Alexander Dumas
Die drei Musketiere
Alexander Dumas

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In der Gefangenschaft

Mylady träumte, sie habe endlich d'Artagnan erhascht, und wohne seiner Hinrichtung bei; der Anblick seines verhaßten Blutes, das unter dem Beil des Henkers floß, erzeugte jenes reizende Lächeln auf ihren Lippen. Sie schlief, wie ein Gefangener schläft, den seine erste Hoffnung einwiegt. Als man am folgenden Morgen in ihr Gemach kam, war sie noch im Bette. Felton blieb im Korridor; er brachte die Frau, von der er tags zuvor gesprochen hatte. Diese Frau trat ein, näherte sich dem Bette Myladys und trug ihr ihre Dienste an. Mylady war blaß, somit konnte ihre Gesichtsfarbe diejenige berücken, die sie zum erstenmal sah. »Ich habe das Fieber,« sagte sie, »und konnte die ganze Nacht keinen Augenblick lang schlafen. Ich leide entsetzlich; werdet Ihr doch menschlicher sein, als man es gestern gegen mich war? Alles, was ich wünsche, ist, daß ich liegenbleiben kann.« »Wollen Sie, daß man einen Arzt hole?« fragte die Frau. Felton hörte dieses Gespräch an, ohne daß er ein Wort sagte. »Einen Arzt holen,« entgegnete sie, »wozu? Diese Herren haben gestern erklärt, daß mein Übel nur eine Komödie sei; und heute würden sie sicher dasselbe sagen, denn seit gestern hätte man Zeit genug gehabt, einen Arzt zu rufen.« »Nun, so sprechen Sie selbst,« sagte Felton ungeduldig, »was für eine Behandlung Sie wollen!« »Ach, mein Gott! weiß ich es? Ich fühle nur, daß ich leidend bin. Man gebe mir, was man will, mir gilt es gleich.« »Beruft Lord Winter!« sagte Felton der ewigen Klagen müde. »Ach, nein, nein!« rief Mylady, »nein, mein Herr, ich beschwöre Sie, rufen Sie ihn nicht; ich fühle mich wohl, ich bedarf nichts, holen Sie ihn nicht.« Sie legte in die Bitte so viel natürlichen Nachdruck, daß Felton, davon hingerissen, einige Schritte vorwärts trat. »Er ist gerührt,« dachte Mylady. »Wenn Sie wirklich leidend sind, Madame,« sprach Felton, »so wird man nach einem Arzt schicken; und wenn Sie uns täuschen, nun, so fällt es für Sie um so schlimmer aus, wir haben uns mindestens keinen Vorwurf zu machen.« Mylady gab keine Antwort, sondern lehnte ihren schönen Kopf zurück auf das Kissen, vergoß Tränen und brach in Schluchzen aus. Felton betrachtete sie ein Weilchen mit seiner gewöhnlichen Fühllosigkeit; da er aber sah, daß sich die Krisis zu verlängern drohe, entfernte er sich. Die Frau folgte ihm. Lord Winter kam nicht. »Mich dünkt, daß ich klar zu sehen anfange,« murmelte Mylady mit wilder Freude und wühlte sich in ihre Kissen, um allen denen, die sie belauschen könnten, ihre innere Wonne zu verbergen. Zwei Stunden gingen so vorüber. »Nun ist es Zeit,« sagte sie, »mit der Krankheit aufzuhören. Wir wollen aufstehen, und noch heute einigen Erfolg zu erzielen trachten. Ich habe nur zehn Tage, und mit diesem Abend sind schon zwei Tage vorüber.« Als die Leute des Morgens in Myladys Zimmer kamen, brachten sie ihr das Frühmahl. Sie dachte, man würde nicht lange säumen, es wegzutragen, und da würde sie Felton wiedersehen. Mylady irrte nicht. Felton kam abermals, und ohne darauf zu achten, ob Mylady das Frühstück eingenommen habe oder nicht, gab er Befehl, den Tisch wegzuschaffen, der gewöhnlich ganz serviert hereingetragen wurde. Felton blieb zurück. Er hatte ein Buch in der Hand. Mylady, die neben dem Kamin in einem Armsessel lehnte, war schön, blaß und ergeben und glich einer Jungfrau, die des Märtyrertums gewärtig ist. Felton trat zu ihr hin und sagte: »Lord Winter, der Katholik ist, wie Sie, Madame, dachte, daß Ihnen die Entbehrung der Gebräuche und Zeremonien Ihres Glaubens beschwerlich fallen dürfte; er erlaubte sonach, daß ich Ihnen dieses Erbauungsbuch bringe.« Bei der Miene, mit welcher Felton dieses Buch auf den Tisch legte, an dem Mylady saß, bei dem Tone seiner Worte: »Erbauungsbuch«, bei dem verächtlichen Lächeln, womit er dieselben begleitete, erhob Mylady den Kopf und faßte ihn aufmerksamer ins Auge. An dem ernsten Zuschnitt seiner Haare, an der höchst einfachen Kleidung, an der marmorglatten Stirn, die ebenso hart und undurchdringlich wie Marmor war, erkannte sie einen von den finsteren Puritanern, wie sie solche so oft an dem Hofe des Königs Jakob, wie an dem des Königs von Frankreich gesehen hatte, wo sie bisweilen ungeachtet der Erinnerung an die St. Bartholomäusnacht Zuflucht gesucht haben.

Sie hatte eine von den plötzlichen Eingebungen, wie sie nur Menschen von Genialität in großen Krisen und wichtigen Momenten haben, die über Glück und Leben entscheiden sollen, und sagte: »Lord Winter weiß recht gut, daß ich nicht seines Glaubens bin, und es ist nur eine Schlinge, die er mir zu legen beabsichtigt.« »Aber welchen Glaubens sind Sie denn, Madame?« fragte Felton mit einer Verwunderung, die er ungeachtet seiner Selbstbeherrschung nicht ganz verbergen konnte. »Ich werde es sagen,« sprach Mylady mit erkünstelter Begeisterung, »ich werde es an dem Tage sagen, da ich genug für meinen Glauben gelitten haben werde.« Feltons Blick enthüllte vor Mylady den ganzen Umfang des Raumes, den sie durch dieses einzige Wort aufgeschlossen hatte. Indes verhielt sich der junge Mann schweigend und unbeweglich. Nur sein Blick war beredt. »Ich befinde mich in den Händen meiner Feinde,« fuhr sie in jenem Tone der Begeisterung fort, der, wie sie wußte, den Puritanern eigen war. »Gott wolle mich erretten, oder ich will für meinen Gott untergehen. Diese Antwort bitte ich Lord Winter zu bringen,« fügte sie bei und zeigte mit dem Finger auf das Erbauungsbuch, ohne es aber zu berühren, »und das hier können Sie wieder mitnehmen und selbst gebrauchen, denn Sie sind zweifelsohne ein doppelter Mitschuldiger des Lord Winter; mitschuldig bei seiner Verfolgung und mitschuldig bei seiner Ketzerei.« Felton gab keine Antwort. Er nahm das Buch mit demselben Gefühl des Widerwillens, das er schon geäußert hatte, und entfernte sich tiefsinnig. Gegen fünf Uhr abends kam Winter. Mylady hatte den ganzen Tag Zeit, ihre Operationspläne zu entwerfen. Sie empfing ihn als eine Frau, die schon wieder im Besitz ihrer Vorteile ist. Der Baron setzte sich in einen Lehnstuhl, dem gegenüber, den Mylady einnahm, streckte die Füße bequem nach dem Kamin aus und sagte: »Es scheint, daß wir eine kleine Apostasie gemacht haben.« »Was wollt Ihr damit sagen, mein Herr?« »Ich will damit sagen, daß Ihr, seit wir uns das letztemal sahen, den Glauben verändert habt. Nun, habt Ihr etwa einen dritten protestantischen Gemahl genommen?« »Erklärt Euch, Mylord,« erwiderte die Gefangene mit Majestät, »denn ich versichere, daß ich zwar Eure Worte höre, dieselben aber nicht verstehe.« »Dann habt Ihr gar keinen Glauben, und das ist mir um so lieber,« entgegnete Lord Winter höhnisch lachend. »Das ist dann gewiß mehr nach Euren Grundsätzen,« sagte Mylady kalt. »Ich muß Euch bekennen, daß mir das ganz gleichgültig ist. Bekennt immerhin diese religiöse Gleichgültigkeit, Eure Laster und Verbrechen sind dafür zureichende Beweise.« »Wie doch, Ihr redet von Lastern, Frau Messalina? Ihr redet von Verbrechen, Lady Macbeth? Entweder habe ich falsch verstanden, oder bei Gott! Ihr seid höchst unverschämt.« »Ihr sprecht so, weil man uns hört, mein Herr!« versetzte Mylady mit kaltem Ton, »und weil Ihr Eure Kerkermeister und Henker gegen mich stimmen wollt.« »Meine Kerkermeister, meine Henker! Potz Wetter, Madame, Ihr stimmt da einen seltsamen Ton an, und die Komödie von gestern verwandelt sich heute Abend in eine Tragödie. Übrigens werdet Ihr in acht Tagen da sein, wo Ihr sein sollt, und mein Geschäft ist abgetan.« »Ruchlosigkeit, schändliche Ruchlosigkeit!« rief Mylady mit der Begeisterung des Opfers, das seinen Richter herausfordert. »Auf Ehre,« sprach Lord Winter aufstehend, »ich glaube, die drollige Person kommt von Sinnen. Gebt Euch zur Ruhe, Frau Puritanerin, oder ich lasse Euch in das Gefängnis stecken. Beim Himmel, mein spanischer Wein geht Euch zu Kopfe, nicht wahr? Doch seid unbekümmert, diese Trunkenheit ist gefahrlos und wird keine Folgen nach sich ziehen.«

Hier entfernte sich Lord Winter unter Flüchen, was damals eine ganz ritterliche Gewohnheit war. Felton, der stets an der Tür stand, hatte kein Wort von dieser Unterredung verloren. Mylady hatte ihn richtig durchblickt. »Ja geh nur, geh,« rief sie ihrem Schwager nach, »die Folgen kommen gewiß nach; doch, du sollst sie erst erfahren, wenn es nicht mehr Zeit ist, denselben auszuweichen.« Es trat abermals ein Stillschweigen ein; zwei Stunden vergingen, und man brachte das Abendbrot; man fand Mylady mit ihrem Gebet beschäftigt, mit einem Gebet, das sie von einem Diener ihres zweiten Gemahls, einem sehr eifrigen Puritaner, gelernt hatte. Sie schien derart in Andacht versunken, daß man hätte glauben mögen, sie achte gar nicht auf das, was um sie her geschah. Felton gebot durch einen Wink, sie nicht zu stören, und als alles in Ordnung war, ging er mit den Soldaten geräuschlos fort. Mylady wußte wohl, daß sie belauscht werden konnte, darum setzte sie auch ihr Gebet bis ans Ende fort, und es dünkte sie, als ob der Soldat, der an ihrer Tür wachte, nicht mehr denselben Schritt hielt, sondern horchte. Für jetzt wollte sie nicht mehr; sie erhob sich, setzte sich zu Tisch, aß wenig und trank nichts als Wasser. Einige Stunden darauf kam man herbei, um den Tisch wegzutragen. Aber Mylady bemerkte, daß Felton diesmal die Soldaten nicht begleitete. Er war also beängstigt, daß er sie zu oft sehe. Sie wandte sich ab, um zu lächeln, denn in diesem Lächeln lag ein so triumphierender Ausdruck, daß sie sich schon dadurch hätte verraten können. Sie ließ wieder eine halbe Stunde vorübergehen, und da in diesem Augenblick im alten Schloß alles still war, und nur das ewige Rauschen des Meeres, dieses ungeheure Atemholen des Ozeans, gehört wurde, so stimmte sie mit ihrer reinen, klangvoll vibrierenden Stimme die erste Strophe eines Liedes an, das damals bei den Puritanern sehr beliebt war: »O Herr, du ziehst dich nur zurück, um uns zu prüfen in dem Leben, und dann nach Leid und Mißgeschick den Preis für unsre Kraft zu geben.« Diese Verse waren keineswegs ausgezeichnet, hierzu hätte noch viel gefehlt; allein die Protestanten kümmerten sich nicht um die Poesie. Während Mylady sang, lauschte sie zugleich. Der Soldat, der vor ihrer Tür Wache stand, verhielt sich still, als wäre er in Stein verwandelt worden. Danach konnte Mylady die Wirkung ihres Gesangs beurteilen. Indes scheint es, daß der wachhabende Soldat, der zweifelsohne eines andern Glaubens war, den Zauber abschüttelte, denn er öffnete das Gitter an der Tür und sagte: »Sind Sie doch still, Madame; Ihr Gesang ist so traurig wie eine de profundis, und müßte man außer der Freude, hier in Garnison zu liegen, auch noch solche Dinge anhören, so wäre es nicht zu ertragen.« »Stille!« rief eine ernste Stimme, an der Mylady Felton erkannte. »In was mengt Ihr Euch, Bursche! Hat man Euch befohlen, dieser Frau das Singen zu wehren? Nein, man hat Euch gesagt, sie zu bewachen, und auf sie zu schießen, wenn sie es versuchen sollte, zu entfliehen. Bewacht sie, schießt auf sie, wenn sie entfliehen will, doch ändert nichts an Eurem Auftrag.« Mylady begann hierauf wieder zu singen: »Für so viel Tränen, so viel Schmerz, den ich in meinem Bann erleide, belohnet Gott mein reines Herz mit Jugend, mit Gebet und Freude.« Die höchst umfangreiche Stimme voll erhabener Leidenschaft verlieh der rohen Poesie dieses Liedes eine Zauberkraft, die selbst die begeisterten Puritaner in den Gesängen ihrer Brüder nur selten fanden. Felton glaubte den Engel singen zu hören, der die drei Jünglinge im Feuerofen tröstete. Mylady fuhr fort: »Der Tag der Freiheit kommt heran. Gott wird zur Flucht die Feinde treiben, und trügt uns auch der fromme Wahn, wird doch der Märtyrtod uns bleiben!« Diese Strophe, in welche die furchtbare Zauberin ihre ganze Seele ergoß, hatte das Herz des jungen Offiziers vollends verwirrt. Er öffnete hastig die Tür, und Mylady sah ihn, zwar blaß, wie immer, doch mit funkelnden, fast irren Augen eintreten. »Warum singen Sie so?« fragte er, »und mit einer solchen Stimme?« »Um Vergebung, mein Herr,« versetzte Mylady in sanftem Ton, »ich vergaß, daß meine Lieder in diesem Hause nicht üblich sind. Ich bin Ihnen gewiß in Ihrem Glauben nahegetreten, allein ich schwöre, daß es unwillkürlich geschah. Vergeben Sie mir also einen Fehler, der vielleicht groß, doch sicher absichtslos war.« »Jawohl,« erwiderte er, »ja, Sie stören die Leute in diesem Schlosse, Sie bringen sie in Aufregung.« Der arme Verrückte gewahrte nicht einmal das Unzusammenhängende seiner Worte, während Mylady mit ihrem Luchsauge in den tiefsten Grund seiner Seele drang. »Ich will schweigen,« sagte sie und schlug die Augen mit der ganzen Weichheit nieder, die sie ihrer Stimme zu geben vermochte, mit der ganzen Resignation in Miene und Gebärde. »Nein, nein, Madame,« entgegnete Felton, »singen Sie nur etwas weniger laut, zumal des Nachts.« Nach diesen Worten stürzte Felton aus dem Gemach, da er fühlte, er vermöge seine Haltung der Gefangenen gegenüber nicht länger zu behaupten.

Felton war gekommen, doch blieb noch ein Schritt zu tun übrig; man mußte ihn zurückhalten, oder aber er mußte ganz allein bleiben und Mylady erblickte nur dunkel das Mittel, das sie zu diesem Resultat bringen sollte. Mylady konnte aber ungeachtet dieser Macht der Verführung an der geringsten Zufälligkeit scheitern, weil Felton schon in Kenntnis gesetzt war. Es war ein ziemlich hübscher Sommertag, und ein Strahl der blassen Sonne Englands, die wohl erleuchtet, aber nicht erwärmt, fiel durch die Gitter des Gefängnisses. Mylady sah durch das Fenster und tat, als hörte sie das Öffnen der Tür nicht, durch die Lord Winter jetzt eintrat. »Ah, ah,« rief Lord Winter, »nachdem man Komödie gespielt hat und nachdem man Tragödie gespielt hat, spielt man jetzt Melancholie?« Die Gefangene gab gar keine Antwort. »Ja, ja, ich begreife wohl,« fuhr Lord Winter fort; »Ihr wäret auf diesem Seegestade gern in Freiheit, Ihr möchtet gern auf einem guten Schiffe die Fluten dieser smaragdenen See durchsteuern; Ihr möchtet mir gern, ob nun zu Wasser oder zu Land, eine jener guten, kleinen Schlingen legen, die Ihr so trefflich zu werfen versteht. Geduld, nur Geduld! In vier Tagen ist Euch das Gestade erlaubt, steht Euch das Meer offen, vielleicht weiter als Ihr wünschen möget, denn in vier Tagen ist England von Euch erlöst.« Mylady faltete die Hände und erhob ihre schönen Augen zum Himmel. »Herr, Herr!« rief sie mit engelmilder Weichheit in Ton und Miene, »vergib diesem Manne, wie auch ich ihm vergebe.« »Ja, bete nur, Verdammte,« sprach der Baron, »dein Gebet ist um so edelmütiger, als du dich, das schwöre ich dir, in der Gewalt eines Menschen befindest, der dir nicht verzeihen wird.« Dann ging er fort. In dem Augenblick, wo er sich entfernte, glitt ein Blick durch die halb geöffnete Tür, und sie bemerkte Felton, der sich schnell zurückzog, damit sie ihn nicht sehen sollte. Sonach fiel sie auf die Knie und fing an zu beten. »Mein Gott, mein Gott,« sprach sie, »du weißt, weshalb ich leide; gib mir nur Kraft, mein Leid ertragen zu können.« Die Tür ging langsam auf; die schöne Andächtlerin stellte sich, als hätte sie es gar nicht gehört, und fuhr mit kläglicher Stimme fort: »O Gott, du Rächer! Gott der Güte! wirst du es zugeben, daß die schrecklichen Pläne dieses Mannes in Erfüllung gehen?« Jetzt erst machte sie Miene, als hörte sie das Geräusch der Tritte Feltons, und indem sie rasch wie ein Gedanke in die Höhe sprang, errötete sie, als ob sie sich schämte, daß man sie auf den Knien überrascht habe. »Madame, ich störe nicht gern die Andächtigen,« sagte Felton in ernstem Ton. »Ich beschwöre Sie also, lassen Sie sich durch mich nicht unterbrechen.« »Wie wissen Sie denn, daß ich andächtig war, mein Herr?« fragte Mylady mit schluchzender Stimme. »Sie irren, ich habe nicht gebetet.« »Glauben Sie denn, Madame,« erwiderte Felton mit demselben Ernst, doch mit etwas weicherer Betonung, »glauben Sie, daß ich mich für berechtigt halte, ein Geschöpf, das sich vor seinem Schöpfer niederwerfen will, daran zu verhindern? Verhüte es Gott! Außerdem steht dem Schuldbewußten die Reue gut; welche Sünde Sie auch begangen haben mögen, so ist mir ein Schuldiger zu Gottes Füßen jederzeit heilig.« »Ich eine Schuldige,« versetzte Mylady mit einem Lächeln, das einen Engel des Jüngsten Gerichts hätte täuschen können. »Ich eine Schuldige, o mein Gott! Du weißt es, ob ich es bin! Sagen Sie, mein Herr, ich sei verdammt; doch Sie wissen, der die Märtyrer liebt, läßt es oftmals geschehen, daß die Schuldlosen hienieden verurteilt werden.« »Mögen Sie verurteilt, mögen Sie schuldlos, mögen Sie eine Märtyrin sein,« erwiderte Felton, »Sie haben um so mehr Ursache, andächtig zu sein, und ich will Sie mit meinem Gebet unterstützen.« »O, Sie sind ein Gerechter!« rief Mylady und fiel ihm zu Füßen, »ach, ich kann mich nicht länger mehr zurückhalten, denn ich fürchte, daß es mir in dem Moment an Kraft gebreche, wo ich den Kampf bestehen und meinen Glauben bekennen soll: hören Sie das Flehen einer Frau, die ein Raub der Verzweiflung ist. Man hintergeht Sie, mein Herr, doch davon sei nicht die Rede. Ich bitte Sie nur um eine Gnade, und wenn Sie mir dieselbe gewähren, so segne ich Sie dafür in dieser und jener Welt.« »Reden Sie mit dem Herrn, Madame,« antwortete Felton, »ich bin glücklicherweise nicht bevollmächtigt, zu verzeihen oder zu bestrafen. Gott hat diese Verantwortlichkeit einem Höheren eingeräumt.« »Nein, mit Ihnen, nur mit Ihnen. Hören Sie mich, und tragen Sie nicht bei zu meiner Schmach, zu meinem Verderben.« »Wenn Sie diese Schmach verdienen, wenn Sie diese Schande selbst auf sich geladen haben, Madame, so müssen Sie sich auch geduldig unterwerfen und dem Willen Gottes ergeben.« »Was sprechen Sie da? O, Sie verstehen mich nicht. Wenn ich von Schande rede, so wähnen Sie, ich rede von einer Bestrafung, von Kerker oder Tod. Möchte es dem Himmel so gefallen. Was ist mir an Tod oder Kerker gelegen?« »Nun begreife ich Sie nicht mehr, Madame,« sagte Felton. »Oder Sie stellen sich nur, als verständen Sie mich nicht, mein Herr,« versetzte die Gefangene mit einem verzweifelten Lächeln. »Nein, Madame, bei der Ehre eines Soldaten, bei dem Glauben eines Christen!« »Wie doch, Sie kennen hinsichtlich meiner Person die Absichten von Lord Winter nicht?« »Ich kenne sie nicht.« »Unmöglich! Sie, sein Vertrauter?« »Madame, ich lüge niemals.« »O, er verstellt sich wenig, als daß man dieselben nicht erraten könnte.« »Ich suche nichts zu erraten, Madame, sondern ich warte, bis man mir das Vertrauen schenkt, und über das, was mir Lord Winter in Ihrem Beisein sagte, hat er mir nichts anvertraut.« »Nun,« rief Mylady mit einem unglaublichen Ausdruck von Wahrheit, »Sie sind also nicht sein Mitschuldiger! Sie wissen also nicht, daß er mir eine Schmach anzutun willens ist, die alle Strafen der Welt an Häßlichkeit übertrifft?« »Sie irren, Madame,« erwiderte Felton errötend, »Lord Winter ist nicht fähig eines solchen Verbrechens.« »Der Freund des Schändlichen ist zu allem fähig.« »Wen nennen Sie den Schändlichen?« fragte Felton. »Gibt es in England zwei Menschen, denen dieser Name zukommen könnte?« »Sprechen Sie von George Villiers?« fragte Felton mit funkelnden Augen. »Den die Heiden, die Ungläubigen, die Gotteslästerer Herzog von Buckingham nennen,« rief Mylady; »ich hätte nicht gedacht, es gebe in ganz England einen Menschen, der einer so langen Erörterung bedürfe, um den zu erkennen, von dem ich reden wollte.« »Die Hand des Herrn ist über ihn ausgestreckt, er wird der Züchtigung nicht entgehen, die er verdient.« Felton sprach rücksichtlich des Herzogs nur das Gefühl der Verwünschung aus, das alle Engländer gegen ihn nährten, von denen ihn viele ganz schlechthin Satan hießen. »O, mein Gott, mein Gott!« rief Mylady, »wenn ich zu dir flehe, du wolltest diesen Menschen bestrafen, wie er es verschuldete, so weißt du, es ist nicht mein eigenes Rachewerk, das ich verfolge, sondern die Befreiung eines Volkes, um die ich den Himmel bestürme.« »Sie kennen ihn also?« fragte Felton. »Ob ich ihn kenne – ach, ja! zu meinem Unheil, zu meinem ewigen Unheil!« – dabei rang Mylady die Hände, als wäre sie von einem Paroxysmus des Schmerzes befallen. Felton empfand zweifelsohne in sich, daß ihn die Kraft verließ; er tat einige Schritte gegen die Tür; allein die Gefangene, die ihn nicht aus den Augen ließ, eilte ihm nach und hielt ihn zurück. »Mein Herr,« rief sie, »o seien Sie barmherzig, hören Sie meine Bitte, das Messer, das die unselige Vorsicht des Barons weggenommen hat, weil er weiß, welchen Gebrauch ich davon machen will . . . O, hören Sie mich bis zu Ende. Dieses Messer, ach! geben Sie es mir nur auf eine Minute zurück, geben Sie es mir aus Gnade, aus Mitleid. Ich umklammere Ihre Knie! – Sie schließen die Tür. – Ach, ich will nicht Ihnen ans Leben gehen, Gott! Ihnen ans Leben gehen, Ihnen, dem einzigen gerechten, gütevollen und teilnehmenden Wesen, das ich hier gefunden habe – Ihnen – vielleicht meinem Retter! Eine Minute, nur eine Minute lang dieses Messer, und ich gebe es Ihnen wieder zurück durch das Gitter der Tür! Nur eine Minute, Herr Felton! und Sie haben mir die Ehre gerettet.« »Sie töten!« rief Felton voll Schrecken, und vergaß seine Hände aus den Händen der Gefangenen zurückzuziehen; »Sie töten!« »Ich habe es ausgesagt, mein Herr,« murmelte Mylady, senkte ihre Stimme und fiel kraftlos auf den Boden nieder, »ich habe mein Geheimnis ausgesagt, er weiß alles, mein Gott, ich bin verloren.« Felton blieb regungslos und unentschlossen stehen. Man hörte im Korridor gehen, Mylady erkannte den langsamen Tritt des Lord Winter. Auch Felton erkannte ihn und näherte sich der Tür. Mylady erhob sich rasch und sprach mit gedämpfter Stimme: »O, nicht ein Wort, reden Sie nicht ein Wort zu diesem Menschen von alledem, was ich Ihnen gesagt habe, oder ich bin verloren – und Sie – Sie – –« Felton drückte Mylady sanft zurück, und diese sank auf einen Stuhl. Lord Winter schritt an der Tür vorbei, ohne daß er anhielt, und man hörte das Geräusch der Tritte, wie sie sich entfernten. Felton war blaß wie der Tod und horchte ein Weilchen mit gespannten Ohren, doch als das Geräusch gänzlich verhallte, atmete er wie ein Mensch, der aus dem Traum erwacht, und verließ eilig das Zimmer. »Wenn er mit dem Baron spricht,« sagte sie sich, »so bin ich verloren; denn der Baron, der recht gut weiß, daß ich mir das Leben nicht nehme, wird mir in seiner Gegenwart ein Messer in die Hände geben, und Felton wird sehen, daß diese ganze bedrohliche Verzweiflung nichts weiter war als ein Schauspiel.« Sie stellte sich vor den Spiegel und betrachtete sich; sie war noch nie so schön gewesen. Am Abend kam Lord Winter zugleich mit dem Mahl. Er nahm sofort einen Lehnstuhl, stellte ihn neben sie, nahm darauf Platz, zog ein Papier aus seiner Tasche und entfaltete es langsam. Dann sprach er: »Hört, ich wollte Euch diesen Reisepaß zeigen, den ich selbst abgefaßt habe, und der Euch als Verhaltungsnorm in dem Leben dienen soll, das ich Euch lasse.« Dann wandte er sich unter Myladys Augen und las: »Befehl. Die . . . – der Name ist noch ausgelassen,« unterbrach sich Lord Winter, »gebt Ihr einem Ort den Vorzug, so nennt mir denselben, beträgt die Entfernung mindestens eintausend Meilen von London, so soll Eurem Wunsche willfahrt werden. – Ich fahre nun fort: Befehl. – Charlotte Backson, gebrandmarkt durch die Gerichte des Königreichs Frankreich, doch nach der erhaltenen Strafe wieder in Freiheit gesetzt, ist zu bringen nach . . . Sie hat in diesem Orte zu verbleiben, ohne sich jemals über drei Meilen weit zu entfernen. Für den Fall eines Fluchtversuches soll über sie die Todesstrafe verhängt werden. Für Wohnung und Kost hat sie täglich fünf Schilling zu beziehen.« »Dieser Befehl geht mich nicht an,« versetzte Mylady kalt, »indem ein anderer Name als der meinige eingeschrieben steht.« »Ein Name! – habt Ihr denn einen Namen?« »Ich habe den Eures Bruders.« »Ihr irrt; mein Bruder ist nur Euer zweiter Gemahl, und der erste ist noch am Leben. Nennt mir den Namen, und ich will ihn an die Stelle von Charlotte Backson setzen. Nun, wollt Ihr nicht? – Ihr schweigt. Gut, Ihr werdet unter dem Namen Charlotte Backson in die Gefangenenliste gesetzt.«

Mylady blieb stumm; nur geschah es diesmal nicht aus Heuchelei, sondern aus Schrecken. Sie dachte, man werde schnell diesen Befehl vollziehen, sie fürchtete, Lord Winter habe ihre Abreise beschleunigt und hielt sich schon für verurteilt, daß man sie diesen Abend noch wegbringen werde; für einen Augenblick wähnte sie schon alles verloren, als sie plötzlich bemerkte, daß der Befehl noch nicht mit einer Unterschrift ausgefertigt sei. Die Freude ob dieser Bemerkung war so groß, daß sie nicht im Stande war, dieselbe zu verhehlen. »Ja, ja!« sagte Lord Winter, als er gewahrte, was in ihr vorging, »ja, Ihr vermißt die Unterschrift, und sagt Euch, es wäre noch nicht alles verloren, weil das Aktenstück nicht unterfertigt ist. Man zeigt es mir bloß, um mich in Schrecken zu versetzen, das ist alles. – O, Ihr irrt, morgen wird dieser Befehl Lord Buckingham zugeschickt, übermorgen kommt er, von seiner Hand unterschrieben, und mit seinem Siegel versehen zurück, und vierundzwanzig Stunden darauf, das bürge ich, wird mit der Vollstreckung angefangen. Adieu, Madame, ich habe Euch nichts weiter mitzuteilen.« »Und ich, mein Herr, sage Euch noch, dieser Mißbrauch der Gewalt, diese Verbannung unter einem fremden Namen ist eine Ruchlosigkeit.« »Nun, Mylady, ist es Euch lieber, unter Eurem wahren Namen gehenkt zu werden? Ihr wißt, die englischen Gesetze sind unerbittlich in betreff einer Doppelehe; erklärt Euch freimütig; wiewohl mein Name, oder vielmehr der meines Bruders, in diese Sache verwickelt ist, so wehre ich mich doch nicht vor dem Skandal eines öffentlichen Prozesses, wenn ich überzeugt sein kann, mit einem Schlag Euer los zu werden.« Mylady, antwortete nicht, doch wurde sie leichenfahl. »Felton hat nicht geplaudert,« sprach Mylady zu sich selbst, »noch ist nichts verloren.« »Und jetzt, Madame, auf Wiedersehen; morgen werde ich Euch die Abreise meines Boten mitteilen.« Lord Winter stand auf, verneigte sich ironisch vor Mylady und ging fort. Mylady atmete wieder; sie hatte noch vier Tage vor sich; vier Tage waren für sie hinreichend, um Felton zu verführen.

Als Felton am folgenden Margen zu Mylady kam, traf er sie auf einem Lehnstuhl, wie sie eben einen Strick in der Hand hielt, den sie aus mehreren Streifen zerrissener Batistsacktücher gedreht hatte. Bei dem Geräusch, das Felton mit dem Aufschließen der Tür verursachte, sprang Mylady leicht vom Stuhl herab und versuchte diesen improvisierten Strick mit der Hand hinter sich zu verstecken. Der junge Mann sah noch blasser aus als gewöhnlich, und seine von Schlaflosigkeit geröteten Augen gaben Zeugnis, daß er die Nacht im Fieber zugebracht hatte. Indes war seine Stirn mit einem tieferen Ernst bewaffnet als je. Er näherte sich langsam Mylady, die sich gesetzt hatte, ergriff das mörderische Geflecht, das sie mit einem Ende hervorblicken ließ und fragte kalt: »Was soll das heißen, Madame?« »Das? nichts,« entgegnete sie mit jenem schmerzhaften Ausdruck lächelnd, den sie ihrem Lächeln so gut zu geben verstand. »Die Langweile ist der Todfeind der Gefangenen, wie Sie wissen. Ich langweilte mich, und suchte Zerstreuung, indem ich diesen Strick drehte.« Felton wandte seine Augen nach dem Punkte der Wand, vor dem er Mylady auf dem Stuhl stehend angetroffen hatte, auf dem sie jetzt saß, und bemerkte über ihrem Kopf einen in der Mauer befestigten goldenen Haken, der zum Aufhängen von Waffen oder Kleidungsstücken gehörte. »Und warum sind Sie auf diesem Stuhl gestanden?« fragte er. »Was kümmern Sie sich um das?« erwiderte Mylady. »Nun, ich möchte es gern wissen.« »Fragen Sie mich nicht,« entgegnete die Gefangene, »Sie wissen ja, uns wahren Christen ist das Lügen verboten.« »Nun,« versetzte Felton. »Ich will es Ihnen sagen, was Sie taten, oder vielmehr tun wollten. Sie wollten einen unseligen Gedanken ausführen, den Sie bei sich gefaßt haben. Wenn Ihr Gott das Lügen verbietet, Madame, so verbietet er noch viel strenger den Selbstmord.« »Wenn Gott eines seiner Geschöpfe ungerecht verfolgt und zwischen Selbstmord und Schande gestellt sieht,« erwiderte Mylady im Tone tiefer Überzeugung, »glauben Sie mir, mein Herr, so ist Gott dem Selbstmord gnädig, wenn er dabei zum Märtyrertum wird.« »Sie sagen da zu viel oder zu wenig; reden Sie, Madame, im Namen des Himmels! erklären Sie sich.« »Was soll ich denn die Unglücksfälle meines Lebens erzählen, damit Sie dieselben etwa für Märchen halten! Was soll ich Ihnen meine Pläne mitteilen, damit Sie dieselben meinen Verfolgern verraten! Nein, mein Herr; und was liegt Ihnen an dem Leben oder dem Tod einer unglücklich Verurteilten? Sie sind nur verantwortlich für meinen Leib, insofern man, wenn Sie einen Leichnam vorzeigen, den man als den meinigen erkennt, nicht mehr von Ihnen fordern wird; ja, man wird Ihnen vielleicht den Lohn sogar verdoppeln.« »Mir, Madame, mir?« rief Felton; »Sie können glauben, daß ich den Preis Ihres Lebens annehmen würde? O, Sie denken nicht so, wie Sie da reden.« »Lassen Sie mich gewähren, Felton, lassen Sie mich gewähren,« rief Mylady in großer Aufregung. »Jeder Soldat ist ehrsüchtig, nicht wahr? Sie sind Leutnant, nun, Sie werden meinen Leichenzug mit dem Rang eines Kapitäns begleiten.« »Doch was habe ich Ihnen getan,« rief Felton erschüttert, »daß Sie mir vor Gott und den Menschen eine solche Verantwortlichkeit aufladen? In wenigen Tagen sind Sie von hier entfernt, Madame! Ihr Leben steht nicht mehr unter meiner Obhut, und dann,« fügte er mit einem Seufzer hinzu, »dann werden Sie tun, was Sie wollen.« Mylady erwiderte, als könnte sie einem heiligen Unwillen nicht widerstehen: »Sie also, ein heiliger Mann, Sie, den man einen Gerechten nennt, Sie fordern weiter nichts, als daß man Sie wegen meines Todes nicht einer Fahrlässigkeit beschuldige?« »Ich muß Ihr Leben behüten, Madame, und werde es behüten.« »Doch wissen Sie auch, welchen Befehl Sie da vollziehen? Ist er schon an und für sich grausam, selbst wenn ich schuldig wäre, welchen Namen werden Sie ihm geben, wenn ich schuldlos bin?« »Ich bin Soldat, Madame, und vollziehe, was man mir befiehlt.« »Glauben Sie wohl, Gott werde beim Jüngsten Gericht die verblendeten Henker von den ungerechten Richtern absondern? Sie wollen nicht, daß ich meinen Leib töte, und machen sich doch zum Werkzeug des Mannes, der meine Seele töten will.« »Ich wiederhole Ihnen,« erwiderte Felton tiefbewegt, »daß Ihnen keine Gefahr droht; ich bürge Ihnen für Lord Winter wie für mich selber.« »Unsinniger!« rief Mylady, »armer Unsinniger! der für einen andern Menschen bürgen will, indes die Weisesten, die Gottergebensten Anstand nehmen, für sich selbst zu bürgen und der sich zur stärksten, glücklichsten Partei wendet, um diese schwächste, unglücklichste zu zermalmen!« »Unmöglich, Madame, unmöglich!« stammelte Felton, der im Grunde seines Herzens die Nichtigkeit dieser Worte empfand. »Sie werden durch mich als Gefangene nicht die Freiheit und als Lebende nicht den Tod erhalten.« »Ja,« erwiderte Mylady, »ich werde verlieren, was mir kostbarer ist als das Leben; Felton, ich werde die Ehre verlieren, und Sie will ich über meine Schmach und Schande vor Gott und Menschen verantwortlich machen!« Sie bemerkte seine Unruhe, und gleich einem geschickten Heerführer erhob sie sich, ging würdevoll auf ihn zu, und rief mit ihrer so süßen Stimme, der sie nach Gelegenheit eine furchtbare Macht zu geben verstand: »Den Löwen wirft die Märtyrin, Und Baal das Opfer vor – du sollst es bereuen, Gott weiß es, daß ich schuldlos bin, Ich will zu ihm aus meinem Abgrund schreien.« Felton war wie versteinert und rief, die Hände faltend: »Wer sind Sie? Ha, wer sind Sie? O, sind Sie Engel oder Teufel? Heißen Sie Eloa oder Astartes?« »Hast du mich nicht erkannt? Felton, ich bin weder ein Engel noch ein Teufel. Ich bin eine Tochter der Erde, bin eine Schwester deines Glaubens, weiter nichts.« »Ja, ja,« versetzte Felton, »ich zweifelte noch, aber jetzt glaube ich.« »Du glaubst, und doch bist du der Mitschuldige des Kindes Belials, Lord Winter zubenannt? Du glaubst, und kannst mich in den Händen des Mannes lassen, der mein Feind, der Englands Feind und Gottes Feind ist? Du glaubst, und doch überlieferst du mich demjenigen, der die Welt mit seinen Ketzereien und Ausschweifungen erfüllt und besudelt, diesem ruchlosen Sardanapal, welchen die Blinden Herzog von Buckingham und die Gläubigen Antichrist heißen.« »Ich überliefere Sie Buckingham? Was sprechen Sie da?« »Sie haben Augen,« rief Mylady, »und werden nicht sehen, Sie haben Ohren und werden nicht hören.« »Ja, ja!« versetzte Felton, und fuhr mit der Hand über seine mit Schweiß bedeckte Stirn, als ob er den letzten Zweifel wegwischen wollte; »ja, ich erkenne die Stimme wieder, die in meinen Träumen mit mir spricht; ja, ich erkenne die Züge des Engels, der mir in jeder Nacht erscheint, und meiner schlaflosen Seele zuruft: ›Schlage, rette England, rette dich, denn du wirst sterben, ohne Gott entwaffnet zu haben.‹ Reden Sie, ach, reden Sie,« rief Felton, »denn jetzt kann ich Sie verstehen.« Ein Blitzstrahl entsetzlicher Freude, doch rasch wie der Gedanke, zuckte aus Myladys Augen. Wie flüchtig auch dieser mörderische Schimmer war, so entging er doch Felton nicht, und er schauderte, als hätte dieser Blitzstrahl die Abgründe des Herzens dieses Weibes erleuchtet. Felton gedachte auf einmal der Bemerkungen des Lord Winter, der Verführungen Myladys, und ihrer ersten Versuche, als sie ankam. Er trat einen Schritt zurück, senkte den Kopf, unterließ es aber dabei nicht, sie anzublicken, als wäre er von diesem seltsamen Wesen verzaubert, und als könnten sich seine Augen von ihr nicht losmachen. »Doch nein,« sagte sie, »mir geziemt es nicht, die Judith zu sein, die Bethulien von diesem Holofernes befreien wird. Das Schwert des Ewigen ist meinem Arme zu schwer. Lassen Sie mich also der Schande durch den Tod entgehen, lassen Sie mich zum Märtyrertum meine Zuflucht nehmen. Ich begehre von Ihnen nicht die Freiheit, wie dies eine Schuldige täte, nicht die Rache, wie es eine Heidin tun würde. Ich bitte Sie, ich bestürme Sie auf meinen Knien, lassen Sie mich sterben, und mein letzter Seufzer sei noch ein Segen für meinen Erretter.« Bei dieser sanften, bittfälligen Stimme, bei diesem schüchtern gesenkten Blick trat Felton näher. Die Zauberin hatte sich allmählich mit jenem magischen Gewand angetan, das sie nach Gefallen anlegte und ablegte, nämlich die Schönheit, die Sanftmut, die Tränen, vor allem aber jenen unwiderstehlich mystischen Reiz, der verzehrender als jeder andere wirkt. »Ach,« sagte Felton, »ich kann nur eins, Sie beklagen, wenn Sie mir beweisen, daß Sie ein Opfer sind. Allein Lord Winter erhebt wider Sie grausame Anschuldigungen. Sie sind Christin, sind meine Glaubensschwester; ich fühle mich zu Ihnen hingezogen, ich, der ich nie einen andern Menschen geliebt habe, als meinen Wohltäter, ich, der ich auf meinem Lebensweg nur Verräter und Gottesleugner fand! Doch Sie, Madame, die Sie in Wirklichkeit so schön, und dem Anschein nach so rein sind, Sie haben also große Sünden begangen, weil Sie Lord Winter auf eine solche Weise verfolgt?« Da wiederholte Mylady mit einem Ausdruck unbeschreiblicher Wehmut: »Sie haben Augen und sehen nicht; Sie haben Ohren und hören nicht.« »O, so reden Sie doch!« rief der junge Offizier, »reden, ach, reden Sie!« »Soll ich Ihnen meine Schmach anvertrauen?« sprach Mylady; das Antlitz mit Schamröte übergossen, »denn oft wird das Verbrechen des einen zur Schande des andern. Ich soll Ihnen meine Schande anvertrauen, ich, eine Frau einem Mann? Ach,« fuhr sie fort, die Hand verschämt über die schönen Augen breitend, »o, nie – nie werde ich dieses vermögen.« »Mir, einem Bruder,« versetzte Felton. Mylady blickte ihn lange mit einem Ausdruck an, den der Offizier für Zweifel hielt, da es doch nichts anderes war, als Beobachtung und vorzüglich die Absicht zu berücken. Jetzt faltete auch Felton die Hände. »Wohlan denn,« rief Mylady, »ich will mich einem Bruder anvertrauen, ich will es wagen.« In diesem Moment vernahm man die Tritte des Lord Winter; allein diemal war der furchtbare Schwager Myladys nicht damit zufrieden, daß er, wie tags zuvor, an der Tür vorbeiging und sich wieder entfernte, sondern er hielt an und wechselte ein paar Worte mit der Wache; die Tür ging auf und er trat ein. Felton hatte sich, während diese paar Worte gewechselt wurden, schnell zurückgezogen, und als Lord Winter eintrat, stand er von der Gefangenen einige Schritte weit entfernt. Der Baron ging langsam in das Zimmer, und ließ seinen Blick von der Gefangenen auf den jungen Offizier hinübergleiten. »Ihr seid schon recht lange hier, John!« sprach er. »Hat Euch diese Frau ihre Missetaten erzählt? Dann begreife ich die Dauer der Unterredung.« Felton zitterte und Mylady fühlte, wenn sie dem aus der Fassung gekommenen Puritaner nicht zu Hilfe käme, so wäre sie verloren, »Ha, Ihr seid in Furcht, daß Euch Eure Gefangene entschlüpfe,« sagte sie. »O, fragt nur Euren Kerkermeister, welche Gnade ich mir eben von ihm erbat.« »Hm, Ihr batet um eine Gnade?« fragte der Baron argwöhnisch. »Ja, Mylord,« versetzte der junge Mann befangen. »Um welche Gnade? sagt an,« sprach Lord Winter. »Ein Messer, das sie mir eine Minute, nachdem sie es bekommen, durch das Gitter der Tür wieder zurückreichen will,« entgegnete Felton. »Ist also hier jemand versteckt, den diese allerliebste Person totstechen will?« erwiderte Lord Winter in einem höhnischen und verächtlichen Ton. »Ich bin hier,« versetzte Mylady. »Ich ließ Euch die Wahl zwischen Amerika und Tyburn, sagte Lord Winter. »Wählt Tyburn, Mylady, glaubt mir, der Strang ist sicherer als das Messer.« Felton erblaßte und machte einen Schritt vorwärts, indem er daran dachte, daß Mylady einen Strick in der Hand hatte, als er eintrat. »Ihr habt recht,« sagte Mylady, »und ich habe bereits daran gedacht.« Dann fügte sie mit dumpfer Stimme hinzu: »Ich werde wieder daran denken.« Felton empfand einen Schauer durch das Mark seiner Knochen rieseln, und Lord Winter, der wahrscheinlich diese Erschütterung bemerkte, sprach: »Traue nicht, John! O, John, mein Freund, ich habe auf dich gebaut; nimm dich in acht, wie ich dich gewarnt habe. Sei übrigens guten Mutes, mein Kind! In drei Tagen werden wir dieses Geschöpf los sein, und an dem Orte, wohin ich sie schicke, wird sie niemandem einen Schaden zufügen.« »Sie hören ihn,« rief Mylady mit zitternder Stimme, so daß der Baron meinte, sie wendete sich zum Himmel, und Felton erkannte, daß es ihm gelte. Felton senkte das Haupt und träumte. Der Baron faßte den Offizier am Arm und wandte sogleich den Kopf über seine Schulter zurück, damit er, bis er das Zimmer verließ, Mylady nicht aus den Augen verlor.

Als die Tür wieder geschlossen war, sagte die Gefangene zu sich selbst: »Ach, ich bin noch nicht so weit, wie ich dachte. Der Baron Winter hat seine gewöhnliche Dummheit in eine bisher unbekannte Klugheit umgewandelt; das ist die Rachsucht, die den Menschen bildet. Felton nimmt noch Anstand. Ach, dieser Mensch ist nicht so entschlossen wie der verfluchte d'Artagnan.« Indes harrte Mylady voll Ungeduld, denn sie vermutete mit Recht, der Tag würde nicht vergehen, ohne daß Felton zurückkehrte. Endlich nach einer Stunde vernahm sie an der Tür ein leises Gespräch. Diese ging auf, und sie erkannte Felton. Der junge Mann trat lebhaft in das Gemach, ließ hinter sich die Tür offen und gab Mylady einen Wink, daß sie schweigen möchte. Sein Antlitz war ganz verstört. »Was wollen Sie von mir?« fragte sie. »Hören Sie,« erwiderte Felton mit leiser Stimme, »ich habe die Wache fortgeschickt, um hierbleiben zu können, ohne daß man weiß, daß ich hierher kam, um mit Ihnen zu sprechen, und ohne daß man hört, was ich Ihnen mitteile. Der Baron erzählte mir eine schreckliche Geschichte.« Mylady nahm wieder das Lächeln eines ganz ergebenen Opfers an und schüttelte den Kopf. »Sie sind entweder ein Dämon,« fuhr Felton fort, »oder der Baron, mein Wohltäter, mein Vater, ist ein Ungetüm. Ich kenne Sie erst seit vier Tagen, ihn liebe ich schon zehn Jahre lang. Ich darf somit zwischen Ihnen beiden Bedenken haben. Erschrecken Sie nicht über das, was ich Ihnen sage. Ich komme nach Mitternacht zu Ihnen, und Sie sollen mich überzeugen.« »Nein, Felton! nein, mein Bruder!« sprach sie, »das Opfer ist zu groß, und ich fühle, was es Sie kostet. Nein, ich bin verloren; o, richten Sie sich nicht auch selbst zu Grunde. Mein Tod wird viel beredter sein als mein Leben, und das Schweigen des Leichnams wird Sie mehr überzeugen als die Sprache der Gefangenen.« »O, schweigen Sie, Madame, und lassen Sie mich nicht solche Worte vernehmen. Ich kam hierher, daß Sie mir bei Ihrer Ehre beteuern und mir bei allem, was Ihnen heilig ist, schwören, sich nicht Gewalt anzutun.« »Ich will nicht schwören,« erwiderte Mylady, »denn niemand achtet den Eid so sehr wie ich, und wenn ich einen Schwur machte, so müßte ich ihn auch halten.« »Wohl,« versetzte Felton, »so geloben Sie es mindestens bis zu dem Augenblick, wo wir uns wiedersehen werden. Beharren Sie auch dann noch auf Ihrem Vorhaben, so sind Sie frei, und ich gebe Ihnen selbst die Waffe, die Sie von mir begehrt haben.« »Nun ja,« sprach Mylady. »Ihretwegen will ich warten.« »Schwören Sie.« »Ich schwöre bei unserm Gott! – Sind Sie jetzt zufrieden?« »Wohl,« antwortete Felton, »also in dieser Nacht.« Die Zeit bis Mitternacht schien Mylady eine Ewigkeit zu sein.

Es war noch nicht die verabredete Stunde, und Felton trat nicht ein. Als es zwei Stunden darauf Mitternacht schlug, wurde die Wache abgelöst. Jetzt war die Stunde gekommen, und Mylady harrte von diesem Augenblick an mit der größten Ungeduld. Der neue Wachposten ging im Korridor auf und nieder. Zehn Minuten danach kam Felton und ging zu Mylady hinein. Diese stand auf und sagte: »Ha! Sie sind hier?« »Ich habe Ihnen versprochen zu kommen,« entgegnete Felton, »und so bin ich denn gekommen.« »Sie haben mir noch etwas anderes versprochen.« »Was denn? mein Gott!« stammelte der junge Mann, der ungeachtet seiner Selbstbeherrschung fühlte, wie ihm die Knie zitterten, und wie der Schweiß an seiner Stirn perlte. »Sie haben mir versprochen, ein Messer zu bringen, und es mir nach unserer Unterredung zu lassen.« »O, reden Sie nicht solches, Madame,« sagte Felton, »es gibt keine Lage, die so entsetzlich wäre, daß sie ein Geschöpf Gottes berechtigt, sich selbst den Tod zu geben. Ich habe das bei mir bedacht, und könnte mich nie einer solchen Schuld teilhaftig machen.« »Ha, Sie haben das bedacht,« rief die Gefangene, indem sie sich verächtlich lächelnd in ihrem Lehnstuhl warf. »Auch ich habe es bedacht.« »Was?« »Daß ich einem Menschen nichts zu sagen habe, der sein Wort nicht hält.« »Ach, mein Gott!« stammelte Felton. »Sie können wieder fortgehen, ich werde nichts sprechen.« »Hier ist das Messer,« sagte Felton und zog die Waffe hervor. »Lassen Sie sehen,« sprach Mylady. »Was wollen Sie damit tun?« »Auf meine Ehre, ich stelle Ihnen das Messer sogleich wieder zurück. Sie legen es auf diesen Tisch, und bleiben zwischen ihm und mir.« Felton übergab Mylady die Waffe, sie prüfte bedächtig die Schärfe und versuchte an ihren Fingern die Spitze. »Gut,« sprach sie und reichte dem jungen Offizier das Messer zurück. »Das ist ein guter und hübscher Stahl, Felton. Sie sind ein getreuer Freund.« Felton nahm die Waffe und legte sie auf den Tisch, wie er mit der Gefangenen übereingekommen war. Mylady folgte ihm mit den Augen und zeigte eine Miene der Zufriedenheit. »Felton,« sprach Mylady in einem feierlich-melancholischen Tone, »Felton, wenn Ihre Schwester, die Tochter Ihres Vaters, zu Ihnen sprechen würde: ›Da ich noch jung und für das Unglück ziemlich schön war, hatte man mich in eine Schlinge gelockt, wiewohl ich widerstrebte; man verdoppelte die Fallstricke, die Hinterhalte, die Gewaltstreiche rings um mich – ich widerstrebte; man lästerte die Religion, der ich zugetan bin, den Gott, den ich anbetete – ich widerstrebte; dann überschüttete – man mich mit Schimpf, und weil man meine Seele nicht zu verderben im stande war, so wollte man meinen Leib für immer brandmarken: endlich . . .‹« Mylady hielt inne, ein bitteres Lächeln schwebte über ihre Lippen. »Endlich,« wiederholte Felton, »was geschah endlich?« »Endlich beschloß man eines Abends, dieses Widerstreben zu lähmen, weil man es nicht zu bewältigen vermochte, man vermengte mein Wasser mit einer narkotischen Substanz; ich hatte mein Mahl kaum eingenommen, so wurde ich schon von einem seltsamen Schlaf befallen; wiewohl ich kein Mißtrauen faßte, so ergriff mich doch eine gewisse Angst, und ich suchte den Schlaf zu bekämpfen; ich stand auf, und wollte zum Fenster eilen und um Hilfe rufen, doch meine Beine versagten mir den Dienst, mir kam vor, als stürzte der Plafond auf mich nieder; ich streckte den Arm aus und versuchte zu sprechen; allein ich konnte nur unartikulierte Töne ausstoßen; mich befiel eine unabwendbare Erstarrung, ich stützte mich an einen Stuhl, da ich mich dem Fallen nahe fühlte, aber alsbald war diese Stütze für meine schwachen Arme nicht mehr hinreichend, ich sank auf ein Knie, dann auf beide; ich wollte beten, doch meine Zunge war zu Eis erstarrt. Zweifelsohne sah und hörte mich Gott nicht, und ich glitt auf den Boden als Beute des Schlafes, der dem Tode glich. Ich habe von alledem keine Erinnerung mehr, was in diesem Schlafe vorging, ich weiß nur noch, daß ich in einem runden, reich geschmückten Zimmer erwachte, in welches das Tageslicht durch eine Öffnung in der Decke drang. Keine Tür schien da angebracht, so daß man es für ein herrliches Gefängnis hätte halten mögen. Mir kam der Zustand, in dem ich mich befand, eine Zeitlang so seltsam vor, daß ich zu träumen wähnte. Allein die Wirklichkeit stellte sich allmählich schreckenvoll vor mich; ich war nicht mehr in dem Hause, welches ich sonst bewohnte; insoweit ich es nach dem Sonnenlicht zu beurteilen vermochte, war der Tag bereits zu zwei Drittel vorüber; am Abend vorher war ich eingeschlummert, und so hat mein Schlaf vierundzwanzig Stunden gewährt. Was war in dieser langen Zwischenzeit vorgegangen? Ich erhob mich schwankend. Alle meine langsamen und gehemmten Bewegungen deuteten an, daß der Einfluß des narkotischen Mittels noch nicht zu Ende war. Übrigens war das Zimmer zur Aufnahme eines weiblichen Wesens eingerichtet, und der empfindsamsten Kokette wäre kein Wunsch übriggeblieben, den sie nicht erfüllt gesehen hätte, wenn sie die Blicke in diesem Zimmer herumkreisen ließ. Ich war zuverlässig nicht die erste Gefangene, die sich in diesem prunkvollen Kerker eingeschlossen sah, doch Sie begreifen wohl, Felton, je schöner das Gefängnis war, um so mehr Angst mußte es mir einflößen. Ja, es war ein Gefängnis, denn ich suchte umsonst hinaus zu kommen: ich prüfte alle Wände, um eine Tür aufzufinden, doch überall gaben sie einen vollen und matten Klang zurück. Ich hatte wohl zwanzigmal die Runde im Zimmer gemacht, um irgendwo einen Ausgang zu entdecken, doch gab es keinen. Ich sank, von Ermattung und Schreck aufgerieben, in einen Lehnstuhl. Inzwischen kam die Nacht schnell heran, und mit der wachsenden Dunkelheit wuchs auch meine Angst; ich war unschlüssig, ob ich da sitzenbleiben sollte, wo ich saß, denn es war mir, als sei ich umrungen von unbekannten Gefahren, in die ich mit jedem Schritt geraten müßte. Ich hatte seit dem Tage zuvor nichts genossen, und empfand doch aus Furcht keinen Hunger. Auf einmal knarrte eine Tür in ihren Angeln und machte mich erbeben; eine feurige Kugel zeigte sich über der gläsernen Öffnung des Plafonds und ich gewährte mit dem größten Schrecken einen Mann, wenige Schritte von mir entfernt. Ein Tisch mit zwei Gedecken, auf dem ein vollkommenes Abendmahl kredenzt war, erhob sich mitten im Zimmer wie auf einen Zauberschlag. Das war derselbe Mann, der mich seit Jahresfrist verfolgte, der auch meine Entehrung geschworen hatte, und mir mit dem ersten Worte, das er sprach, zu verstehen gab, daß mich sein Entschluß der Hoffnung beraube, jemals frei zu werden.« »Der Ruchlose!« stammelte Felton. »Jawohl, der Ruchlose! Er gab sich der Hoffnung hin, ich werde meine Schmach hinnehmen, weil einmal die Tat geschehen war, und bot mir gegen mein Herz sein Vermögen an. Ich ergoß alles das über diesen Menschen, was nur ein weibliches Herz an stolzer Verachtung, an Worten des Abscheus in sich zu fassen vermag; er war zweifelsohne schon gewöhnt an derlei Vorwürfe, denn er hörte mich ruhig und gelassen an, die Arme über die Brust gekreuzt. Als er nun glaubte, daß ich alles gesagt hätte, trat er näher, um mich an der Hand zu fassen; allein ich sprang zu dem Tisch, ergriff ein Messer, zückte es auf meine Brust und rief: ›Einen Schritt noch und Sie haben sich selbst nebst meiner Schmach auch noch meinen Tod vorzuwerfen.‹« ›Ihren Tod?‹ sprach er zu mir, ›o nein! Sie sind eine zu reizende Gefangene, als daß ich es zugeben könnte, Sie auf solche Weise zu verlieren. Gott befohlen, meine Schönste! Um Sie wieder zu besuchen, will ich warten, bis Sie in einer besseren Laune sind.‹ Nach diesen Worten pfiff er; die feurige Kugel stieg in die Höhe und er verschwand; ich war wieder in Finsternis gehüllt. Bald darauf vernahm ich dasselbe Geräusch einer Tür, die auf und zu ging. Die feurige Kugel senkte sich wieder und ich befand mich allein. Dieser Augenblick war entsetzlich: hätte ich an meinem Unglück nur noch einigen Zweifel gehabt, er wäre verschwunden unter einer schreckenvollen Wirklichkeit; ich lag in der Gewalt eines Mannes, der mir bereits einen unseligen Beweis von dem, was er zu tun fähig war, geliefert hatte.« »Wer war aber dieser Mann?« fragte Felton. Mylady antwortete auf diese Frage nicht, sondern fuhr fort zu erzählen: »Ich brachte die Nacht auf einem Stuhle zu, und bebte bei dem leisesten Geräusch. Um Mitternacht erlosch die Lampe und ich saß wieder in schwarzer Dunkelheit, allein die Stunden verflossen, ohne daß mein Verfolger zum zweitenmal gekommen wäre. Der Tag brach an, der Tisch war verschwunden; nur hielt ich noch immer das Messer in der Hand. Dieses Messer war meine ganze Hoffnung. Ich war von Ermattung aufgerieben, die Schlaflosigkeit glühte mir in den Augen, denn ich getraute mich nicht einen Augenblick lang zu schlummern. Der Tag machte mich etwas ruhiger, ich streckte mich auf mein Bett hin, ohne mein Befreiungsmesser von meiner Seite zu lassen; ich versteckte es hinter dem Kopfkissen. Als ich erwachte, stand abermals ein gedeckter Tisch im Zimmer. Diesmal hatte sich ungeachtet meiner Besorgnisse und meiner Angst ein peinlicher Hunger eingestellt, denn ich hatte seit achtundvierzig Stunden nichts genossen. Ich aß Brot und ein wenig Obst. Da ich mich jedoch an das narkotische Mittel erinnerte, mit dem das Wasser, das ich getrunken, vermengt war, so rührte ich das nicht an, was auf dem Tische stand, sondern füllte mein Glas an einem marmornen Handbrunnen, der sich an der Wand über meiner Toilette befand. Ich blieb jedoch ungeachtet dieser Vorsichtsmaßregel fortwährend in großer Beängstigung, nur war meine Furcht diesmal grundlos, ich brachte den Tag hin, ohne von dem etwas zu erfahren, wovor ich mich fürchtete. Auf daß man mein Mißtrauen nicht merken sollte, hatte ich die Flasche zur Hälfte ausgeleert. Der Abend kam heran, allein wie finster es auch wurde, meine Augen gewöhnten sich allmählich, und sahen auch in der Dunkelheit, wie der Tisch verschwand. Nach einer Viertelstunde kam er wieder mit einem Nachtmahl besetzt, und einen Augenblick darauf ward mein Gemach von derselben Lampe erhellt. Ich beschloß, nur solche Speisen zu genießen, die man unmöglich mit einem Schlaftrunk mengen konnte; zwei Eier und etwas Obst machten meine Mahlzeit aus, dann schöpfte ich aus meinem Schutzbrunnen ein Glas Wasser und trank dasselbe. Beim ersten Schluck dünkte es mich, als ob es nicht mehr denselben Geschmack hätte wie am Morgen, und schnell stieg ein Verdacht in mir auf; ich hielt inne, allein ich hatte schon ein halbes Glas getrunken. Den Rest verschüttete ich mit Ekel und wartete, mit Angstschweiß auf der Stirn. Zweifelsohne belauschte mich ein unsichtbarer Zeuge, als ich Wasser aus dem Brunnen schöpfte und nutzte geradezu mein Vertrauen, um mein so kalt beschlossenes Verderben ins Werk zu setzen. Eine halbe Stunde verfloß, als sich dieselben Symptome erneuerten; nur erwehrte ich mich länger, da ich kaum ein halbes Glas Wasser getrunken hatte, und anstatt völlig einzuschlummern, versank ich in eine Art Schlaftrunkenheit, wobei ich das Gefühl von allem, was um mich vorging, behielt, aber ohne fliehen zu können. Ich wankte nach meinem Bett, um dort das einzige Schutzmittel zu holen, das mir übrigblieb, mein Messer, allein ich konnte das Kopfkissen nicht mehr erreichen, sondern sank in die Knie, und klammerte mich mit den Händen an eine der Bettsäulen.« Felton wurde entsetzlich blaß, und ein krampfhafter Schauer durchrieselte seinen Körper. »Das Schrecklichste hierbei war,« fuhr Mylady mit zitternder Stimme fort, als wäre sie noch von derselben Angst erfüllt, wie in jenem schaudervollen Augenblick, »das Schrecklichste hierbei war, daß ich diesmal das Bewußtsein von dieser Gefahr hatte, die mir drohte, daß meine Seele sozusagen in einem entschlummerten Körper wachte, dass ich sah und hörte, das alles war freilich nur wie im Traum, allein deshalb war es um nichts weniger martervoll. Ich sah die Lampe hinaufziehen, und mich allmählich wieder in Dunkelheit versetzt. Dann vernahm ich das mir so wohlbekannte Knarren der Tür, wiewohl sich dieselbe nur zweimal öffnete. Ich fühlte instinktartig, daß man sich mir näherte.« »Doch sagen Sie endlich, wer war Ihr Verfolger?« fragte der junge Offizier. »Als er mich bemerkte, hörte ich ihn rufen: ›Diese elenden Puritaner. Ich wußte wohl, sie würden ihre Henker ermüden, doch habe ich sie hier weniger stark gegen ihre Verführer gehalten.‹ Meine erste Bewegung, als ich wieder zu mir kam, war, daß ich hinter dem Kopfkissen das Messer suchte, das ich vordem nicht zu erreichen vermochte; hatte es nicht zur Schutzwehr gedient, sollte es mindestens zur Sühnung dienen. Als ich aber dieses Messer anfaßte, Felton, kam mir ein schrecklicher Gedanke. Ich habe geschworen, Ihnen alles zu sagen, und werde Ihnen auch alles sagen; ich habe Ihnen Wahrheit versprochen, und will mein Wort halten, sollte es auch zu meinem Verderben ausfallen.« »Es kam Ihnen der Gedanke, sich an diesem Manne zu rächen, nicht so?« fragte Felton. »Jawohl,« rief Mylady, »obgleich ich weiß, daß das nicht der Gedanke einer Christin war; zweifelsohne hatte ihn der Feind unserer Seele meinem Geist eingeflüstert. Nun, was soll ich Ihnen noch weiter sagen, Felton!« fuhr Mylady mit dem Ton eines Weibes fort, das sich einer Schuld anklagt. »Dieser Gedanke kam mir, und verließ mich nicht wieder. Vielleicht habe ich jetzt für dieses mörderische Vornehmen meine Strafe zu erleiden.« »Fahren Sie fort, ach, fahren Sie fort, es drängt mich schon zu hören, wie Sie zur Rache gelangen.« »Der Abend kam,« fuhr Mylady fort, »mit ihm traten die gewöhnlichen Vorfälle ein; mein Nachtmahl ward mir wie vordem im Dunkeln kredenzt, dann erhellte sich die Lampe und ich setzte mich zu Tisch. Ich aß nur ein bißchen Obst und tat, als ob ich ein wenig Wasser aus der Flasche einschenkte, trank hierauf das, welches ich mir in meinem Glas aufbewahrt hatte, suchte aber dabei so geschickt zu verfahren, daß meine mutmaßlichen Lauscher keinen Verdacht schöpfen konnten. Nach der Abendmahlzeit stellten sich dieselben Merkmale der Erstarrung ein, wie tags zuvor, doch diesmal stellte ich mich, als ob ich einschliefe, der Ermattung unterliegend, oder als ob ich schon all die Gefahr gewöhnt wäre. Jetzt fand ich mein Messer, und während ich tat, als ob ich schliefe, preßte ich das Heft krampfhaft in der Hand. Zwei Stunden verflossen, ohne daß etwas Neues vorgegangen wäre. Jetzt, ach, mein Gott! wer mir das am Tage vorher gesagt hätte, jetzt fürchtete ich, daß er nicht kommen möchte. Endlich gewahrte ich, wie sich die Lampe langsam erhob und in der Öffnung des Plafonds verschwand, in meinem Zimmer ward es ganz finster; allein ich strengte mich an, die Dunkelheit mit den Augen zu durchdringen. Es verflossen ungefähr zehn Minuten und ich vernahm noch kein anderes Geräusch als das meiner Herzschläge. Ich flehte zum Himmel, daß er ihn kommen lasse. Endlich vernahm ich das wohlbekannte Knarren der Tür, die auf- und wieder zuging; obwohl der Boden mit einem dichten Teppich belegt war, erschallte er doch unter einem Fußtritt, und ich sah trotz der Finsternis, wie sich mir ein Schatten näherte.« »Ich nahm alle meine Kräfte zusammen, ich gedachte, es habe die Stunde der Rache oder vielmehr der Gerechtigkeit geschlagen; ich betrachtete mich als eine Judith, ich hielt mein Messer in der Hand, und als ich sah, daß er mir nahe genug war, stieß ich es ihm mit einem letzten Schrei des Schmerzes und der Verzweiflung mitten in die Brust. Der Ruchlose, er sah das alles vorher, denn seine Brust war mit einem Panzer bedeckt und das Messer glitt ab. ›Ha,‹ rief er, indem er mich bei dem Arme packte und mir die Waffe entwand, die mir so schlecht gedient hatte. ›Sie streben mir nach dem Leben, schöne Puritanerin, allein das ist mehr als Haß, das ist Undank! Beschwichtigen Sie sich, schönes Kind, ich dachte, daß Sie sanfter geworden wären. Ich bin keiner von den Tyrannen, welche die Frauen gewaltsam festhalten. Sie lieben mich nicht? Ich habe in meiner Eitelkeit daran gezweifelt, doch jetzt bin ich überzeugt. Morgen sind Sie in Freiheit.‹ Ich hatte nur einen Wunsch, den, von ihm getötet zu werden. ›Seien Sie auf Ihrer Hut,‹ versetzte ich, ›denn meine Freiheit ist Ihre Schande.‹ ›Erklären Sie sich, schöne Sibylle!‹ ›Ja, wenn ich von hier weggekommen sein werde, will ich alles sagen; ich werde es sagen, wie Sie gegen mich gewaltsam waren, ich werde aller Welt von meiner Gefangenschaft und von diesem Schlosse der Ruchlosigkeit erzählen. Sie sind wohl sehr hochgestellt, nichtsdestoweniger zittern Sie; über Ihnen ist ein König, und über dem König regiert ein Gott.‹ ›Dann sollen Sie nicht von hier wegkommen,‹ sprach er. ›Gut,‹ versetzte ich, ›gut, so wird der Ort meines Todes auch der Ort meines Grabes sein. Ich werde sterben, und Sie sollen sehen, ob ein Phantom, das Klage führt, nicht schrecklicher ist als ein Lebender mit seinen Drohungen.‹ ›Man wird Ihnen keine Waffe lassen.‹ ›Doch gibt es eine, welche die Verzweiflung in den Bereich eines jeden Menschen gelegt hat, der Mut genug besitzt, dieselbe zu gebrauchen. Ich will Hungers sterben.‹ ›Ha,‹ rief der Nichtswürdige, ›ist denn der Friede nicht besser als ein solcher Krieg? Ich lasse Sie auf der Stelle frei, ich erkläre Sie als eine Tugend, ich gebe Ihnen den Namen: Englands Lukretia.‹ ›Und ich werde Sie Sextus nennen, ich klage Sie an vor den Menschen, wie ich Sie vor Gott angeklagt habe, und wenn es sein muß, will ich, wie Lukretia, meine Anklage mit Blut unterschreiben.› ‹Ah, ah,› entgegnete mein Feind in höhnischem Tone, ›das ist etwas anderes. Meiner Treue, Sie befinden sich hier recht wohl, es soll Ihnen an nichts mangeln, und wenn Sie Hungers sterben, so ist es nur Ihre Schuld.‹ Nach diesen Worten zog er sich zurück, ich hörte die Tür auf- und zumachen, und so blieb ich, offengestanden, weniger in dem Schmerz begraben, als vielmehr in der Schmach, daß ich nicht gerächt war. Er hielt mir Wort. Es vergingen der ganze Tag und die ganze Nacht, ohne daß ich ihn wieder sah; allein auch ich hielt Wort, und berührte weder Speise noch Trank, da ich mich durch Hunger zu töten, fest entschlossen war. In der zweiten Nacht ging die Tür auf. Ich lag auf dem Boden, die Kräfte fingen an, mich zu verlassen. Bei dem Geräusch erhob ich mich, auf meine Hand gestützt. ›Nun,‹ sprach eine Stimme, die zu schreckenvoll in meine Ohren schallte, als daß ich sie nicht erkannt hätte, ›nun, sind wir ein bißchen sanfter geworden? Werden wir unsere Freiheit mit dem einzigen Versprechen des Schweigens erkaufen? – Hören Sie mich,‹ fügte er hinzu, ›ich bin ein guter Mensch, und wiewohl ich den Puritanern nicht gewogen bin, so lasse ich Ihnen doch wie den Puritanerinnen Gerechtigkeit widerfahren, wenn sie hübsch sind. Nun, leisten Sie mir einen kleinen Eid auf das Kreuz, ich begehre nichts weiter.‹ ›Auf das Kreuz!‹ rief ich mit Zittern, denn bei dem Tone der verhaßten Stimme gewann ich wieder meine ganze Kraft; ›auf das Kreuz schwöre ich, daß mir kein Versprechen, keine Drohung, keine Folter den Mund verschließen soll; auf das Kreuz schwöre ich, Sie anzuklagen als einen Mörder, als einen Ehrenräuber, als einen Feigen; auf das Kreuz schwöre ich, daß ich, wenn ich jemals wieder diesen Ort verlasse, im Namen der ganzen Menschheit gegen Sie Rache fordern werde.‹ ›Haben Sie wohl acht,‹ entgegnete er in drohendem Tone, wie ich ihn noch nicht vernommen hatte, ›ich besitze ein Mittel, das ich nur im äußersten Fall anwenden werde, um Ihnen den Mund zu verschließen, oder mindestens zu verhindern, daß man von dem, was Sie aussagen, nur ein Wörtchen glaubt.‹ Ich strengte alle Kräfte an, um ihm mit einem schallenden Gelächter zu antworten. Er sah, daß nun zwischen uns Krieg sei auf Leben und Tod. ›Hören Sie,‹ sprach er, ›ich gebe Ihnen noch den Rest der Nacht und den morgigen Tag. Überlegen Sie das wohl. Geloben Sie zu schweigen, und Reichtum, Ansehen, Ehre soll Sie umgeben; drohen Sie zu sprechen, so werde ich Sie der Schande überliefern.‹ ›Sie?‹ rief ich, ›Sie?‹ ›Der ewigen, unverlöschbaren Schande!‹ ›Sie?‹ wiederholte ich. Ha, ich sage Ihnen, Felton, ich hielt ihn für verrückt. ›O, lassen Sie mich,‹ sagte ich, ›und gehen Sie, wenn Sie nicht wollen, daß ich mir den Kopf an der Wand zerschlage.‹ ›Gut, Sie wollen es so haben, also morgen abend.‹ ›Morgen abend,‹ stammelte ich, stürzte auf den Boden nieder und biß vor Wut in den Teppich.« Felton stemmte sich an einen Schrank, und Mylady sah mit dämonischem Entzücken, der junge Offizier habe vielleicht gar nicht die Kraft, ihre Erzählung bis ans Ende anzuhören.


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