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4.

Als ich am andern Morgen gegen sieben Uhr in Herrn Gouldens Zimmer trat, um mich an die Arbeit zu machen, lag er noch im Bett und war ganz matt und entkräftet.

»Joseph,« sagte er, »ich befinde mich nicht recht wohl, all diese schrecklichen Geschichten haben mich krank gemacht. Ich habe gar nicht geschlafen.«

»Soll ich Ihnen Thee kochen?« fragte ich.

»Nein, mein Kind, nein, das ist nicht nöthig. Schüre nur das Feuer ein wenig an, ich werde nachher aufstehen. Aber es ist heute Montag, und um diese Zeit müßten die Uhren in der Stadt gestellt werden. Ich kann nicht hingehen, denn so viele brave Leute, Leute, die ich seit dreißig Jahren kenne, in solcher Betrübniß zu sehen, das würde mich vollends unglücklich machen. Höre, Joseph, nimm die Schlüssel, die hinter der Thür hängen, und geh du – das wird besser sein. Ich will versuchen, mich zu erholen, ein wenig zu schlafen ... Es würde mir gut thun, wenn ich ein oder zwei Stunden schlafen könnte.«

»Schön, Herr Goulden,« entgegnete ich, »ich gehe sofort.«

Nachdem ich dann Holz in den Ofen gelegt hatte, nahm ich Mantel und Handschuhe, zog die Vorhänge an Herrn Gouldens Bette zu und ging mit dem Schlüsselbunde in der Tasche fort. Die Unpäßlichkeit Vater Melchiors betrübte mich allerdings ein wenig, aber ein Gedanke tröstete mich; ich sagte zu mir selbst: »Du wirst den Kirchthurm besteigen, und von da oben wirst du das Haus Katherinens und Tante Gredels sehen.« Mit diesem Gedanken kam ich zu dem Glöckner Brainstein, der eine alte, baufällige Baracke an der Ecke des kleinen Platzes bewohnte. Seine beiden Söhne waren Leinweber, und vom Morgen bis zum Abend hörte man in dem alten Neste die Webstühle knarren und die Schiffchen sausen. Die Großmutter – sie war so alt, daß man ihre Augen nicht mehr sah – schlief in einem uralten Lehnstuhl, auf dessen Rücklehne eine Elster hockte. Wenn Vater Brainstein nicht zu einer Taufe, einer Beerdigung oder einer Trauung die Glocken zu läuten hatte, las er hinter den kleinen, runden Scheiben des Fensters in seinem Kalender.

Neben dieser Baracke, unter der Bedachung der alten Markthalle, stand ein ärmliches Häuschen, in welchem der Schuhsticker Koniam arbeitete, und weiterhin befanden sich die Verkaufsstände der Fleischer und der Obsthändlerinnen.

Ich kam also zu Brainstein. Als der Alte mich sah, stand er auf und sagte:

»Das sind Sie ja, Herr Joseph?«

»Ja, Vater Brainstein. Ich komme an Herrn Gouldens Stelle, er ist nicht recht wohl.«

»Ah! Gut ... gut ... das ist ganz gleich.«

Er zog seine alte, gestrickte Jacke an und setzte die wollene Mütze auf, nachdem er die Katze heruntergejagt hatte, die ihre Morgenruhe auf derselben abhielt. Dann nahm er den großen Thurmschlüssel aus einer Schublade, und wir gingen hinaus, ich meinestheils trotz der Kälte sehr froh, wieder in die frische Luft zu kommen, denn die ganze Stube war grau von Qualm, und das Athmen fiel einem so schwer, als ob man in einem Kochtopfe säße. Ich habe nie begreifen können, wie diese Leute in solcher Atmosphäre leben konnten.

Endlich gingen wir die Straße hinauf, und Vater Brainstein sagte:

»Sie wissen schon von dem großen Unglück in Rußland, Herr Joseph?«

»Ja, Vater Brainstein. Es ist schrecklich!«

»O, gewiß!« entgegnete er. »Aber das wird der Kirche viele Messen eintragen. Denn sehen Sie, jetzt wird Jeder für seine Kinder Messen lesen lassen, um so mehr, da sie in einem heidnischen Lande gestorben sind.«

»Gewiß, gewiß,« erwiderte ich.

Wir gingen jetzt über den Platz. Vor dem Gemeindehause, der Hauptwache gegenüber, standen schon mehrere Personen, Landleute und Städter, die einen Anschlagzettel lasen. Dann stiegen wir die Treppe hinauf und traten in die Kirche, wo mehr als zwanzig Frauen, junge und alte, trotz der fürchterlichen Kälte auf den Steinfliesen knieten.

»Sehen Sie ... was sagte ich Ihnen?« bemerkte Brainstein. »Sie kommen schon zum Beten, und ich bin sicher, daß die Hälfte bereits seit fünf Stunden hier ist.«

Er öffnete die kleine Thür im Thurme, durch welche man zur Orgel hinaufsteigt, und wir begannen im Dunkeln hinaufzuklettern. Als wir dann bei der Orgel angekommen waren, ließen wir die Windbälge zur Linken liegen und stiegen bis zur Glockenstube empor.

Ich war sehr zufrieden, den blauen Himmel wiederzusehen und die frische Luft einzuathmen, denn die Ausdünstungen der Fledermäuse, die sich in diesen langen, schmalen Gängen aufhalten, erstickten einen beinahe. Aber welche fürchterliche Kälte herrschte in diesem Raume, der allen Winden offen stand, und welch blendendes Licht blitzte von dem Schnee zu uns empor bei diesem Winterwetter, das zwanzig Stunden weit zu sehen gestattete! Ganz Pfalzburg mit seinen sechs Bastionen, seinen drei Halbmonden, seinen beiden Vorwerken, seinen Kasernen, Pulverthürmen, Brücken, Glacis und Wällen, die ganze kleine Stadt mit ihrem großen Paradeplatze und ihren zierlichen, hübsch nach der Schnur gebauten Häusern zeichnete sich wie auf einem Bogen weißen Papiers da unten ab. Man sah bis in die Höfe hinein, und ich, der ich noch nicht an einen solchen Anblick gewöhnt war, hielt mich hübsch in der Mitte der Plattform, aus Furcht, ich möchte auf den Einfall kommen, davonzufliegen, wie man von gewissen Leuten erzählt, die eine große Höhe närrisch macht. Ich wagte nicht einmal, mich der Uhr zu nähern, deren Zifferblatt auch auf der Rückseite mit den Zeigern bemalt ist, und wenn Brainstein mir nicht das Beispiel gegeben hätte, würde ich, an den Glockenbalken angeklammert, ruhig stehen geblieben sein. Aber er sagte:

»Kommen Sie, Herr Joseph, und sehen Sie nach. Wieviel Uhr ist es jetzt?«

Ich zog nun Herrn Gouldens große Uhr hervor, die auch die Secunden zeigte, und sah, daß die Thurmuhr bedeutend nachging. Brainstein half mir die Gewichte aufziehen und auch die Zeiger stellen.

»Im Winter bleibt die Uhr immer zurück,« sagte er, »weil sie von Eisen ist.«

Nachdem ich mich etwas mit diesen Sachen vertraut gemacht hatte, begann ich die Umgegend zu betrachten: die Eich-Baracken, die Baracken weiter oben hinauf, den Büchelberg, und am Ende erkannte ich auch gerade gegenüber Vier-Winden und das Haus der Tante Gredel. Der Schornstein rauchte gerade, und der Rauch stieg wie ein blauer Faden zum Himmel empor. Ich sah die Küche wieder: ich stellte mir Katherine in Holzschuhen und dem kleinen, wollenen Rocke vor, wie sie am Herde das Spinnrad drehte und dabei an mich dachte! Ich war so gerührt, daß ich die Kälte nicht mehr spürte und meine Blicke nicht von dem Schornsteine abzuwenden vermochte. Vater Brainstein, der keine Ahnung davon hatte, was ich betrachtete, sagte:

»Ja, ja, Herr Joseph ... trotz des Schnees sind jetzt alle Wege mit Menschen bedeckt. Die große Neuigkeit hat sich bereits verbreitet, und Jeder kommt nun, um sein Unglück genauer zu erkunden.«

Ich sah, daß er Recht hatte: alle Fahrstraßen, alle Fußsteige waren mit Menschen bedeckt, die der Stadt zueilten, und als ich auf den Platz herunterschaute, erblickte ich die fortwährend wachsende Menge vor der Hauptwache bei der Bürgermeisterei und vor dem Posthause. Man vernahm ein Geräusch wie lautes Stimmengemurmel.

Nachdem ich noch einen Blick auf Katherinens Wohnstätte geworfen hatte, mußte ich endlich wohl oder übel hinabsteigen, und wir begannen auf der dunklen Wendeltreppe wie in einen Brunnen hinunterzuklettern. Als wir bei der Orgel waren, sahen wir vom Balkon aus, daß auch die Menge in der Kirche beträchtlich gewachsen war: alle Mütter, Schwestern und alten Großmütterchen, reiche und arme, lagen in tiefster Stille zwischen den Bänken auf den Knieen. Sie beteten für die Gefallenen ... boten Alles, um sie nur noch ein Mal wiederzusehen!

Anfangs begriff ich das nicht recht, aber plötzlich fiel mir ein, daß Katherine, wenn ich im vorigen Jahre mit ausgerückt wäre, jetzt auch da unten knieen würde, um zu beten und mich von Gott zurückzufordern. Das schnitt mir ins Herz, ich fühlte einen Fieberschauer durch meinen Körper fliegen.

»Gehen wir! gehen wir!« sagte ich zu Brainstein. »Das ist entsetzlich.«

»Was?« fragte er.

»Der Krieg.«

Wir schritten nun die Treppe unter der großen Kirchpforte hinunter, und ich ging über den Platz, um mich zum Herrn Stadtcommandanten Meunier zu begeben, während Brainstein den Weg nach seiner Wohnung einschlug.

An der Ecke des Stadthauses hatte ich einen Anblick, dessen ich mich mein Lebtag erinnern werde. Dort war nämlich die große Bekanntmachung angeschlagen. Mehr als fünfhundert Personen, Städter und Landleute, Männer und Frauen, starrten sie, eng an einander gedrängt, bleich und mit vorgestrecktem Halse wie etwas Entsetzliches schweigend an. Sie konnten sie nicht lesen, und von Zeit zu Zeit rief Einer oder der Andere in deutscher oder in französischer Sprache:

»Sie können doch nicht Alle todt sein! ... es werden doch trotzdem Einige zurückkommen.«

Andere riefen:

»Man kann ja nichts sehen! ... man kann nicht heran!«

Ein armes, altes Weib, das hinten stand, hob die Hände zum Himmel auf und schrie:

»Christoph ... mein armer Christoph!« ...

Ueber diese Worte schienen Einige entrüstet und sagten:

»Bringt doch die Alte zur Ruhe!«

Jeder dachte nur an sich.

Weiter hinten strömten immer noch neue Ankömmlinge durch das Deutsche Thor herbei.

Endlich trat Harmantier, der Stadtsergeant, aus der Wachtstube heraus und stellte sich mit einem Zettel, der dem an die Mauer gehefteten auf ein Haar glich, oben auf die Treppe. Mehrere Soldaten folgten ihm. Nun drängte Alles nach jener Seite, die Soldaten aber schoben die Vordersten zurück, und Vater Harmantier begann jene Bekanntmachung vorzulesen, die man das neunundzwanzigste Bulletin nannte, und in welcher der Kaiser berichtete, daß während des Rückzuges die Pferde allnächtlich zu Tausenden umkämen. – Von den Menschen sagte er nichts!

Der Stadtsergeant las langsam, Niemand sprach ein Wort, sogar die Alte, die gar nicht Französisch verstand, lauschte wie die andern. Man hätte eine Mücke fliegen hören können. Als er aber an diese Stelle kam: – »Unsere Kavallerie hatte soviel Pferde verloren, daß man die Officiere, die noch ein solches besaßen, vereinigen mußte, um vier Compagnien zu je einhundertundfünfzig Mann daraus zu formiren. Die Generale verrichteten dabei die Function der Hauptleute, die Obersten die der Seconde-Lieutenants« – als er diese Stelle vorlas, die mehr von dem Elend der großen Armee verrieth als alles Uebrige, ließ sich von allen Seiten Geschrei und Stöhnen vernehmen. Zwei oder drei Frauen fielen in Ohnmacht ... man führte sie am Arme fort.

Freilich fügte die Bekanntmachung hinzu: »Die Gesundheit Sr. Majestät ist nie eine bessere gewesen,« und das war ein großer Trost, aber unglücklicher Weise konnte das die dreimalhunderttausend unter dem Schnee begrabenen Menschen nicht wieder ins Leben zurückrufen. Die Leute gingen daher auch tief betrübt und niedergeschlagen auseinander. Aber andere, die noch nichts gehört hatten, strömten zu Dutzenden herbei, und alle Stunden trat Harmautier heraus und verlas das Bulletin.

Das dauerte bis zum Abend, und immer zeigte sich dasselbe Bild.

Ich ging fort ... am liebsten hätte ich von alledem gar nichts wissen mögen.

Ich stieg zu dem Herrn Platzcommandanten hinauf. Als ich in den Salon trat, sah ich ihn am Frühstückstische Er war ein schon alter, aber immer noch kräftiger Mann mit rothem Gesichte und gesundem Appetite.

»Ah, du bist's!« sagte er. »Herr Goulden kommt also heute nicht?«

»Nein, Herr Commandant. Er ist krank, in Folge der schlechten Nachrichten.«

»Ah! Gut ... gut ... ich begreife das,« entgegnete er, indem er sein Glas leerte. »Ja, es ist schlimm.« Und während ich die Glasglocke von der Standuhr abnahm, fügte er hinzu:

»Bah! sag Herrn Goulden, wir würden uns Genugtuung verschaffen ... Was Teufel, man kann nicht immer die Oberhand behalten! Seit fünfzehn Jahren springen wir bereits ohne jede Rücksicht mit ihnen um, es ist daher nur billig, daß man ihnen diese kleine Entschädigung läßt ... Und dann – die Ehre ist unversehrt! Wir sind nicht geschlagen worden. Ohne den Schnee und die Kälte würden diese armen Kosaken schwere Schläge besehen haben ... Doch nur Geduld! Die Reihen werden bald wieder ergänzt sein, und dann wehe!«

Ich zog die Uhr auf. Da er ein großer Liebhaber der Uhrmacherei war, stand er auf und sah mir zu. Dann kniff er mich aufgeräumt ins Ohr, und als ich mich zurückziehen wollte, rief er, indem er den dicken Mantel, den er beim Essen geöffnet hatte, wieder zuknöpfte:

»Sag dem Papa Goulden, er möge ruhig schlafen, im Frühjahr werde der Tanz von Neuem beginnen. Sie werden nicht immer den Winter für sich haben, diese Kalmücken – sag ihm das!«

»Gewiß, Herr Commandant,« entgegnete ich, indem ich die Thür zumachte.

Seine derbe Gestalt und seine heitere Miene hatten mich etwas getröstet. Aber in allen Häusern, in die ich nachher eintrat, bei Harwichs, bei Frantz-Tonis, bei Durlachs – überall hörte man nichts als Klagen. Besonders die Frauen waren trostlos. Die Männer sagten nichts und schritten mit gesenktem Kopfe hin und her, ohne nur nachzuschauen, was ich bei ihnen zu thun hatte.

Gegen zehn Uhr blieben mir nur noch zwei Personen zu besuchen. Zuerst Herr de La Bablerie-Chamberlan, ein alter Edelmann, der mit Frau Chamberlan-d'Ecof und Fräulein Jeanne, ihrer beider Tochter, am Ende der langen Straße wohnte. Es waren Emigranten, die erst seit drei oder vier Jahren nach Frankreich zurückgekehrt waren. Sie besuchten Niemand in der Stadt und empfingen selbst nur drei oder vier katholische Dorfpfarrer aus der Umgegend bei sich. Herr de La Bablerie-Chamberlan liebte nur die Jagd. Er hatte sechs Hunde auf dem Hofe und einen Jagdwagen mit zwei Pferden. Der Vater Robert aus der Kapuzinerstraße diente ihnen als Kutscher, Stallknecht, Bedienter und Piqueur. Herr de La Vablerie trug stets einen Jagdrock, eine Mütze ans gummirtem Leder und Sporenstiefel. In der Stadt nannte man ihn nur den »Bracken«. Ueber Frau und Fräulein de Chamberlan aber sprach man nicht.

Ich war recht trübe gestimmt, als ich die schwere, auf Rollen laufende Hausthür aufstieß, deren Geklirr im Vorhause wiederhallte. Wie groß war daher meine Ueberraschung, als ich mitten in dem allgemeinen Jammer und Schmerz ein Lied mit Klavierbegleitung singen hörte: Herr de La Vablerie sang und Fräulein Jeanne begleitete ihn. Ich wußte damals noch nicht, daß das Unglück der Einen das Glück der Andern macht, und sagte, die Hand auf der Thürklinke, zu mir selbst: »Die kennen die Nachrichten aus Rußland noch nicht.«

Aber als ich so dastand, öffnete sich die Küchenthür, und Fräulein Luise, das Dienstmädchen, steckte den Kopf heraus und fragte:

»Wer ist da?«

»Ich bin's, Fräulein Luise.«

»Ah, Sie, Herr Joseph – kommen Sie hier durch.«

Die Herrschaften hatten ihre Uhr in einem Salon stehen, der nur selten betreten wurde. Die hohen, nach dem Hof hinausgehenden und mit Jalousien versehenen Fenster blieben immer geschlossen, doch zu der Arbeit, die ich dort zu verrichten hatte, hatte ich Licht genug. Ich ging also durch die Küche und regulirte die antike Pendule, eine prächtige Arbeit aus weißem Marmor. Fräulein Luise sah zu.

»Sie haben Besuch, Fräulein Luise?« fragte ich.

»Das nicht, aber der Herr hat nur befohlen, Niemand einzulassen.«

»Man ist recht heiter hier im Hause?«

»Ei was!« entgegnete sie, »das ist seit Jahren das erste Mal. Ich weiß gar nicht, was sie haben.«

Ich stülpte die Glocke wieder über die Uhr und ging fort, indem ich über diese Dinge nachsann, die mir ganz außerordentlich schienen. Daß jene sich über unsere Niederlage freuten, fiel mir nicht ein.

Ich bog nun um die Straßenecke, um mich zu Vater Féral zu begeben, den man allgemein den »Fahnenträger« nannte, weil er Anno 92 im Alter von fünfundvierzig Jahren, als er schon lange Schmiedemeister und Familienvater war, die Fahne der Pfalzburger Freiwilligen getragen hatte und erst nach dem Züricher Feldzuge nach Hause zurückgekehrt war. Seine drei Söhne, Jean, Louis und Georges Féral standen bei der russischen Armee: Georges war Rittmeister bei den Dragonern, die beiden andern Officiere bei der Infanterie.

Ich malte mir im Voraus den Gram und Kummer Vater Férals aus, was ich aber bei meinem Eintritt in das Zimmer sah, überstieg alle meine Voraussetzungen. Der arme Alte – er war blind und ganz kahlköpfig – saß im Lehnstuhl hinter dem Ofen. Sein Haupt war auf die Brust geneigt, und seine großen, weißen Augen standen weit offen, als ob er seine drei Kinder todt zu seinen Füßen liegen sähe. Er sprach kein Wort, aber von seiner Stirn rannen große Schweißtropfen über die langen, magern Backen, und sein Gesicht war so blaß, daß man ihn hätte für einen Sterbenden halten können. Vier oder fünf von seinen alten Gefährten aus der Revolutionszeit: der Vater Desmarets, Vater Nivoi, der alte Paradis, der lange Froissard, hatten sich bei ihm eingefunden, um ihn zu trösten. Sie standen in tiefstem Schweigen um ihn herum, rauchten ihre Pfeifen und machten trostlose Gesichter.

Von Zeit zu Zeit sagte der Eine oder der Andere:

»Auf, Féral, fasse Muth ... sind wir nicht mehr die Alten von der Sambre- und Maas-Armee?«

Oder auch:

»Muth, Fahnenträger, Muth! ... Waren wir es nicht, die bei Fleurus die Batterie mit Sturm nahmen?«

Oder sonst dergleichen.

Er aber gab keine Antwort. Nur von Zeit zu Zeit stieß er einen Seufzer aus, seine welken, hohlen Wangen blähten sich dabei auf, dann neigte er sich wieder nach vorn herüber, und die Andern gaben sich Zeichen und schüttelten die Köpfe, als wollten sie sagen: »Das geht schlecht!«

Ich beeilte mich, die Uhr aufzuziehen und wieder fortzukommen, denn es zerriß mir das Herz, den armen Alten in solcher Trostlosigkeit zu sehen.

Als ich nach Hause zurückkam, fand ich Herrn Goulden am Arbeitstische sitzen.

»Da bist du ja, Joseph,« sagte er. »Nun?«

»Nun, Herr Goulden, Sie haben wohl gethan, hier zu bleiben: es ist fürchterlich!«

Und ich erzählte ihm alle Einzelheiten.

»Ja, ich wußte das,« sagte er betrübt. »Aber das ist nur der Anfang noch größern Unheils: diese Preußen, Russen, Oestreicher, Spanier, alle jene Völker, die wir seit 1804 ausgeplündert haben, werden jetzt unser Unglück benutzen, um über uns herzufallen. Weil wir ihnen Könige aufdrängen wollten, die sie nicht von Adam und Eva her kannten und daher nicht haben wollten, werden sie uns jetzt einen andern geben mit adliger Sippschaft und Allem, was darum und daran hängt, so daß wir, nachdem wir uns an Händen und Füßen für die Brüder des Kaisers zur Ader gelassen haben, am Ende noch Alles verlieren werden, was wir durch die Revolution gewonnen hatten. Anstatt die Ersten, werden wir die Letzten der Letzten sein. Ja, dahin wird es mit uns kommen. Während du in der Stadt umherliefst, habe ich nur an diese Sachen gedacht – es ist beinahe unausbleiblich, unvermeidlich: da die Soldaten Alles bei uns waren, und wir jetzt keine Soldaten mehr haben, sind wir auch nichts mehr!«

Damit stand er auf, und ich deckte den Tisch. Als wir schweigend unser Mittagbrot verzehrten, begannen die Kirchenglocken zu läuten.

»Da ist Jemand in der Stadt gestorben,« sagte Herr Goulden.

»Jedenfalls ... ich habe nicht davon reden hören.«

Zehn Minuten später trat der Rabbiner Rose ein, um ein neues Glas auf seine Uhr setzen zu lassen.

»Wer ist denn gestorben?« fragte Herr Goulden.

»Der alte Fahnenträger.«

»Was! Der Vater Féral?«

»Ja, vor zwanzig Minuten oder einer halben Stunde. Der Vater Desmarets und mehrere Andere wollten ihn trösten; er bat sie, ihm den letzten Brief von seinem Sohne Georges, dem Dragonerrittmeister, vorzulesen, der ihm schrieb, er hoffe ihn im nächsten Frühjahr mit den Obersten-Epaulettes auf den Schultern zu umarmen. Als der Alte das hörte, wollte er plötzlich aufstehen, sank aber zurück – sein Kopf fiel auf die Kniee herab – der Brief hatte ihm das Herz gebrochen.«

Herr Goulden machte keine Bemerkung.

»Hier, Herr Rose,« sagte er, indem er dem Rabbiner die Uhr zurückgab; »es macht zehn Sous.«

Herr Rose ging hinaus, und wir setzten schweigend unsere Mahlzeit fort.


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