Alexander Dumas
Die drei Musketiere
Alexander Dumas

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Eine süße Erscheinung

Die vier Freunde kamen zur festgesetzten Stunde bei Athos zusammen. Ihre Besorgnisse in bezug auf die Equipierung waren gänzlich verschwunden, und jedes Antlitz behielt nun doch den Ausdruck seiner eigenen und geheimen Unruhe, denn es birgt sich hinter jedem gegenwärtigen Glück eine Furcht vor der Zukunft. Auf einmal trat Planchet ein und brachte zwei Briefe mit der Adresse von d'Artagnan. Der eine war zierlich gefaltet, von länglicher Form, mit einem schönen grünen Wachssiegel, auf dem eine Taube mit einem grünen Zweig im Schnabel abgedrückt war. Der andere war groß und viereckig; auf ihm prangte das Wappen Seiner Eminenz, des Kardinal-Herzogs. Beim Anblick des kleinen Briefes hüpfte d'Artagnans Herz vor Freude, da er die Hand zu erkennen glaubte; denn obwohl er dieselbe erst einmal gesehen, so hatte sich doch die Erinnerung tief in sein Inneres eingeprägt. Er nahm somit den kleinen Brief und erbrach ihn hastig. Er enthielt folgende Zeilen: »Machen Sie am kommenden Mittwoch von sechs bis sieben Uhr einen Spaziergang auf der Straße von Chaillot, und blicken Sie sorgfältig in jeden Wagen, der bei Ihnen vorüberrollt. Wenn Ihnen aber an Ihrem Leben und an dem derjenigen gelegen ist, die Sie lieben, so reden Sie kein Wort. Machen Sie keine Bewegung, aus der sich ersehen ließe, daß Sie diejenige erkannt haben, die alles wagt, um Sie nur einen Augenblick zu sehen! . . .« Die Unterschrift fehlte. »Das ist eine Schlinge,« sagte Athos, »gehen Sie nicht dahin, d'Artagnan.« »Doch glaube ich ganz sicher, die Handschrift zu erkennen, versetzte dieser. »Sie kann nachgeahmt sein,« erwiderte Athos. »Jetzt ist von sechs bis sieben Uhr die Straße von Chaillot ganz verödet. Sie könnten ebensogut im Walde von Bondy spazieren gehen.« »Aber wenn wir alle dahin gingen?« sagte d'Artagnan, »zum Teufel, man würde doch nicht alle vier, samt vier Lakaien, vier Pferden und Waffen verschlingen; das würde wohl eine Unverdaulichkeit herbeiführen.« »Dann hätten wir auch Gelegenheit, unsere Pferde sehen zu lassen,« versetzte Porthos. »Doch, wenn es eine Frau ist, die Ihnen schreibt,« sprach Aramis, »und wenn diese Frau nicht gesehen sein will, so bedenken Sie, d'Artagnan, daß Sie dieselbe bloßstellen, was sich für einen Edelmann nicht ziemt.« »Wir wollen ein bißchen zurückbleiben,« sagte Porthos, »er reitet allein voraus.« »Ja, aber eine Pistole ist bald abgefeuert aus einem Wagen, der im Fluge dahinrollt.« »Bah,« entgegnete d'Artagnan, »man wird mich nicht treffen. – Dann holen wir den Wagen ein und hauen alle nieder, die darin sitzen. Damit verringern wir die Zahl unserer Feinde.« »Er hat recht,« bemerkte Porthos; »eine Schlacht ist gut, da wir ohnedies unsere Waffen versuchen sollen.« »Meiner Treu, verschaffen wir uns dieses Vergnügen,« sagte Aramis mit seiner süßen, gleichgültigen Miene. »Wie es beliebt,« entgegnete Athos. »Meine Herren,« sprach d'Artagnan, »es ist halb fünf Uhr, wir haben kaum mehr Zeit, uns auf den Weg nach Chaillot zu begeben.« »Kämen wir zu spät dahin,« sagte Porthos, »würde man uns nicht mehr sehen, und das wäre schade. Also auf, meine Herren!« »Sie vergessen aber auf den zweiten Brief,« ermahnte Athos. »Das Siegel scheint mir anzuzeigen, daß er wert ist, geöffnet zu werden. Lieber d'Artagnan, ich kümmerte mich mehr um diesen, als um den kleinen Zettel dort, den Sie ganz zärtlich an Ihr Herz legten.« D'Artagnan wurde rot und sagte: »Nun, meine Herren, wollen wir sehen, was Seine Eminenz von mir will.« Er entsiegelte den Brief und las: »Herr d'Artagnan, von der Garde des Königs, Kompagnie des Essarts, wird diesen Abend um acht Uhr im Palais-Cardinal erwartet. Lahoudinière, Kapitän der Garden.« »Teufel!« rief Athos, »das ist ein Rendezvous, das viel mehr Unruhe einflößen muß als das andere.« »Ich gehe zu dem zweiten, wenn ich vom ersten zurückkehre.« versetzte d'Artagnan. »Das eine findet um sieben, das andere um acht Uhr statt. Ich habe Zeit für beide.« »Ei, ich ginge nicht,« sagte Aramis. »Ein galanter Ritter darf bei einem Stelldichein, das ihm eine Dame gibt, nicht ausbleiben. Aber ein kluger Edelmann kann sich entschuldigen und nicht zu Seiner Eminenz gehen, zumal, wenn er Ursache hat, zu glauben, daß man ihn nicht berufe, um ihm Schönheiten zu sagen.« »Ich trete der Ansicht des Aramis bei,« bemerkte Porthos. »Meine Herren,« entgegnete d'Artagnan, »ich erhielt schon einmal durch Herrn von Cavois eine ähnliche Einladung von Seiner Eminenz. Ich ließ sie außer acht, und am folgenden Tage begegnete mir ein großer Unfall. Konstanze verschwand. Ich gehe jedenfalls, was auch geschehen mag.« »Ist es Ihr fester Entschluß, so führen Sie ihn aus,« sagte Athos. »Doch die Bastille?« bemerkte Aramis. »Bah, Sie werden mich wohl daraus befreien,« erwiderte d'Artagnan. »Allerdings,« entgegnete Aramis und Porthos mit bewundernswerter Festigkeit, als wäre das eine ganz einfache Sache. »Wir werden Sie allerdings daraus befreien; da wir jedoch inzwischen übermorgen abreisen, so täten Sie wohl besser daran, wenn Sie sich der Gefahr der Bastille nicht aussetzen möchten.« »Wir tun, was in unsern Kräften steht,« sagte Athos, »und verlassen ihn diesen Abend nicht. Wir erwarten ihn jeder an einem Tore des Palastes, je mit drei Musketieren hinter uns. Sehen wir nun, daß ein verschlossener Wagen und von verdächtigem Aussehen herauskommt, so packen wir ihn an. Wir hatten ohnedies schon lange keinen Hader mehr mit den Leibwachen des Herrn Kardinals, und Herr von Tréville muß meinen, daß wir tot seien.« »Sie sind augenscheinlich ein geborener Heerführer, Athos,« rief Aramis. »Was sagen Sie zu diesem Plänchen, meine Herren?« »Es ist vortrefflich!« riefen im Chor die jungen Männer. »Gut,« versetzte Porthos, »ich eile nach dem Hotel und melde unsern Kameraden, sie sollen sich auf dem Platze des Palais-Cardinal bereit halten; Ihr laßt inzwischen die Pferde durch die Bedienten satteln.« »Aber ich habe kein Pferd,« erwiderte d'Artagnan, »doch will ich eines von Herrn von Tréville nehmen.« »Das ist nicht nötig,« entgegnete Aramis, »Sie können ja eines von den meinigen nehmen.« »Wieviel haben Sie denn?« fragte d'Artagnan. »Drei,« antwortete Aramis lächelnd. »Mein Lieber,« rief Athos, »Sie sind der am besten honorierte Dichter in Frankreich und Navarra.« »Hören Sie, lieber Aramis, Sie werden gar nicht wissen, was Sie mit drei Pferden anfangen sollen, nicht wahr? Ich begreife auch gar nicht, warum Sie sich drei Pferde gekauft haben!« »Ich habe auch bloß zwei gekauft,« entgegnete Aramis. »So ist Ihnen das dritte vom Himmel zugefallen?« »Nein, das dritte wurde mir diesen Morgen von einem Bedienten ohne Livree gebracht, der mir nicht sagen wollte, wem er zugehöre, und mir versicherte, er sei hierzu von seinem Herrn beauftragt worden.« »Oder von seiner Herrin,« fiel d'Artagnan ein. »Das tut nichts zur Sache,« antwortete Aramis errötend, »er hat es mir bekräftigt, sage ich, auf Befehl seines Herrn oder seiner Herrin dieses Pferd in meinen Stall zu bringen, ohne zu sagen, woher es käme.« »Das begegnet nur einem Dichter,« versetzte Athos ernst. »Nun, so lassen Sie uns das benützen,« sagte d'Artagnan. »Welches von den zwei Pferden wollen Sie selber reiten? das Sie gekauft, oder das Sie geschenkt bekommen haben?« »Offenbar jenes, das mir geschenkt worden ist. Sie sehen ein, d'Artagnan, ich könnte solch eine Beleidigung . . .« »Schicken Sie Ihren Sattel in das Hotel der Musketiere und man wird Ihr Pferd mit den unsrigen hierherbringen.« »Ganz wohl, aber es ist bald fünf Uhr, eilen wir.« Eine Viertelstunde darauf erschien Porthos am Ende der Gasse Féron auf einem herrlichen Gaul. Mousqueton folgte ihm auf einem Pferd aus der Auvergne, das kleiner, doch kräftig war. Porthos strahlte vor Stolz und Freude und alle vier ritten nach dem Quai. Dieser Reitzug tat gute Wirkung, wie es Porthos voraussah, und hätte sich Madame Coquenard auf dem Weg eingefunden und gesehen, wie herrlich er sich auf seinem spanischen Gaul ausnahm, so würde sie den Aderlaß an der Geldkiste ihres Mannes nicht beklagt haben.

In der Nähe des Louvre stießen die vier Freunde auf Herrn von Tréville, der eben von Saint-Germain zurückkehrte. Er hieß sie anhalten, damit er ihnen sein Kompliment über ihre Equipierung mache, bei welcher Gelegenheit sie augenblicklich von hundert Pflastertretern umgeben wurden. D'Artagnan benutzte diesen Umstand, um mit Herrn von Tréville von dem Briefe mit dem großen roten Siegel und dem herzoglichen Wappen zu sprechen. Es läßt sich erachten, daß er von dem andern keine Silbe erwähnte. Herr von Tréville genehmigte seinen Entschluß und gab ihm die Versicherung, falls er am andern Morgen nicht erschienen wäre, so hätte er ihn, wo er auch stecken mochte, zu finden gewußt. In diesem Moment schlug die Glocke von Samaritaine sechs Uhr. Die vier Freunde entschuldigten sich mit einer Zusammenkunft, und beurlaubten sich von Herrn von Tréville. Sie ritten im Galopp nach der Straße Chaillot.

Nach einer Viertelstunde des Wartens endlich, da es völlig Abend geworden war, rollte ein Wagen im starken Galopp auf der Straße von Sèvres heran. Eine Ahnung sagte d'Artagnan im voraus, in diesem Wagen müsse die Person sitzen, die ihn hierher bestellt hatte. Der junge Mann erstaunte selbst darüber, wie ungestüm sein Herz schlug. Fast in demselben Moment schlüpfte ein Frauenkopf aus dem Kutschenschlag hervor, zwei Finger auf dem Munde, die entweder Stillschweigen anzeigten, oder einen Kuß zuwarfen. D'Artagnan stieß einen leisen Schrei des Entzückens aus. Diese Frau oder vielmehr diese Erscheinung, denn der Wagen rollte mit der Schnelligkeit einer Vision vorüber, war Madame Bonacieux. Durch eine unwillkürliche Bewegung und ungeachtet der erhaltenen Weisung setzte d'Artagnan sein Pferd in Galopp und erreichte den Wagen mit einigen Sätzen wieder, allein das Fenster des Kutschenschlages war hermetisch verschlossen, die Erscheinung war verschwunden. Jetzt erst gedachte d'Artagnan der Worte, die man ihm in dem Briefchen empfohlen: »Wenn Ihnen an Ihrem Leben und an dem derjenigen gelegen ist, die Sie lieben, so bleiben Sie unbeweglich, als hätten Sie gar nichts gesehen.« Er hielt also an und zitterte, nicht für sich, sondern für die arme Frau, die sich offenbar einer großen Gefahr aussetzte, indem sie ihm hier ein Rendezvous gegeben hatte. Die Kutsche setzte ihren Weg in gleichem Zuge fort und verlor sich alsbald innerhalb Paris. D'Artagnan blieb ganz verwirrt an derselben Stelle und wußte nicht, was er denken sollte. Wenn es Madame Bonacieux war und sie kehrte nach Paris zurück, warum dieses flüchtige Stelldichein? warum dieser einfache Austausch eines Blickes? warum dieser verlorene Kuß? Wenn es dagegen nicht sie war, was immerhin sein konnte, denn das schwache Tageslicht machte leicht einen Irrtum möglich; wenn es nicht sie war, sollte es dann nicht der Anfang eines Handstreichs sein, den man gegen ihn mit dem Köder dieser Frau ausführen wollte, da man seine Liebe für dieselbe kannte? Die drei Gefährten näherten sich ihm. Alle drei sahen deutlich einen Frauenkopf aus dem Kutschenschlag erscheinen, doch keiner von ihnen, Athos ausgenommen, kannte Madame Bonacieux. Übrigens glaubte Athos, sie sei es gewesen, beschäftigte sich aber weniger unruhig als d'Artagnan mit diesem hübschen Gesicht und vermeinte im Hintergrund des Wagens einen Männerkopf bemerkt zu haben. »Wenn das der Fall ist,« versetzte d'Artagnan, »so wird sie zweifelsohne aus einem Gefängnis in das andere gebracht. Was wollen sie aber mit diesem armen Wesen? und wie soll ich sie jemals wiederfinden?« »Freund,« entgegnete Athos ernst, »bedenken Sie, daß man nur bei den Toten nicht Gefahr läuft, ihnen je wieder auf Erden zu begegnen. Nicht wahr, Sie wissen das so gut wie ich? Wenn nur Ihre Geliebte nicht tot ist, wenn sie es war, der wir eben begegneten, so werden Sie dieselbe eines Tages wiederfinden; und mein Gott!« fügte er mit dem ihm eigenen misantropischen Tone hinzu, »vielleicht noch früher, als Sie es wünschen.« Es schlug halb acht Uhr; der Wagen war um zwanzig Minuten später eingetroffen, als das Rendezvous anberaumt wurde. Die Freunde mahnten d'Artagnan, daß er einen Besuch zu machen habe, bemerkten aber, es wäre noch immer Zeit, sich davon loszusagen. Allein d'Artagnan war zugleich halsstarrig und neugierig. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, er wolle nach dem Palais-Cardinal reiten, um zu erfahren, was ihm Seine Eminenz sagen würde, und so konnte ihn nichts von seinem Vorsatz abbringen.

D'Artagnan trat kühn durch den Haupteingang. Wiewohl sich der junge Mann kräftig unterstützt fühlte, so war er doch nicht frei von Unruhe, als er die große Treppe hinanstieg. Sein Benehmen gegen Mylady glich sozusagen einer Verräterei, und er vermutete, daß diese Frau in politischen Angelegenheiten verwickelt sei; überdies war Herr von Wardes, den er so übel zugerichtet hatte, ein getreuer Anhänger des Kardinals, und d'Artagnan wußte es, daß Seine Eminenz in allem den Feinden ebenso furchtbar, als seinen Freunden zugetan war. Als er in das Vorgemach trat, übergab er seinen Brief dem Türhüter, der den Dienst hatte, ihn in das Wartezimmer führte und sich in das Innere des Palastes begab. In diesem Wartesaal standen fünf bis sechs Leibwachen des Kardinals, die ihn, da sie d'Artagnan kannten und auch wußten, daß er Jussac verwundet hatte, mit einem seltsamen Lächeln anblickten. Der Türhüter kam zurück und gab d'Artagnan ein Zeichen, ihm zu folgen. Es schien dem jungen Mann, als flüsterten die Garden, wie sie ihn weggehen sahen. Er schritt durch einen Korridor, dann durch einen Salon, trat in ein Bibliothekzimmer und stand vor einem Manne, der an einem Schreibtisch saß und schrieb. Der Türhüter, der ihn eingeführt hatte, ging fort, ohne ein Wort zu reden. D'Artagnan blieb prüfend vor jenem Manne stehen. Anfangs glaubte d'Artagnan, er habe es mit einem Richter zu tun, der einen Stoß Akten untersuchte, allein er bemerkte, daß der Mann am Schreibtisch Worte an den Fingern skandierte, schrieb, oder vielmehr Zeilen von ungleicher Länge korrigierte; kurz, er sah, daß er einen Dichter vor sich habe. Gleich darauf schloß der Dichter seine Handschrift, auf deren Deckel »Mirame, Trauerspiel in fünf Akten« geschrieben stand, und erhob seinen Kopf. D'Artagnan erkannte den Kardinal.


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