Alexander Dumas
Die drei Musketiere
Alexander Dumas

 << zurück weiter >> 

Der Mann mit dem roten Mantel

Bei Athos wich die Verzweiflung einem niedergepreßten Schmerz, der die glänzenden Eigenschaften dieses Mannes noch heller ans Licht stellte. Er beschäftigte sich ganz allein mit dem Versprechen, das er geleistet, und mit der Verantwortlichkeit, die er auf sich genommen, begab sich in ein Zimmer, ersuchte den Wirt, ihm eine Karte dieser Gegend zu besorgen, beugte sich über dieselbe hin, betrachtete die Linie darauf, sah, daß von Bethune nach Armentières vier verschiedene Wege gingen, und ließ die Bedienten herbeikommen. Planchet, Grimaud, Mousqueton und Bazin eilten herbei und erhielten klare, genaue und ernste Aufträge von Athos. Sie sollten mit Tagesanbruch abgehen, wobei jeder einen andern Weg nach Armentières einzuschlagen hatte. Planchet, von allen der gewandteste, sollte auf demjenigen fortziehen, den der Wagen mit dem Bedienten von Rochefort genommen, und auf den die drei Freunde gefeuert hatten. Alle vier sollten sich am nächsten Morgen um elf Uhr an einem bezeichneten Orte versammeln, hätten sie Myladys Aufenthalt entdeckt, sollten drei zurückbleiben, um sie zu bewachen, der vierte sollte nach Bethune zurückeilen, um Athos Kunde zu bringen und den drei Freunden als Führer zu dienen. Als diese Maßregeln getroffen waren, begaben sich die Bedienten zur Ruhe. Nun erhob sich Athos von seinem Stuhle, gürtete sich das Schwert um, wickelte sich in seinen Mantel und verließ das Gasthaus. Es war zehn Uhr, und bekanntlich lassen sich in der Provinz um diese Zeit nur selten Menschen auf der Straße treffen. Es war offenbar, daß Athos jemanden suchte, an den er eine Frage stellen könnte. Endlich ging ein Verspäteter vorbei, er trat zu ihm hin und sprach mit ihm einige Worte. Dieser Mann, an den er sich gewandt hatte, zog sich erschreckt zurück, doch beantwortete er durch Gebärden die Frage des Musketiers. Athos bot ihm eine halbe Pistole, wenn er ihn begleiten wollte, allein der Mann weigerte sich. Athos vertiefte sich in eine Gasse, die ihm dieser Mann mit dem Finger bezeichnet hatte, als er aber zu einem Querweg kam, geriet er aufs neue in sichtliche Verlegenheit. Er blieb jedoch an diesem Querweg stehen, weil er hier sicherer als irgendwo einen Menschen zu treffen hoffte. Bald darauf ging wirklich ein Nachtwächter vorüber. Athos wiederholte dieselbe Frage, die er bereits an jenen Mann gestellt hatte. Der Nachtwächter zeigte denselben Schrecken, weigerte sich gleichfalls, Athos zu begleiten, und wies ihm mit der Hand den Weg, den er zu nehmen hatte. Athos schritt in der angedeuteten Richtung weiter und erreichte die am entgegengesetzten Ende liegende Vorstadt. Hier schien er aufs neue unruhig und verlegen, und hielt zum drittenmal an. Glücklicherweise kam ein Bettler vorüber, der zu Athos trat und ihn um Almosen anflehte. Athos bot ihm einen Taler an, wenn er ihn begleiten wollte. Der Bettler zögerte einen Augenblick, da er aber in der Dunkelheit das Geldstück funkeln sah, entschloß er sich und ging Athos voraus. Als sie zu einer Straßenecke kamen, zeigte er ihm von fern ein kleines, einsam gelegenes und düsteres Haus. Athos ging rasch dahin, indes sich der Bettler nach empfangener Belohnung in aller Hast aus dem Staube machte. Athos ging rund um das Haus, ehe er an dem rotbemalten Hause die Tür wahrnahm. Kein Licht flimmerte durch die Spalten der Fensterbalken, kein Geräusch ließ vermuten, daß es bewohnt sei; es war stumm und traurig wie ein Grab. Athos pochte dreimal an, ohne daß man Antwort gab: beim dritten Schlage näherten sich im Innern Tritte, die Tür ging zur Hälfte auf und ein Mann von hohem Wuchs, blasser Gesichtsfarbe, schwarzen Haaren und schwarzem Barte kam zum Vorschein. Athos sprach mit ihm einige Worte ganz leise, dann gab der Mann von hoher Gestalt dem Musketier einen Wink, daß er eintreten könne. Athos kam der Aufforderung nach, und hinter ihm schloß sich die Tür wieder. Der Mann, den Athos in so großer Entfernung aufgesucht, und nur mühevoll gefunden hatte, ließ ihn in ein Laboratorium eintreten, wo er eben damit beschäftigt war, die klappernden Gebeine eines Gerippes mittels Eisendraht zusammenzufügen. Bereits war der ganze Leib zusammengesetzt, und nur der Kopf lag noch auf dem Tisch. Die ganze übrige Einrichtung zeigte an, daß sich dieser Mann, bei dem man sich befand, mit Naturwissenschaften befasse. Es gab hier gläserne Gefäße voll von Schlangen mit Aufschriften, je nach den Arten, getrocknete Eidechsen glänzten wie Smaragde in großen, hölzernen Rahmen, Bündel von wildwachsenden aromatischen Kräutern, sicherlich von Eigenschaften und Kräften, die dem gemeinen Haufen unbekannt waren, hingen am Plafond und in den Winkeln des Gemachs. Athos richtete einen kalten, gleichgültigen Blick auf diese erwähnten Gegenstände und setzte sich zu dem Manne, der ihm neben sich einen Platz angewiesen hatte. Er eröffnete ihm den Zweck seines Kommens und den Dienst, den er von ihm verlangte; aber kaum hatte er ihm seinen Wunsch mitgeteilt, als der Unbekannte, der vor dem Musketier stehengeblieben war, voll Schreck zurückwich unb sich weigerte, ihm Folge zu leisten. Athos nahm aus seiner Tasche ein kleines Papier, worauf zwei Zeilen standen, mit Unterschrift und Siegel versehen, und bot es demjenigen dar, der sein Widerstreben zu frühzeitig geäußert hatte. Der Mann von hoher Gestalt hatte die paar Zeilen kaum gelesen, die Unterschrift gesehen und das Siegel erkannt, als er sich verneigte, zum Zeichen, daß er keine Einwendung mehr mache, sondern Folge zu leisten bereit sei. Athos verlangte nichts weiter, stand auf, verließ das Haus, ging auf demselben Wege, den er gekommen war, wieder durch die Gassen, kehrte in das Gasthaus zurück und sperrte sich in seinem Zimmer ab. Mit Tagesanbruch kam d'Artagnan zu ihm und fragte, was zu tun sei. »Warten,« entgegnete Athos.

Bald darauf ließ die Äbtissin des Klosters den drei Musketieren melden, daß das Begräbnis des Opfers von Mylady um die Mittagsstunde stattfinde. Was die Giftmischerin betrifft, so hörte man nichts von ihr; man wußte nur, daß sie durch den Garten entschlüpft war, erkannte am Boden die Spuren ihrer Tritte, und fand die Tür, von welcher der Schlüssel verschwunden war, wieder zugeschlossen. Lord Winter und die vier Freunde verfügten sich zur angegebenen Stunde in das Kloster; alle Glocken wurden geläutet, die Kapelle stand offen, und nur das Chorgitter war geschlossen. Mitten im Chor war der Leichnam des Opfers in Novizenkleidung ausgesetzt. Auf jeder Seite des Chores und hinter dem Gitter waren alle Karmeliterinnen versammelt, hörten von hier aus den Gottesdienst an und vereinigten ihren Gesang mit dem Gesang der Priester, ohne daß sie die Laien sahen, oder von ihnen gesehen wurden. Am Eingang der Kapelle fühlte sich d'Artagnan abermals mutlos; er wandte sich um, Athos aufzusuchen, doch dieser war verschwunden. Athos ließ sich, seiner Rachesendung getreu, in den Garten führen, verfolgte im Sande die leichten Fußstapfen der Frau, von der überall, wo sie nur erschien, eine blutige Spur zurückblieb, kam bis zu der Pforte, schloß sie auf und vertiefte sich in den Wald. Alle Vermutungen bestärkten sich; der Weg, auf dem der Wagen fortgefahren war, ging um den Wald herum. Athos ging auf demselben eine Strecke fort, die Augen auf den Boden geheftet; leichte Blutspuren, die entweder von der Verwundung des Mannes herrührten, der den Wagen als Kurier begleitete, oder von einem verletzten Pferde, besprengten den Pfad. Etwa nach dreiviertel Meilen, fünfzig Schritte von Festubert entfernt, zeigte sich ein größerer Blutfleck; der Boden war von Pferden zerstampft. Zwischen dem Wald und dieser verräterischen Stelle, eine kleine Strecke hinter dem zerstampften Boden, traf man dieselbe Spur von kleinen Tritten; hier hatte der Wagen angehalten. An dieser Stelle hatte Mylady den Wald verlassen, und war in den Wagen gestiegen. Athos war mit dieser Entdeckung zufrieden, wodurch sich alle seine Vermutungen bestärkten, und kehrte in das Gasthaus zurück, wo er Planchet fand, der schon sehnlichst auf ihn wartete. Alles war so, wie es Athos vorausgesehen hatte. Planchet bemerkte auf dem Wege, den er genommen, ebenso wie Athos die Blutspuren, und erkannte die Stelle, wo die Pferde anhielten; er ging jedoch weiter als Athos. denn er hatte im Wirtshaus des Dorfes Festubert, wo er einsprach, erfahren, daß um halb neun Uhr tags zuvor ein verwundeter Mann, der in einer Postchaise eine reisende Dame begleitete, einzukehren gezwungen war, weil es ihm die Schmerzen nicht erlaubten, weiterzureisen. Man setzte diesen Unfall auf Rechnung von Räubern, die den Wagen in jenem Wald angegriffen haben sollten. Der Mann war im Dorfe zurückgeblieben, aber die Frau nahm frische Pferde und setzte ihre Reise fort. Planchet suchte den Postillon auf, und fand ihn auch. Er hatte die Dame bis Fromelles geführt, von wo sie weiter nach Armentières reiste. Planchet kam auf einem Seitenpfad um acht Uhr nach Armentières. Hier war nur ein Gasthaus, das »Zur Post«. Planchet gab sich für einen dienstlosen Lakai aus, der einen Herrn suchte. Er unterhielt sich noch nicht zehn Minuten lang mit den Leuten dieses Hauses, als er schon in Erfahrung gebracht hatte, um elf Uhr abends sei eine Frau ganz allein angekommen, habe ein Zimmer genommen, den Wirt gerufen und ihm gesagt, daß sie sich einige Zeit in dieser Gegend aufhalten wolle. Planchet hatte nicht mehr zu wissen nötig. Er eilte an den bestimmten Ort der Zusammenkunft, traf da die Lakaien pünktlich an ihrem Posten, stellte sie als Schildwachen vor alle Ausgänge des Wirtshauses und kehrte zu Athos zurück, der eben die letzte Kunde von Planchet vernommen hatte, als seine Freunde wieder zu ihm kamen. Auf den Gesichtern aller hatten sich düstere Wolken gelagert, selbst auf Aramis' Antlitz. »Was soll nun geschehen?« fragte d'Artagnan. »Warten,« entgegnete Athos. Um acht Uhr abends gab Athos Befehl, die Pferde zu satteln, und Lord Winter und seinen Freunden zu melden, da sie sich zu dem Zuge bereithalten mögen. Alle fünf waren im Augenblick bereit. Jeder suchte seine Waffen und setzte sie in gehörigen Stand. Athos kam zuletzt hinab, und traf d'Artagnan schon ungeduldig zu Pferde. »Geduld, d'Artagnan!« rief Athos, »es fehlt noch einer.« Die vier Freunde blickten erstaunt umher, denn es konnte ihnen nicht einleuchten, wer noch fehlen sollte. In diesem Moment führte Planchet Athos' Pferd herbei. Der Musketier schwang sich leicht in den Sattel. »Warten Sie auf mich,« sprach er, »ich komme alsbald wieder.« Er ritt im Galopp davon. Nach Verlauf einer Viertelstunde kam er wirklich in Begleitung eines maskierten und in einem großen roten Mantel gehüllten Mannes wieder zurück. Lord Winter und die drei Musketiere warfen sich fragende Blicke zu. Sie wußten einander keine Auskunft zu geben, da keiner diesen Mann kannte. Indes dachten sie, es müsse so sein, weil es auf Athos' Anordnung geschah. Um neun Uhr setzte sich die kleine Reiterschar, von Planchet geführt, in Bewegung und schlug den Weg ein, den der Wagen genommen hatte.


 << zurück weiter >>