nur noch sieben Tage. Das brachte mich ganz aus der Fassung.

Die ganze Versammlung ging in tiefstem Schweigen nach rechts und links auseinander. Ich kam sehr traurig nach Hause und sagte zu Herrn Goulden:

»Nächsten Donnerstag ist Loosung.«

»Ah!« sagte er. »Man verliert keine Zeit ... die Sache hat Eile.«

Von meiner Betrübniß während dieses und der folgenden Tage kann man sich leicht eine Vorstellung machen. Ich hatte keine Ruhe mehr. Immerwährend glaubte ich auf der Flucht, in der Fremde zu sein. Es schien mir im Voraus, als liefe ich in die Wälder und die Gendarmen mit ihrem »Halt ihn! Halt ihn!« hinter mir her. Dann wieder stellte ich mir die Trostlosigkeit Katherinens, Tante Gredels und Herrn Gouldens vor. Zuweilen glaubte ich mit einer Anzahl anderer Unglücklicher in Reih und Glied zu marschiren. Man schrie uns zu: »Vorwärts! ... Fällt das Bajonett!«, während die Kanonenkugeln ganze Reihen niederschmetterten. Ich hörte die Stückkugeln surren und die Flintenkugeln pfeifen – kurzum, ich war in einem jämmerlichen Zustande.

»Ruhe, Joseph,« sagte Herr Goulden, »martere dich doch nicht so. Bedenke doch, daß bei der ganzen Aushebung vielleicht keine zehn so gute Gründe für das Hierbleiben vorbringen können als du. Der Arzt müßte blind sein, wollte er dich nehmen. Zudem werde ich mit dem Herrn Platzcommandanten sprechen ... Gieb dich also zufrieden!«

Aber diese wohlwollenden Worte waren nicht im Stande, mich zu beruhigen.

Eine ganze Woche lebte ich auf diese Weise in Todesängsten, und als die Stunde der Loosung, der Donnerstag Morgen, herankam, war ich so blaß, so abgemagert und entstellt, daß die Eltern der übrigen Dienstpflichtigen mich ihrer Söhne wegen gewissermaßen um mein Aussehn beneideten. »Der hat Aussichten,« sagten sie unter sich ... »er würde umfallen, wenn man ihn anhauchte ... Es giebt doch Menschen, die unter einem Glücksstern geboren werden!«


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