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12.

Alles das war, wie Sergeant Pinto sagte, nur erst die Einleitung zum Feste, denn der Tanz sollte erst noch kommen.

Vorläufig thaten wir mit einem Bataillon von den Siebenundzwanzigern den Dienst auf der Citadelle und sahen von der Höhe der Wälle die ganze Umgegend mit Truppen bedeckt, die theils im Bivouac lagen, theils in den Dörfern cantonnirten.

Am 18., als ich von der Wache am Warthauer Thor zurückkam, sagte der Sergeant, der Zuneigung zu mir gefaßt hatte, zu mir:

»Füsilier Bertha, der Kaiser ist angekommen.«

Noch hatte Niemand etwas davon gehört, ich erwiderte daher:

»Mit Ihrer Erlaubniß, Sergeant, ich habe eben mit dem Sapeur Merlin, der vergangene Nacht den Ordonnanzdienst beim General hatte, ein Gläschen getrunken – aber er hat mir nichts dergleichen erzählt.«

Pinto blinzelte darauf mit den Augen und sagte:

»Alles regt sich ... Alles fliegt ... Du verstehst das nur noch nicht, Rekrut. Aber er ist da, ich fühle ihn bis in die Fingerspitzen. So lange er nicht am Platze ist, ist kein Ernst dahinter, und jetzt sieh da unten die Stafetten auf den Straßen hinsprengen ... Alles gewinnt neues Leben. Warte nur den ersten Tag ab, und du wirst sehen: die Kaiserlichen und die Kosaken brauchen ihre Brillen gar nicht, um zu sehen, ob er bei uns ist – sie merken es auf der Stelle.«

Dabei lachte der Sergeant in seinen langen Bart.

Ich hatte ein Vorgefühl, als ob mir ein großes Unglück geschehen könnte, war aber gezwungen, ein heiteres Gesicht zu machen.

Um es kurz zu machen: der Sergeant täuschte sich nicht, denn gegen drei Uhr Nachmittags desselben Tages setzten sich alle Truppen, die um die Stadt herum Cantonnements bezogen hatten, in Bewegung, und gegen fünf Uhr ließ man auch uns ins Gewehr treten. Der Marschall Fürst von der Moskwa zog mit einer großen Menge von Officieren und Generalen, die seinen Stab bildeten, in die Stadt, und gleich darauf kam General Souham, ein alter, ganz weißhaariger Officier, in die Citadelle und ließ uns auf dem Platze Revue passiren. Mit kräftiger Stimme, so daß Jeder ihn verstehen konnte, sagte er zu uns:

»Soldaten! Ihr werdet einen Theil der Avant-Garde des dritten Armee-Corps bilden. Bedenkt, daß ihr Franzosen seid. Es lebe der Kaiser!«

Darauf schrie Alles: »Es lebe der Kaiser!« und die Echos des Platzes warfen den Ruf mit furchtbarer Gewalt zurück.

Dann entfernte sich der General mit dem Obersten Zapfel.

Noch in derselben Nacht wurden wir durch die Hessen abgelöst und verließen Erfurt in Begleitung des zehnten Husaren-Regiments und eines Regiments badischer Jäger. Um sechs oder sieben Uhr Morgens befanden wir uns vor Weimar und erblickten beim Lichte der aufgehenden Sonne Gärten, Kirchen und Häuser mit einem Schlosse zur Rechten.

Man ließ uns an jener Stelle das Bivouac aufschlagen, während die Husaren zum Recognosciren in die Stadt ritten. Gegen neun Uhr, während wir abkochten, hörten wir plötzlich in der Ferne Schüsse fallen. Unsere Husaren waren in der Stadt auf preußische Husaren gestoßen, sie schlugen sich und feuerten die Pistolen auf einander ab. Das geschah aber in solcher Entfernung, daß wir so zu sagen nichts von dem Kampfe merkten.

Nach einer Stunde kamen die Husaren zurück. Sie hatten zwei Mann verloren. Das war der Beginn des Feldzugs. Wir blieben an jenem Orte fünf Tage, während welcher das ganze dritte Armee-Corps vorrückte. Da wir die Avant-Garde bildeten, mußten wir nach Sulza und Warthau hin weitermarschiren. Dort erblickten wir zuerst den Feind: Kosaken, die sich immer außer Schußweite zurückzogen. Und je mehr jene sich zurückzogen, desto muthiger wurden wir.

Was mich ärgerte, war, Zebede mit allen Zeichen schlechter Laune sagen zu hören:

»Die Kerle werden also nie Halt machen? werden also nie Stand halten?«

Ich dachte: »Wenn sie auskneifen – was können wir Besseres wünschen? Wir werden gewonnen haben, ohne daß uns etwas zu Leide geschehen ist.«

Am Ende aber machten sie doch auf dem jenseitigen Ufer eines ziemlich breiten und tiefen Stromes Halt, und wir sahen eine Anzahl von ihnen sich bereit machen, uns in Stücke zu hauen, wenn wir zu unserm Unglück über den Fluß setzen sollten.

Es war am 29. April und begann Abend zu werden. Man konnte keinen schönern Sonnenuntergang sehen. Jenseits des Flusses streckte sich eine unabsehbare Ebene hin, und auf dem rothen Hintergrunde, den der Himmel bildete, zeichnete sich das Gewimmel dieser Reiter mit ihren vornüber gebogenen Tschakos, grünen Röcken, kleinen, unter dem Arm hängenden Patrontaschen und himmelblauen Hosen ab. Weiter hinten befand sich eine Anzahl Lanzenträger. Sergeant Pinto erkannte sie: es waren russische reitende Jäger und Kosaken. Er kannte auch den Fluß und sagte, es wäre die Saale.

Man näherte sich dem Wasser so weit als möglich, um auf die Reiter zu schießen, die sich weiter zurückzogen und endlich in der Abendröthe verschwanden. Dann schlug man am Flusse das Bivouac auf und stellte Schildwachen aus. Zur Linken lag ein Dorf. Dorthin begab sich ein Detachement, um den Versuch zu machen, gegen Geld Fleisch zu erhalten, denn seit der Ankunft des Kaisers hatten wir Befehl, Alles zu bezahlen.

In der Nacht, als wir abkochten, langten noch andere Regimenter von unserer Division an. Sie schlugen ihr Bivouac ebenfalls am Ufer auf, und die über das Wasser hinblitzenden Feuerstreifen boten einen prächtigen Anblick.

Niemand hatte Lust zum Schlafen. Zebede, Klipfel, Fürst und ich saßen um denselben Feldkessel und sagten, indem wir uns unter einander ansahen:

»Morgen wird es ernsthaft werden, wenn wir den Fluß überschreiten wollen. Unsere Kameraden in Pfalzburg, die jetzt im »Wilden Mann« ihren Schoppen trinken, ahnen gewiß nicht, daß wir hier am Rande eines Flusses hocken, um ein Stück Kuhfleisch zu verzehren, und daß wir auf der Erde schlafen und uns für unsere alten Tage den Rheumatismus holen werden, von den Säbelhieben und Flintenschüssen, die für uns bestimmt sind und die wir vielleicht eher erhalten, als wir denken, gar nicht zu reden.«

»Bah!« sagte Klipfel, »das ist das Leben. Ich mache mir gar nichts daraus, auf Daunen zu schlafen und einen Tag wie den andern zu verbringen! Soll man wirklich leben, so muß es einem heute gut, morgen schlecht gehen – auf solche Weise macht der Wechsel Vergnügen. Und was die Flintenschüsse, Säbelhiebe und Bajonettstiche betrifft, so werden wir gottlob! eben so viel austheilen als einnehmen!«

»Gewiß,« sagte Zebede, während er seine Pfeife ansteckte. »Ich für mein Theil hoffe, daß mein Tod, wenn ich falle, nicht die Folge davon sein wird, weil ich die Stöße und Hiebe, die man mir beibrachte, nicht zurückgegeben habe.«

So schwatzten wir zwei oder drei Stunden. Leger hatte sich in seinen Mantel gewickelt, die Füße gegen das Feuer gekehrt und schlief, als plötzlich die Schildwache zweihundert Schritte von uns »Wer da?« rief.

»Frankreich!«

»Welches Regiment?«

»Sechstes Linienregiment.«

Es waren der Marschall Ney und der General Brenier mit Pionier-Officieren und Artillerie. Der Marschall hatte »sechstes Linienregiment« geantwortet, weil er im Voraus wußte, wo wir lagerten: das freute uns und machte uns sogar stolz. Wir sahen ihn mit dem General Souham und fünf oder sechs andern höhern Officieren vorüberreiten und erkannten ihn, trotzdem es Nacht war, sehr gut, denn der Himmel blitzte, von Sternen, der Mond ging auf, und man sah beinahe so gut wie am hellen Tage.

An einer Biegung des Flusses machten sie Halt. Man stellte dort sechs Kanonen auf, und gleich darauf kamen die Pontonniere mit einer langen Reihe von Wagen, die mit Bohlen, Pfählen und allem Material zum Bau zweier Brücken beladen waren. Unsere Husaren ritten am Flusse hin, um alle Boote zu requiriren, und die Kanoniere standen neben ihren Geschützen, um diejenigen, die etwa den Bau verhindern wollten, niederzukartätschen. Wir sahen der Arbeit lange zu. Da hörte man von allen Seiten Werdarufe – es waren die anrückenden Regimenter des dritten Armee-Corps.

Gegen Morgen schlief ich endlich ein, und Klipfel mußte mich rütteln, um mich zu erwecken. Ueberall erscholl das Signal zum Sammeln. Die Brücken waren vollendet, wir sollten die Saale Passiren.

Es thauete stark. Jeder beeilte sich, sein Gewehr zu reinigen und den Mantel zusammenzurollen, um ihn auf den Tornister zu schnallen. Wir halfen uns dabei gegenseitig und stellten uns dann in Reih und Glied. Es mochte vier Uhr Morgens sein. Der Nebel, der vom Flusse aufstieg, verhüllte Alles wie mit einem grauen Schleier. Zwei Bataillone, die Soldaten in Rotten, die Officiere und die Fahne in der Mitte, zogen bereits über die Brücken. Ihr Marsch verursachte ein dumpfes Geräusch. Nach ihnen schaffte man die Kanonen und Munitionswagen hinüber.

Hauptmann Florentin hatte uns eben frisches Zündpulver aufschütten lassen, als General Souham, General Chemineau, Oberst Zapfel und unser Commandeur ankamen. Das Bataillon setzte sich nun in Marsch. Ich schaute mich immer um, ob nicht die Russen im Galopp herangesprengt kämen, aber es rührte sich nichts.

Sobald ein Regiment auf dem jenseitigen Ufer ankam, nahm es Gewehr bei Fuß und formirte ein Karree. Gegen fünf Uhr war die ganze Division drüben. Die Sonne zerstreute den Nebel, und wir erblickten dreiviertel Stunde von uns eine altersgraue Stadt mit spitzen Dächern, einen kugelförmigen, mit Schiefer gedeckten Kirchthurm, der ein Kreuz trug, und weiter hinten ein Schloß: das war Weißenfels.

Zwischen der Stadt und uns zog sich ein tiefer Terraineinschnitt hin. Marschall Ney, der gleich uns eben eingetroffen war, wollte vor Allem wissen, was in dieser Schlucht stecke. Daher wurden zwei Compagnien von den Siebenundzwanzigern als Plänkler vorausgeschickt, und die Karrees folgten im gewöhnlichen Schritt, die Officiere, Sapeure und Musiker in der Mitte, die Kanonen in den Zwischenräumen und die Munitionswagen hinter dem letzten Gliede.

Jeder mißtraute dieser Vertiefung, um so mehr, da wir am Tage vorher hier eine Kavalleriemasse erblickt hatten, die sich nicht bis an das Ende der weiten Ebene, die wir nach allen Richtungen hin überschauten, zurückgezogen haben konnte. Das war einfach unmöglich. Auch bin ich in meinem Leben nie argwöhnischer gewesen, als in jenem Augenblick: ich war auf irgend eine Ueberraschung gefaßt. Aber uns so in Reih und Glied, mit geladenem Gewehr, die Fahne in der Frontlinie, die Generale voll Zuversicht weiter hinten, ohne jede Hast und Ueberstürzung vorwärts marschiren zu sehen und die ganze Masse den Tritt markiren zu hören – das machte uns Muth. Ich sagte zu mir selbst: »Vielleicht retiriren sie, wenn sie uns sehen; das würde noch das Beste sein – für sie wie für uns.«

Ich stand auf der Front im zweiten Gliede hinter Zebede, und man mag daher beurtheilen, ob ich die Augen aufsperrte. Von Zeit zu Zeit blickte ich ein wenig seitwärts nach dem andern Karree, das in gleicher Linie mit uns vorrückte, und sah mitten drin den Marschall mit seinem Stabe. Alle hatten die großen Dreimaster quer gesetzt und reckten den Kopf in die Höhe, um aus der Ferne zu sehen, was vorging.

Die Plänkler gelangten jetzt nahe an die mit Gestrüpp und lebendigen Hecken bewachsene Schlucht. Schon einige Minuten vorher hatte ich weiter hinten auf dem gegenüber liegenden Abhang etwas schwanken und blitzen sehen, als wären es Getreidehalme, über die der Wind hinstreicht, und hatte dabei gedacht, das könnten wohl die Russen mit ihren Lanzen und Säbeln sein – es fiel mir aber schwer, daran zu glauben. In dem Augenblicke jedoch, wo unsere Schützen sich den Ginster- und Haidekrautbüschen näherten und an mehreren Orten das Feuern anfing, sah ich deutlich, daß es Lanzen waren. Gleich darauf zuckte gerade vor uns ein Blitz auf, und ein Kanonenschuß krachte. Die Russen hatten Kanonen, sie hatten eben auf uns gefeuert, und als ich, ich weiß nicht, durch was für ein Geräusch veranlaßt, den Kopf wandte, sah ich, daß sich in den Gliedern zur Linken eine Lücke befand. Gleichzeitig vernahm ich die Stimme des Obersten Zapfel, der kaltblütig commandirte:

»Aufgeschlossen!«

Und Hauptmann Florentin wiederholte:

»Aufgeschlossen!«

Das geschah so schnell, daß ich keine Zeit zum Nachdenken hatte. Aber fünfzig Schritte weiter erfolgte ein zweiter Blitz und ein gleiches Geräusch in den Reihen – es war wie ein starker Windstoß, der vorübersaust – und ich sah wieder eine Lücke, diesmal zur Rechten.

Und da der Oberst nach jedem Kanonenschuß der Russen immer wieder »Aufgeschlossen!« commandirte, begriff ich, daß es jedesmal eine Lücke auszufüllen gab! Dieser Gedanke brachte mich ganz aus der Fassung, aber es mußte weitermarschirt werden.

Ich wagte nicht mehr, daran zu denken, und gab meinen Gedanken eine andere Richtung, als General Chemineau, der in unser Karree eingetreten war, plötzlich mit furchtbarer Stimme: »Halt!« schrie.

Ich blickte nun auf und sah die Russen in geschlossenen Kolonnen auf uns einsprengen.

»Erstes Glied ... aufs Knie! ... fällt das Bajonett.!« commandirte der General. »Fertig!«

Da Zebede niedergekniet war, stand ich so zu sagen im ersten Gliede. Mir ist, als sähe ich noch jetzt diese Masse von Pferden und Russen, die sich, den Säbel in der Faust, nach vorn beugten, in voller Schlachtordnung heranbrausen, und hörte noch immer den General hinter uns ruhig wie auf dem Exercierplatze commandiren:

»Achtung auf das Commando Feuer. – Legt an ... Feuer!« ...

Die vier Karrees hatten zu gleicher Zeit geschossen – es war, als ob der Himmel einstürze. Kaum hatte der Rauch sich etwas verzogen, als wir die Russen in gestrecktem Galopp zurückjagen sahen. Aber jetzt donnerten unsere Kanonen, und die Kugeln waren schneller als die Pferde.

»Geladen!« commandirte der General.

Ich glaube, nie in meinem Leben ein solches Vergnügen empfunden zu haben.

»Sieh, sieh, sie machen sich davon!« sagte ich bei mir selbst.

Und von allen Seiten hörte man den Ruf: »Es lebe der Kaiser!«

In der Freude meines Herzens stimmte ich in den Ruf ein wie die Andern. Das dauerte wohl eine Minute lang. Dann setzten sich die Karrees wieder in Bewegung – man glaubte schon, es wäre Alles beendet. Als wir aber noch zwei- oder dreihundert Schritt von der Schlucht entfernt waren, entstand ein fürchterliches Getöse, und der General commandirte zum zweiten Male:

»Halt! ... Aufs Knie! ... Fällt das Bajonett!« ...

Die Russen sausten wie der Wind aus der Schlucht hervor, um über uns herzufallen. Sie kamen Alle zusammen: die Erde bebte unter den Hufen der Pferde. Man verstand kein Commando mehr, aber der natürliche Verstand der französischen Soldaten sagte ihnen, daß man in den Haufen schießen müsse, und so begann denn das Rottenfeuer zu knattern wie das Wirbeln der Trommeln bei den Paraden. Wer es nicht selbst gehört hat, wird sich nie einen Begriff davon machen können. Einige von den Russen kamen bis zu uns: man sah, wie sie sich in dem Qualm aufrichteten, gleich darauf aber sah man schon wieder nichts mehr.

Nach Verlauf einiger Minuten, während welcher immerfort geladen und geschossen wurde, erhob sich die schallende Stimme General Chennneau's über den Tumult, und man hörte das Commando: »Stellt das Feuer ein!«

Man wagte kaum zu gehorchen; jeder beeilte sich, noch einen Schuß abzugeben. Als aber der Rauch sich verzogen hatte, sah man die ungeheure Kavalleriemasse an der gegenüber liegenden Seite der Schlucht hinaufjagen.

Sogleich löste man die Karrees, um in Kolonnen zu marschiren. Die Trommeln wirbelten zum Angriff, die Kanonen donnerten.

»Vorwärts! ... Vorwärts! ... Es lebe der Kaiser!«

Wir marschirten über Haufen von Pferden und Menschen, die sich noch am Boden wanden, in die Schlucht hinab und kletterten im Laufschritt an der Seite nach Weißenfels zu wieder hinauf. Alle diese Kosaken und Jäger galoppirten, die Patrontasche auf dem Rücken, vor uns her so schnell, als sie konnten: die Schlacht war gewonnen!

Aber in dem Augenblicke, wo wir uns den Gärten der Stadt näherten, machten ihre Kanonen, die sie mit fortgeschafft hatten, hinter einer Art Obstgarten Halt und überschütteten uns mit Kugeln, von denen eine das Beil des Sapeurs Merlin zerschmetterte und ihm den Kopf wegriß. Dem Sapeur-Korporal Thome wurde sogar durch ein Stück von dem Beile der Arm zerschmettert, so daß ihm derselbe am Abend in Weißenfels abgenommen werden mußte. Wir begannen nun zu laufen, denn je schneller man ankommt, desto weniger Zeit haben die Andern zum Schießen – das begriff jeder von uns.

Endlich drangen wir, indem wir uns durch die Hecken, die Gärten und die Hopfenstangen hindurcharbeiteten, an drei Punkten bis zur Stadt vor. Der Marschall und die Generale kamen hinter uns. Unser Regiment bewerkstelligte seinen Einzug auf einer am Kirchhof entlang laufenden Pappelallee; als wir auf den Markt kamen, kam eine andere Kolonne auf der Hauptstraße heranmarschirt.

Wir machten dort Halt, und der Marschall schickte, ohne eine Minute zu verlieren, die Siebenundzwanziger ab, um eine Brücke zu nehmen und womöglich dem Feind den Rückzug abzuschneiden. Währenddem traf der Rest der Division ein und ordnete sich auf dem Platze in Reih und Glied. Der Bürgermeister und die Stadträthe von Weißenfels standen schon auf der Schwelle des Rathhauses, um uns willkommen zu heißen.

Als wir Alle wieder in Reih und Glied standen, ritt der Marschall Fürst von der Moskwa vor die Front und rief uns mit heiterer Miene zu:

»So ist's recht! ... so lasse ich mir's gefallen! ... Ich bin zufrieden mit euch! ... Der Kaiser soll euer wackeres Verhalten erfahren! ... Es ist brav so!«

Er konnte sich des Lachens nicht erwehren, weil wir auf die Kanonen zugerannt waren.

Und als General Souham zu ihm sagte: ..Es macht sich mit den Burschen!« erwiderte er:

»Ja, ja, das liegt im Blute! liegt im Blute!«

Ich für mein Theil war seelenvergnügt, daß ich nichts bei diesem Gefechte abbekommen hatte.

Das Bataillon blieb bis zum folgenden Tage in Weißenfels. Man quartirte uns bei den Bürgern ein, die uns fürchteten und uns Alles gaben, was wir verlangten. Am Abend kamen die Siebenundzwanziger zurück und wurden in dem alten Schlosse einquartirt. Wir waren sehr ermüdet. Nachdem wir daher zwei oder drei Pfeifen geraucht und dabei von unsern Heldenthaten gesprochen hatten, legten wir uns, Zebede, Klipfel und ich, in der Werkstatt eines Tischlers auf einen Haufen Hobelspäne zum Schlafen nieder und lagen dort bis Mitternacht, wo man wieder zum Sammeln blies. Wir mußten nun wieder aufstehen. Der Tischler gab uns Branntwein, und wir brachen auf. Es regnete in Strömen. Das Bataillon bezog noch in derselben Nacht ein Bivouac vor dem Dorfe Cleben, zwei Stunden von Weißenfels. Wegen des Regens waren wir aber nicht sehr aufgeräumt.

Nach und nach stießen noch mehrere andere Abtheilungen zu uns. Der Kaiser war in Weißenfels angekommen, und das ganze dritte Armee-Corps sollte uns folgen. Den ganzen Tag wurde davon gesprochen; mehrere freuten sich darüber. Am nächsten Tage brach das Bataillon gegen fünf Uhr Morgens als Avantgarde von Neuem auf.

Vor uns lag ein Bach, die Rippach genannt. Anstatt aber einen Umweg zu machen, um eine Brücke zu erreichen, wateten wir auf der Stelle hindurch. Das Wasser ging uns bis an die Hüften, und während ich meine Schuhe aus dem Schlamme zog, dachte ich: »Wenn man dir das früher, als du bei Herrn Goulden Kopfschmerzen zu bekommen fürchtetest und zwei Mal wöchentlich die Strümpfe wechseltest, gesagt hätte, würdest du es nicht geglaubt haben! Es passiren einem doch schreckliche Dinge im Leben!«

Als wir auf der andern Seite des Baches in den Binsen entlang marschirten, entdeckten wir auf den Höhen zur Linken eine Anzahl von Kosaken, die uns beobachteten. Sie folgten uns langsam, ohne einen Angriff zu wagen, und ich sah nun ein, daß der Schlamm und Morast doch zu etwas gut seien.

Wir marschirten in dieser Weise schon länger als eine Stunde, und es war bereits völlig Tag geworden, als furchtbares Gewehrfeuer und Kanonendonner uns plötzlich veranlaßte, nach Cleben hinüberzuschauen. Der Commandeur lugte von seinem Pferde aufmerksam über das Schilfrohr weg.

Das dauerte lange Zeit. Sergeant Pinto meinte:

»Die Division rückt vor und wird angegriffen.«

Die Kosaken horchten ebenfalls auf und verschwanden erst nach etwa einer Stunde. Dann sahen wir die Division auf der Ebene zur Rechten kolonnenweise anrücken und Massen russischer Kavallerie vor sich hertreiben.

»Vorwärts!« rief der Commandeur.

Und wir begannen zu laufen, ohne zu wissen warum, indem wir immer dem Bache folgten, bis wir an eine alte Brücke gelangten, bei welcher die Rippach und die Grune sich vereinigen. Wir sollten an dieser Stelle den Feind aufhalten, aber die Kosaken hatten unsere List bereits entdeckt: ihr ganzer Heerhaufen ging hinter die Grune zurück, indem er eine Furt benutzte. Als die Division zu uns stieß, erfuhren wir, daß der Marschall Bessieres durch eine Kanonenkugel getödtet worden sei.

Wir verließen dann die Brücke, um unser Bivouac vor dem Dorfe Görschen aufzuschlagen. Es ging das Gerücht, daß eine große Schlacht nahe bevorstehe, und daß Alles, was bis dahin geschehen war, nur ein kleines Vorspiel wäre, um zu erproben, ob die Rekruten auch im Feuer Stand hielten. Danach kann sich nun jeder die Gedanken vorstellen, die einen vernünftigen Menschen überschleichen mußten, der sich wider seinen Willen in dieser Lage und unter so sorglosen Menschen befand wie Fürst, Zebede und Klipfel, die ganz vergnügt waren, gerade als ob ihnen dergleichen Ereignisse etwas Anderes hätten eintragen können als Flintenschüsse, Säbelhiebe und Bajonettstiche.

Den ganzen Rest des Tages und sogar einen Theil der Nacht dachte ich an Katherine und bat Gott, mein Leben zu schützen und mir meine Hände zu erhalten, die dem Armen unentbehrlich sind, damit er seinen Lebensunterhalt verdienen kann.


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